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Fîhi mâ fîhi:
Von Allem und vom Einen
(Auszüge aus der vorzüglichen
Übersetzung von Annemarie Schimmel, Verlag Diedrichs)
Einleitung:
Wäre alles so, wie es erscheint, dann
hätte der Prophet - mit einer so durchdringenden Schau und erleuchtet -
niemals ausgerufen: "Herr, zeige mir die Dinge, wie sie sind! Du
zeigst etwas als schön und in Wirklichkeit ist es hässlich, und zeigst
etwas als hässlich und in Wirklichkeit ist es hübsch. Deswegen zeige uns
doch jedes Ding genau so wie es ist, damit wir nicht in die Schlinge
fallen und nicht ewiglich in die Irre gehen!" Nun ist Euer Urteil, so
gut und klar es auch sein mag, sicherlich nicht besser als das des
Propheten. Er pflegte so zu sprechen - nun solltet auch Ihr Euch nicht auf
jede Meinung und jede Vorstellung verlassen. Fleht immer demütiglich und
voller Furcht!

Kapitel 1:
Der Mensch muss sein
Unterscheidungsvermögen von allen Zwecken leeren und einen Glaubensfreund
suchen. Glaube ist, den wahren Freund zu erkennen.
Hoffnung ist der Beginn des Weges zur
Sicherheit. Wenn du diesen Weg nicht gehst, beachte zumindest den Anfang
dieses Weges! Sag nicht, "Ich habe krumme Dinge gedreht" -
wähl' den Weg der Gradheit, und dann bleibt nichts Krummes.

Kapitel 2:
Der Parvana fragte: Gibt es einen
näheren Weg zu Gott als Ritualgebet? Er antwortete: Wiederum Ritualgebet,
aber ein Gebet, das nicht aus diesen Formen besteht. Dies ist der Leib des
Gebetes, denn Ritualgebet hat einen Anfang und ein Ende, und alles, was
Anfang und Ende hat, ist eine leibliche Form. Die Worte Allâhu akbar
sind der Anfang des Ritualgebetes, und der Friedensgruss sein Ende.
Gleicherweise ist das Glaubensbekenntnis nicht nur das, was mit der Zunge
gesprochen wird, denn auch dies hat Anfang und Ende. ... So erfahren wir,
dass die Seele des Ritualgebetes nicht diese Form allein ist. Es ist
vielmehr eine Versunkenheit und eine Bewusstlosigkeit, in der alle diese
äusseren Formen draussen bleiben und keinen Raum mehr haben. Selbst
Gabriel, der geistige Wesenheit ist, passt nicht hinein.

Kapitel 3:
Es gibt in der Welt eine einzige Sache,
die man nie vergessen darf. Selbst wenn du alles vergessen würdest, aber
nicht dies eine, machte es nichts. Aber wenn du alles durchführtest und
dich daran erinnertest und nichts vergässest, dann hättest du nichts
getan - so, als ob ein König dich mit einer besonderen Aufgabe in ein
Dorf geschickt hätte. Du gehst hin und tust hundert andere Dinge; aber
wenn du diese Aufgabe nicht erfüllt hast, um derentwillen du gegangen
warst, ist es, als hättest du überhaupt gar nichts getan. So ist der
Mensch für eine bestimmte Aufgabe in diese Welt gekommen, und das ist
sein Zweck; wenn er den nicht erfüllt, hat er nichts getan. ... Wenn du
nun sagst: "Jene Werke tue ich nicht, dafür aber doch so viele
andere Werke" - so ist der Mensch nicht für diese anderen Werke
geschaffen. Es ist, als ob du ein Schwert aus feinstem indischen Stahl,
wie man es in königlichen Schatzkammern findet, brächtest und es dann zu
einem Schlachtmesser machtest, um angefaultes Rindfleisch damit zu
schneiden, und dann sagtest: "Ich lasse dies Schwert nicht müssig
herumhängen, ich benutze es für etwas Nützliches." ... oder als ob
du eine juwelenbesetzten Dolch als Nagel für einen Kürbis oder einen
kaputten Krug verwendetest: "Doch, ich nutze ihn ja gut, ich hänge
meinen Kürbis dran auf! Ich lasse den Dolch ja nicht nutzlos
herumliegen." Wäre das nicht beklagenswert und lächerlich? Wo man
den Kürbis doch mit einem Holznagel oder einem Eisennagel, der vielleicht
einen Heller kostet, in Ordnung bringen könnte - was für einen Sinn hat
es, dafür einen Dolch zu verwenden, der hundert Goldstücke wert ist?
Gott hat dir einen grossen Wert gegeben ...

Kapitel 4:
Nun haben die grossen Gelehrten unserer
Zeit in allen Arten von Wissenschaften Haare gespalten. Sie kennen all die
anderen Dinge, die sie nichts angehen, und haben sie ganz gründlich
gelernt, aber das, was wirklich wichtig für sie ist, nämlich ihr eigenes
Selbst, das haben sie übergangen, und sie kennen ihr eigenes Selbst
nicht. Sie beurteilen bei allem die Legalität oder Illegalität und
sagen: "Dies ist erlaubt und jenes ist nicht erlaubt, dies ist
gesetzlich rein und dieses ist verboten", aber sie kennen ihr Selbst
nicht, ob das gesetzlich rein oder verboten, erlaubt oder unerlaubt, rein
oder unrein ist.

Kapitel 5:
Auch die Form hat grosse Wichtigkeit;
denn sie soll wie Haut und Kern mit der Substanz verbunden sein. Ebenso,
wie etwas nichts wird, wenn es keinen Kern hat, so wird es auch nichts,
wenn es keine Haut hat. Wenn du ein Saatkorn ohne seine Hülle säst,
sprosst es nicht; doch wenn du es mit seiner Hülle in der Erde
vergräbst, dann spriesst es und wird zu einem gewaltigen Baum. Von diesem
Gesichtspunkt ist auch der Leib ein grosses, wurzelhaftes Ding; denn ohne
ihn kommt kein Werk zustande, und der Zweck wird nicht erreicht. Ach ja,
gewiss, die Wurzel ist der Sinn für den, der den Sinn kennt und Sinn
geworden ist. Das Wort [des Propheten]: Zwei Gebetseinheiten sind
besser als die ganze Welt und was darinnen ist, ist nicht für
jedermann. Es ist richtig nur für den, dem es wichtiger als die ganze
Welt und was darinnen ist, wäre, wenn ihm zwei Gebetseinheiten entgehen.
Zwei Gebetseinheiten zu verpassen, ist für ihn schwerer zu ertragen als
der Verlust des weltlichen Reiches, das ihm ganz gehört.
Es ist Schmerz, der den Menschen leitet.
Solange es in einem Werk keinen Schmerz, keine Leidenschaft und keine
sehnsüchtige Liebe gibt, wird er nicht danach streben. Ohne Schmerz
bleibt ihm die Sache unerreichbar, sei es diese Welt oder das Jenseits,
sei es Handel oder Königtum, Gelehrsamkeit oder Sternkunde. Solange Maria
die Schmerzen der Wehen nicht spürte, wandte sie sich nicht zu dem Baum. Und
die Wehen veranlassten, zum Stamm der Palme zu gehen (Sura 19:23).
Dieser Schmerz brachte sie zum Baum, und der dürre Baum trug Früchte.
Der Leib ist wie Maria. Jeder von uns hat einen Jesus, aber ehe sich in
uns kein Schmerz zeigt, wird unser Jesus nicht geboren. Wenn der Schmerz
niemals kommt, geht Jesus zu seinem Ursprung zurück auf demselben
geheimen Pfade, auf dem er gekommen war, und wir bleiben beraubt und ohne
Anteil an ihm zurück.

Kapitel 6:
Wenn man den Zweck im Auge behält,
bleibt keine Zweiheit mehr. Zweiheit liegt in den Zweigen; die Wurzel ist
eins. So ist es mit den Wegen der Sufi-Meister. Obgleich sie der Form nach
ganz verschieden sind und sich in Worten, Taten und Zuständen
unterscheiden, sind sie vom Gesichtspunkt des Zieles nur eins, nämlich
Suche nach Gott.
Wenn du einen Fehler in deinem Bruder
siehst, so ist der Fehler, den du in ihm siehst, in dir selbst. Die Welt
ist ja gleich einem Spiegel, in dem du dein eigenes Bild siehst, denn Der
Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen (Worte des Propheten).
Reinige dich von dem Fehler in dir; denn was dich im anderen schmerzt,
schmerzt dich [in Wirklichkeit] in dir selber.
Alle schlechten Eigenschaften wie Unterdrückung, Hass, Neid, Gier,
Unbarmherzigkeit, Lust, Zorn, Stolz - wenn sie in dir sind, schmerzt es
dich nicht. Wenn du sie aber in einem anderen wahrnimmst, dann scheust du
davor, und es schmerzt und verletzt dich - doch wisse, dass du vor dir
selbst scheust.
Der Gläubige ist der Spiegel des
Gläubigen - [der Prophet] hat
nicht gesagt: Der Ungläubige ist der Spiegel des Ungläubigen.
Nicht so, dass der Ungläubige kein Spiegel wäre, aber er hat ihn nicht
poliert und weiss nichts von seinem Spiegel.

Kapitel 7:
... wann ist die Religion je eine
gewesen? Es hat immer zwei oder drei gegeben, und zwischen ihnen ist immer
Krieg und Kampf gewesen. Wie wollt ihr die Religion zu einer machen? ...
Das Eine wird erst bei der Auferstehung geschehen. Hier in der
gegenwärtigen Welt ist es nicht möglich; denn hier hat jeder einzelne
einen anderen Wunsch und ein anderes Ziel. Hier kann Einheit unmöglich
zustandekommen; doch bei der Auferstehung wird alles eins sein und alle
werden eine Zunge haben.
Worte sind endlos, aber sie werden
herabgesandt entsprechend der Kapazität des Suchers. ... Wenn du zum
Drogisten kommst, da gibt es Zucker im Überfluss. Aber er sieht, wieviel
Geld du hast, und gibt entsprechend. Mit "Geld" ist hier hohes
Streben und Glaube gemeint. ... So gibt es einen, dem Ozeane nicht genug
sind (ev. ist damit Bayezid Bistami gemeint); andere gibt es, denen ein
paar Tropfen genügen, und mehr als das wäre schädlich.

Kapitel 8:
Der Mann sagte: Was von Gott kommt ist
gut.
Mevlana sagte: Nun schön, alles ist von Gott. In Beziehung zu Gott sind
alle Dinge gut, aber in Beziehung zu uns nicht. ... Ebenso wie
Ehrenkleider zur Vollkommenheit des Königtums gehören, so sind auch
Galgen und Hinrichtung und Kerker Zeichen der Vollkommenheit des
Königtums. In Beziehung zum König sind alle diese Dinge vollkommen -
aber wie wären Ehrenkleid und Galgen für sein Volk ein und dasselbe?

Kapitel 9:
Jemand fragte: Was gibt es, das edler
als Ritualgebet wäre?
Eine Antwort ist, wie ich schon gesagt habe, dass die Seele des Gebetes
besser ist als das Gebet, wie ich damals erklärt habe. Die zweite Antwort
ist, dass Glaube besser als Gebet ist.
Denn Ritualgebet besteht aus fünf Pflichtgebeten im Laufe von Tag und
Nacht, während Glaube eine fortwährende Pflicht (farîda) ist. Gebet
kann um einer gültigen Entschuldigung willen unterlassen und durch
Spezialerlaubnis verschoben werden, wie bei Menstruation und so; der
andere Vorzug, den der Glaube gegenüber dem Gebet hat, ist, dass man den
Glauben um keiner Entschuldigung willen aufgeben und ihn nicht durch einen
Dispens aufschieben kann. Wiederum ist Glaube ohne Gebet nützlich,
während Gebet ohne Glauben keinen Nutzen bringt - so wie das Gebet der
Heuchler. Das Gebet ist in jeder Religion von verschiedener Art, während
sich der Glaube in keiner Religion ändert; seine Zustände sind
unveränderlich.

Kapitel 10:
Dort wo ich rede, ist nicht Kamel noch
Hammel, nicht Gleiches noch Vergleich. Obgleich der Verstand dies durch
Anstrengung nicht begreifen kann - aber wie sollte der Verstand von seinen
Bemühungen ablassen? Wenn er die Bemühungen aufgäbe, wäre er nicht
mehr Verstand. Verstand ist das, was immer, Tag und Nacht, ruhelos und
rastlos ist, denkend und sich anstrengend und versuchend, Gott zu
begreifen, selbst wenn Gott unfassbar und unbegreiflich ist, d.h.
ausserhalb unserer Denkweite liegt. Verstand ist wie ein Falter, und der
Geliebte wie eine Kerze. Wenn immer sich der Falter auf die Kerze stürzt
und verbrennt und zerstört wird, ist der richtige Falter doch so, dass
er, so sehr er auch von der Qual des Verbrennens und vom Schmerz leidet,
es doch nicht ohne die Kerze aushalten kann. Gäbe es irgendein Tier wie
den Falter, das es ohne das Licht der Kerze aushalten könnte und sich
nicht in dieses Licht stürzte, so wäre es kein richtiger Falter; und
falls der Falter sich ins Kerzenlicht stürzte und die Kerze ihn nicht
verbrennte, so wäre das keine richtige Kerze.
Deshalb ist der Mensch, der es ohne Gott aushalten kann und keinerlei
Anstrengung macht, überhaupt kein richtiger Mensch; aber falls er Gott
begreifen könnte, wäre das nicht Gott. Deswegen ist der wahre Mensch
einer, der niemals von Bemühungen frei ist, der ruhelos und unaufhörlich
um das Licht der Majestät und Schönheit Gottes kreist. Und Gott ist es,
der den Menschen verbrennt und ihn zunichte werden lässt, und kein
Verstand kann ihn fassen.

Kapitel 12:
Wer für Gottes Sache wirkt, selbst mit
geschlossenen Augen, der ist nicht verloren. Und wer ein Atom Gutes
getan hat, wird es sehen (Sura 99:7). Nun, da er im Innern dunkel und
verschleiert ist, sieht er nicht, wie weit er vorangekommen ist. Man muss
den Weg auf irgend eine Art gehen; man darf nicht schlafen, damit man
nicht von den Weggefährten getrennt werde und umkomme.
Gott spricht: Ich bin da, wo mein
Diener von mir denkt. Jeder Meiner Diener hat ein Bild und eine
Vorstellung von Mir. Welches Bild er sich von Mir mache, da bin Ich. ...
Das Kalb ward durch dies Licht zum Ziele des Gebetes,
Die Kaaba ohne Licht ist Götzenbild und
Sünde.
Er sagt: Reinigt euere Gedanken, Meine
Diener, denn sie sind Mein Heim und Wohnplatz. Man prüft dich, was dir
nützlicher ist, Weinen oder Lachen, Fasten, Gebet, Einsamkeit und
Gesellschaft und das übrige. Welcher Zustand deinen schnelleren
Fortschritt sichert, den wähle. Frage dein Herz nach einem
Rechtsgutachten, selbst wenn die Gutachter dir Rat geben.
Du hast einen Rechtsgutachter in dir - vergleich' das mit dem Rat der
Ratgeber, und was damit übereinstimmt, das soll man tun.

Kapitel 13:
Der Verstand ist im Leib des Menschen
wie ein grosser Befehlshaber. Solange die ihm unterstehenden Glieder des
Leibes ihm gehorsam sind, geht es mit allen Angelegenheiten wohl; aber
wenn sie ungehorsam sind, gerät alles in Unordnung. Siehst du nicht, wie,
wenn jemand berauscht ist, weil er Wein getrunken hat, was für üble
Sachen von seinen Händen, Füssen und seiner Zunge und diesen
Untergebenen seines Wesens kommen?
Es gibt Gaben und es gibt Wissen.
Mancher hat Gaben, aber kein Wissen; andere haben Wissen, aber keine
Gaben. Aber wenn beide vorhanden sind, wird er ausserordentlich
erfolgreich. Wie mancher hat Wissen, aber keine Schau, und wie mancher
Einsicht, aber kein Wissen! Jemand, der beides hat, ist wahrhaft
unvergleichlich.

Kapitel 14:
Wo ist jene Gewissheit, die alle
Phantome verbrennt? Gott der Erhabene antwortet: "Wie ich gesagt
habe: eure animalische Seele ist euer Feind und Mein Feind. Nehmt euch
nicht Meine und eure Feinde zu Freunden! (Sura 60:1). ..... Warum bist
du ständig mit dem Leib beschäftigt? Vergiss nicht das Ende des Fadens;
schlag deiner niederen Seele ihren Willen ab, bis du deinen ewigen Wunsch
erreicht hast und Befreiung aus dem Kerker der Finsternis findest.

Kapitel 15:
Der Drogist trägt verschiedene Tabletts
auf dem Kopf, eine Prise von jedem Vorrat: eine Prise Pfeffer, eine Prise
Mastix, eine Prise Myrobalan und so weiter. Die Vorräte sind unendlich;
aber auf seinem Tablett ist kein Platz für mehr. Nun ist der Mensch wie
das Tablett oder wie eine Drogerie. Auf ihm sind Prisen und Stückchen aus
den Schätzen der Eigenschaft Gottes in Büchsen und Schälchen gelegt,
damit er in dieser Welt damit handle, wie es für ihn passt; ein
Stückchen Rede, ein Stückchen Hören, ein Stückchen Verstand, ein
Stückchen Grossmut, ein Stückchen Wissen. Nun sind die Menschen Gottes
Hausierer; sie gehen hausierend umher und füllen ihre Platten Tag und
Nacht. Du leerst es oder verlierst es, um damit deinen Lebensunterhalt zu
erwerben; tagsüber leerst du es, und nachts wird es wieder gefüllt und
verstärkt.

Kapitel 16:
Der Gesandte Gottes hat gesagt: "Es
gibt kein Mönchtum im Islam; die Gemeinschaft ist Gnade." Der
Prophet bemühte sich um Gemeinschaft, da das Zusammenkommen von Geistern
eine grosse und wichtige Wirkung hat, wie man sie durch Alleinsein und
Einsamkeit nicht erreicht. Der Grund, weshalb man Moscheen erbaut hat, ist
dies: damit die Bewohner des Stadtviertels sich dort versammeln, so dass
Gnade und Nutzen zunehmen mögen. Häuser sind voneinander getrennt, um
das Unerlaubte zu bedecken. Freitagsmoscheen wurden erbaut, damit alle
Bewohner dort sein mögen. Die Wallfahrt zur Kaaba wurde zur Pflicht
gemacht, damit die meisten Menschen aus Städten und Weltgegenden dort
zusammenkommen mögen, damit Nutzen, nämlich Vereinigung und Versammlung,
entstehe.

Kapitel 17:
Die äussere Form dieser Geschöpfe ist
wie ein Becher, und diese Wissenschaften und Künste und Wissensarten sind
Bilder auf dem Becher. Siehst Du nicht, dass, wenn der Becher zerbrochen
ist, diese Bilder nicht mehr da sind? Es kommt auf den Wein an, der im
Becher der körperlichen Gestalten ist, und wer diesen Wein trinkt: Was
bleibenden Wert hat, nämlich gute Taten, werden bei deinem Herrn besser
belohnt (Sura 18:46).

Kapitel 18:
Diejenigen, die Gold und Perlen lieben,
blicken auf den Rücken des Spiegels (der mit Gold und Perlen eingelegt
ist); aber die, die den Spiegel lieben, blicken nicht auf Perlen und Gold.
Sie richten ihr Gesicht immer auf den Spiegel, und sie lieben den Spiegel
als Spiegel; weil sie in ihm liebliche Schönheit sehen, werden sie des
Spiegels nicht überdrüssig. Aber wer ein widerliches, abscheuliches
Gesicht hat, sieht im Spiegel nur Hässlichkeit. Der dreht sich rasch den
Spiegel um und sucht nach diesen Juwelen. Doch was schadet's dem Gesicht
des Spiegels, wenn sein Rücken mit Tausenden Mustern und Juwelen besetzt
ist?

Kapitel 19:
Dem inneren Sinn ins Gesicht zu blicken,
mag im Anfang nicht besonders anziehend sein, doch wird es immer süsser,
je weiter man kommt und voran geht - im Gegensatz zur äusseren Form, die
zuerst anziehend erscheint; aber je länger du bei ihr sitzt, desto
kälter wirst du. Wo ist die Form des Korans? .....
..... Man kann diesen Sinn in anderer
Form erzählen; nur die Nachahmer nehmen genau diese Form an. Mit denen zu
sprechen ist schwierig. .....

Kapitel 20:
Wenn du dieses Licht der Menschlichkeit,
der inneren Wahrheit, hast, ist es gut, sonst suche Menschlichkeit; das
ist der wahre Zweck; der Rest ist nur langes Gerede. Wenn man die Worte
sehr ausschmückt, vergisst man den Zweck.

Kapitel 21:
Der Weg Jesu war Einsamkeit und Kampf
und seine Lust nicht zu befriedigen; der Weg Muhammads ist, die Tyrannei
und den Kummer von Männern und Frauen zu ertragen. Wenn du den
Muhammedanischen Weg nicht ertragen kannst, dann geh wenigstens den Weg
Jesu, damit du nicht ganz und gar ohne Anteil bleibst.
Das Segel des Schiffes der menschlichen
Existenz ist Glauben. Wenn das Segel da ist, bringt der Wind ihn zu einem
Mächtigen Platz; wenn kein Segel da ist, sind Worte nur Wind. Angenehm
ist es mit Liebenden und Geliebten. Zwischen ihnen herrscht reine
Informalität. Alle diese Formalitäten sind um der anderen willen, und
alles, was anders als Liebe ist, ist ihm verboten.
Man kann nicht einem, der jemanden
liebt, einen Beweis für die Schönheit des Geliebten bringen, und niemand
kann im Herzen eines Liebenden einen Beweis einpflanzen, der auf einen
Fehler des Geliebten deutet. Daher begreift man, dass hier Beweise nichts
nützen. Hier muss man Sucher der Liebe sein.

Kapitel 24:
Wenn Gläubiger und Ungläubiger
zusammensitzen und nichts ausdrücken und sagen, dann sind sie ein und
derselbe. Gedanken können nicht festgehalten werden; das Innere ist eine
freie Welt. Denn die Gedanken sind subtil und können nicht [vom Richter]
gerichtet werden. Wir urteilen nach dem Äusseren, und Gott beherrscht
die innersten Herzenskerne. Gott der Allerhöchste bringt jene
Gedanken in dir hervor; du aber bist mit hunderttausend Mühen und
Anrufungen nicht imstande, die loszuwerden. ..... Diese Gedanken sind wie
Vögel in der Luft und wie wilde Gazellen. Bevor du sie fängst und in
einen Käfig sperrst, ist es gesetzlich nicht erlaubt, sie zu verkaufen.
Denn es steht nicht in deiner Macht, einen fliegenden Vogel zu verkaufen,
weil beim Verkauf Ablieferung Bedingung ist, und da sie nicht in deiner
Gewalt sind - wie könntest du sie abliefern? Gedanken sind also, solange
sie im Herzen sind, ohne Namen und Zeichen; sie können weder als Unglaube
noch als Islam beurteilt werden. ..... Gedanken sind Vögel in der Luft.
Wenn sie jedoch einmal ausgesprochen sind, dann können sie beurteilt
werden, ob es Unglauben oder Islam, gut oder böse sei.

Kapitel 26:
Wenn du einen Vogel aus Wachs formst,
mit Federn und Schwingen und Schnabel und Klaue, ist es trotzdem Wachs.
Siehst du nicht, wenn du es schmilzt, da werden Federn und Schwingen und
Kopf und Fuss alle zu Wachs und nichts bleibt, was herausgenommen werden
könnte; alles wird zu Wachs. ..... Ebenso ist Eis nur Wasser; deshalb,
wenn du es schmilzt, wird es zu Wasser. Aber bevor es zu Eis wurde und
noch Wasser war, konntest du es nicht in die Hand nehmen und festhalten;
doch nachdem es Eis geworden war, konntest du es in die Hand nehmen und in
den Saum legen.
Der Unterschied ist nur dies - das Eis ist aber noch Wasser, und sie sind
eins und dasselbe. Das Ungeformte wurde geformt.
Satane und Teufel und Dämonen sind aus der zum Übel anstachelnden
Seele geformt, sie sind tatsächlich ein und dasselbe wie die
Triebseele und wirken mit ihr, und stehen im Gegensatz zu Intellekt und
Engel (die verkörperter Intellekt sind).

Kapitel 27:
Verstand ist so lange gut und
wünschenswert, bis er dich zum Tor des Königs bringt. Hast du einmal
sein Tor erreicht, dann ergib dich und scheide dich vom Verstand, denn in
jener Stunde ist der Verstand schädlich, ein richtiger Wegelagerer. Wenn
du [den König] erreicht hast, ergib dich ihm; du hast dann keinen Nutzen
vom Wie und Warum!

Kapitel 30:
Denn Gutes ist das Aufgeben von Bösem,
und das Aufgeben von Bösem ist unmöglich ohne Böses. ..... denn das
Liebenswerte ist das Aufhören des Hassenswerten, und das Aufhören des
Hassenswerten ohne etwas Hassenswertes ist unmöglich.

Kapitel 31:
Alle Schmerzen kommen daher, dass du
etwas begehrst, und das kannst du nicht erreichen. Wenn man nicht mehr
begehrt, bleibt auch kein Schmerz.
Einige (Menschen) gelangen durch
Anstrengung und Bemühung zu einem Standort, wo sie das, was sie im Innern
und in ihren Gedanken haben, nicht aktivieren. Das ist menschenmöglich.
Aber es ist nicht menschenmöglich, dass das Kratzen von Begehren und
Gedanken im Innern nicht bestehe - das kann nur Gottes Anziehung aus ihm
ziehen.
Die Heiligen und Propheten scheuen nicht
vor der Disziplin. Der Anfang der Disziplin bei ihrer Suche ist, die
Triebseele (nafs) zu töten und alle Begierden und Lüste
aufzugeben, und das ist der grösste Glaubenskampf. Als sie das
erreichten und ankamen und im Standort der Sicherheit weilten, wurde ihnen
Richtig und Falsch enthüllt, und sie erkannten es und kennen nun das
Richtige vom Falschen. Dann sind sie aber noch immer gewaltig angestrengt,
denn was diese Leute tun und sagen, ist alles falsch, und sie sehen es und
ertragen es.

Kapitel 36:
Form kam als Zweig der geistigen
Wahrheit, denn ohne geistige Wahrheit hätte diese Form keinen Wert. Ein
Zweig ist etwas, das nicht ohne Wurzel bestehen kann. ..... Obgleich das
Bild nicht ohne Maler besteht, noch der Maler ohne das Bild, ist das Bild
doch der Zweig und der Maler die Wurzel ..... Das Ziel ist immer der
Zweig. Denn das Ziel der Wurzel des Baumes, welche der Grund ist, ist der
Zweig des Baumes, nämlich die Frucht.

Kapitel 38:
Wenn du nur den inneren Kern einer
Aprikose in die Erde pflanzt, wächst nichts; wenn du ihn mit der Schale
pflanzt, dann wächst es. So erfahren wir, dass auch die Form eine
Funktion hat. Gebet ist auch im Innern. Es gibt kein Gebet ohne
Anwesenheit des Herzens. Aber du musst unbedingt das Gebet in Form
bringen und die äussere Kniebeuge und Prostration vollziehen, dann hast
du deinen Anteil [am Segen] und erreichst deinen Wunsch. Und die
ständig in ihren Gebeten verharren (Sura 70:23). Das ist das Gebet im
Geiste. ..... Nun, der Geist hat keine Beugungen und Prostrationen, aber
in der Form muss man diese Beugung und Prostration manifestieren. Denn es
besteht eine Einheit zwischen Sinn und Form; solange die beiden nicht
zusammenkommen, bringen sie keinen Nutzen, so, wie der Pfirsichkern, den
du ohne Schale pflanzt, nicht wächst.

Kapitel 39:
So wie eine Geschichte (Mesnevi V 3077)
von dem Mann, der auf einen Aprikosenbaum kletterte, die Früchte
schüttelte und sie ass. Der Gartenbesitzer sah ihn und fragte:
"Fürchtest du dich nicht vor Gott? Warum tust du so etwas
Ungesetzliches? Der Mann sagte: "Warum sollte ich mich
fürchten?" Der Baum gehört Gott, und ich bin Gottes Diener. Gottes
Diener hat von Gottes Baum gegessen." Der Besitzer sagte: "Warte
und sieh, bis ich dir eine Antwort gebe!" Er rief: "Bringt einen
Strick, bindet ihn an diesen Baum und prügelt ihn!" Der Mann
jammerte: "Fürchtest du dich nicht vor Gott?" Der Besitzer
sagte: "Warum sollte ich mich fürchten? Du bist Gottes Diener, und
dies ist Gottes Stock."

Kapitel 43:
Der Koran ist ein doppelseitiger Brokat.
Einige geniessen die eine Seite, andere die andere. Beide sind wahr und
richtig, da Gott der Erhabene wünscht, dass beide davon Nutzen ziehen.
Ebenso hat eine Frau einen Ehemann und einen Säugling; jeder der beiden
geniesst sie anders. Das Vergnügen des Kindes liegt in ihrer Brust und
ihrer Milch, das Vergnügen des Mannes in Schlaf und Kuss und Umarmung.
Manche Menschen sind Kinder auf dem Wege und Milchtrinker, die geniessen
den äusseren Sinn des Korans. Aber diejenigen, die wahre Männer sind,
kennen einen anderen Genuss und ein anderes Verständnis für die inneren
Bedeutungen des Korans.
Du entdeckst dein Bild im Spiegel, doch
dein Bild ist nicht im Spiegel - nur, wenn du in den Spiegel blickst,
siehst du dich, wie du bist.

Kapitel 44:
Dieses Ritualgebet ist nicht deswegen
angeordnet, dass du den ganzen Tag stehen und dich beugen und niederwerfen
solltest; sein Zweck ist vielmehr, dass der geistige Zustand, der im Gebet
sichtbar wird, immer bei dir sein sollte, ob im Schlaf oder Wachen, ob du
liest oder schreibst - in allen Zuständen solltest du nicht ohne
Gottgedenken sein, so dass du Sie verharren in ihren Gebeten (Sura
70:23) wirst. ..... Durch das Gedenken an Gott wird das Innere immer ein
bisschen mehr erleuchtet, und du erreichst Loslösungen von dieser Welt.
..... Zum Beispiel in einer Dose ist etwas Moschus, und ihr Deckel ist
eng; du steckst die Hand hinein, kannst aber den Moschus nicht
herausholen. Trotzdem aber wird deine Hand durchduftet und deine Nase
entzückt. Das Gedenken an Gott ist auch so - obgleich du Seine Essenz
nicht erreichst, hinterlässt doch das Gedenken an Ihn - hocherhaben ist
Er! - seine Spur an dir, und durch das Sein-Gedenken wird gewaltiger
Nutzen erreicht. Der Prophet sagt: "Wer sucht und sich bemüht,
wird finden, wer hartnäckig an eine Tür pocht, wird eingelassen".

Kapitel 48:
Befasse dich mit der Religion und der
künftigen Welt, damit diese Welt hinter dir herlaufen möge.
Sässe Gott nicht bei ihm, die Sehnsucht
nach Gott käme nie in sein Herz! Der Duft der Rose besteht nicht ohne die
Rose, der Duft des Moschus nicht ohne den Moschus.
Der Prophet sagt: "Die Welt ist
wie der Traum eines Schlafenden." Diese Welt und ihre Genüsse
sind, als ob jemand etwas im Schlafe ässe. So ist der Wunsch nach
weltlichen Dingen, als ob jemand im Schlaf etwas wünschte und es ihm
gegeben würde. Wenn er am Ende wach wird, hat er keinen Nutzen von dem,
was er im Schlaf gegessen hat. Er hat im Schlaf um etwas gebeten, und das
ist ihm gegeben worden. Was man bekommt, entspricht dem, um das man
bittet.

Kapitel 49:
Was gibt es, das Gott der Erhabene nicht
besitzt und dessen bedürfte? Vor Gott muss man ein Herz, leuchtend und
spiegelklar, bringen, damit Er Sein eigenes schönes Gesicht darin sehen
kann. Der Prophet hat gesagt: "Gott blickt nicht auf eure
Gestalten und nicht auf eure Werke, sondern Er schaut auf eure Herzen und
Intentionen."
Aber wenn diese geistige Qualität da
ist, aber kein äusserer Schmuck, das schadet nichts, nur der Herzenskern
muss kultiviert sein. In jedem Zustand ist sein Herzenskern mit Gott
beschäftigt, und jene äussere Beschäftigung hindert den Vollkommenen
nicht an seiner inneren Beschäftigung. ..... Der Herzenskern muss
kultiviert sein. Denn der Herzenskern ist wie die Wurzel eines Baumes;
obgleich sie verborgen ist, ist ihre Wirkung an den Spitzen der Zweige
sichtbar. Wenn ein Zweig gebogen und gebrochen ist, wird er wieder
wachsen, wenn die Wurzel fest ist; aber wenn die Wurzel geschädigt ist,
bleibt nicht Ast noch Blatt.

Kapitel 50:
..... und Gott der Erhabene spricht
durch alle Zungen; aber ein Ohr, das Gott vernimmt, ist selten.
Die Welt der Phantasie ist geräumiger
als die Welt der Vorstellungen und der sinnlich begreifbaren Dinge; denn
alle Vorstellungen werden aus Phantasie geboren. Die Welt der Phantasie
ist ebenfalls eng im Vergleich mit der Welt, aus der die Phantasie ins
Sein tritt und Form annimmt. Vom Standpunkt der Rede aus kann man so viel
verstehen, aber die Wirklichkeit der Welt der geistigen Qualitäten kann
nicht durch Wort und Ausdruck verstanden werden.
..... Worte haben den Nutzen, dass sie
sich das Gewünschte suchen lassen und dich anregen; nicht, dass das Ziel
der Suche durch Worte erreicht werden könnte. Wäre das so, dann brauchte
man nicht so viel Streben und Selbstvernichtung. Worte sind, als ob du
etwas sich von ferne bewegen siehst, du rennst hinterher, um es zu sehen;
nicht, dass du es vermittels der Bewegung siehst. Menschliche Sprache ist
auch im Innern dasselbe; sie regt dich an, die geistigen Wahrheiten zu
suchen, selbst wenn du sie nicht wirklich siehst.
..... Wenn das (die geistige Qualität
im Menschen) durch Worte erkennbar wäre, dann wäre es nicht notwendig,
sich selbst zu vernichten und so viele Mühen zu erdulden. Es ich
notwendig, dich so viel zu bemühen, dass du nicht bestehen bleibst, damit
du das, was bleiben wird, erkennst.
Worte regen Sucher zum Suchen an und
Nachlässige zur Müdigkeit.

Kapitel 51:
Nun haben wir begriffen, dass Rede eine
subtile Sonne ist, die ständig und ununterbrochen scheint; aber du
bedarfst eines grobstofflichen Mediums, um die Strahlen dieser Sonne zu
sehen und zu geniessen.
Der Mensch hat drei Zustände. Im ersten
kümmert er sich überhaupt nicht um Gott, sonder betet alles an, Frauen
und Männer, Reichtum und Kind, Stein und Lehm, und dient ihnen. Gott aber
betet er nicht an. Nun, wenn er ein wenig Erkenntnis und Information
erwirbt, dient er nur Gott, und wiederum, wenn er weiter schreitet in
diesem Zustand, wird er still und sagt nicht: "Ich diene Gott",
denn er hat diese beiden Stadien überschritten. Von solchen Menschen
kommt kein Laut in die Welt. Gott ist weder gegenwärtig noch abwesend;
denn Er ist der Schöpfer von beiden, nämlich von Gegenwart und
Abwesenheit.
..... Das Ende von dem, was in dem
Kapitel steht, kennt man nicht, und es zu kennen ist keine Bedingung;
.....

Kapitel 52:
So wissen wir absolut, dass der
Schöpfer aller Akte Gott ist, nicht der Mensch. Jede Handlung, die von
einem Menschen ausgeht, sei sie gut oder böse, unternimmt er mit einer
Absicht und mit einem Vorsatz; aber der wahre Sinn dieser Handlungen ist
nicht so beschränkt, wie er es sich vorstellt. Sinn und Weisheit und
Vorteil, die er in der Handlung zeigt, bestehen nur darin, dass diese
Handlung von ihm ins Sein tritt. Aber den vollen Nutzen dieser Handlung
kennt nur Gott: welche Früchte er davon ernten wird. Zum Beispiel, du
verrichtest das Gebet mit der Absicht, im Jenseits belohnt zu werden und
einen guten Ruf und Sicherheit in dieser Welt zu erhalten. Aber der
Vorteil dieses Gebetes wird nicht nur dies sein; es wird hunderttausend
Vorteile hervorbringen, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Diese
Vorteile kennt nur Gott, der den Menschen zu dieser Handlung bewegt.
..... Das Menschliche Wesen ist wie ein
Abfallhaufen, ein Haufen von Mist. Aber wenn dieser Misthaufen überhaupt
wertvoll ist, dann, weil in ihm der Siegelring des Königs liegt.

Kapitel 54:
Dieses Haus dieser Welt wurde aus
Vergesslichkeit erbaut, und alle Körper und die ganze Welt sind basiert
auf Vergesslichkeit. Dieser Körper auch ist aus Vergesslichkeit
gewachsen. Vergesslichkeit ist Unglaube, und Glaube besteht nicht, ohne
dass Unglaube besteht; denn Glaube ist das Aufgeben des Unglaubens.
Deshalb muss es Unglauben geben, den man aufgeben kann. So sind beide ein
und dasselbe, da das eine nicht ohne das andere existiert und jenes nicht
ohne dieses. Sie sind untrennbar und unteilbar; ihr Schöpfer ist einer;
denn wäre ihr Schöpfer nicht einer, so wären sie teilbar. Denn jeder
hätte etwas anderes geschaffen, also wären sie teilbar. Nun, da der
Schöpfer einer ist, ist es so: Er allein und Er hat keinen Partner.

Kapitel 57:
..... Denn Gott ist der, der keinen Ort
hat. ..... Schliesslich ist der Schöpfer der Gedanken subtiler als die
Gedanken. Zum Beispiel der Baumeister, der ein Haus gebaut hat, der ist
schliesslich subtiler als dieses Haus, denn dieser Bauherr kann hundert
andere solche Gebäude planen und machen, deren jedes vom andern
verschieden ist. Deshalb ist er subtiler und edler als irgendein Gebäude,
aber diese Subtilität kann nur vermittels eines Hauses gesehen werden,
durch ein Werk. das in die Sinnenwelt kommt, damit diese seine Subtilität
ihre Schönheit zeige.
Wenn alles Wissen insgesamt in einem
Menschen wäre und es gäbe gar keine Unwissenheit, dann würde dieser
Mensch verbrannt und würde nicht mehr bestehen: Deshalb ist Unwissenheit
wünschenswert, da dadurch das Leben weitergeht, und Wissen ist auch
wünschenswert, weil es ein Mittel zur Erkenntnis Gottes ist. So sind alle
beide Freunde und sind auch Gegensätze. Obgleich die Nacht der Gegensatz
zum Tage ist, ist sie doch Freund des Tages, und beide tun das gleiche
Werk. Wenn es immer Nacht wäre, würde nichts erreicht und nichts
entstände; wenn es immer Tag wäre, würden Augen und Kopf und Gehirn
verwirrt sein und verrückt werden und nicht mehr funktionieren. .....
So erscheinen alle Dinge im Hinblick auf
uns als Gegensätze, aber im Hinblick auf den Weisen tun sie alle dasselbe
und sind keine Gegensätze.

Kapitel 59:
Es ist Pflicht der Propheten, die Macht
Gottes zu manifestieren und die Menschen durch Predigen zu erwecken; aber
es ist nicht seine Pflicht, jemand zu dem Standort zu bringen, wo er
bereit ist (diese Wahrheit aufzunehmen). Das ist Gottes Werk. Gott hat
zwei Attribute, Zorn und Güte. Die Propheten sind die Erscheinungsorte
beider; für den Gläubigen sind sie ein Schauplatz für Gottes
Barmherzigkeit, für die Ungläubigen ein Erscheinungsort für Gottes
Zorn.
Jene, die [Gott] anerkennen, sehen sich
selbst in den Propheten und hören ihre eigene Stimme von ihnen kommen und
entdecken ihren eigenen Duft in ihnen.

Kapitel 63:
Der Koran ist wie eine Braut, die dir
nicht ihr Gesicht zeigt, solange du ihr den Schleier wegziehst. Dass du
den Koran untersuchst und doch nicht Glück und Enthüllung erreichst,
ist, weil du am Schleier gezogen hast; da hat er euch zurückgewiesen und
dich überlistet, so dass sich die Braut hässlich gezeigt hat, d.h.:
"Ich bin nicht dieses hübsche Liebchen!" Der Koran ist fähig,
sich in jeder Form zu zeigen, die er will. Wenn du jedoch den Schleier
nicht wegziehst und nur sein Wohlgefallen suchst, hinter ihm herläufst,
sein Feld bewässerst und ihm von ferne dienst, dann zeigt er dir sein
Gesicht, ohne dass du den Schleier wegziehst.
Gott spricht nicht zu jedem, genau wie
die Könige dieser Welt nicht zu jedem Strassenkehrer oder jedem Weber
sprechen würden; sie haben einen Minister und einen Vertreter eingesetzt,
um ihnen den Weg zum König zu zeigen. Gott der Erhabene spricht auch
nicht zu jedem; Er hat einen Diener erwählt, so dass, wer immer etwas
verlangt, das bei diesem findet. Deswegen sind alle Propheten gekommen,
und es gibt keine anderen Führer. Statthalter Gottes sind diese
Propheten.

Kapitel 66:
Denn für die Triebseele gibt es keine
schwierigere Bemühung als mit rechtschaffenen, gesetzestreuen Freunden
zusammenzusitzen; denn schon ihr Anblick bewirkt das Zerschmelzen und die
Vernichtung der Triebseele.


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