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Die Bedeutung des Herzens im Islam am Beispiel der Mystik von Celaleddin Rumi (September 2015)

Was bedeuted das Herz im Islam? Vortrag bei den Rosenkreuzern in Caux

Peter Hüseyin Cunz,  6. September 2015

 

Du liebst Gott, und Gott ist so, dass kein Haar von dir bleibt, wenn Er kommt.

Bei Seinem Anblick verschwinden hundert wie du; ich glaube, mein Freund, du bist in die Verneinung deiner selbst verliebt.

Du bist ein Schatten und in die Sonne verliebt: Die Sonne kommt und sofort verschwindet der Schatten.

(Mesnevi 3:4621 ff)

 

Diese Verse vom grossen islamischen Heiligen Celaleddin Rumi beschreiben, was wir Menschen erleben, wenn wir konsequent dem Weltlichen entsagen wollen. Viele von uns sehen im Weltlichen nicht mehr das letztendliche Glück. Wir sind auf der Suche nach dem Hintergründigen. Rumi beschreibt dieses Suchen, diesen Drang als Geschenk Gottes:

Diese Suche in uns wird von Dir Gott erschaffen. Ohne dass wir suchten, hast Du uns diese Suche gegeben; Du hast uns Geschenke ohne Zahl und Ende gegeben.
(Mesnevi 1:1337 f)

 

Ein inneres Feuer hat sich irgendwann in unserem Leben entzündet, und dieses bleibt bestehen in Freud und Leid, es erlischt nicht mehr. Manche erleben das als zarte Flamme, die in Momenten der Ruhe spürbar wird, andere als loderndes Feuer, das sie ständig begleitet.

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Der Ritus als Kraft fürs Individuum und die Gesellschaft (Juli 2014)

Herbert-Bartliner-Europainstitut Disputationes II: Der mystische Islam, 20. Juli 2014 in Salzburg

Referat von Peter Hüseyin Cunz

Der Ritus als Kraft – Als erster Referent heute zum Thema des mystischen Islam erlaube ich mir, mit drei Bemerkungen zu beginnen, die mir wichtig sind.
Erste Bemerkung: Wer sich ernsthaft mit dem mystischen Islam auseinandersetzt und ihn auch lebt, wird Sufi genannt. Sufis sind folglich immer auch Muslime, also Menschen, die den Islam als ihre Religion sehen und leben. Einige der Sufi-Bewegungen bereicherten ihre Kenntnisse mit Weisheitslehren, die schon vor dem Islam existierten, doch damit verlassen sie den Islam als Kern ihrer Religion nicht. Ich sage das gleich zu Beginn, da es insbesondere in unserer säkularisierten Gesellschaft Gruppierungen gibt, die sich „Sufis“ nennen, ohne sich ernsthaft mit dem Islam befassen zu wollen, geschweige denn sich als Muslime zu fühlen. Sufi-Orden entstanden in nahezu allen islamischen Ländern – von Nordafrika bis in den Fernen Osten – und sie unterscheiden sich in ihrer Haltung zum Teil ganz erheblich, von streng traditionalistisch bis sehr liberal denkend. Doch allen ist gemeinsam, dass sie Muslime sind.

Zweite Bemerkung: Das arabische Wort islam bedeutet Unterwerfung oder Hingabe. Im Kontext des mystischen Islam bedeutet islam, sich dem einen und letztendlichen Gott ganz hinzugeben. Wenn in einer deutschen Koranübersetzung steht, Die einzige Religion bei Gott ist der Islam (z.B. 3:19 und 3:85, 5:3, 6:125, 39:22, 61:7), dann ist diese Übersetzung irreführend. Zur Zeit der koranischen Offenbarung gab es noch keine institutionalisierte Religion, die den Namen Islam trug, so wie es später von den Menschen propagiert wurde. Sicher: man sprach damals von Muslimen, also von Menschen, die sich dem Islam hingeben. Doch damit waren Menschen gemeint, die ausschliesslich dem einen und letztendlichen Gott huldigen und Gefährten des Propheten Mohammeds waren.

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Jesus aus der Sicht des Islam (Februar 2016)

Referat von Peter Hüseyin Cunz, am 23. Februar 2016, Nydegg-Kirche in Bern

Jesus aus Sicht des Islam

Bismillahi ar-Rahmani ar-Rahim (im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Gnädigen)
Der Arzt der Liebe ist mitleidsvoll
und mit Jesus Atem begabt.
Doch wen soll er heilen,
wenn man keinen Schmerz besitzt?
(Hâfez, Diwân, gemäss Nurbaksh S. 33)

Mit diesem Gedicht aus dem Diwan des grossen persischen Dichters Hafiz danke ich Ihnen fürs Kommen. Es freut mich, auch wenn Sie nicht aus Schmerzen gekommen sind, sondern aus religiösem Interesse oder einfach aus Neugier. Einen besonderen Dank richte ich an Pfarrer Niederhäuser und der Kirche fürs Organisieren eines Anlasses zu diesem Thema!

Jesus – Friede und Segen sei mit ihm – kann von verschiedenen Blickwinkeln gesehen und erfahren werden. Uns hier im Abendland ist die Sicht der katholischen Kirche des 4. Jhs vertraut, aus dem dann das christliche Grundverständnis und Selbstverständnis entstand. Noch heute sind unsere Bilder, die wir von Jesus machen, geprägt von einer mittelalterlichen Romantisierung. Jesus sah sicher nicht so aus, wie er bildlich dargestellt wird: athletischer Körper mit idealen Massen; europäische Gesichtszüge; lange Haare. Es ist wahrscheinlicher, dass er etwa so aussah, wie auf Gemälden seine Apostel dargestellt werden, mit Hakennase und schwarzem krausem Haar.

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Der Burak der Liebe, den wir bestiegen haben, ist der Burak des Himmels.

 

Der Burak der Liebe, den wir bestiegen haben, ist der Burak des Himmels.

 

Wir haben unsere Füsse zum Kopf gemacht und den Fluss der Wahrheit überquert und haben so das Universum auf den Kopf gestellt; wir sind aus dem Universum herausgesprungen und haben nichts mehr mit dem Universum zu tun.

Der Burak der Liebe, den wir bestiegen haben, ist der Burak des Himmels. Deshalb sind wir mit einem einzigen Sprung in den Himmel aufgestiegen.

Um zum Thron des Königs, von dem wir nicht wissen, wer er ist und wie er ist, zu gelangen, haben wir die Welt wie Atome durcheinandergebracht.

Als erste Station zeigte sich ein Meer voller Blut. Mit blutgebadeten Füssen haben wir die Wellen überschritten.

Auf dem Wege Gottes voranschreitend ist das menschliche Verständnis, die menschliche Einbildung, der menschliche Verstand – ist alles von uns abgebröckelt. Denn wir haben die sechs Richtungen, die den Menschen umzingeln, überschritten.

Als wir dann bei der Grenze, wo Layla und Majnun sich aufhielten, angelangt waren, wurde unser Pferd ungehorsam, wir konnten es nicht zähmen. Da haben wir auch die Grenze von Majnun überschritten.

Durch die Gebete und guten Handlungen, die sie verrichtet hat, wurde die Nafs erheblich wie Karun, ein Krösus, der dem Boden gleich gemacht wurde. Danach ritten wir mannhaft gegen die Richtung Seines Schatzes.

Wenn die Wüste und die Täler, die wir im Licht seiner Liebe durchquert haben, ein Staubkörnchen von diesen Wegen gefunden hätten, würden Wüste und Tal zum Leben erweckt.

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band II, Gedicht Nr. 801
Firuzanfer, Band III, Gedicht Nr. 1595
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

Sei ein Opfer wie Ismail auf diesem Weg der Liebe!

 

Sei ein Opfer wie Ismail auf diesem Weg der Liebe!

 

Oh Freund, der du auf dem rechten Weg gehst, lass mich dir einen Ratschlag geben: „Die Arbeit des Derwisches wird durch das Blut des Herzens erreicht, wird durch Herzensblut erlangt.“

Wisse dies genau und glaube es: Gott wird die Fürbitte des Derwisches mit verwundetem Herzen hören und erfüllen.

Wenn du den König, der auf keine Weise erkannt wurde, in deinem Herzen findest, wirst du reich werden und dich von Viel und Wenig retten.

Sei ein Opfer wie Ismail auf diesem Weg der Liebe – wenn du kein Schaf bist, dann gib dich einem Heiligen hin! Schenk ihm dein Herz!

Weil du in der Luft von Shems-i Tebriz-i erwachsen worden bist, denk nicht an diese Unreifen, überlasse sie sich selbst!

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band II, Gedicht Nr. 609
Firuzanfer, Band III, Gedicht Nr. 1237
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

Die Sufi-Lehre vom Ich (Mai 2015)

Peter Hüseyin Cunz, Dortmund, 8. Mai 2015 zum Thema „Wer bin ich?“ – Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V.

Wenn ich von einer Sufi-Lehre spreche, so spreche ich gleichzeitig vom Islam. Denn Sufismus ist eine Art, den Islam zu verstehen und zu leben. Sufismus ohne Islam gibt es nicht. Jedoch dürfen wir und – angesichts des Weltgeschehens – sollen wir uns fragen, was Islam ist.

Das arabische Wort islam bedeutet die Hingabe an den einen Gott. Es wird an einigen Stellen des heiligen Korans erwähnt im Sinne, dass die einzige richtige Religion bei Gott die Hingabe an Ihn ist (z.B. im Vers 3:19). Der heilige Koran spricht auch an einigen Stellen von Muslimen, also von Menschen, die allein den letztendlichen Gott preisen und nur Ihm dienen. „Der Islam“ als Name einer Weltreligion gab es zur Zeit der Offenbarung noch nicht. Es ist also falsch und fatal, wenn in vielen Koranübersetzungen der Vers 3:19 übersetzt wird mit „Siehe, die Religion bei Allah ist der Islam“. Dadurch stellt sich jede Person das vor, was sie vom Islam zu sehen oder verstehen glaubt.

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Impuls zur Eigenverantwortung (April 2014)

Impuls zur Eigenverantwortung

Für die Hauszeitung des Lassalle-Hauses

Gott erschuf Adam aus Lehm und hauchte ihm den Geist ein. Dann versammelte Er alle Seine Engel und erklärte ihnen, dass der Mensch das höchste erschaffene Wesen sei und im Zentrum Seiner Schöpfung stehe. Und Er forderte von Seinen Engeln, dies zu bezeugen und sich vor Adam niederzuwerfen. Alle taten dies, ausser Azazil. Gott erzürnte und warf den widerspenstigen Engel aus dem Paradies, worauf dieser begann, Adam und Eva zu verführen, bis sie beide von der Frucht des verbotenen Baumes assen und damit ebenfalls aus der paradiesischen Einheit fielen.

Im Gegensatz zu den Engeln sind wir Menschen mit einer selbstbestimmenden fühlenden Seele ausgestattet und den wunderbaren Fähigkeit der Vernunft, des Reflektierens, des Infrage Stellens und des Formulierens. Mit diesen Eigenschaften machte uns Gott zum höchsten Wesen Seiner Schöpfung, und damit übertreffen wir die Engel, die lediglich ausführende Kräfte Gottes sind. Ein Engel studiert nicht und wägt nicht ab; sein Wunsch ist einzig das, was Gott von ihm will. Wir Menschen hingegen sind mit einem eigenen Willen ausgestattet.

Aber damit lastet eine grosse Verantwortung auf uns, und oftmals sind wir machtlos. In Anbetracht der Grässlichkeiten, die wir aus den Medien erfahren, und unserer Hilflosigkeit fragen wir uns: „Was ist das für ein Gott, der solches zulässt?“ Doch wäre es nicht besser zu fragen: „Warum lassen wir Menschen zu, dass solches geschieht?“

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Zur Vermarktung des Sema in Ost und West (Bahar Can, Dezember 2008)

Hör zu! Höre auf den Gesang der Rohrflöte …

(von Bahar CAN)

Jedes Jahr im Dezember, zur Zeit des Sheb-i Arus, gedenken wir Hz. Mevlanas. Zu diesem Anlass werden Konferenzen, Symposien und Sema-Rituale organisiert. Wie Sie sich erinnern, haben wir letztes Jahr nicht nur Sheb-i Arus, sondern mit grosser Freunde auch das von der Unesco portierte Mevlana-Jahr international gefeiert. Denn am 30. September 2007 jährte sich zum 800sten Mal Hz. Mevlanas Geburtstag. Eigentlich hätte ein so grosser Heiliger wie Hz. Mevlana es nicht nötig, dass wir seiner gedenken. In unserer Hilflosigkeit aber sind wir diejenigen, die es nötig haben, ihn in Würde zu verstehen zu versuchen, ihn zu erspüren und so weit nur irgend möglich uns selber zu Gefährten dieses grossen Heiligen zu machen. Jedoch, wenn auch unsere Absichten noch so gut und rein sein mögen, so sind die jeweiligen Auffassungen und Empfindungen doch ganz verschieden, so ist das Verständnis mitunter doch sehr unterschiedlich. Um Hz. Mevlanas zu gedenken, wurden im letzten Jahr die verschiedensten Events veranstaltet; sogar ein Feuerwerk haben wir für unseren Hz. Pir während der Feierzeremonie in Konya steigen lassen! Wäre er ein Pop-Ikone, hätten wir wahrscheinlich dasselbe getan…

Aus unserer Sicht ist es sehr bedauernswert, wie in der Türkei im Verlauf der letzten Jahre insbesondere das heilige Ritual des Sema von Hz. Mevlana degradiert, um nicht zu sagen degeneriert wurde, so dass es nun mehrheitlich den Charakter einer Folkloreaufführung angenommen hat, die überall und in jeder Umgebung veranstaltet werden kann. Und in Europa wird das Sema meistens mit „Tanz der Derwische“ umschrieben. Ja, für nicht wenige Leute mag die Frage, was das Sema ist und was es nicht sein kann, ob es Tanz ist oder ob es nicht Tanz sein kann, ein ernsthaftes Diskussionsthema darstellen…Wir als Suchende möchten das göttliche Geheimnis des Sema aber möglichst von Hz. Mevlana selber erfragen und direkt von ihm lernen. Im Folgenden führe ich ein paar Gedichtverse von ihm an; schon nur die Bedeutung dieser Verse gebührend zu spüren, birgt in sich die Möglichkeit, den Empfindungen und der Gefühlswelt Hz. Mevlanas näher zu kommen – ein sehr hohes Verständnis und Empfinden in Bezug auf jene käme jedoch einem Geschenk Gottes gleich, das nicht jedem zuteil wird. Doch auch wenn es uns nicht selten versagt bleibt, den Kern oder die eigentliche Essenz eines Verses, einer Aussage zu erfassen, so glauben wir doch fest daran, dass es auch dann von Nutzen sein wird, wenn wir wenigstens von der Schale einen Anteil abbekommen.

Weisst Du, was Sema bedeutet? – Die Frage Gottes „Bin ich nicht Euer Herr?“ und die Antwort der Seelen „Ja, Du bist unser Herr!“ zu hören, sich zu verlieren und sich mit Gott zu vereinen.

Weisst Du, was Sema bedeutet? – Sema bedeutet, die Zustände des Freundes zu sehen, durch die Schleier der unsichtbaren Welt, der göttlichen Welt die Geheimnisse Gottes zu hören.

Weisst Du, was Sema bedeutet? – Sich von seiner eigenen Existenz loszulösen, um in der absoluten Nichtexistenz auf den Geschmack der ewigen Existenz zu kommen…“ (Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, II, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 377).

„Was ist Sema? – Von den verborgenen Heiligen im Herzen Nachrichten zu erhalten. Wenn das armselige Herz Briefe von ihnen erhält, wird es wach, erlangt Frieden. In diesem Nachrichtenwind, erblühen die Blätter des Verstandbaumes, sie erwachen vom Schlaf. Mit dieser Erschütterung wird der Körper von der Enge gerettet, wird weit, erlangt Frieden (…) Derjenige, der durch die Sema-Musik nicht ergriffen wird, der dreht wie zu Eis erstarrt, der ist niedriger als die Verstorbenen, die zu nichts geworden sind; ihm soll die Erde auf den Kopf fallen! Denn er ist kein wahrer Mensch. Er ist wie eine Leiche, die wandert…“ (Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, II, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 365).

„Der Ozean des Herzens wogt durch den Wind des Sema; in diesem Ozean zeigen sich hunderte von Wellen. Nicht jedes Herz ist würdig, die Schönheit des Sema und die zu erlangende Freude zu verstehen. Diejenigen, die den Ozean des Herzens erreicht haben, werden durch diesen Wind des Sema erregt und fallen in Ohnmacht…“ (Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 1174).

„Sema gibt denjenigen, die durch die Gottesliebe wach geworden sind, Ruhe und Frieden im Herzen. Derjenige, der weise ist, derjenige, der eine Seele seiner Seele hat (d.h. einer, der nicht eine tierische, sondern eine menschliche Seele hat), weiss über diese Wahrheit Bescheid (…) Sema ist für die Verliebten. Der, der die Herzen erfreut – es geht darum, sich mit diesem einzigartigen, unsichtbaren Geliebten geistig zu vereinen…“ (Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, I, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 224).

Vor Jahrhunderten wurde das Sema nicht jederzeit, an jedem Ort und mit jedermann durchgeführt. Besonders achtete man darauf, dass keine Fremden oder gar feindlich Gesinnte  sich unter den Gefährten einer Sema-Gesellschaft befanden. Denn man war der Überzeugung, dass im Sema nur dann Gottes Segen und Gnade erlangt werden könne, wenn dieses zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit den richtigen Leuten abgehalten würde. Man befürchtete, dass Fremde oder missgünstig Gesinnte die seelische Atmosphäre einer Sema-Gesellschaft, in welcher Geist und Körper Eins werden, stören könnten und so die Möglichkeit einer geistigen Vereinigung verringert werden könnte (Erken dönem sûfîlerinde semâ’, Süleyman Uludağ, Keşkül Dergisi, 2006, sayı 07, s. 17). Doch selbst zur Zeit Hz. Mevlanas wie auch in Zeiten danach hat man bezüglich dieser Drei-Punkte-Empfehlung, „Zeit-Ort-Gefährte“, immer wieder auch Toleranz geübt. In unserer heutigen Zeit werden unseres Erachtens die Grenzen dieser Toleranz jedoch masslos überschritten: das Sema wird nun in Teegärten, auf Podien und auch an manchen anderen touristischen Orten (auch mit Live-Musik!) als eigentliche Derwisch-Show vorgeführt. – Das Sema, auf das wir seit jeher so grossen Wert legten und woran wir uns mit allem Respekt erinnern, das Sema, das uns vor Jahrhunderten als ein Andenken an unseren Pir geblieben ist und uns als anvertrautes Gut in Obhut gegeben ist, könnte für unser Empfinden kaum schlimmer missbraucht werden! – Ist es uns nun schon so sehr zur Gewohnheit geworden, unsere geistigen Werte für Nichtigkeiten herzugeben, dass wir nicht einmal mehr merken, was richtig ist und was falsch ist? – Diese Shows, fern jeglichen seelischen Empfindens und nur des Profits wegen aufgeführt, entsprechen in keiner Weise mehr dem Sema; sie sind nichts Weiteres als irgendeine Performance… In der Sufi-Lehre wird gesagt, dass manche Semazen im Zustand der Nafs (Zustand der niederen Triebe), manche im Zustand des Hâl (Zustand der Gelöstheit bzw. der Aufgelöstheit), und manche im Zustand des Haqq (Zustand in Gott), im Sema drehen. In Anbetracht dieser Überlegungen, in welchem Zustand-, warum und für wen jemand dreht, beziehungsweise gedreht wird, bleiben uns Verstand und Träume stehen! – Wie heutzutage von allem eine Kopie zu haben ist, so scheint es nun leider auch zahllose Kopien unechter Sema und Semazen zu geben, die sich wild verbreiten.

Auch in Europa ist das Sema mittlerweile recht bekannt. Doch da das Sema ursprünglich in einer tief östlich-islamischen Kultur entstanden ist und ein Ritual darstellt, das dem Westen von seinem Wesen her grundsätzlich fremd ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es in der westeuropäischen Kultur gar nicht richtig verstanden werden kann. Nur so ist es wahrscheinlich zu erklären, dass in einer renommierten Zeitschrift wie dem „Spiegel“, in dessen Spezialausgabe über die Türkei, folgende Zeilen zu lesen sind (Tanzende Verbindung, Anne-Sophie Fröhlich, Spiegel Special, 2008, sayı 6, s.28): „Die tanzenden Derwische, die zur Bruderschaft des Mystikers Mevlana Celalleddin Rumi aus dem 13. Jahrhundert gehören, sind eine touristische Attraktion.“ Wohl gemerkt, in einer Zeitschrift, die in vielen europäischen Ländern vertrieben wird und Millionen von Menschen erreicht, wird das mit „Tanzende Derwische“ umschriebene Sema, kategorisch und deutlich als eine touristische Attraktion bezeichnet. Weiter im Text steht, dass die Mevlevis seit 1925 „nur noch bei Folkloreveranstaltungen“ auftreten würden… In einer so renommierten Zeitschrift einen derart unsorgfältig recherchierten Text vorgesetzt zu bekommen, ist gelinde gesagt besorgniserregend; angesichts dieser betrüblichen Vorkommnisse gelangen wir jedoch zum Schluss, dass wir, die wir schon in der Türkei selber „unser Sema“ in dem oben beschriebenen  Ausmass haben entarten und vermarkten lassen, vom Westen in dieser Sache auch nicht viel mehr an Kenntnis und Verständnis erwarten dürfen.

Im deutschen Sprachgebrauch kommen von jeher meistens die Bezeichnungen „Tanz der Derwische“ oder „Derwisch-Tanz“ zur Anwendung. In manchen Herausgaben werden aber auch Bezeichnungen wie „Sema-Ritual“ oder „Sema-Zeremonie“ verwendet. Doch die häufigste Umschreibung, der wir begegnen, bleibt „Tanz der Derwische“. Sogar in der Türkei selber ist in Heftchen, Broschüren und auf Plakaten, die für die Ausländer auf Deutsch herauskommen, meistens der Begriff „Tanz der Derwische“ anzutreffen. Wogegen wir doch alle wissen, dass das Sema kein Tanz ist! Wenn doch wenigsten wir in der Türkei, in unseren eigenen Publikationen, nicht einen so verfänglichen Ausdruck verwenden würden, der nur die Grundlage für falsche Interpretationen bietet!

Denken Sie denn, dass das Sema, in Europa als „Tanz der Derwische“ lanciert, von den Menschen so überhaupt verstanden werden kann? Ich gebe Ihnen im Folgenden einige Beispiele aus der Schweiz, denn auch hierzulande stösst das Sema als „Tanz der Derwische“ auf ein breites Interesse. So ist es für etliche Studierende gar zum Thema ihrer Diplomarbeit geworden. Ich selber konnte mich anlässlich einer solchen Arbeit davon überzeugen, dass es hierbei nicht eigentlich darum ging, Hz. Mevlana und seine Lehren zu verstehen und/oder  von ihm zu lernen; im Gegenteil, Ziel der Arbeit war, das Sema als eine Art von Musik begleiteter Drehbewegung, als eine Art Dreh-Tanz unter der Kategorie Tanz zu untersuchen. Wie sonderbar ist es doch, das Sema als Tanz untersuchen zu wollen! Wo doch das Sema vielmehr eine Art grenzüberschreitende, geistige Reise darstellt, eine Reise des Herzens zu Gott, wie zugleich eine Reise Gottes zum Herzen – mit einem Tanz hat es aber weder von Nahem noch von Weitem etwas zu tun.

Und im bekannten Migros-Magazin der Schweiz wird berichtet (Sanfte Drehung im Kreis, Carl Bieler, Migros-Magazin, 2008, sayı 3, s. 94), dass nun auch Derwisch-Tänze ins Tanzkursangebot aufgenommen worden seien, wobei dem Beschrieb nicht recht zu entnehmen ist, ob es darum geht, zu drehen wie im Sema, oder ob getanzt wird… Auf dem zugehörigen Foto ist die zuständige Tanzlehrerin abgebildet: sie trägt wirklich einen langen weiten, wellenhaft wallenden Rock wie die Semazen sie tragen, ihr rechter Arm reckt sich nach oben, die linke Hand zeigt nach unten – sie zeigt aber auch ihren freien Nabel und ein tiefes Dekollté… Im Westen gibt es nun also Semazen mit Dekollté!

Ferner steht in einem Bericht der „Schweizer Familie“ (Alles dreht sich ums Gebet, Melissa Müller, Schweizer Familie, 2008, sayı 29, s): „So sehen es die Sufis, die islamischen Mystiker. In ihren Augen ist der Tanz ein Gebet.“ Diese Aussage gleicht ein wenig einer arithmetischer Gleichung mit nur einer Unbekannten: wenn das Sema „Tanz der Derwische“ genannt wird, dann ist das Tanzen im Islam logischerweise ein Gebet! – Wer soll derartige Aussagen in Zeitschriften, die in die Hände so vieler geraten, wie verstehen?

Unseres Erachtens ist es zumindest ungünstig und wenig stimmig, wenn Bezeichnungen wie Sema, Sema-Ritual oder Sema-Zeremonie auf Deutsch mit unzutreffenden, verfänglichen Ausdrücken wie „Tanz der Derwische“, „Derwisch-Tanz“ oder „Die tanzenden Derwische“ gleichgesetzt werden. Denn auf diese Weise kann unser Ritual von jemandem aus dem Westen, der Hz. Mevlana nicht kennt und in Bezug auf die im Sema verborgenen, geistigen Geheimnisse ahnungslos ist, wirklich nur so wahrgenommen werden, wie wenn dies eine in der östlichen Mystik produzierte, fremde oder unbekannte Form von Tanz sei.

Hz. Mevlana sagt, Gestern ist mit Gestern gegangen, heute muss Neues gesagt werden. Doch leider konnte mit diesem Schreiben im Westen wie im Osten nichts wesentlich Neues gesagt werden. Es konnte lediglich einer schmerzlichen Angelegenheit, die seit Jahren vor unseren Augen steht, Ausdruck verliehen werden… Indes, auch wenn einen ob all den oben erwähnten Auswüchsen manchmal beinahe übel werden könnte, so wissen wir im Innersten doch, dass jeder noch so tief verborgene Winkel unseres Herzens im Grunde hell und von Licht erfüllt ist. Denn so wie es niemals sein kann, dass das göttliche Licht von Hz. Mevlana beschattet werde, so wird es auch nie möglich sein, den heiligen, geistigen Genuss, das Licht des Sema zu beschatten. – Und ist es im Grunde genommen nicht auch so, dass letztlich alles vor seinem Gegensatz Bestand hat? Wenn es keine Kopie gäbe, würde auch das Original nicht wertgeschätzt… Das Sema wird stets in den entrückten, vor geistiger Liebe übervollen Herzen-, in den Seelen, welche in sich die Seele gefunden haben, erspürt und gelebt werden.

Von seiner Bestimmung her ist der Semazen weder jemand, der nach folkloristischem Brauch tanzt, noch jemand, der einfach dreht – der Semazen ist vor allem jemand, der hört und noch mehr zuhört! Er hört der im Sema vernommenen göttlichen Melodie zu, in dem Sinn, wie Hz. Mevlana es im ersten Vers des Mesnevi beschwört: „Hör zu…!“ Die Musik ist gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits, ein Klang wie von Gott. Der Semazen hört also zu… und in diesem Zuhören ist es, als ob seine Seele geradezu beflügelt würde und er flöge und flöge und in jene Welt einginge; in seiner Verliebtheit im Sema drehend, ist es, als schreite er über beide Welten hinweg – – und mit Gottes Gnade kann es zu einem Moment der Vereinigung kommen, in dem alle Schleier aufgetan werden! – Im Sema gibt es den heiligen Genuss, sich mit dem Geliebten zu vereinen. Im Sema geschieht die mystische Verzückung in der göttlichen Liebe. Im Sema ist die Liebe selbst. So sagt auch Hz. Mevlana über die göttliche Liebe im Sema folgendes (Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 2211):

„Liebe ist nicht, irgendwann aufzustehen und den Staub unter deinen zwei Füssen aufzuwirbeln. Liebe ist, wenn du beginnst, im Sema zu drehen, das Leben zu opfern und durch beide Welten hindurch zu gehen.“

Im Grunde ist das Sema nur ein Vorwand, denn in dieser Welt gibt es nichts anderes als die  Liebe. In jedem Augenblick, in jedem Teilchen und Tropfen uns der Schönheit dieser göttlichen Liebe gewahr werdend, bleiben unsere Sehnsucht, unser Wunsch und unser einziges Ziel nur Er!

„Wohin ich meinen Kopf auch immer hinlege, so ist die Anbetung nur Er.
In sechs Richtungen, und über die sechs Richtungen hinweg, ist nur Gott, Er.
Der Garten, die Rose, die Nachtigall, die Schönheit alles nur Vorwände.
Durch all dies, ist die Absicht ganz Er.“
(Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 337)

Dieser Artikel wurde in der türkischen Zeitschrift „Berceste“, in der Ausgabe vom Dezember 2008 veröffentlicht. – http://www.bercestedergisi.com/

Übersetzung Tülin Özgür, Bearbeitung Birgit Kunz/Dezember 2008

Schems-î Tebrîz-î und die Liebe in den Äußerungen von Hz. Mevlana (H. Nur Artıran, September 2012)

Referat von H. Nur Artıran am 14. September 2012 in Deutschland 

Sehr geehrte Gäste, ich grüsse Sie alle in tiefem Respekt und bedanke mich von ganzem Herzen bei all jenen, die geistig und materiell dieser Organisation gedient haben. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Zusammenkommen ein Anlass bildet, um bleibende Freundschaften, Frieden und Wohlbefinden zu begünstigen.
Heute werden wir über die göttliche Liebe von Hz. Mevlânâ Celâleddin-i Rûmî, welcher in der ganzen Welt als Sultan der Liebe erinnert wird, und seinen nächsten Herzensfreund, Hz. Schems-î Tebrîz-î, sprechen.

Wie Sie wissen, sind sowohl Hz. Mevlânâ Celâleddin-i Rûmî als auch Hz. Schems-î Tebrîz-î Gottesfreunde von der Art, wie sie auf dieser Welt selten anzutreffen sind. Zwei Gottesverbliebte.

Um ihre erhabene Freundschaft adäquat und richtig verstehen und erfassen zu können, ist es nötig, eine Ahnung von der Bedeutung der göttlichen Liebe zu haben, sich Gottes wegen zu lieben. Denn durch das Verwechseln von geistlicher und materieller Liebe kommen von manchen Leuten, unwissend in Bezug auf die göttliche Liebe, immer wieder äusserst falsche Ansichten und Gedanken zum Vorschein.

So wurde auch die göttliche Freundschaft zwischen Hz. Mevlânâ Celâleddin-i Rûmî und Hz. Schems-î Tebrîz-î, welche ganz auf dem Geistigen basierte, von Zeit zu Zeit durch ähnliche falsche Gedanken ungenügend und nicht richtig verstanden.

Diejenigen, welche die Liebe von Hz. Jakob zu Hz. Joseph nicht wirklich verstanden haben, werden natürlich auch die Liebe nicht verstehen, die Hz. Mevlânâ Celâleddin-i Rûmî zu Hz. Schems-î Tebrîz-î empfand.

Wir werden heute versuchen, im Lichte der Ansichten und Gedanken von Hz. Mevlânâ selbst, über die göttliche Liebe und über die Wahrheit seiner Freundschaft zu Hz. Schems-î Tebrîz-î zu sprechen. Ich hoffe sehr, dass die Essenz, das Wirkliche dieser göttlichen Liebe und dieser allbarmherzigen Zuneigung, die von Hz. Mevlânâ für Hz. Schems-î Tebrîz-î empfunden wurde, in schönster Weise verstanden werden kann.

Auf die Liebe von Joseph und Züleyha, die im edlen Koran als „die schönste aller Geschichten“ bezeichnet wird, folgte eine weitere Liebe, die die Menschheit in ihren Bann gerissen hat; und dies ist die göttliche Liebe, die Schems-î Tebrîz-î und Hz. Mevlana füreinander empfunden haben.

Dies ist eine Liebe, so frisch wie eine noch nicht aufgegangene Blüte, so lebendig und klar wie das vom Himmel auf die Erde gefallene Geheimnis des Hay (lebendiger Gott) und uns so nahe wie unser Atem – näher noch als wir uns selber.

Über diese göttliche Liebe sagt Hz. Mevlana in einer seiner Ghaselen:

„Dies ist ein solch’ lichtvoller Liebesbaum, dass er keinen Stamm, keinen Körper hat. Seine Äste und Zweige reichen in die vergangene Ewigkeit und seine Wurzeln reichen in die zukünftige Ewigkeit. Dieser Baum der Liebe stützt sich weder auf den Himmelsthron, noch auf die Erde.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 192)
„Dies ist solch’ eine Liebe, wie sie nie zuvor die Welt betrat und niemals mehr in die Welt kommen wird.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 579)

Seit Jahrhunderten haben Wissende und Unwissende wie auch Reife, im Besitze des irfan (Weisheit), ihrem Naturell und Wissen entsprechend Vieles über diese göttliche Liebe gesagt und geschrieben. Seit Jahrhunderten wurde, ob nun wahr oder falsch, viel interpretiert. All das sehr natürlich findend, möchte ich gewisse Themen, auf denen mit Nachdruck bis auf heute beharrt wird, anhand von Hz. Mevlanas eigenen Doppelversen sowie aus der ihm eigenen Sichtweise noch einmal vor Ihnen zur Sprache bringen. Wie man weiß, ist gemäß mancher Interpreten Schems-î Tebrîz-î der Geliebte und Hz. Mevlana der Liebende. Andere betrachten Schems-î Tebrîz-î als Meister und Hz. Mevlana als Adept. Gemäß Hz. Mevlana hingegen gibt es in dieser göttlichen Liebe, die weder Stamm noch Körper hat und deren Äste und Zweige in der vergangenen Ewigkeit- und deren Wurzeln in der zukünftigen Ewigkeit enden, entgegen unseren oberflächlichen Vorstellungen weder einen Liebenden noch einen Geliebten, weder einen Meister noch einen Adepten. Wenn man auch manches Äußere, was über diese Liebe gesagt worden ist, akzeptieren kann, wissen doch nur jene um das Innere, das Wesentliche dieser Liebe, die in ihrem Inneren, dem Wesen von Schems-î Tebrîz-î und Hz. Mevlana gemäß „genichtet“ wurden (zu nichts geworden sind) – die im Feuer jener Liebe verbrannt, zu Asche geworden sind.

Wie zweifelsohne jeder vernünftig Denkende zustimmen wird, kann es niemals ausreichend sein, ein Dozent oder Professor zu sein oder eine Hochschule oder Medrese absolviert zu haben, um über die erhabene, göttliche Bedeutung einer solch heiligen Liebe – die sich weder auf die Erde noch auf den Himmel stützt – zufriedenstellend sprechen zu können. Hz. Mevlana hat in einer seiner Ghaselen der Gedichtsammlung „Divan-î Kebîr“ folgendes ausgeführt:

„Seit auf der Erde die Medrese der Liebe eröffnet wurde, gibt es keine Angelegenheit, die so schwierig wäre, wie die Ermittlung des Unterschiedes zwischen dem Liebenden und dem Geliebten. Es gibt zwar andere Methoden als den Vergleich, den die Weisen anwenden, doch bleibt dieser Weg zu dieser Erkenntnis sowohl dem Kenner des fιkιh (islamisches Recht) als auch den Medizinern und Sternenkundigen versperrt.

Zu verschiedenen Zeiten haben sich in dieser oder jener Form viele intelligente und über ein tiefes Wissen verfügende Personen mit dem Unterschied zwischen dem Liebenden und dem Geliebten ausgiebig beschäftigt. Sie haben verschiedenste Gedanken vorgebracht. Sie haben zahlreiche Streitgespräche angezettelt und sich widersprochen, doch letztlich hat niemand von ihnen die Wahrheit erreicht oder erkannt. Sie haben davon gesprochen, dass es zwischen dem Liebenden und dem Geliebten viele Unterschiede gibt, doch der Weg zu dieser Erkenntnis blieb allen versperrt. Niemand konnte bezüglich des Themas ‚Liebender und Geliebter‘ ein wahres Wissen erlangen.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 345)

Der Sultan der Liebenden, Hz. Mevlana, sagte also vor Jahrhunderten, dass hinsichtlich des Themas „Liebender und Geliebter“ niemand zu wahrem Wissen gelangt sei. In wie fern wurde dieses Wissen aber heute erlangt? In wie weit hat man dieses Wissen heute erkannt? Das wissen nur Eingeweihte.

Weswegen konnte niemand den Unterschied zwischen dem Liebenden und dem Geliebten erkennen?

Warum konnte niemand diese Wahrheit erlangen?

Auch dies möchte ich anhand von bestimmten Doppelversen Hz. Mevlanas darlegen:

„Beide Welten sind der Liebe fremd. In der Liebe gibt es zweiundsiebzig Arten der Verrücktheit. Die Konfession des Liebenden ist eine andere als die der zweiundsiebzig Religionen.“ (Can Şefik Mesnevî Band 3, 4719)

„Ebu Hanife, einer der größten Imame, hat die Liebe nicht erwähnt, auch Imam Schafi hat die Liebe nicht erklärt. Kein einziger Imam der verschiedenen Konfessionen hat diesbezüglich irgendeine Überlieferung übermittelt. In der Religionswissenschaft gibt es ein Ende für die Diskussionen hinsichtlich dessen, ob etwas erlaubt sei oder nicht. Das Wissen der Liebenden hingegen kennt kein Ende. Die Religion der Liebe ist eine von allen Religionen sich unterscheidende. Das göttliche Gesetz und die Konfession der Liebenden ist Gott.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 199)

„Leider kennt das Volk diesbezüglich nur Gerede. Die Liebe ist nicht in der höheren Stellung, im Wissen, in Heften, in den Seiten der Bücher zu finden.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 192)

„Die Liebe kann nicht durch Lektüre erlernt werden.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 751)

Hz. Mevlana zeigt uns den Weg, indem er in einem weiteren seiner Doppelverse sagt: „Wenn du die Liebe und die Zustände der Liebe erlernen willst, frage die Liebe selbst, erlerne die Liebe von der Liebe.“ Wenn wir also die Liebe von der Liebe lernen sollen, stellen sich uns folgende Fragen:

Was ist denn die Liebe?

Wer ist der Liebende und wer der Geliebte?

Hz. Mevlana gibt die Antwort auf diese Frage in seinem Divân-ı Kebîr mit unterschiedlichsten Doppelversen wie folgt:

„Wenn sie dich fragen, was die Liebe sei, sag: ‚Die Liebe ist, der Wunsch, der Wille und die Lust, zu tun und zu lassen was man will, aufzugeben‘.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 210)

„Liebe ist, in die Himmelssphäre zu fliegen. Liebe ist, jeden Moment Hunderte von Ego-Schleiern zu zerreißen. Liebe ist, sich von vergänglichen Wünschen zu befreien. Liebe ist, es aufzugeben, hinter den Wünschen und Lüsten der Triebseele, des Egos herzulaufen. Liebe ist, die Welt für nichtig zu halten, sie nicht zu beachten. Liebe ist, darüber nachzudenken, woher man gekommen ist und wohin man geht; zu versuchen, sich selbst zu verstehen und sich selbst zu erkennen.“

„Die Liebe ist wie ein Prophet zwischen Gott und dem Geschöpf.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 118)

„Die Liebe ist nichts anderes als Vernichtung.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 286)

„Die Liebe ist nichts anderes als spirituelles Glück, eine göttliche Gabe, Hilfe, Herzensfrische.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 199)

„Die Liebe ist das Haus Gottes.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 1213)

„Die Liebe ist ein göttlicher Spiegel.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 4, 1196)

„Die Liebe ist wie auch der Geist ein Fremdling, der aus der Ferne, Jenseitigkeit gekommen ist.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 1123)

„Die Liebe hat nichts zu tun mit dieser vergänglichen Welt.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 1193)

„Die Liebe ist das Geheimnis Gottes, welches ur-ewig und anfangslos ist, und vor dem es kein Davor gibt.“

„Die Liebe ist ein Meer in der Leere, ohne Rand und Grund. Nur ein einziger Tropfen aus jenem unendlichen Meer ist Hoffnung. Alles andere ist Furcht.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 4, 770)

Wenn wir im Lichte der Verse, die wir oben dargelegt haben, die Liebe (aşk) in knappen Sätzen beschreiben sollten, so symbolisiert der arabische Buchstabe ayın das Im-Dienste-Gottes-Stehen und das Dienen, der Buchstabe şın (wie şükür) die Dankbarkeit und der Buchstabe kaf (wie kanaat) die Genügsamkeit.“ (Can Şefik Rubailer No. 1178)

Es ist also offensichtlich, dass die göttliche Liebe nichts zu tun hat mit der vergänglichen Welt und den weltlichen Gedanken und Empfindungen. Die Liebe ist nichts anderes als eine Kostbarkeit in der Machthand Gottes und wird nur den Kennern, den Geeigneten gegeben.

Eines der sehr wichtigen Themen ist: Wir alle glauben, dass Hz. Mevlana die große Liebe erfahren hat, nachdem er Schems-î Tebrîz-î kennengelernt hat.

Natürlich sollte man rein äußerlich, vordergründig diesen Glauben für richtig halten. Doch worauf basiert der Anfang, die Bedeutung, das Wesen, das Innere dieser göttlichen Liebe?

Auch dazu möchte ich einige Verse von Hz. Mevlana mit Ihnen teilen:

„Weder wurde ich geschaffen aus Wasser, noch aus Erde. Ich habe mit der Welt nichts zu tun. (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 814)

„Noch bevor Halladsch-i Mansur ‚Ich bin die absolute Wahrheit‘ gesagt hatte, und infolge dessen Kampf und Unruhe in dieser Welt ausbrachen, sagten wir im Bagdad der geistigen Welt: ‚Ich bin die absolute Wahrheit‘.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 418)

„Wenn Halladsch jetzt leben würde, würde er mich aufgrund meiner gewaltigen Worte und Geheimnisse aufs Schafott bringen.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 694)

„Wir sind Leute, die seit einer Zeit verliebt sind, die uranfänglich ist.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 118)

„Mein Gott, seit dem Du in der Welt der Ewigkeit ‚Bin ich nicht euer Herr?‘ gesagt hast, bin ich Dein, bin ich Dein Liebender.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 4, 741)

„Als Du, mein Gott, mich in der Ewigkeit erschaffen hast, war meine Liebe zu Dir bereits im Zustande der Reife. Damals gab es weder die Erde, noch den Himmel. Weder gab es die Sonne, noch irgendeine erschaffene Person.

Als du mich für Deine eigene Liebe erwählt hattest und mich mit Deiner Liebe den Zustand der Reife erlangen ließest, existierte nichts. Noch bevor die Welten erschaffen wurden, als es weder Himmel noch Erde gab, war ich Dein Vertrauter, Dein naher Freund, Dein größter Liebender.“ (Divân-ı Kebir Külliyât-ı Şems-î Tebrîz-î  3238)

Diese Verse, die wir vorgetragen haben, damit das Wenige das Viele bezeuge, zeigen, dass das Innere der göttlichen Liebe ganz anders ist als wir uns dies vorstellen: Weder gibt es darin – wie wir nur das Äußere beachtend wähnen – einen Liebenden, noch einen Geliebten, weder einen Meister, noch einen Schüler. Um es mit Hz. Mevlana zu sagen, hatte Gott, der Herr, ihn für Seine Liebe erwählt und ihn mit dieser Liebe den Zustand der Vollkommenheit erlangen lassen, noch bevor die Welten erschaffen wurden, bevor Himmel und Erde existierten. Wenn nun nichts so ist wie es scheint, wie soll man dann die Liebe zu Schems-î Tebrîz-î verstehen, von der man seit Jahrhunderten spricht und über die solange gesprochen werden wird, wie die Erde sich dreht?

„Wohin ich auch mein Haupt hinlege, Er ist der Einzige, vor dem ich mich niederwerfe, Er ist der Angebetete in den sechs Richtungen und außerhalb der sechs Richtungen. Der Garten, die Rose, die Nachtigall, die Schöne, die Geliebte, all dies ist nur ein Vorwand. Er allein ist es, der damit gemeint ist.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 4, 222)

„Oh mein Gott, dessen Eigenschaften offen und sichtbar sind, dessen Wesen so verborgen ist wie die Seele in der Seele, ich schwöre bei Deinem ewig beständigen göttlichen Wesen:

Dass all mein Wünschen, all mein Verlangen, all das, was ich will, allein Du bist

Ich liebe nur Dich, ich wünsche mir nur Dich

Ich habe an niemanden außer Deiner gedacht in dieser Welt

Ich habe nur Deiner gedacht, nur Dich wollte ich, niemanden sonst.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 78)

„Sowieso ist Schems aus Tebriz auch nur ein Vorwand.“ (Can Şefik Mevlana, Hayatı Şahsiyeti Fikirleri)

„Was man auch sagt, es ist ein Irregehen und es ist sinnlos, es sei denn, man gedenkt Deiner.“ (Can Şefik Mevlana, Hayatı Şahsiyeti Fikirleri)

„Alle haben erkannt, dass ich verliebt bin. Leider hat niemand erkannt, in wen ich verliebt bin. Niemand hat dies gewusst.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 977)

„Das, was die Ohren hören, sind nur Worte, die von meinen Lippen kommen. Niemand hört das Wehgeschrei, das meiner Seele entstammt.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 3, 1007)

„Ich bin ein verliebter Falter, der in das Licht des alast (jener Moment, in welchem Gott den Menschen in der uranfänglichen Welt fragte ‚Bin ich nicht dein Herr?‘) geworfen wurde, dessen Seele mit dem Licht des alast verbrannt wurde, dessen Flügel mit jenem Licht verbrannt wurden. Und nun diene ich einer Kerze jenes Kaisers des Alast-Lichts in dieser Welt.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 762)

Zuletzt sagt Hz. Mevlana denen, in ihrem Unverständnis den Formen Anhaftenden, die diese Liebe zwischen Schems-î Tebrîz-î und Hz. Mevlana bewerten, welche eine Manifestation darstellt jener göttlichen Liebe in dieser vergänglichen Welt und ohne Körper ist, und deren Äste und Zweige in der vergangenen Ewigkeit und deren Wurzeln in der zukünftigen Ewigkeit enden, in einem Vierzeiler: „Das Wesen, das wir ‚Geliebter‘ nennen, ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist Gott der einzig wirkliche Geliebte.“

Indem Hz. Mevlana sagt, dass, was er Geliebter nennt, nur ein Vorwand- und damit ausschließlich Gott gemeint sei, hat er in einer sehr deutlichen Weise auch dieses Thema aufgeklärt.

Wenn nun Gott gemeint ist, ist Schems-î Tebrîz-î also nur ein Vorwand? Warum hat man solch einen Vorwand nötig? Was ist die Weisheit, die dahintersteckt? Auch die Antwort darauf möchte ich in ein paar Sätzen mit Hz. Mevlanas eigenen Versen darlegen:

„Es gibt kein einziges Härchen an meinem Körper, das nicht mit deinem Schmerz weint und seufzt. Oh du, meiner Seele Wohlergehen, mein Geliebter, was ist der Grund für diese meine Wehklage?

Willst du jeden, alle Welt, um mich herum versammeln?

Denn wenn ich nicht so sehr weine, wenn ich nicht wehklage (also Schems, Schems, Schems rufe), wird dieses Volk sich nicht um mich herum versammeln.

Was bedeutet es, dass sich das Volk aufgrund meiner Wehklage um mich herum versammelt?

Warum willst du das Volk um mich herum versammeln?

Dass heißt, dass die Seelen, die sich mit derselben Absicht hinter Schattenwesen versammeln, eine Reise von sich zu sich machen werden. Es bedeutet, dass sie das ihnen Anvertraute, Göttliche gemeinsam finden.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 431)

Wie man erkennen kann, sind diese Verse so klar und deutlich und für jeden verständlich, dass sie keiner Erklärung und Deutung bedürfen. In einem anderen seiner Doppelverse sagt Hz. Mevlana: „Das Gedicht ist die Bekleidung meiner Worte. Wer aber ist im Kleid?“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 1, 876). So fragt Hz. Mevlana klar und deutlich. Leider sind alle mit dem Kleid beschäftigt, niemand hat eine Ahnung von dem Schönen, der darin ist. Um Hz. Mevlana und Schems-î Tebrîz-î zu verstehen, muss man zuerst folgenden Hadith (Ausspruch des Propheten) verstehen: „Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen“. Wenn man diesen Hadith richtig versteht, wird man den Platz Schems-î Tebrîz-î in Hz. Mevlanas Leben verstehen.

Im Divân-ı Kebîr sagt Hz. Mevlana: „Joseph ist ein Vorwand, gemeint ist Gott. Keines Propheten Seele verliebt sich in einen Menschen. Jakob war vom Stamm Abrahams, er neigte sich nicht dem Falschen zu.“ (Can Şefik Divân-ı Kebîr Band 2, 503).

Auch für Hz. Mevlana war Schems-î Tebrîz-î ein Vorwand. Es ist offensichtlich, dass Hz. Mevlana, der Erbe des Propheten, der erhabene Sultan der Liebenden, sich auch nicht dem Falschen zuwendet. Dem vergänglichen Wesen, der Form und dem Aussehen Schems-î Tebrîz-îs anhaften zu bleiben würde bedeuten, einen Götzen anzubeten; und niemand kann behaupten, Hz. Mevlana hätte Götzen angebetet. 

 

Mevlana und das Fasten (Hayat Nur Artıran, August 2005)

Halte dich am Seil des Erbarmens fest, das während des Ramadan herabgesandt wird, und befreie dich aus dem Gefängnis, aus dem Grab deines Körpers! 

Was ist das Fasten? Fasten ist eine göttliche Einladung des Himmels zum verborgenen und unsichtbaren Essen. Nimm dieses Fasten wie einen Korb in die Hand und bettle auf dem Weg Gottes, damit Gott dir deinen Lebensunterhalt schenkt. Das Wasser des Lebens macht die Unglücklichen, deren Herzen brennen, glücklich. Dieses Fasten ist wie ein Krug, gib darauf Acht, ihn nicht zu zerbrechen!

Der heilige Monat Ramadan, der Sultan unter den elf Monaten, wurde von unserem Hz. Mevlana, der Krone aller Sultane, im Divan-i Kebir erklärt. Wie mag unser Hz. Pir wohl diese erbarmungsvollen, barmherzigen und gnadenreichen Tage verbracht haben? Was tat er alles? Wie mag er wohl gelebt haben, dass seine Frische und Schönheit durch die Jahrhunderte nie verwelkten und wie am ersten Tag erhalten blieben? Sein Fastenkrug mit dem göttlichen Licht erreicht uns noch in unserer heutigen Zeit, ohne zerbrochen zu sein, und schenkt denjenigen, die den Ramadan verstanden haben und durch das Fasten geehrt werden, das Wasser des Lebens.

Hz. Mevlana schreibt im Mesnevi Scherif: „Frage allein den Koran selbst nach seiner Bedeutung! Lerne von jemandem, der seine sinnliche Begierde und Lust ins Feuer geworfen hat. Frage den nach der Bedeutung des Korans, der sich dem Koran geopfert hat, der sein Ego überwunden hat, dessen Ego versunken istund dessen Seele geradezu zum Koran selbst geworden ist“. (Sefik Can, Mesnevi, Band V, Nr. 3128) Mit diesen wenigen Versen erklärt Hz. Mevlana uns auf schönste Art und Weise, dass wir bei jedem Schritt, den wir auf unserem geistigen Weg machen, welcher der eigentliche Grund unseres Seins ist, Acht geben müssen und zeigt uns so den Weg selbst. So können wir Folgendes verstehen: Weil die heiligen Eigenschaften Hz. Mevlanas mit jenen des Korans eins waren, er also auf höchster Ebene die Eigenschaften des Korans selbst lebte, war sein Fasten der Urgrund des wahrhaftigen Fastens, das deshalb nur aus ihm selbst verstanden werden kann.

Um über seine Gebete und sein Fasten schreiben zu können, um zum Ursprung und zur Wahrheit dieses Thema zu gelangen, müsste man sich im Ozean der Liebe Hz. Mevlanas verlieren, besser gesagt: man müsste zu Ihm selbst werden. Sipehsâlar*, der die Ehre hatte, während 40 Jahren mit Hz. Mevlana zu leben und ihm zu dienen, schreibt, wie hilflos er ist, wenn er über Hz. Mevlanas heilige Persönlichkeit und über die Gebete, die dieser verrichtet hatte, berichten möchte. Das Werk unter dem Namen Risâle-i Sipehsâlar ist eine der ältesten und vertrauenswürdigsten Quellen, welche über das Leben und den Charakter von Hz. Pir berichtet.

In diesem Werk wird gesagt: „Oh Hazreti Mevlana! Das Wasser des Lebens, welches den Menschen Unsterblichkeit schenkt, ist angesichts der Schönheit und der Anmut deiner Worte vollkommen in Scham versunken. Es zeigt sich niemandem mehr. Oh grosszügiger Mevlana, der alle schönen Eigenschaften unseres Propheten, der diese Welt geehrt hat, um die Moral zu vervollkommnen, in sich versammelt! Oh Einzigartiger, der alle Verse des Korans am schönsten und am richtigsten erklärt hat und der, der den Koran am zuverlässigsten und ohne Fehler gelebt hat! Was könnte ich über deine Person schreiben? Was könnte ich sagen? Die Worte wären ausgeschöpft und trotzdem würden diese besagten Worte deine Person nie umfassend beschreiben, weil deine Eigenschaften unendlich sind. Deine guten Eigenschaften sind unendlich, sie sind so viele, dass sie sich jeder Beschreibung entziehen. Ich habe meinen Mund tausend Mal mit Moschus und mit Rosenwasser gewaschen und gereinigt, aber dennoch habe ich es nicht übers Herz gebracht, deinen heiligen Namen in meinen Mund zu nehmen. Von den grenzenlos und unendlich hohen Eigenschaften Hz. Mevlanas habe ich einige selbst mit meinen eigenen Augen wahrgenommen, von anderen habe ich nur gehört und mit Gewissheit in meinem Herzen daran geglaubt.Sei es das, was ich mit den Augen des Gesichts gesehen habe, oder sei es das, was ich mit den Augen meines Herzens erfahren habe – wie könnte ich es mit meiner unfähigen Zunge, die wie ein stumpfer Bleistiftspitz geschnitten und mangelhaft ist, beschreiben? Denn nicht alles, was man weiss, ist sichtbar, nicht alles, was sichtbar ist, ist auch sagbar und nicht alles, was sagbar ist, ist auch schreibbar. Der Beweis dafür liegt darin, dass die Heiligen Gottes in ihren Gebeten, ihren guten Taten und in den Unannehmlichkeiten, die sie erfahren haben, Geduld zeigten. Durch die Selbstbeherrschung, durch die sie gehen mussten, durch den Kampf, den sie bestanden und die Anstrengungen, die sie erbrachten, konnten sie ihren Herzensspiegel von allem reinigen, so dass nur Gott blieb. Sie konnten sich von Neid, von Gewalt, von sinnlicher Begierde vollkommen befreien. Deshalb wurden sie durch die Eigenschaften Gottes ausgezeichnet. Dieses schwache Geschöpf hat 40 Jahre Hz. Mevlana gedient. Hz. Mevlana hat alle seine Gebete seit seiner Jugendzeit bis er gestorben ist ohne Minderung erfüllt. Ich habe ihn nie seinen heiligen Kopf auf ein Kissen legen sehen, um es sich bequem zu machen und sich einmal auszuruhen. Tatsächlich hielt Gott seinen durch Selbstbeherrschung erzogenen Körper immer in Bewegung und gab ihm Kraft. Wie könnte ich über diese Gebete, die er in Schlaflosigkeit und Ruhelosigkeit verrichtet hat, berichten? Ist so etwas überhaupt möglich?“

Wenn Sipehsâlar, der Kommandant des Herzens, dem die Glückseligkeit zuteil wurde, Hz. Mevlana 40 Jahre lang Tag und Nacht zu dienen, seine Hilflosigkeit so beschreibt, was könnte ich armseliges Geschöpf dann noch sagen? Deshalb überlasse ich das Wort demjenigen, dem es auch gebührt, nämlich unserem Hz. Pir Efendi und unserem Mesnevihan Sefik Can Hodscha, der mit Gottes Gnade sein ganzes segenreiches Leben den Werken Hz. Mevlanas geopfert hat. Unser geehrter Sefik Can Hodscha sagt in seinem Buch “Mevlanas Leben, Persönlichkeit und Ansichten“ im Kapitel “Wie war Hz. Mevlanas Fasten?“ folgendes:

„Die Anstrengung und Ausdauer Hz. Mevlanas beim Fasten waren erstaunlich. Er hatte die Wahrheit des Hadith Scherif: ‚Der Hunger ist auf dieser Erde Gottes Nahrung. Gott hält diejenigen, die Er liebt, durch ihn lebendig’ verstanden und lebte sie auch. Gemäss islamischen Grundlagen wird während eines Monats im Jahr gefastet. Die Asketen fasten drei Monate. Es gibt auch diejenigen, die drei Tage, eine Woche oder länger fasten. Am Ende brechen alle das Fasten mit einem Abendessen. Durch die Hocherhabenen wurde uns überliefert, dass auch während des 40tägigen Retreats (Cile) am Abend das Fasten gebrochen wurde. Doch Hz. Mevlana hat den Hunger bis zur Spitze getrieben. Jahrelang hatte er sich nie satt gegessen und nie seinen Magen gefüllt, und so konnte er sagen: ‚40 Jahre war in der Nacht kein Essen in meinem Magen. Solange ich die ganze Nacht in der Gegenwart meines Herrn verbrachte und diese Glückseligkeit erlangte, kam die Nahrung meines Herrn in meine Seele und sättigte mich geistig’. Als Hz. Mevlana und Shems-i Tebrizi sich zum ersten Mal trafen, lebten sie sechs Monate lang nur als eine Seele und ein Körper, so dass beide dem Essen, dem Trinken, überhaupt jedem menschlichen Wunsch fern blieben. Am Abend brachen sie das Fasten nur mit einem sehr einfachen Gericht und begnügten sich dabei mit wenig Essen. Wenn Hz. Mevlana einmal viel ass, dann war das nicht mehr als zehn Bissen. Er sagte: ‚Ich habe so einen Drachen in mir, der hält das Essen nicht aus. Dein Herzensvogel konnte wegen der Krankheit des Essens das Ei deines Körpers nicht durchbrechen, um sich zu befreien. Er blieb in diesem engen Eierschalengefängnis. Befreie dich von der Eierschale der Nafs-Sklaverei, damit deine Flügel sich öffnen, damit du im geistigen Himmel fliegen kannst’. Diese kurzen und einfachen Sätze beschreiben Hz. Mevlanas äusseres Fasten. Er war ohne Zweifel auch derjenige, der das innere Fasten, das Fasten des Herzens, das alles ausser Gott verlassen hat, am vollkommensten übte. So wie die Weisen gesagt haben: Es gibt drei Arten von Fasten, das Fasten des Volkes, das Fasten der wahren Menschen und das Fasten der wahrsten Menschen. Das Fasten des Volkes besteht darin, das Essen und Trinken zu unterlassen. Das Fasten der wahren Menschen ist das Fasten der Hände, der Füsse, der Augen, des Munds und der anderen Glieder, um sie davor zu schützen, schlechte Taten zu begehen. Das Fasten der wahrsten Menschen bedeutet, alles zu verlassen ausser Gott. Ja, Hz. Mevlanas Fasten war die dritte Art des Fastens“.

Würde man alle Verse zusammenstellen, die sich bei Hz. Mevlana, der sagte: „Sei klug und halte deinen Magen leer“, zu diesem Thema finden, gäbe es ein ganzes Buch. Unser Hz. Pir sagte dazu im Mesnevi und im Divan-i Kebir unter anderem folgendes: 

„Wenn du an die Tür der Wahrheit klopfst, wird sie dir geöffnet. Wenn du die Flügel des Denkens schlägst und versuchst zu fliegen, werden sie dich zum Falken machen.

Du bist dir nicht bewusst, dass die Flügel deines Denkens mit Lehm beschmutzt und schwer geworden sind. Denn du isst Lehm, Lehm ist dein Brot geworden.

Der Ursprung, die Natur des Brotes und Fleisches ist die Erde, der Lehm. Iss wenig davon, damit du nicht wie Lehm auf dieser Erde kleben bleibst.

Wenn du Hunger bekommst, wirst du zu einem Hund; du nimmst schlechte Eigenschaften an, wirst wild, ein minderwertiger Hund, dem man nicht zu nah treten kann.

Doch wenn du dich dann satt gegessen hast, wirst du zu einem Leichnam; gefühllos, ahnungslos, so wie eine Wand ohne Hände und Füsse.

So bist du einmal ein Leichnam und das andere mal ein zänkischer Hund. Wie willst du in diesem Zustand auf dem Weg der Löwen laufen können?

Nur wenn du jagst, nützt dir der Hund, d.h. deine Nafs. Ernähre diesen Hund der Nafs nicht allzu viel, wirf ihm wenig Knochen zu.

Denn wenn der Hund sich vollgefressen hat, wird er aufsässig, er wird ungehorsam. Er ist satt und wird deshalb nicht hinter der Jagdbeute herlaufen“.

(Sefik Can, Mesnevi Band I, Nr. 2870) 

„Der Ramadan ist gekommen; die Fahne des Königs der Gottesliebe (Aschk) und der Glaube hat uns erreicht! Nimm deine Hand vom weltlichen Essen weg! Denn der geistige Lebensunterhalt ist aus dem Himmel gekommen und der Seelentisch ist bereitet worden!

Die Seele ist dem schwerfälligen Körper entflohen; den Wünschen unserer menschlichen Natur sind die Hände gebunden! Die Armee der Gottesliebe und der Glaube sind gekommen und haben die Armee der Verrücktheit und des Unglaubens besiegt!

Auf eine Art ist das Fasten ein Opfer für unsere Rettung. Unsere Seele wird durch das Fasten Lebendigkeit erlangen! Wenn die Seele unser Herzenshaus besucht, dann sollten wir ihr zu liebe wenigstens unseren Körper vollkommen opfern!

Geduld ist eine schöne Wolke, aus ihr werden göttliche und geistige Regen fallen! Deshalb wurde auch der heilige Koran in diesem Monat der Geduld offenbart!

Unsere Nafs, die uns dazu anstiftet, schlechte Dinge zu tun und zu sündigen, hatte es nötig sich zu reinigen und sauber zu werden! Als der Ramadan kam, zerbrach die Tür des Sündenkerkers; die Seele hat sich vom Gefängnis der Nafs befreit, hat die Himmelfahrt gemacht und sich mit den Geliebten vereint!

Während diesem heiligen Monat ist auch das Herz nicht untätig geblieben: Es zerriss den Schleier der Hoffnungslosigkeit und flog in den Himmel. Die Seele war sowieso nicht dieser schmutzigen Erde angehörig, sie war den Engeln angehörig und flog zu ihnen!

Halte dich an dem Seil des Erbarmens fest, das während des Ramadan herabgesandt wird und befreie dich aus dem Gefängnis, aus dem Grab deines Körpers! Joseph (F.s.m.I.) steht am Brunnen, er ruft nach dir; beeile dich, verlier keine Zeit!

Als Jesus (F.s.m.I.) sich von den Wünschen des Körperesels befreit hatte, wurde sein Gebet erhört! Reinige dich ebenfalls von den Wünschen der Nafs, wasche deine Hände! Denn es ist ein mit geistigen Speisen gedeckter Tisch aus dem Himmel gekommen!

Nun, wasche deine Hände, deinen Mund; iss weder Nahrung, noch trinke etwas, noch sage irgendetwas! Suche die geistigen Bissen der Erhabenen, die still sind, weil sie die Wahrheit erlangt und Gott gefunden haben“.

(Sefik Can, Divan-i Kebir Band I, Nr. 459) 

„Ernähre nicht deinen Körper und mache ihn fett! Denn er wird am Ende als ein Opfer, als Futter für die Wölfe an den Grabstätten, der Erde übergeben! Sieh zu, dass du deine Seele mit geistiger Nahrung ernährst; denn sie ist es, die am Ende in die Höhe steigt und Ehre erlangt!

Gib diesem Leichnam wenig fettige und süsse Sachen! Denn derjenige, der den Körper ernährt, lässt sich durch die sinnlichen Begierden und Wünsche der Nafs verführen und wird am Schluss zum Gespött werden!

Gib du der Seele geistige Nahrung; gib ihr Gedanken, Verständnis und Ideen, die fett und süss sind, damit sie an den Ort, wohin sie gehen wird, kräftig und gut ernährt geht!“

(Sefik Can, Divan-i Kebir, Band II, Nr. 468) 

“Gib das Essen im Übermass auf, vermindere das Schlafen!

Oh Göttlicher! Du, der die Perle in den Misthaufen fallen liess, lasse diese Seele nicht seelenlos! Tue nicht so, wie wenn du über die Perle in deinem Körper nicht Bescheid wüsstest und lebe nicht wie die Tiere ohne Seele! Verwandle nicht dieses Brot, welches Gott gegeben hat, in Mist!“

(Sefik Can, Divan-i Kebir Band II, Nr. 640) 

“Von nun an schliesse deinen Mund für das Brot, das süsse Fasten ist gekommen. Bis zu dieser Zeit hast du die Fähigkeit des Essens und Trinkens gesehen. Nun ist es an der Zeit, die Fähigkeit des Fastens zu sehen!

Das Fasten wurde Jesus, dem Sohn der Maria, zum Zemzem (als heilig angesehenes Wasser vom Brunnen in Mekka). Er hat die Reise des Fastens auf sich genommen und stieg in den vierten Himmel.

Wo ist das Flügelschlagen der Vögel und wo ist das Flügelschlagen der Engel? Die Vögel schlagen die Flügel wegen dem Futter, die Engel fliegen jedoch dem Fasten entgegen.

Auch wenn das Fasten einige Schwierigkeiten mit sich bringt, so bringt es auch hundert verschiedene Fähigkeiten. Die Liebe des Fastens ist eine ganz andere Liebe.

Das Fasten ist eine Schönheit, die sich mit einem Schleier verhüllt verborgen hat. Nimm den Schleier weg und wenn du Augen hast, die sehen können, schau es an; es ist so schön!

Das Fasten wird dir den Hals dünner machen, aber sei nicht besorgt, denn es wird dich vor dem Sterben sicher machen. Das Völlegefühl des Magens und die Unbequemlichkeit kommen durch das übermässige Essen und Trinken. Das Fasten bringt dich jedoch in einen geistig betrunkenen Zustand.

Dreissig Tage wirst du im Meer des Ramadan von einem Anfang zum anderen, von einem Ende zum anderen schwimmen. Am Ende wirst du die Perle des Fastens in die Hand bekommen.

Alle List, alle Massnahmen, alle Pfeile des Teufels werden am Schild des Fastens abprallen und zerbrechen“.

(Sefik Can, Divan-i Kebir, Band III, Nr. 1155) 

“Gott sei Dank ist wieder der Monat des Fastens gekommen. Sei dieser heilige Monat uns allen gesegnet. Oh du, der du dem Fasten ein Weggefährte, ein Freund bist! Möge deine Reise gesegnet und angenehm sein.

Ich stieg auf das Dach, um den Mond des Ramadan zu sehen. Ich hatte das Fasten sehr vermisst und wartete sehnsüchtig darauf.

Als ich den Mond anschaute, fiel meine Mütze von meinem Kopf. Der heilige Fastenkönig hat mir den Verstand genommen. Er hat mich betrunken gemacht.

Oh Muslime! Seit ich Ihm mein Herz geschenkt habe, bin ich sowieso betrunken. Mein Verstand ist verwirrt. Ah, was für ein schönes Schicksal ist das Fasten, was für ein schönes Reich, was für ein schöner Zustand!

In diesem Fasten ist ein verborgener Mond. So wie ein Türke, der sich im Zelt des Fastens versteckt.

Wer in diesem heiligen Monat mühelos und fröhlich auf den Dreschplatz des Fastens kommt, wird den Weg zu diesem schönsten Mond finden.

Wer sein gesundes Gesicht aus Atlas (kostbarer, wertvoller, seidiger Stoff) bleich werden lässt, wird am Ende das seidige Kleid des Fastens anziehen.

In diesem Monat werden die Gebete erhört. Die “Achs” (ein Ausruf, den man aus Staunen über die Grösse Gottes äussert) des Fastenden werden die Himmel durchdringen.

Derjenige, der im Brunnen des Fastens Geduld zeigt, wird wie Joseph in Ägypten ein Sultan im Land der Liebe werden. Oh derjenige, der vor dem Tagesanbruch für das Fastenessen aufsteht! Sprich wenig, sei sogar still! Sei still, damit diejenigen, die das Fasten verstehen, über das Fasten sprechen.

Komm, oh Shemseddin, oh du grosser Mensch, der der Stadt Tebriz Trost schenkt! Komm, komm, denn du bist der oberste Befehlshaber der Fastenarmee“. (Sefik Can, Divan-i Kebir Band III, Nr. 1119) 

Hayat Nur Artıran, Istanbul, 31.08.2005

*Sein richtiger Name war Mecdeddin Feridun, der Sohn von Ahmed. Sipehsâlar bedeutet „der Kommandant“ und ist sein Übername, weil er während der seldschukischen Regierung ein Kommandant war. Er starb im Jahre 1312. Seine Grabstätte ist in Konya im Hz. Mevlana-Museum.