Auf dem Weg der Liebe ist es eine Schande, einen Kopf zu besitzen und zu denken.

 

Auf dem Weg der Liebe ist es eine Schande, einen Kopf zu besitzen und zu denken.

     

  • Oh Ney! Du bist sehr schön, gibst sehr schöne Töne von dir, weil du Geheimnisse kennst, die nicht jeder kennt. Diese Klänge, die für gefühlsvolle Menschen so angenehm tönen, kann sowieso nur jemand von sich geben, der alle Geheimnisse kennt, für den nichts verborgen ist.

 

  • Oh Ney! Wie die Nachtigall bist auch du in diese einzigartige, unauffindbare Rose verliebt. Deshalb wehklagst und wimmerst du auch. Tue nicht so, als wüsstest du es nicht! Du weisst Bescheid über diese Rose ohne Dornen, über diese Rose ohnegleichen.

 

  • Ich sagte zu der Ney: „Bestimmt bist du der Freund vom Freund, bist ihm sehr nahe. Deshalb weisst du über Alles und Jedes Bescheid. Verberge die Geheimnisse nicht vor mir!“ Die Ney sagte zu mir: „Frag nicht zu viel über diese Angelegenheit. Wenn du umfassend fühlen, hören und verstehen würdest, was ich weiss, würdest du umkommen, würdest du untergehen.“

 

  • Ich sagte zu ihr: „Eben gerade in diesem Umkommen ist meine Rettung, in diesem Untergehen. Willst du mir etwas Gutes tun, dann bestürme mich mit Funken und Flammen! Wirf mich ins Feuer, verbrenne mich, so dass mir weder Gefühle, noch Wissen noch Verständnis verbleiben.“

 

  • Die Ney sagte: „Wie könnte ich mit meiner wegklagenden Stimme der Karawane der Liebe den Weg abschneiden?Weiss ich doch, dass der Karawanenführer (der Scheich) derjenige ist, der alles weiss, der alles versteht.“

 

  • Ich sagte zu ihr: „Wenn dem so ist, dass der Geliebte die verlorenen Verliebten nicht sucht, sich nicht um sie kümmert, dann hat sogar das Verständnis genug vom Verständnis. Deshalb sollte man nicht sehen, nicht hören, nicht wissen und nicht verstehen.“

 

  • Du bist ganz Auge geworden, siehst alles, weisst alles, doch über dich weisst du nicht Bescheid. Für uns Verliebte ist das Verstehen und das Wissen zum Schleier vor unseren Augen geworden.

 

  • Oh Ney! Man hat dir den Kopf abgeschnitten, deshalb bist du den Lippen des Neyzen nahe gekommen und dessen Freund geworden. Es ist sowieso eine Schande auf dem Weg der Liebe, einen Kopf zu besitzen und zu denken. Das ist ein Fehler. Im Besitz von Wissen und Verstand zu sein, ist ein Zustand, für den man sich schämen muss.

 

  • Oh Ney! Du hast dich von dir befreit, dich selber verlassen, dich von Existenz und Ego losgelöst, dein Inneres ist ganz leer. Deshalb bist du voller Geheimnisse, die keiner kennt. Durch die Nachrichten, die du vom Jenseits bekommst, weinst und wehklagst du und möchtest was sagen. Aber uns fehlt das Ohr, es zu verstehen. Du kennst diese, die sich selbst anbeten, obwohl sie Schattenwesen sind. Aber auch jene, die Gott verleugnen!

 

  • Wenn dir so ein Glück, das nicht jedermann gewährt wird, beschert wurde und du dich mit der unsichtbaren Geliebten getroffen hast und ihr sehr nahe gekommen bist, ja warum weinst du und beklagst dich denn noch? Lass unser erbarmenswertes Wissen und unseren Verstand weinen und wehklagen – beide sind unfähig, Gottes gewahr zu werden.

 

  • Nein, nein, du weinst nicht wegen dir, oh du Gnädiger! Du weinst und wehklagst für all diejenigen, die diese Welt der Vielfalt anders meinen und anders sehen, für diejenigen, die von der Sicht der Einheit weit entfernt sind.

   

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir

Band III, Gedicht Nr. 1192 

Firuzanfer, Band VI, Gedicht Nr. 3001 

Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

 

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