Gott hat sich hinter den schönen Werken, die Er erschaffen hat, verborgen.

  • Mein Dasein ist nichts anders als der Weinschenk in der Hand des Geliebten. Falls du die Worte nicht verstanden hast, die ich mit meiner Zunge ausgesprochen habe, dann schau mir genau in die Augen, damit du die Worte verstehen kannst, die ich mit meinem Herzen spreche.
  • Mein Herz ist wie das Weinglas voller Blut. Und mein schwacher Körper ist in der Hand der Liebe, die nie schwach wird, nie bleich wird, die sich nie verringert – die immer kräftig und stark ist.
  • Mein einzigartiger Geliebter, der mein Dasein wie ein Weinglas in der Hand hält, es manchmal  füllt und manchmal leert, ist sehr mächtig. Jeden Moment erschafft Er wie Adam und Eva Hunderte von Menschen und bringt sie auf die Welt. Gleichzeitig tötet Er Hunderte von Menschen und bringt sie in die andere Welt. Er schmückt und füllt die Welt mit Bildern, mit Stickereien, die Er erschaffen hat. Doch dieser grosse Schöpfer, dieser einzigartige Künstler, versteckt sich und zeigt sich nicht. Der Verstand kann Ihn nicht erfassen. Es ist nicht möglich, sich Ihn vorzustellen, nicht möglich, Ihn zu verstehen.
  • Er weiss, mit was und wie das Atom, die Ebene, das Teilchen, das Meer den besten geordneten Zustand annimmt. Das ganze Universum verwaltet Er gleichsam mit den unfehlbaren und unabänderlichen Gesetzen einer Uhr. Allem und jedem Geschöpf gibt Er das nötige Gefühl, die nötige Eigenschaft, die Lebensfreude, die Lebenskraft. Hilft allen Seinen Geschöpfen. Alle lebenden Wesen sind zu Seinem Welttisch gerufen worden, den Er eröffnet hat. Gutem und Schlechtem gibt Er den Lebensunterhalt und das tägliche Brot. Kleidet sie mit Pelzen und      geschmückten Gewändern. Er schmückt sie mit verschiedenen Farben. Sein Wissen hat keine Grenzen, keine Schranken.
  • Manchmal engt Er unser Herz ein, schnürt es und macht uns das Leben zur Hölle. Manchmal löst Er unsere Knoten, lässt unseren Kummer schwinden, entspannt uns, macht uns glücklich und führt uns zu innerem Frieden. Falls Dein Herz kein Esel ist, weiss es, woher diese Zustände kommen, erkennt und versteht, wessen Werk dies ist; es erkennt den Besitzer dieser Werke, der diese Bürden aufgibt.
  • Sogar der Esel, obwohl nicht so ein erhabenes Wesen wie du, erkennt seinen Besitzer und Effendi, den Eseltreiber, und weiss, wie jener ihn bindet und wieder löst. Er merkt, dass jener nicht jemand anderes ist.
  • Wenn er sein Effendi sieht, dann schüttelt er eselhaft seinen Kopf, bewegt seine Ohren. Kennt sogar seine Stimme. Denn die Stimme seines Besitzers ist ihm nicht fremd.
  • Denn aus seiner Hand hat er Futter gefressen, Wasser getrunken. Wie merkwürdig, ja verblüffend ist es doch, dass Gott dir nicht mal so viel Verstand, so viel Gespür gegeben haben sollte! Er, Der dich beschenkt, dich ernährt, dir zu Trinken gibt! Er, Der dir freudiges Leben schenkt! Er, Der dich zum höchsten Wesen ernannt hat und dir das gegeben hat, was Er keinem anderen Wesen gegeben hat! Und Du kennst Ihn, deinen Besitzer und Effendi, nicht, Schande über dich!
  • Dein Schöpfer hat dich Hunderte Male eingeengt, dich in Sorge verstrickt. Du hast wehgeklagt. Wie ist es möglich, dass du Ihn verleugnest, Ihn nicht kennst! Gott hat dir Verstand geschenkt. Gott hat dir einen Teilwillen[1]verliehen. Durch die Propheten hat Er dir den Weg gezeigt. Gott ist nicht gezwungen, dich zu retten.
  • Wie die Ungläubigen erinnerst du dich an Ihn, beugst deinen Kopf und gibst dich hin, wenn du in Schwierigkeiten steckst. Sowieso ist derjenige, der nicht mit dem Jenseits verbunden ist, dessen Kopf nicht ans Jenseits denkt, nicht mal ein Korn wert.

  

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir

Band I, Gedicht Nr. 206

Firuzanfer, Band I, Gedicht Nr. 477

Übersetzung ins Türkische von Şefik Can



[1]Teilwille = cûz’î irade ist ein fester Begriff im Sufismus. Seine Bedeutung entspricht dem menschlichen Willen, im Gegensatz zu küll’î irade, dass dem Gotteswillen entspricht.

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