Oh mein Gott! Zwar hast Du diese Seele erschaffen, ihr aber auch Kummer beschert!

  • Oh König unseres Körpers! Oh kostbares Wesen, der Du Mitleid hast mit uns, uns erfreust und uns zum Lachen bringst! Oh unser Herr, der Du unseren Augen die Fähigkeit zum Sehen gibst, oh Du, der du mit Kohle unsere Seelenaugen ausziehst, der Du sie erstrahlen lässt!
  • Du hast die Seele zwar erleuchtet, ihr aber auch Kummer bereitet, ja sie verrückt gemacht! Manchmal hast Du sie ins Alleinsein verliebt gemacht. Manchmal hast Du sie hinter einem schönen Gesicht her rennen lassen, sie bloss gestellt. 
  • Manchmal wurden wir zu einem Ball, haben uns der krummen Spitze Deines Cevgen1  unterworfen, vor der wir wie ein schwindliger Ball, mal zu Freude und Vergnügen hinrollen und mal zu Kummer und Sorgen torckeln.
  • Manchmal lässt Du uns im Schlaf der Trennung versinken, manchmal treibst Du uns zu Begründungen und manchmal lässt Du uns in der Wüste der Nichtexistenz kriechen.
  • Manchmal lässt Du uns hinter Rang und Namen verfallen. Und manchmal streust Du Erde auf unser Haupt. Manchmal meint einer ein Kaiser, ein König zu sein und manchmal verhüllt er sich wie die Armen in einem Flickenrock.
  • Manchmal wird einer zu einem Dorn, manchmal zu einer Rose! Manchmal wird er zu Essig, manchmal  zu Wein; manchmal wird er zu einem Trommler und spielt die Trommel, manchmal wird er selber zur Trommel und steckt die Schläge ein.
  • Manchmal gibt einer wie ein mächtiger Baum Äpfel, manchmal lässt er Kürbisse wachsen; manchmal versprüht er Gift, manchmal Dankbarkeit; manchmal verteilt er Kummer, manchmal Heilmittel.
  • Wie wunderlich ist der Fluss des Lebens: manchmal wird er zu Wasser, manchmal zu Blut; manchmal wird er rot wie Wein, manchmal wie Milch, und manchmal wie der Honig, der Heilung schenkt.
  • Manchmal löst er sich von allen Farben. Steigt in den Krug von Hz. Jesu und verhüllt sich in einer einzigen Farbe. Und so entsteht die „Farbe Gottes“. – „Gott macht, was er will!“2

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 1, Gedicht Nr. 83
Firuzanfer, Band 1, Gedicht Nr. 28
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

 

1Gerät wie ein Polostock
2Verschieden farbige Stoffe, die man in den Tonkrug Hz. Jesu gegeben hatte, wurden zu Stoffen von einer einzigen Farbe, welche die Farbe Gottes war. Das bezieht sich auf die 2. Sure, Bakara, Vers 138 und bedeutet, sich dem Ermessen Gottes zu beugen.

 

 

Aktuelle Seite: Home Mevlana Celaleddin Rumi Mevlanas Werke Divan-i-Kebir Oh mein Gott! Zwar hast Du diese Seele erschaffen, ihr aber auch Kummer beschert!