Komm zu dir und erwarte nicht von ihm, sondern von seiner Schönheit Treue!

  • Warum mischst du dich unter diejenigen, die ein waches Herz haben, um dich klammheimlich an ihren Zustand heranzutasten? Wenn du deine Brust nicht verschliesst, könnte ein Pfeil dich treffen. Es steht dir nicht zu, die Zustände der Heiligen zu untersuchen, denn das könnte dir Schaden bringen.
  • Benimm dich nicht heimtückisch oder schelmisch unter den Heiligen, sondern senke deinen Kopf. Stärke mehr und mehr dein Herz und vertraue darauf, dass dort ein spiritueller König existiert, der die zerbrochenen und kranken Herzen heilt.
  • Wenn du dich von geistigen Krankheiten befreien willst, wenn du jeden Moment betrunken sein willst, wenn du den Wunsch hast, manchmal von seinem roten Wein- und manchmal von seinem Glas, das Freude und Glück schenkt, betrunken zu sein,
  • Dann öffne deinen Mund; doch suche nicht nach dem Korken, suche nicht nach Fehlern! Kann es je im Wein der Nüchternheit einen Beigeschmack geben?
  • Mein Gelehrter! Warum erhoffst du, ohne zu überlegen von diesem Geliebten Treue und erwartest Zuneigung? Genügt es dir nicht, dass sein schönes Gesicht, welches die Menschen bezaubert, deinem Herzen Freude schenkt und deine Seele tröstet? Komm zu dir, erwarte nicht von ihm, sondern von seiner Schönheit Treue und Liebe!
  • Gestern habe ich vom Geliebten einen Brief erhalten. Im Brief berichtete er über die Befreiung vom Ego, über das Sich-Verlieren. Nachdem ich den Brief gelesen hatte, habe auch ich über den Überdruss von dieser Welt und über den Verzicht auf sie hunderte Briefe geschrieben.
  • Mein Geliebter! Deine Gestalt und meine Gestalt haben sich Wange an Wange gelegt, deine Gestalt flüsterte mir ins Ohr – entweder über ihren Herzenskummer oder über die Geschichte ihrer Seele.
  • Weil die Liebe des Geliebten in der Farbe meines Gesichts den Widerschein seiner Schönheit gesehen hat, warf er sich zu meinen Füssen, um sich zu entschuldigen für seine Ungerechtigkeit mir gegenüber wie auch wegen der Sünde, mein Herz gebrochen zu haben.
  • Oh Gottes Sonne aus Tebriz! Du kommst mitten unter uns, doch sie sehen dich nicht. Denn du kommst wie die Seele, wehst ohne Farbe wie der Morgenwind.


Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 3, Gedicht Nr. 1196
Firuzanfer, Band 6, 2569
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can