Die Geschichte vom zerfallenen Körperhaus

  • Der Nafsdieb stiehlt alles Wertvolle und Heilige im Leben, und warum wird von denen, die sich auf den Weg der Lebenskarawane begeben haben, kein Wort laut?
  • Warum bist du nicht durch den Schlaf und den Nafsdieb verletzt und verrückt über den, der doch dein Leben stiehlt und dich in Bezug auf Gott unwissend macht, sondern du bist durch den verletzt und verrückt über den, der dir vom rechten Weg berichtet – deinen Freund, der dir den Weg zeigt?
  • Der dich verletzt, der dich kränkt ist dein Scheich. Derjenige, der dir Rat gibt. Die Liebe zur Welt ist wie ein Bild, welches auf dem Wasser gemacht worden ist. Es ist nicht beständig, es vergeht.
  • Jemand sagte ständig zum Haus, in welchem er wohnte, im Geheimen: „Oh Haus, zerfalle ja nicht, und falls du zerfällst, gib mir dann wenigstens Bescheid!“
  • In einer Nacht zerfiel plötzlich das Haus. Wisst ihr, was der Mann sagte? Er sagte: „Oh Haus, was ist mit den Worten, die ich dir seit längerer Zeit gesagt habe, was ist mit den Ratschlägen? Haben meine Worte dich überhaupt erreicht?
  • Habe ich dir nicht gesagt, du sollst mir Bescheid geben, bevor du zerfällst, damit ich mit meinen Kindern einen Weg zur Flucht finden kann?
  • Oh Haus, du hast mir nicht mal eine kleine Nachricht gegeben. Ist das nicht Untreue? Haben wir nicht seit Jahren zusammengelebt? Was ist mit dieser langjährigen Freundschaft, was ist mit diesen Unterhaltungen während all der Jahre? Mitleidslos bist du über meinem Kopf eingestürzt und hast mich mit meinen Kindern in einem verwahrlosten Zustand in Tränen und Qualen zurückgelassen.“
  • Das Haus kam zu Wort: „Während Tagen und Nächten habe ich dich nicht nur einmal, sondern mehrmals benachrichtigt.
  • Es gab da und dort Trümmer und Abbrüche. Ich hatte keine Kraft mehr. ‚Komm endlich zu dir, die Zeit ist gekommen, ich werde zerfallen!‘, habe ich gerufen. Ich habe dich über meinen Zustand offen benachrichtigt.
  • Doch du hast die Risse, die wie ein Mund offen standen, zornig mit Lehm beschmiert. Meine Wände waren voller Löcher. Doch du hast diese Löcher mit Lehm vollgestopft.
  • Wo immer auch ich meinen Mund aufgetan habe, hast du meinen Mund zugemacht, du hast mich nicht sprechen lassen! Was soll ich dir sagen, oh Architekt?“
  • Dieses Haus, von dem hier erzählt wird, ist das Körperhaus. Wisse also: Die Schmerzen zeigen die Trümmer, die Risse. Oh Kranker! Du stopfst die Löcher, die sich durch die Schmerzen im Körper zeigen, mit Medikamenten.
  • Dieses Medikament, diese Paste ist wie Lehm mit Stroh. Los, beschmiere du nur die Wunden und Risse mit diesem Strohlehm!
  • Dein Körper macht den Mund auf und spricht zu dir im „Hâl-Zustand“: „Ich bin gegangen, doch der Arzt kommt und verschliesst seinen Mund, er wird den Körper nicht sprechen lassen.“
  • Wisse, dass diese Betrunkenheit, diese Verrücktheit vom Todeswein kommt! Verlasse den Veilchenwein, den Granatapfelwein – der Todeswein ist dir genug.
  • Falls du trinkst, dann trinke weil es so der Brauch ist! Denn es ist zum Verdecken des Gesichts. Doch wie kannst du vor Gott, der alles weiss, dein inneres Gesicht verstecken? Wie kannst du es verdecken?
  • Trink den Wein der Reue, den Wein, der dich Gott zuwendet, iss das Liebesbrot Gottes, mach aus Reue eine Paste und streiche sie dir auf die Wunden, die durch die Sünden entstanden sind! Ernähre dich mit der Nahrung der Vergebung!
  • Schau auf den Puls deines Herzens und deines Glaubens, schaue, wie du bist. Und schau auch mal auf die Flasche des Gebets, versuche zu verstehen, was deine geistige Krankheit ist!
  • Komm zu dir und suche Zuflucht bei Gott, renn zu Ihm! Denn das Lebenselixier ist Er. Bitte bei jedem Atemzug Ihn um Hilfe!
  • Wenn jemand zu dir sagt, „Das Wünschen nützt nichts!“, dann sag du zu dieser Person, „Wenn der Wunsch von Gott gewünscht wird, wie kann es nichts nützen?“
  • Wer ist Mürid, der Schüler? – Derjenige, der eilends wünscht; denn der Wunsch ist dem der wünscht wie die Jagd dem Jäger.
  • Wenn mein Geliebter mich nicht wollte, warum hat er mir dann den Wunsch nach ihm gegeben? Und warum hat er mich in Sehnsucht nach seinen schönen Wangen erblassen lassen?
  • Wenn seine Blicke mich nicht mit Liebespfeilen verletzt haben, warum ist dann mein Herz voller Blut? Warum treten blutige Tränen mir aus den Augen?
  • Weil der Herbst den Frühling wünscht und Sehnsucht nach ihm hat, ist er verwelkt und in Kummer. Ist nicht dann durch dieses Verwelken, durch diesen Kummer der Frühlings-Scheich zu ihm gegangen und hat sich mit ihm vereint?
  • Du hast den Frühling gewünscht und der Herbst ist wieder auferstanden, ist nicht in totem Zustand geblieben. Wie könnte es dann sein, dass derjenige, der Gott wünscht, zum Leichnam wird, auf der Strecke bleibt, zu Erde wird und vergeht?
  • Komm zum Garten und betrachte und du wirst sehen: „Findet nicht alles, was es verdient?“ Jeder einzelne Samen wird zu jener Blume, die er verdient.
  • Oh meine Seele, das Kleid des Frühlings ist ebenso grün wie das derjenigen, die auf der Kanzel predigen. Oh Dost! Sei du nur still und lass die Zunge des geistigen Zustands, die Zunge des Herzens sprechen.

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 2, Gedicht Nr. 553
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

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