Verliere dich restlos, rette dich von dir selbst!

  • Du möchtest gehen, doch ich schwöre bei Gott, ich werde dich nicht einfach so gehen lassen. Denn das Gehen von einem solch wunderschönen Geschöpf wie du es bist, wäre für mich eine Katastrophe, ein Weltuntergang.
  • Die Liebesarmee ist gekommen. Hat das Land der Ungläubigen erobert. Oh wandernder Freund! Höre du nun auf den Schlag des Tadeltrommels, der die Ungläubigkeit verwarnt!
  • Wirf dein Herz, mit weltlichen Wünschen überfüllt, dein Leben vor die Soldaten der Liebe. Sie sollen es töten, damit du vom Herz und vom Leben gerettet bist! Und deinen Körper – zerreisse ihn selbst wie einen Kaftan! Rette dich endlich vor Allem! Sprich weder von deren Werk und Nachricht, noch von deren Zeichen! Rette dich restlos vor dir selbst und verliere dich!
  • Nun bin ich nicht mehr bei mir, ich habe mich vor mir gerettet und habe den Weg des Denkens abgeschnitten. Ich bin betrunken – oh Mundschenk, gib mir trotzdem von diesem Liebeswein, mach mich gänzlich betrunken, errette mich restlos von meinem Ego, erlöse mich von meiner Existenz!
  • Los, springe, stehe auf; trete mit deinem Fuss auf dein Ego, nimm dich unter die Füsse! Los, fliege mit den Flügeln der Liebe – fliege, um dich von der Undankbarkeit, von der Dankbarkeit, von allen Fesseln zu lösen!
  • Oh Liebe! Rufe wie Moses zum Pharao der Nafs, welcher sich über alle erhöhte: „Oh Pharao! Stell dich vor mich hin, ich habe sowohl die Tür als auch das Dach deines Palastes erobert!“ Sage ihm so und schneide ihm den Kopf ab!
  • Bevor du seinen Kopf abschneidest, sag ihm: „Ich bin aus der unsichtbaren Welt mit der Liebesarmee gekommen. Geh vor, du bedauernswerter Grausamer! Du bist nun vom Thron gestossen!“
  • Zu was ich mich auch hingezogen fühlte – ausser zu der Liebe – habe ich von dem Geschmack und der Schönheit nichts anderes als Bedauern gespürt. Das Vergnügen, das ich dabei empfunden habe, war mein Bedauern nicht wert.
  • Wenn du schon am Wasserbecken der Liebe bist, ohne etwas verloren zu haben, kehre nicht zurück! In diesem Becken ist das ewige Lebenswasser. Und am Rande ist der Ort, wo man sitzen und sich vergnügen kann.
  • Wenn du in dieses Wasserbecken der Liebe hineinfällst, gib deine ganze Existenz her. Gib dich restlos hin und spiel nicht den grossen Schwimmer, indem du mit Händen und Füssen zappelst und versuchst, wieder von dort herauszukommen!
  • Gib dich vollständig dieser Liebe hin, überlasse dich ihr und schweige! Du bist nicht der Imam der Gesellschaft! Hier kann niemand, ausser der Liebe, Imam sein!


Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 1, Gedicht Nr. 153
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

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