In meiner Konfession gibt es kein schwereres Verbrechen, als sich zu behaupten.

  • Der Hahn hat gerufen! Los! Wach auf vom Schlaf der Unachtsamkeit, komm zu dir; es ist die Zeit gekommen, den geistigen Wein zu trinken, den die Morgendämmerung denen mit offenem Herzen anbietet! Ich kann über dessen Gnade nicht lange erzählen – für einen Klugen und Verständnisvollen ist ein Zeichen genug!
  • Du bist ohnehin wach, klug und hast ein reines Herz! Bring den geistigen Wein und erfreue mein Herz! Und lass uns in diesem Sinne miteinander ins Geschäft kommen!
  • Nimm die Ney in deine Hand und hauche! Die segensreiche Morgendämmerung weint unserer Schläfrigkeit wegen ohnehin und wehklagt! Und der Ceng (Saiteninstrument) beklagt sich wegen der Trennung!
  • Offeriere uns vom goldfarbenen Wein und erlöse uns von uns selbst! In unserer Konfession gibt es kein schwereres Verbrechen, als eingebildet zu sein und sich zu behaupten.
  • Die Nafs sind gierig und launisch; sie sind geizig und in weltliches Eigentum verliebt und lieben den Klatsch! Wegen diesen schlechten Eigenschaften sind sie unwissend in Bezug auf deinen verborgenen Schatz des Erbarmens.
  • Oh Seele! Komm zu dir, sage nicht: „Ich habe keine Kraft mich anzustrengen!“ Verlasse deine sinnlosen Ansichten, du bist nicht kraftlos!
  • Du nimmst die vielen Unannehmlichkeiten von anderen auf dich, bemühst dich aber nicht, den Schatz zu finden, der in dir selber steckt! Das ist Faulheit, Kleinlichkeit, Niedrigkeit!
  • Das, was du im Herz hast, ist in deinem Wort, ist in deinem Jammern versteckt! Und es kommt durch deine Worte, durch dein Jammern, welche sich sammeln und einen Heidenlärm verursachen, zum Vorschein.
  • Die Seele und das Herz des Schülers können sich von der sinnlichen Lust des Egoismus durch nichts als nur durch dein sauberes Meer reinigen.
  • Diejenigen, die sich davor fürchten Sünden zu begehen, die ein reines Herz haben, sind Tag und Nacht in der Wüste auf dem Weg – sie möchten zur Kaaba! In Wirklichkeit kommt die Kaaba ihnen entgegen, um sie aufzusuchen und zu empfangen.
  • Die Seele wirft sich vor ihr nieder, bedankt sich für ihre Existenz! Oh mein Gott! Die Seele ist durch das Dich-Anbeten führend geworden, sie ist hocherhaben geworden!
  • Alles, jedes Staubkörnchen, bestätigt in einer anderen Art und Weise die Gnade und Güte in seinem Lachen, die der Sonne gleichen, und gibt von ihnen Zeugnis ab.
  • Jeder - alles sucht Dich; sie haben sich in Deinem Wohnviertel zurückgezogen, ihr Gesicht zur Kaaba Deiner Gnade und Güte gerichtet und beten!
  • Manchmal verbeugen sie sich vor Deiner Tür wie der Ceng und manchmal rufen sie nach dem Gebet mit der Hoffnung Deines Hauches wie die Ney!
  • Genug, oh Verstand! Verlass dieses traurige Jammergeschrei, erzähle nicht diese betrübliche Geschichte! Das mutige Herz nimmt den Geruch der Wahrheit nicht durch das Sprechen, sondern durch das Schweigen!

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 3, Gedicht Nr. 1316
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can