Frühling im Herzen

  • Dieses Herz hat in sich selbst die Jahreszeit des Frühlings entdeckt! In der Morgendämmerung, als alles noch schlief, ging es in sich hinein und erblickte dort eine Wiese, die niemand je zuvor gesehen hatte, und es betrachtete einen Rosengarten, von dem noch nie jemand gehört hatte.
  • Auf der Wiese stand ein Palast, in dem die Seele des Verliebten, des weltlichen Lebens überdrüssig, Frieden und Ruhe fand; dort gab es Küsse ohne Lippen und Umarmungen ohne Arme!
  • Sogar der Paradiesgarten wäre gerne Diener und Sklave dieses Rosengartens; könnte er dieses Grün und diese Rosen sehen, so würde er sich schämen und in Verwirrung geraten!
  • Überall auf der grünen Wiese gab es Freude, eine Sema-Gesellschaft; und unter jedem Baum fand sich einzigartige Schönheit!
  • Wenn ein alter Mann mit grauem Bart, schneeweiss geworden wie „Gâfur“, dorthin käme, so verwandelte er sich sofort in einen Jüngling mit Rosenwangen und Moschushaar.
  • Als die Seele diese Schönheiten sah, zerriss sie wie ein Löwe ihre Ketten und rannte wie ein Wahnsinniger davon!
  • Ich fragte: „Wo ist sie hin?“ - und verfolgte die Seele! Ich verfolgte sie, aber die Verfolgung bescherte mir grosse Unannehmlichkeiten!
  • Auf der weiten Wiese, im Rosengarten sah ich verlockende, die Augen verzaubernde, einzigartige Paläste; doch ich konnte nicht einmal ein Staubkörnchen von der Spur der Seele entdecken!
  • Komm, du wertvoller Freund, und erzähle mir von diesem Geheimnis! Wird die Seele wohl je zurückkehren? Wenn nicht, dann komm wenigstens du zurück!
  • Bring mir von dort irgendein Andenken mit! So kann ich mein Schattenwesen, meinen Körper, der mich zum Schlechten und zu den Sünden zieht, fangen und dorthin bringen, um ihn an den Galgen zu hängen, und mich so von ihm befreien!

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 3, Gedicht Nr. 1347
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can