Gefühle von Lieben und Respekt für Hz. Shems aus Tebriz

  • Mag sich der Neidische auch verletzt fühlen, so erzähle du dennoch von den Eigenschaften dieses grossen Wesens (Shems aus Tebriz). Erzähle ohne zu zögern von seiner Überlegenheit. Der Neid hat sich unter diesem Himmelsgewölbe ohnehin seit jeher nicht verringert.
  • Ich bin gestern um Mitternacht aufgestanden und habe gesehen, dass das „Herz“ verschwunden war! „Was ist geschehen, wohin ist es gegangen?“ fragte ich und suchte es überall ums Haus, habe es aber nirgendwo gefunden.
  • So verliess ich mein eigenes Haus. Ich begann, von Haus zu Haus zu suchen. Endlich habe ich das arme Herz gefunden. Es hatte sich irgendwo niedergeworfen und rief: „Oh Herr, oh Herr!“
  • Ich schaute hin: Mit wem wünscht es sich zu vereinen, wen fleht es so an? und hörte gespannt zu. Da hörte ich es unter Tränen sagen:
  • „Das Verborgene und das Offenkundige liegt vor dir. So wie du alles weisst, kennst du natürlich auch dieses. Mein Verborgenes ist das „Liebesfeuer“ in mir; das Offensichtliche ist mein Klagen, mein Flehen und mein Bitten“.
  • Das Herz zählte die Taten und die Eigenschaften dieses Königs auf, doch seinen Namen nannte es nicht. In der Dunkelheit der Nacht, als alle schliefen, versank es in Flehen und Bitten.
  • Es sagte dabei mit den Lippenspitzen im Verborgenen: „Ich habe seinen Namen nicht nennen können, doch dieser Name riecht besser noch als Aloeholz, sein Duft verströmt sich überall.“
  • Das Herz sagte: „Oh mein liebender, geliebter Herr! Ich habe Angst und scheue mich, dass vielleicht ein Mensch meine Worte mitten in der Nacht hören könnte.
  • Ich fürchte mich, dass jemand seinen Namen hört und ihm nicht die gebührende Ehre erweist. Eine Respektlosigkeit gegenüber diesem schönen Namen wäre für mich schwer zu ertragen.
  • Doch wenn ein anderer den Namen hörte und ihm Liebe und Respekt zeigte, würde diesmal die Eifersucht mich verbrennen“. So war das Herz, das in der Mitternacht flehte, verwirrt und wusste nicht, was es tun sollte.
  • Da kam eine leise Stimme aus dem Jenseits in das Herz: „Gedenke des Namens deines Geliebten, oh sturer Verwirrter, hab keine Angst, sei nicht bekümmert; scheue dich vor niemandem!
  • Sein Name ist der Schlüssel zum Wunsch deines Herzens. Schnell, gedenke seines Namens! Gedenke seiner, damit er dir sofort die Tür öffnet!“
  • Das Herz jedoch konnte aus Angst vor dem Neid seines Namens nicht gedenken. So blieb die Tür verschlossen. Dies dauerte bis zur Morgendämmerung. Da wurde es plötzlich Tag. Die Sonne ging auf, zeigte ihr Gesicht.
  • Auf die tausend Bitten der Stimme aus dem Jenseits konnte das Herz nur „Tebriz“ sagen. Es verlor den Verstand, verlor sich selbst.
  • Und als es sich verlor, umfasste und schmückte der Efendi aller Efendis, Schemseddin - dies ist der Name dieses Meeres der Grosszügigkeit -, das Gesicht des Herzens.

 

Hz. Mevlana, Divan-i Kebir
Band 1, Gedicht Nr. 366
Übersetzung ins Türkische von Şefik Can

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