Frauen und Islam (Januar 2003)

DIE FRAU IM ISLAM
Eine Tür öffnen zum Islam

11./12. Januar 2003 Im evangelischen Tagungs- und Studienzentrum Boldern, Männedorf

(Zusammengetragen von Tülin Özgür, Januar 2003)

 

Einleitung

Ursprünglich bildeten die Menschen eine einzige Rasse und eine einzige Nation, dann beschloss Allah, sie in Familien, Stämme und Nationen aufzuteilen, damit sie das gegenseitige Verständnis erlernen (Koran 2:213, 10:19, 49:13).

Zweck dieses Dokuments ist es, einen kleinen Einblick zur Stellung der Frau im Islam zu geben. Dabei dienen als Quelle einerseits der Koran und andererseits die Hadithen, überlieferte Lebensführung des Propheten Muhammads (s.a.), der als die lebendige Verkörperung der göttlichen Gesetzte gilt.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass es um ein gänzlich anderes Denksystem und Weltbild geht, die in vielem nicht dem Wertesystem des Westens entspricht.

 

Psychologin Dr. Michaele M. Özelsel: “Will man eine fremde Kultur erkennen, indem man von der eigenen ausgeht, so kommt ein Vergleich, aber kein Verstehen dabei heraus. Und von Vergleichen wissen wir, dass sie meist zugunsten des Vertrauten, Bekannten ausgehen. Wir haben dann das Ergebnis vorprogrammiert; unsere eigene Kultur, Religion, Sichtweise etc. ist die bessere, die richtigere. Weiterhin ist ein Verständnis eines anderen Systems auch immer zeitkontextabhängig. D.h., dass die sozialen Reformen unerhörten Ausmasses, die von Muhammad (s.a.) eingeleitet wurden, auf dem Hintergrund seiner Zeit betrachtet werden müssen”.

 

Stellung der Frau im Koran

Dieses Studium führt zu beträchtlichen Schwierigkeiten, da die heilige Schrift des Islam  kontextabhängig zu verstehen ist. Werden die Situationen, in denen die verschiedenen Suren und Verse offenbart wurden, nicht beachtet, erscheint der Koran zu einigen Themen sogar inkonsistent. Darauf wird auch im heiligen Buch des Islam selbst hingewiesen:

Darin (im Koran) sind Verse von entscheidender Bedeutung - sie sind die Grundlage des Buches - und andere, die verschiedener Deutungsfähig sind. Die aber, in deren Herzen Verderbnis wohnt suchen gerade jene heraus, die verschiedener Deutung fähig sind,  im Trachten nach Zwiespalt und im Trachten nach Deutelei. (Koran 3:7)

Hz. Mevlana Celaleddin Rumi wies darauf hin, dass der Koran auf verschiedenen Ebenen zu verstehen ist: “Der Koran ist ein doppelseitiger Brokat. Einige geniessen die eine Seite, andere die andere. Beide sind wahr und richtig, da Gott der Erhabene wünscht, dass beide Gruppen davon Nutzen ziehen”.

Trotz dieser Schwierigkeit die koranischen Vorschriften auslegen zu können, sind im folgenden einige relevante Verse des Korans zitiert.
Die Gleichheit vor Gott, die der Koran betont, beginnt im wahrsten Sinne des Wortes schon bei Adam und Eva. Aus islamischer Sicht ist Eva keineswegs die Verführerin. Beide machen sich in vollster Eigenverantwortlichkeit gleichermaßen schuldig und beiden wird gleichermaßen von Gott vergeben.

Oh Adam, soll ich dich zum Baume der Ewigkeit führen und zu einem Königreich, das nimmer vergeht? Da aßen sie beide davon, so dass ihre Blöße ihnen offenbar wurde. (Koran 20:121-122)

 

Ein Prophetenausspruch, der seine Hochachtung vor Frauen widerspiegelt:

Der Beste unter Euch ist der, der seiner Frau am besten ist. (Hadith)

 

Der Prophet hat die Frauen nicht aus naturhaften Gründen geliebt, nein “er liebte sie, weil Gott sie ihm liebenswert gemacht hatte”: Lieb wurden mir gemacht von Eurer Welt drei Dinge: die Frauen, die Wohlgerüche und das Gebet als Augentrost. Hadith
Ibn al Arabi (13. Jh), einer der bekanntesten Theologen des Islam, interpretiert diesen Ausspruch vor allem im Sinne der Göttlichkeit der Frau: "Was nun den tieferen Sinn des Wortes 'Wohlgeruch' und seine Stellung nach den Frauen betrifft, so ist dies darin begründet, dass die Frauen die Düfte des Erschaffens an sich tragen "... (Die Frau) ist eine nach Allahs Ebenbild erfolgte Schöpfung... Die Anschauung Allahs in der Frau ist aber vollkommener und vollständiger (als die im Manne). Aus diesem Grunde liebte der Gesandte Allahs die Frauen, weil nämlich seine Gottesanschauung in ihnen am vollständigsten war. Denn niemals kann man Allah losgelöst von jeder sinnlichen Materie erschauen... Der (göttliche) Geist ist für den unerkennbar, der seiner Frau oder einem anderen Weibe nur insofern beiwohnt, als es sich um die bloße Sinnenlust handelt, ohne zu wissen, an was für einem Wesen (der vollkommensten irdischen Manifestation Allahs) er sich ergötzt. Wüsste er, an wem er sich ergötzt, er wäre denn ein vollkommener Mensch... Indem er in dem Wesen (Frau), in das er sich versenkt hat, Allah erschaue, denn tatsächlich verhält es sich ja gar nicht anders als eben so.

 

Gleichheit in der Ungleichheit

Obwohl von Frauen im allgemeinen eine größere Zurückhaltung in der Öffentlichkeit erwartet wird, gelten viele der "Anstandsgebote" trotz der Betonung der gottgewollten Ungleichheit gleichermaßen für Männer. Das ist im Westen weitgehend unbekannt. (Michaele M. Özelsel) In etlichen Versen wendet sich der Koran gleichzeitig an Frauen und Männer und zeigt mit genau diesen ethischen Weisungen, dass zwischen beiden kein Unterschied ist. Dazu die folgenden Koranverse:
Und begehret nicht das, womit Allah den einen von euch vor dem andern auszeichnet. Den Männern soll sein ein Anteil nach Verdienst, und den Frauen ein Anteil nach Verdienst; und bittet Allah um seine Huld. (Koran 4:32)
Und diejenigen, welche die gläubigen Männer und Frauen unverdienterweise verletzen, die haben (die Schuld der) Verleumdung und offenkundiger Sünde zu tragen. (Koran 33:58)

 

Ein wichtiger Punkt bei der Betrachtung der Gleichstellung der Frau im Islam ist, dass sie dem Mann auf geistiger, moralischer und intellektueller Ebene ebenbürtig ist. Eine weitere Fehlannahme ist, die oft vertretene Ansicht, das islamische Paradies sei nur "für die Männer da". Auch hier sollen einige Koranzitate für sich selbst sprechen (Michale M. Özelsel):
Allah hat den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen Gärten verheissen, die von Strömen durchflossen werden, immerdar darin zu weilen, und herrliche Wohnstätten in den Gärten der Ewigkeit. Allahs Wohlgefallen aber ist das Grösste. Das ist die höchste Glückseligkeit. (Koran 9:72)
Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die standhaften Männer und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Männer, die Almosen geben, und die Frauen, die Almosen geben, die Männer, die fasten und die Frauen, die fasten, die Männer, die ihre Keuschheit wahren, und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren, die Männer, die Allahs häufig gedenken und die Frauen, die Allahs häufig gedenken - Allah hat ihnen Vergebung und herrlichen Lohn bereitet. (Koran 33:35)
O ihr Menschen, siehe, wir erschufen euch von einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennet. Siehe, der am meisten Geehrte von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch; siehe, Allah ist wissend und kundig. (Koran 49:13)

Wer das Rechte tut, sei es Mann oder Frau, wenn er nur gläubig ist, den wollen wir lebendig machen zu einem guten Leben und wollen ihn belohnen für seine besten Werke. (16:97)

 

Eheschliessung

Als kleinste Einheit der Gemeinschaft hat die Familie eine zentrale Bedeutung. Allah macht keinen Wertunterschied zwischen Frau und Mann, also zwischen seinen Geschöpfen. Daher steht die Familienbildung nach dem Koran im Zeichen gegenseitigen Friedens, gegenseitiger Liebe und Barmherzigkeit und der daraus resultierenden Ausgeglichenheit (Koran 30:21).

Konform zu diesem Ideal gelten Mann und Frau in der Ehe im gleichen Masse als Schutz füreinander (2:187).

Die Ehe hat jedoch im Islam eine andere Bedeutung als im Abendland. Es ist eher ein rechtlicher Zivilvertrag: “gegenseitige Versorgung, soziale Ordnung, Regelung der gottgewollten Sexualität, keinesfalls ein heiliger, endgültiger Bund”. (Bousquet, 1966)

Die Gültigkeit dieses Vertrages beruht alleinig auf dem Einverständnis der beiden vertragsschliessenden Parteien ab, eine eheliche Beziehung einzugehen, die im Beisein zweier Zeugen vollzogen wird. In jedem Falle hat die Frau ein Anrecht auf das so genannte Brautgeld, das sie bekommt. Die Höhe dieses Geldes variiert, es soll auf jeden Fall die Frau im Scheidungsfall mindestens 4 bis 6 Monate versorgen können. (Engin Topal)

Die Frau behält ihre juristische Identität, und ihre Vor- und Nachnamen bleiben auch bei einer Heirat erhalten. 

Nenne Sie nach den Namen ihrer Väter, dies ist gerechter vor Gott... (Koran 33:5)

Den Aussprüchen des Propheten nach, kann man entnehmen, dass die Ehe als eine heilige und zu pflegende Instanz gilt. In der Ehe wird von der Frau nicht verlangt, ihren Ehemann als ihren Herrn zu behandeln. Herrschaft gebührt wahrlich nur Gott allein.

Im Islam gibt es das Prinzip der Ergänzung zwischen dem Mann und der Frau. In Meinungsverschiedenheiten wird dem Mann die Verantwortung für das letzte Wort gegeben. Dieses scheinbare Privileg geht aber damit einher, dass dem Mann zugleich der Lebensunterhalt der Familie aufgetragen ist, d.h. der Mann hat die Verpflichtung seine Frau gut zu versorgen, ihr Wohlbefinden sicherzustellen. (Islam. Hochschulvereinigung, Engin Topal)

 

Die islamische Sicht der Sexualität

Die beidseitige Fürsorglichkeit in der Sexualität, - im Koran wie folgt ausgedrückt:

Und zu seinen Zeichen gehört es, dass er euch von euch selber Gattinnen erschuf, auf dass ihr ihnen beiwohnet, und er hat zwischen euch Liebe und Zärtlichkeit gesetzt. Siehe, hierin sind wahrlich Zeichen für nachdenkende Leute. (Koran 30:21)

So, wie die Kleidung Wärme, Schutz und Anstand verleiht, so bieten sich Ehemann und Ehefrau gegenseitig Vertrautheit, Trost und Schutz vor Ehebruch oder anderen Vergehen:

Erlaubt ist Euch, in der Nacht des Fastens eure Frauen heimzusuchen. Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid. (Koran 2:187)
Diejenigen, welche züchtige, ahnungslose, gläubige Frauen verleumden, sind verflucht hienieden und im Jenseits, Ihrer harrt schwere Strafe. (Koran 24:23)

Der Prophet hat versichert, es sei ein Ausdruck von Charakterschwäche, wenn ein Mann seiner Sklavin oder seiner Frau sich nähert und ihr beiwohnt, ohne ihr Zärtlichkeiten zu sagen und sie zu liebkosen. “Keiner komme mit seiner Frau zusammen, um sich an ihr zu vergreifen, vielmehr soll zwischen ihnen ein Bote sein”. Als man ihn fragte, was für einen Boten er meine, antwortete er: “Küsse und Worte”. (Mernissi, 1987)

 

Mehrehe

Heute gibt es bestimmt in der westlichen Welt mehr sogenannte Dreiecksbeziehungen als die verpönte Mehrehe im Islam. Hier wurde bewusst die Bezeichnung Polygamie vermieden, da diese eine uneingeschränkte Anzahl von Eheverträgen einschliessen würde, wobei es im koranischen Sinne die Mehrehe auf vier Frauen beschränkt ist. (Islam. Hochschulvereinigung, Engin Topal)

Diese Mehrehe war nicht, um die Lust der Männer zu befriedigen, sondern um unter anderem die Versorgung  geschiedener und verwitweter Frauen nach einem Krieg zu gewährleisten. Die Mehrehe ist keine Pflicht und unter den Muslimen eher die Ausnahme.

...heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber befürchtet, (so viele) nicht gerecht zu (be)handeln, dann (nur) eine, oder was ihr (an Sklavinnen) besitzt. (Koran 4:3)

Und ihr werdet die Frauen, (die ihr zu gleicher Zeit als Ehefrauen habt) nicht (wirklich) gerecht behandeln können, mögt ihr noch so sehr darauf aus sein. (Koran 4:129)

 

Scheidung und Erbschaft

Der Ehevertrag im Islam ist auf eine harmonische Beziehung eingestellt, aber wenn sich dieses Eheleben als unglücklich erweisen sollte, haben Mann und Frau das Recht die Trennung der Ehe vorzunehmen. Die Ausübung dieses Rechtes ist der Kontrolle und Bedingungen unterstellt, um sicher zu gehen, dass die Scheidung als letzter Ausweg gewählt wurde.

Und so ihr einen Bruch zwischen beiden befürchtet, dann sendet einen Schiedsrichter von ihrer Familie und einen Schiedsrichter von seiner Familie. Wollen sie sich aussöhnen, so wird Allah Frieden zwischen ihnen stiften. (Koran 4:35)

... Und es ist euch nicht erlaubt, etwas von dem, was ihr ihnen gabt, zu nehmen... (Koran 2:229)

Und so ihr euch von euern Frauen scheidet und sie ihre Frist erreicht haben, so haltet sie fest in Güte oder entlasset sie in Güte; und haltet sie nicht fest mit Gewalt, so dass ihr euch vergeht. Wer dieses tut, der sündigt wider sich... (Koran 2:231)  

Und wer von euern Frauen Unziemliches begeht, so nehmet vier von euch zu Zeugen wider sie. Und so sie es bezeugen, so schliesset sie ein in die Häuser, bis der Tod ihnen naht oder Allah ihnen einen Weg gibt. (Koran 4:15)  

O ihr, die ihr glaubt, nicht ist euch erlaubt, Frauen wider ihren Willen zu beerben. Und hindert sie nicht an der Verheiratung mit einem andern, um einen Teil von dem, was ihr ihnen gabt, ihnen zu nehmen, es sei denn, sie hätten offenkundig Schändlichkeit begangen. Verkehrt in Billigkeit mit ihnen; und so ihr Abscheu wider sie empfindet, empfindet ihr vielleicht Abscheu wider etwas, in das Allah reiches Gut gelegt hat. (Koran 4:19)  

O Prophet, sprich zu deinen Gattinnen: “So ihr das irdische Leben begehrt mit seinem Schmuck, so kommet her; ich will euch ausstatten und will euch geziemend entlassen. (Koran 33:28)

 

Rechte und Pflichten der Frau

Die Frau hat im Islam u.a. folgende Rechte und Pflichten: Grundsätzlich gilt, dass die Frau, was die Anbetung Gottes, Bestrafung oder Belohnung und den ihr gebührenden Respekt als Geschöpf Gottes betrifft, auf derselben Stufe wie der Mann steht. Sie soll in allen Bereichen die gleiche Erziehung wie der Mann genießen. Das gilt auch für die Schulbildung, denn im Islam ist es die Pflicht eines jeden Muslims, nach Wissen zu streben.

...Frauen haben euch gegenüber Rechte, so wie ihr ihnen gegenüber Rechte habt... (Koran 2:228)

Bei der Heirat hat sie das Recht von ihrem Ehemann die Zahlung einer so genannten Morgengabe (mahr) zu verlangen. Dies ist eine vertraglich festgelegte Summe, die die Frau bei der Heirat von ihrem Gatten erhält und die nach islamischem Recht als Heiratsgut gilt. Ohne diese Morgengabe ist die Heirat ungültig. (Islam. Hochschulvereinigung, Engin Topal)

...Und gebet den Frauen ihre Morgengabe freiwillig... (Koran 4:4)

Nach islamischem Recht darf die Frau uneingeschränkt über ihr Vermögen verfügen. Auch beim Erwerb von Besitz hat sie Rechte wie der Mann. Bei Erbschaften wird die Frau nach einem im Koran genannten Schlüssel mit berücksichtigt (Koran 4:11-12).

Der folgende Vers führt oft zu Ärgernissen und Fehlverhalten:

Die Männer sind den Frauen überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor den andern gegeben hat, und weil sie von ihrem Geld (für die Frauen) auslegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet- warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie... (Koran 4:34)

“In einer etwas ausführlicheren Übersetzung lautet dieser: 'Wenn die Ehegattin ständig widerspenstig ist, so dass der Friede und die Harmonie der Familie bedroht sind (der Ehemann sich aber nicht scheiden lassen will), sollte der Mann sie ermahnen. Sollte sich die Ermahnung als wirkungslos erweisen, darf er sich vorübergehend vom Ehebett zurückziehen. Als letzte Zuflucht darf er auf eine leichte Züchtigung zurückgreifen'. Dieses Verhalten zeigt wohlmöglich einer Frau, dass sie ihrem Mann gegenüber Grenzen erkennen muss, will sie im Ehebund bleiben. Das Gesetz des Koran erkennt die Schwäche des Menschen an. Der Koran versucht, alle nur denkbaren Riegel vor einen solchen letzten Schritt zu setzen. Trotz allen diesen Massnahmen ist es, dem Wort des Propheten Mohammed (s.a.) folgend, nicht wünschenswert, es zu dieser Form des Versuchs, seiner Frau klar zu machen, dass ihr Verhalten zum Ruin der Familie führt, kommen zu lassen”.

“Der Prophet Mohammed (s.a.) hat kategorisch erklärt, dass er seine Frauen nicht schlage und dass er eine solche Verhaltensweise auch von den wahrhaft rechtschaffenen Muslimen erwarte. Dennoch war es bei den Arabern Sitte, in extremen Situationen eine Frau körperlich zu bestrafen. Der Prophet gab seinerseits ein gutes Beispiel, es war jedoch nicht möglich, diese Tradition körperlicher Bestrafung total auszurotten”. (Emine Meral)

 

Die Bildung gehört zu den Pflichten jeden Muslims und ist einer von Muhammad (s.a.) eingeleiteten Reformen:

Das Streben nach Wissen ist eine heilige Pflicht für jeden Muslim, Mann und Frau. (Hadith)

Weiterhin wird die Stellung der Frau im Islam aus dem Studium der Frauen in der islamischen Geschichte und zu Lebzeiten Muhammads (s.a.) erkennbar.

“Frauen spielten jedoch zu allen Zeiten wichtige Rollen im öffentlichen Leben als Gelehrte, Wissenschaftlerinnen, Philosophinnen etc. Bevor sich die rigorosere Geschlechtertrennung entwickelte, gab es auf dem Gebiet der Wissenschaft regen Austausch und Zusammenarbeit von Mann und Frau. Es war auch durchaus üblich, dass Ehepartner ihre intellektuellen Interessen miteinander teilten. Bedeutende Wissenschaftlerinnen, die öffentlich lehrten, gab es nachweislich bis ins 19. Jahrhundert”. (Krause, 1988)

 

Bekleidung, Bedeckung, Verhüllung

Die Motive von Musliminnen, ein Kopftuch - Djibab, Tschador - zu tragen, können unterschiedlicher Art sein. Viele fassen die Verhüllung des Kopfes als selbstverständliche islamische Tradition auf, die nicht hinterfragt wird und zum Leben als Muslimin einfach dazu gehört. Andere hingegen legen sich, insbesondere nach einer individuellen Hinwendung zum Islam oder durch Konversion, das Kopftuch als bewusstes Zeichen des Glaubens an. Es gibt auch muslimische Frauen die ihr Kopftuch mit der nicht seltenen Aussage begründen, dass sie nicht wie ihre westlichen Geschlechtsgenossinnen nur als Sexobjekte wahrgenommen werden wollen. Dann gibt es auch Musliminnen, die sich gegen einen Verhüllungszwang, im Sinne der ihnen traditionell zustehenden absoluten Eigenverantwortlichkeit des Handelns und dem Grundsatz, dass in der Religion kein Zwang herrscht, wehren (10:100).

Dieses Thema gehört zu den am Meist diskutierten Symbolen islamischen Glaubens. Für die einen Zeichen der Unterdrückung der Frau, für die anderen Ausdruck ihrer individuellen Religiosität.

O Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher erkannt und werden nicht verletzt. (Koran 33:59)

Und sprich zu den gläubigen Frauen ... dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was aussen ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder Vätern usw., die keinen Trieb haben... (Koran 24:31)

 

Tradition, Religion und Interpretation

Keine Religion durchdringt so das ganze Leben, das öffentliche wie das private, wie der Islam. Doch abgesehen davon hat der Islam nicht allein die Position der Frauen in den islamischen Gesellschaften bestimmt. Viele Wertvorstellungen und Bräuche, die das Leben von Frauen in islamischen Ländern bis heute bestimmen, sind nicht im frühen Islam kodifiziert. Zu den durch den Islam bedingten Vorschriften und Rollenzuweisungen kommen wie überall andere Faktoren hinzu, wie beispielsweise die historische und ökonomische Situation des jeweiligen Landes, die soziale und wirtschaftliche Position der Familie, der die Frau angehört. Zudem spielen auch individuelle Fähigkeiten, Intelligenz und Bildungsstand eine wichtige Rolle. Ein Netz vielfach miteinander verknüpfter Faktoren, das von Religion nicht zu trennen ist.

Auf die Frage: Ist es der islamische Glaube, dem die Schuld für die Fehlentwicklung in der Rolle der Frau zugewiesen werden kann, lautet die Antwort, dass die jeweilige Kultur und Tradition aber auch das patriarchalische Denken dafür verantwortlich sind.

 “Dass das männliche Prinzip zumindest im praktischen Leben immer wieder dominiert, ist in allen Religionen und Kulturen bekannt, und es ist unleugbar, dass im Islam viel Leid über die Frauen gekommen ist, weil einfache koranische Vorschriften im Laufe der Jahrhunderte immer enger ausgelegt werden, weil Sitten und Anschauungen, die sich absolut nicht aus dem Koran ableiten lassen, durch eine zunehmende Erstarrung geradezu kanonischen Charakter angenommen haben.

Vieles von dem, was heute als “islamisch” dargestellt wird, gehört zu diesen immer starrer werdenden Schichten. Andererseits müssen wir uns hüten, unsere Vorstellungen, die einer liberalen, oft aber auch einer “hemmungslosen” Auslegung des Begriffs “Freiheit” entstammen, als Ideale für alle Welt anzusehen – und Sitten und Gebräuche, die uns nicht gefallen, als altmodisch abzutun, ja zu verdammen”. (Annamarie Schimmel)

 

Die Musliminnen heute

Seit langem bemühen sich islamische Reformer um eine Verbesserung der Position der Frauen in Familie und Gesellschaft. Viele von ihnen forderten, die Koran- und Hadithverse, die sich auf die Frauen beziehen, in ihrem historischen Kontext zu verstehen und sie den heutigen, veränderten Verhältnissen entsprechend, neu zu interpretieren.

Es geht bei dem neuen Herangehen an die Quellen, wie Hofmann (1992) formuliert, "keineswegs um eine Anpassung des Qur'ans an den Zeitgeist, sondern umgekehrt um die Wiedergewinnung der von ihm gewährten Flexibilität zur Lösung aktueller Probleme."

Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden? (Koran 10/100)

 

 

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