Moses und Khidr (Februar 2003)

Notizen zur Geschichte von Moses und Khidr

Von Peter Hüseyin Cunz anlässlich des Seminars "Wie aus Propheten Mystiker wurden" im Lehrhaus Zürich vom 13. Januar bis 1. Februar 2003 (drei Montag Abende)

 

Geschichte

Die Geschichte ist im Koran nachzulesen. Es ist eine Geschichte, die zum Nukleus von unzähligen Legenden und Erzählungen wurde:

Moses soll mal gesagt oder gemeint haben, er sei der weiseste aller Menschen. Darauf sagte Gott, dass ein "Diener Gottes", der "an der Stelle steht, wo die grossen Wasser zusammenkommen", bedeutend mehr an Weisheit besitzt. Da begehrte Moses, diesen Menschen zu finden. Darauf gebot ihm Gott, einen Fisch in den Korb zu nehmen und zu wandern, bis der Fisch verschwinde. Das Verschwinden des Fisches gilt als Zeichen, dass das Ziel erreicht ist. Und hier setzt die Erzählung im Koran an (18:60).

Moses und sein Bursche erreichen tatsächlich die Stelle, wo die zwei grossen Wasser sich verbinden, und der Fisch entschwindet. Und darauf treffen sie auf Khidr. Moses bittet darum, ihn auf seiner Reise begleiten zu dürfen. Dieser will aber nicht, da Moses weder die notwendige Geduld noch das notwendige wissen hat, um eine solche Reise durchzustehen. Nach eindringlichem Bitten nimmt er ihn doch mit, doch Moses ist bald entsetzt darüber, was Khidr alles an Schreckenstaten vollbringt. Schliesslich entlässt Khidr Moses, da dieser seine Reise nicht ertragen kann. Vor dem Abschied begründet Khidr seine Taten, die im Auftrag Gottes erfolgten.

Der Koran erzählt diese Legende in Sure 18:60-82.

 

Fragestellung

·        Was ist unser erster Eindruck, wenn wir diese Geschichte lesen?

·        Moses gilt auch im Islam als einen der grössten Propheten. Ein grosser Teil der koranischen Botschaft wurde schon von ihm ausgesprochen.
Und hier haben wir eine Geschichte, wo dieser grosse Prophet nicht versteht und scheitert?

·        Was sind die zwei grossen Wasser, die an einer Stelle zusammengeschlossen sind?

·        Was bedeutet der Fisch, den sie zu Beginn mit sich tragen?

·        Und wer ist dieser Khidr?

·        Was lernen wir daraus für unser Leben?

 

Erklärung

Die zwei grossen Wasser sind die zwei Quellen des Wissens:

 

'ilm az-zâhir
= erkennbar durch Beobachtung und intellektuelle Koordination äusserer Phänomene (Wissenschaften)
= diese Welt der Erscheinungen

 

'ilm al-bâtin
= erkennbar durch Intuition und mystische Sicht
= andere Welt, Welt des Seins, das Hintergründige, spirituelle Welt
= Welt der Engel (Kräfte Gottes)

Die Vereinigung beider Welten ist das eigentliche Ziel von Moses.
Es ist das "Hier und Jetzt".
Es ist dort, wo die "Gegenwart Gottes" direkt zu erfahren ist.

Jene, die eine geographische Antwort suchen, denken an das Rote Meer in Verbindung mit dem Indischen Ozean, oder sie denken an Gibraltar, wo sich das Mittelmeer und der Atlantik berühren.

Es gibt Erlebnisberichte über die Reise von dieser Welt in jene Welt und zurück. Hz. Mohammed und Hz. Jesus haben diese Himmelfahrt (arab. Mi'râj) gemacht. Von Abu Yazid (Beyezid) Bistami (gest. 874) existiert eine schöne Beschreibung (siehe "Die Miraj des Abu Yazid"). 

Der Fisch ist ein sehr altes Symbol und steht unter anderem für göttliche Weisheit und ewiges Leben. Während der Wanderung ist er gekocht - und damit tot - im Korb.
Gekocht ist er essbar.

Gemäss islamischer Überlieferung war Moses Bursche niemand anders als Joshua, der nach dem Tod von Moses der Führer der Israeliten wurde.

Joshua wird das Wissen in der Praxis umsetzen müssen.
Es muss umsetzbares, verständliches Wissen sein;
er trägt im Korb den essbaren gekochten Fisch.

In der Gegenwart Gottes, dort wo die zwei grossen Wasser zusammenfliessen, vergessen wir alles, was wir zu wissen glaubten.
Sie vergassen ihren Fisch, und er nahm seinen Weg ins Meer.

Wenn wir an die Grenzen allen Verstehens und aller Kontrolle gelangen, dann besteht die Chance, im "Hier und Jetzt" zu sein - in der Nähe der Gegenwart Gottes.

Die Gegenwart Gottes ist nicht einfach etwas "Gutes" und "Angenehmes".
Sie macht radikal unseren Ist-Zustand sichtbar, ohne dass unsere Persönlichkeit (Person = Maske) sich schützend dazwischenschalten kann. Die Gegenwart Gottes beinhaltet das gesamte Potential Seiner Schöpfung, und da ist Satan mit eingeschlossen.
Je nach unserem Zustand als Gefässe, die Gottes Kräfte aufnehmen, erfahren wir Erfüllendes, das wir als Gnade empfinden, oder wir werden von Schreckenserlebnissen erschüttert.
Die Religion will uns als empfangende Gefässe so formen, dass wir aus der anderen Welt fördernde Hilfe und Erfüllung erfahren (von den Engeln) und geschützt sind vor dem Einfluss Satans und seiner Geister, die uns auch erreichen wollen.

Moses verkörpert die Exoterik, die an der Form festhält, während Khidr die Esoterik verkörpert, welche die Form transzendiert.

Khidr ist eine geheimnisvolle Gestalt, die hier und dort unerwartet auftaucht und in diversen Legenden Erwähnung findet. Der grosse Mystiker Ibn Arabi berichtet mehrmals über eine Begegnung Khidrs.

 

Kommentare zu Khidr:

·        Khidr ist ein Einmaliger (afrad), der Erleuchtung direkt von Gott erhält ohne menschliche Mediation.

·        Es ist eine allegorische Figur, welche die tiefst mögliche mystische Erkenntnis darstellt. Khidr ist ein bewusstes Partikel in Gottes unergründlichem Plan. Er spricht von "uns" und "wir", d.h. er ist Teil des Reiches Gottes.

·        Khidr ist die Personifizierung der offenbarenden Funktion des metaphysischen Intellekts = prophetische Seele. Er wird oft mit Elias oder mit Utuapischtim des Gilgamesch verglichen.

·        Al-Khadir oder al-Khidr heisst "der Grüne". D.h. seine Weisheit ist immer frisch. Oft hat er ein grünes Gewand, wenn er gesichtet wird.

·        Khidr erscheint dort, wo über den normalen Zugang keine Erkenntnisse möglich sind. Er ist somit die höchste Form eines Lehrers. Er erscheint dort, wo jemand an die Grenzen stosst und Hilfe braucht.

·        Khidr handelt ohne "Wenn und Aber" aus der gegenwärtigen Notwendigkeit heraus.
Er handelt ohne Ableitung aus logischer Folgerung.
Er hat die Aufgabe, "Korrekturen" am Schöpfungslauf vorzunehmen, etwa so wie unser Solarkalender alle vier Jahre als Korrektur einen 29. Februar benötigt.

·        In vielen Quellen wird gesagt, dass Khidr "aus der Quelle des Lebens trinkt".

·        Khidr "weiss" und "sieht". Er vertritt jenes Wissen, das sich in der Schau begründet.

 

Kommentare zu Moses:

·        Moses ist ein Prophet. Er hat einen bestimmten Auftrag zu erfüllen, den Gott ihm im Rahmen Seines Schöpfungsplanes auferlegt.

·        Ein Prophet ist nicht auf Erden, um Selbstverwirklichung zu erlangen.
Er benötigt eine starke Persönlichkeit, um im Dienste Gottes die Menschen zu konfrontieren und aufzurütteln.

·        Selbst ein Prophet versteht nicht vollständig die innere Realität der Dinge. Erscheinung und Realität stimmen nicht immer überein.

·        Er stirbt nicht im aufgelösten Zustand, nicht ohne Ego wie ein Heiliger, sondern als normaler starker Mensch in der Gewissheit, am rechten Ort und von Gott geführt zu sein.

·        Moses muss göttliches Wissen in Worte ausdrücken - er muss es in den Käfig aus Worten einsperren.
(In diesem Punkt gibt es einen theologischen Disput: Hat Gott selbst via Gabriel die richtigen Worte bestimmt, oder hat der Prophet "gesehen" und dies dann selbst in Worte ausgedrückt?)
Mevlana Jellaleddin Rumi sagt zum Verfasser des Mesnevi (VI:186-188):
Durch deine Anstrengung sind sie aus der Welt der Geister in die Falle der Worte gekommen und sind dort gefangen. Möge dein Leben in der Welt wie das von Khidr sein, lebensspendend, hilfreich und ewig! Mögest du wie Khidr und Elias in der Welt bleiben, damit durch deine Gnade die Erde zum Himmel wird.

·        Moses hat Grenzen und Ziele der Menschen in dieser Welt zu definieren. Er setzt Pfähle, er baut "einen Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun" (Christian Morgenstern).
Khidr handelt in den Zwischenräumen.

 

 

Textstellen im Mesnevi von Mevlana Cellaleddin Rumi:

(Entnommen aus „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar)

 

·        Wie bei dem Jungen, dem Khidr den Hals durchschnitt, versteht das gemeine Volk das Geheimnis nicht. Wer von Gott Eingebung und Antwort erhält, dessen Taten sind im Wesen Gerecht. Wenn jemand, der geistliches Leben gibt, tötet, ist dies erlaubt; er ist Gottes Stellvertreter, und seine Hand ist Gottes Hand. ..... Wenn Khidr einst das Schiff im Meer zerstörte, gab es in dieser Zerstörung hundertfache Gerechtigkeit. Selbst Moses konnte dies trotz seiner Erleuchtetheit und Vorzüglichkeit nicht verstehen. Fliege nicht ohne Flügel! (I:224 ff)

·        Der Geist der Göttlichen Eingebung ist verborgener als der Verstand, denn er kommt aus dem Unsichtbaren; er gehört zur anderen Seite. Ahmads (der Prophet  Mohammed) Verstand war niemandem verborgen; sein Geist der Eingebung konnte nicht jede Seele begreifen. Der Geist des Prophetentums handelt auch vernünftig, doch der Verstand versteht das nicht, denn dieser Geist ist zu erhaben. Manchmal betrachtet der Verstand diese Handlungen als Verrücktheit, manchmal verwirren sie ihn, denn er befindet sich auf einer niedrigeren Stufe. So haben die vernünftigen Handlungen Khidrs den Verstand Moses getrübt. Khidrs Handlungen erschienen Moses unvernünftig, denn Moses befand sich nicht in Khidrs Zustand. Wenn Moses Verstand durch dieses Geheimnis gelähmt wurde, was ist dann mit dem Verstand einer  Maus, o Ehrenwerter? ..... Eine kurzsichtige Person, die zutiefst unbeständig ist und keine Standhaftigkeit besitzt, nenne ich eine "Maus", denn ihr Platz ist in der Erde; Erde ist der Lebensraum der Maus. Sie kennt Wege, aber nur unter der Erde; sie hat die Erde in jede Richtung durchwühlt. ..... Die Maus hat einen Verstand erhalten, der ihrem Bedürfnis entspricht. Denn ohne Bedürfnis gibt der Allmächtige Gott niemandem etwas. Wenn die Geschöpfe die Erde nicht brauchen würden, hätte der Herr allen Seins sie nicht erschaffen. ..... Bedürftigkeit ist also das Fangseil für alles, was existiert; der Mensch hat Mittel entsprechend seiner Bedürftigkeit. Vergrössere also schnell deine Bedürftigkeit, o Bedürftiger, damit das Meer der Fülle vor Güte überfliesst. (II: 3260 ff)

·        Das Wort ist wie ein Nest, und die Bedeutung ist der Vogel; der Körper ist das Flussbett und der Geist ist das fliessende Wasser. Es bewegt sich und du sagst, es steht; es fliesst, und du sagst, es bleibt ruhig. Auch wenn du die Bewegung des Wassers über der Erde nicht siehst: woher kommmt dann das immer neue Treibgut? Dein Treibgut sind die Formen deines Denkens; jungfräuliche Formen kommen immer wieder aufs Neue daher. Die  Schalen auf der Oberfläche dieses fliessenden Wassers stammen von den Früchten des Unsichtbaren Gartens. Suche die Kerne der Schalen im Garten, denn das Wasser läuft aus dem Garten in das Flussbett. Wenn du das Wasser des Lebends nicht fliessen siehst, schaue auf die Bewegung des Treibgutes im Strom. Wenn das Wasser in grösserer Menge vorbeifliesst, ziehen die Schalen - die Gedanken - schneller vorbei. Wenn dieser Strom äusserst schnell fliesst, spült er allen Kummer aus den Herzen der Mystiker. Denn er ist dann übervoll und reissend, und deshalb gibt es darin keinen Platz mehr für etwas anderes als das Wasser. (II:3294 ff)

·        III:4300-4320

 

 

Weitere Sichtweise:

Etliche Wissenschaftler versuchen, die im Koran erzählte Geschichte auf den Sagenstoff des Alexanderromans zurückzuführen. Zu Beginn steht Moses an Stelle von Alexander, und  der Bursche, der Moses begleitet, soll demgemäss Alexanders Koch sein. Alexander suchte nach dem Lebensquell. Dem Fisch, von dem im Koran die Rede ist, entspricht in der Alexandersage ein eingesalzener, toter Fisch, der bei der Berührung mit dem Lebenswasser wieder lebendig wird und so den Lebensquell als solchen kenntlich macht. Tatsächlich kommt dort der Fisch bei der Berührung mit dem Wasser zum Leben und entschwindet den Händen des Kochs. Dieser versäumt es, Alexander davon zu unterrichten (Im Koran hat der Bursche den Fisch vergessen). Alexander ist bitter davon enttäuscht, das Lebenswasser nicht selber gefunden und so den Zweck der Reise nicht erreicht zu haben.

Nach der Geschichte von Khidr folgt eine Erzählung über "den mit den zwei Hörnern" (Dhu-l-Qarnain). Oft wird davon ausgegangen, dass es sich hier wie zu Beginn der Geschichte um Alexander den Grossen handelt, weil er auf Münzen als Jupiter Ammon mit zwei Hörnern dargestellt wurde, was aber kaum zutreffend sein kann. Vielmehr ist das Horn im damaligen Arabien ein Symbol der Macht. Zwei Hörner bedeutet zweifache Macht, nämlich einerseits die weltliche Macht und Prestige und andererseits spirituelle Stärke aus dem Glauben (Glaubensstärke).

Eine ähnliche Figur wie Khidr ist Uways al-Qarânî. Er war schon vor dem Aufkommen des Islam eine mystische Gestalt, die im Yemen lebte. Der Prophet Mohammed und Uways wussten voneinander, ohne sich je gesehen zu haben. Sie kommunizierten via Träume und Visionen. Mohammed hinterliess nach seinem Tod einen Mantel für Uways. Dieser reiste dann nach Medina und holte den Mantel.

 

 

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