Der Mi’râj (Himmelfahrt) des Abu Yasid

Der Mi’râj (Himmelfahrt) des ABU YASID

aus dem Englischen (vermutlich Nicholsons Übersetzung des Kitâb al-luma' fi't-tasawwuf von Abû Nasr As-Sarrâj) von Gabi Patak und redigiert von Peter Cunz

Alle runden Klammern (...) sind vom Übersetzer zwecks besseren Verständnisses angebracht worden, während die geraden Klammern[......] schon im Text der englischen Fassung vorkommen.

 

Mit den Augen der Gewissheit schaute ich auf meinen Herrn,

nachdem Er mich von allem wegzog, das nicht Er selbst war

und mich mit Seinem Lichte erleuchtete.

Und Er zeigte mir Wunderdinge Seines verborgenen Seins,

und Er zeigte mir Seine "Sein-heit".

Und durch Seine "Sein-heit" schaute ich meine "Ich-heit",

und sie löste sich auf:

mein Licht in dem Seinigen,

meine Ehre in Seiner Ehre,

meine Macht in Seiner Macht.

Und (da) sah ich meine "Ich-heit" in Seiner "Sein-heit",

meine erhabenen Fähigkeiten in Seiner Erhabenheit, meine Erhöhung in Seiner Erhöhung.

Und ich schaute auf Ihn mit den Augen der Wahrheit,

und ich sagte zu Ihm:

"Wer ist dies?"

und Er sagte:

"Dies ist nicht Ich, noch etwas anderes als Ich,

Es gibt keinen Gott ausser mir."

Und Er verwandelte mich aus meiner "Ich-heit" in Seine "Sein-heit"

und veranlasste, dass ich in Seiner "Sein-heit" von meiner Selbstheit aufhöre.

Und er zeigte mir Seine "Sein-heit" allein (nackt),

und ich schaute auf Ihn durch Seine "Sein-heit".

Und als ich Gott durch Gott schaute,

sah ich Gott durch Gott.

Und eine Zeit lang verweilte ich in Gott durch Gott,

hatte weder Atem,

noch Zunge,

noch Ohr

(und) noch kein Wissen,

bis Gott Weisheit in mich pflanzte aus Seiner Weisheit,

und mir – aus Seiner liebender Güte – eine Zunge verlieh

und ein Auge aus Seinem Lichte.

Und so schaute ich durch Sein Licht auf Ihn

und hatte Weisheit aus Seiner Weisheit

und Auftrag zum Gebet mit Ihm, mit der Zunge Seiner liebenden Güte,

und ich sagte:

"Was habe ich mit Dir zu schaffen? (Was befiehlst Du mir?)"

Und Er sagte:

"Ich bin dein – durch dich,

Es gibt keinen Gott ausser dir!"

Ich sagte:

"(Herr!) Verführe mich nicht mit mir selbst, getrennt von Dir und ohne Dich,

damit ich nur mit Dir zufrieden sei, getrennt von Dir und ohne mich."

Und Er schenkte sich mir hin, ohne mich, [(ohne) dabei zu sein],

und ich verkehrte mit Ihm im Gebet, ohne mich, [(ohne) dabei zu sein].

Und Er sagte:

"Deine Verpflichtung mir gegenüber ist: meine Gebote und Verbote[zu befolgen] ".

Und ich sagte:

"Was habe ich von Deinen Geboten und Verboten?"

Er sagte:

"Mein Lob für dich steht in Meinen Geboten und Verboten.

Ich danke dir dafür, was du von meinen Geboten befolgt hast,

und Ich liebe dich für das Respektieren Meiner Verbote."

Und ich sagte:

"Wenn Du hierfür dankst, dann verschenke Deine Danksagung Dir selbst,

und wenn Du tadelst, dann bist Du selbst in keiner Weise zu tadeln.

Oh (Du) mein Begehren, meine Hoffnung [(meine) Erlösung] von meinen Leiden

und Heilung meines Elends:

Du befiehlst,

und Du bist der, dem befohlen wird,

und es gibt keinen Gott ausser Dir."

Dann ward Er stille gegen mich,

und ich wusste, dass Seine Stille echte Freude bedeutet.

Dann sagte Er:

"Wer lehrte dich?"

Ich sagte:

"Derjenige, der fragt, weiss es besser, als der Befragte,

Du bist der Fragende und der Befragte,

es gibt keinen Gott ausser Dir!"

 

So schloss Gottes Zeugnis gegen mich – von Ihm selbst.

Und ich fand Gefallen an Ihm durch Ihn,

Und Er fand Gefallen an mir, durch Ihn selbst.

Denn: durch Ihn bin ich, und Er ist Er.

Es gibt keinen Gott ausser Ihm.

Dann erleuchtete Er mich mit dem Lichte des Wesens

und ich schaute auf Ihn mit dem Auge der [göttlichen] Freigiebigkeit.

Und Er sagte:

"Verlange von Meiner Freigiebigkeit was du willst,

damit Ich es dir darreichen möge."

Ich sagte:

"Du bist freigiebiger als Deine Freigiebigkeit,

Du bist grosszügiger als Deine Grosszügigkeit:

von Dir aus [Ausschau haltend] empfinde ich Genugtuung an Dir,

und schliesslich erreichte ich Dich.

Biete mir nichts an, was anders wäre, als Du,

und stosse mich nicht zurück mit dem, was anders ist als Du.

Verführe mich nicht mit Deiner Gnade und Grosszügigkeit, noch mit Deiner Freigiebigkeit,

denn Freigiebigkeit fliesst aus Dir für immer,

und sie kehrt zu Dir zurück.

Du veranlasst [alle] Dinge [zu Dir] zurückzukehren, und die Rückkehr ist zu Dir,

Du bist der Begehrliche und Du der Begehrte,

von Dir ist der Begehrende [Mystiker] abgeschnitten und durch Dich ist das Bitten abgeschnitten von Dir."

Und für eine Weile gab Er mir keine Antwort.

Dann (aber) antwortete Er mir und sagte:

"Du sprachst die Wahrheit,

und Wahrheit hast du vernommen,

und Wahrheit hast du gesehen;

du bist die Wahrheit

und durch die Wahrheit findet die Wahrheit (ihre) Bestätigung;

du bist die Wahrheit,

und Wahrheit kehrt zur Wahrheit zurück,

und durch Wahrheit wird Wahrheit vernommen;

du bist der Zuhörer und du der Spender des Hörens,

du bis die Wahrheit und du der Sprecher der Wahrheit,

es gibt keinen Gott ausser Dir."

Und Er sagte:

"Was bist du sonst als Wahrheit? [oder: du bist nichts als die Wahrheit].

Durch die Wahrheit hast du gesprochen."

Und ich sagte:

"Nein, Du bist die Wahrheit,

und Dein Wort ist wahr,

und (nur) durch Dich ist Wahrheit wahr.

Du bist Du;

es gibt keinen Gott ausser Dir."

Und Er sagte zu mir:

"Was bist du?"

Ich sagte zu Ihm:

"Was bist Du?"

Er sagte:

"Ich bin die Wahrheit!"

Und ich sagte:

"Ich bin durch Dich."

Er sagte:

"Bist du durch mich,

dann bin Ich du, und du bist Ich."

So sagte ich:

"Verführe mich nicht mit Dir selbst ausserhalb von Dir selbst.

Nein, Du bist Du;

Es gibt keinen Gott ausser Dir."

Und als ich zur Wahrheit gelangte

und mit der Wahrheit in der Wahrheit wohnte,

stattete Er mich mit Flügeln der Herrlichkeit und der Majestät aus.

Und ich flog mit meinen Flügeln,

doch ich erreichte das Ende Seiner Herrlichkeit und Majestät nicht.

Und ich rief Ihn an, mir Beistand gegen Ihn selbst (zu gewähren),

denn ich besass keine Macht, um Ihn zu ertragen, es sei, [sie käme] durch Ihn selbst.

Und Er betrachtete mich mit den Augen Seiner Grossmütigkeit,

Und Er stärkte mich mit Seiner Stärke.

Er schmückte mich

und krönte mich mit der Krone Seiner Freigiebigkeit.

Und Er schirmte mich durch Seine eigene Abgeschiedenheit ab

und vereinheitlichte mich durch Seine Einheit

und bekleidete mich mit Seinen eigenen Eigenschaften, die niemand mit Ihm teilen kann.

Dann sagte Er zu mir:

"Mache Dich eins mit Meiner Einheit,

und schirme dich ab in Meiner Abgeschiedenheit,

und erhebe dein Haupt zu der Krone Meiner Freigiebigkeit.

Sei herrlich in Meiner Herrlichkeit,

und jauchze in Meinem Jauchzen.

Und gehe mit Meinem Eigenschaften zu Meinen Kreaturen hin,

damit ich Meine eigene Selbstheit in deiner Selbstheit erblicke.

Wer auch dich sieht, sieht Mich,

und wer da dich sucht, sucht Mich.

Oh du Mein Licht in Meiner Erde

und meine Zierde in Meinem Himmel."

Und ich sagte:

"Du bist die Sicht in meinem Auge

und mein Wissen in meiner Unwissenheit.

Sei Du Dein eigenes Licht, damit Du durch Dich selbst gesehen wirst.

Es gibt keinen Gott ausser Dir!"

 

Und Er antwortete mir mit der Zunge innerster Freude und sagte:

"Wie gut du unterrichtet bist, oh mein Diener."

Ich sagte:

"Du bist der Wissende und Du das Gewusste,

Du bist der Abgeschiedene und Du das [absolut] Eine.

Bleibe abgeschieden in Deiner Abgeschiedenheit

und vereinigt in Deiner eigenen Einheit.

Beschäftige mich nicht mit Dir – weg von Dir (damit ich nicht wegkomme von Dir)".

Und so endete Gottes Zeugnis gegen mich
in Seiner Abgeschiedenheit und durch Seine Einheit in Seiner Einheit.

Und so wohnte ich in Seiner Abgeschiedenheit,
ohne dass ich selbst abgeschieden gewesen wäre,

so, dass ich mit Ihm wohnte, durch Ihn.

Meine Eigenschaften gingen unter in den Seinigen,

mein Name verfiel dem Seinigen,

und mein "Erstes" und mein "Letztes" fielen ab von mir in das Seinige.

Und ich schaute auf Ihn durch Sein Wesen,

das niemand, der dazu fähig wäre, erblicken darf,

und welches niemand, der "weiss", (je) erreichen kann,

und welches Werkleute der Taten nicht verstehen.

Und Er schaute auf mich mit den Augen des Wesens,

nachdem mein Name von mir fiel,

wie auch alle meine Eigenschaften, mein Erstes und mein Letztes,

und (alle meine) Unterscheidungsmerkmale.

Und Er rief mich mit Seinem [eigenen] Namen

und gab mir den Beinamen Seiner (eigenen) "Sein-heit"

und hatte Gemeinschaft mit mir in Seiner Einheit.

Er sagte:

" Oh, Ich."

Und ich sagte:

"Oh, Du."

(Ja und) so endete Gottes Zeugnis gegen mich durch Ihn.

Er benannte mich mit etwelchen Seiner Eigenschaften,

die ich jedoch Ihm zugeschrieben hatte,

Und alle Dinge wurden von mir – durch Ihn – abgeschnitten,

und so blieb ich für eine Weile ohne Seele oder Körper, wie einer, der tot ist.

Dann erweckte Er mich mit Seinem Leben,

nachdem Er meinen Tod verursacht hatte.

Und Er sagte:

"Wem gehört das Königreich heute?"

Und als Er mich wiederbelebt hatte, sagte ich:

" (Es ist) Gottes, (Gottes) des Einen, des Überwältigenden."

Und Er sagte:

"Wem gehört der Name?"

Ich sagte:

" (Er ist) Gottes, (Gottes) des Einen, des Überwältigenden."

Und Er sagte:

"Wem obliegt der Befehl?"

Und ich sagte:

" (Er obliegt) Gottes, (Gott) dem Einen, dem Überwältigenden."

Und Er sagte:

"Wem gehört die Wahl?"

Ich sagte:

"Sie ist des Herrn, dem alles Bezwingenden."

Und Er sagte:

"Ich erschuf dich zum Leben, damit du durch Mein Leben lebst,

setzte dich zum Herrscher über Mein Königreich,

nannte dich bei Meinem Namen,

gab dir (die Herrschaft) zum Regieren mit Meinen Gesetzen,

veranlasste, dass du Meine Wahl verstehst

und passte dich an göttliche Namen an sowie an die ewigen Eigenschaften."

Ich sagt:

"Ich verstehe nicht, was Du wolltest.

Ich gehörte meinem Selbst, doch Du warst nicht zufrieden,

und ich gehörte Dir, durch Dich, und [wiederum] warst Du nicht zufrieden."

Und Er sagte:

"Gehöre du weder zu deinem, noch zu Meinem Selbst –

Wahrlich, Ich war dein, als du noch nicht warst;

so sei du Meins [so] (wie du warst,) als du noch nicht warst.

Und gehöre dir selbst, genau so wie du warst,

und sei Meins, genau so wie du nicht warst,

und gehöre dir selbst, genau so wie du warst,

und sei Meins, genau so wie du warst."

Und ich sagte:

"Wie könnte mir solches geschehen, es sei durch Dich?"

Und Er schaute mich für einen Augenblick mit den Augen der Macht an

und vernichtete mich durch Sein "Sein" (being)

und offenbarte sich in mir als Sein Wesen.

Und ich lebte durch Ihn,

und das Gebet zur Vereinigung (mit Ihm) hörte (in mir) auf.

Dann wurde das Wort eins,

Und das All wurde durch das All zu einem.

Und Er sagte zu mir:

"Oh, du."

Und ich sagte zu Ihm

"Oh, ich."

Und Er sagte zu mir:

"Du bist der Alleinige."

Ich sagte:

"Ich bin der Alleinige."

 

Er sagte zu mir:

"Du bist du."

Ich sagt:

"Ich bin ich.

Aber wenn ich ich wäre, als ein Ego, hätte ich nicht "ich" gesagt;

aber da ich niemals ein Ego war,

dann sei Du Du, ja Du."

Er sagte:

"Ich bin Ich."

Mein Reden über Ihn als "Ich" ist wie mein Reden über Ihn als "Er"
– es bezeichnet die Einheit.

Und meine Eigenschaften wurden zu denen der Herrschaft

und meine Zunge (zu jener), welche die göttliche Einheit verkündet.

Und meine Eigenschaften (sind): - Er – der ist:

Er ist Er, es gibt keinen Gott ausser Ihm.

Und was es war, war, was es war durch Sein "Sein" (being),

und was ist, ist, was es ist durch Sein "Sein" (being) -

meine Eigenschaften waren die Eigenschaften der Herrschaft,

und meine Spuren die Spuren der Ewigkeit,

und meine Zunge (ist) jene, welche die göttliche Einheit verkündet.

Einmal hob Er (der Herr) mich auf

und setzte mich vor Ihn hin,

und Er sagte zu mir:

"Oh, Abu Yazid,

wahrlich, meine Kreaturen sehnen sich (danach), dich zu sehen."

Und ich sagte:

"Schmücke mich mit Deiner Einheit,

und kleide mich in Deine "Ich-heit",

und erhebe mich in Dein "Eins-sein",

so dass, wenn die Kreaturen mich sehen,

sie sagen mögen:

'Wir sahen Dich, und du bis Es',

doch werde ich (selbst) überhaupt nicht dabei sein."

Abu Yazid sagte:

Alsbald ich Seine Einheit erreichte

wurde ich zu einem Vogel,

dessen Kleid aus "Eins-sein" war

und dessen Flügel aus Ewigwährendem,

und ich flog immerzu für zehn Jahre in der Atmosphäre der Relativität,

bis ich in eine zehnmillionenmal grössere Atmosphäre gelangte,

und ich flog immer weiter,

bis ich die weiten Ebenen der Ewigkeit erreichte.

Dort erblickte ich den Baum des "Eins-seins".

Dann beschrieb Er den Boden, [indem er wuchs (der Baum des "Eins-seins")],
seine Wurzeln und Äste, seine Blüten und Früchte.

Dann sagte Er:

"Ich betrachtete (es) und wusste, dass all dies Betrug war."

Abu Yazid sagt:

Das Innerste meiner Seele wurde in den Himmel gestrahlt,

und es schaute auf gar nichts;

Himmel und Hölle wurden ihr vorgeführt, doch es achtete auf nichts,

und es wurde heraufgezogen über [alle] mögliche Wesen (beings) hinaus
und (über) alles, was seine Sicht verschleierte.

Ich wurde zu einem Vogel,

und flog ständig in einer Atmosphäre des Wesens,

bis ich die breite Ebene des "Eins-seins" überschauen (konnte),

und in ihr sah ich den Baum der Ewigkeit, (der) ohne Anfang (ist).

Als ich schaute,

war alles Ich.

Er erhob meinen Grund und ich durchbohrte die geistige Welt.

Keine Seele eines Propheten durchquerte ich,
aber ich begrüsste sie und gab Ihnen (allen) meinen Frieden,

ausgenommen der Seele Mohammeds.

Und siehe! Um seine Seele gab es Tausende von Schleiern aus Licht,

sie alle barsten in Flammen aus, beim ersten Blitz [den ich sah].

Ich sagte:

"Oh Herr, Gott!

Es gibt so lange keinen Weg für mich zu Dir, wie es dieses "Ich" noch gibt,

und ich kann von meinem Selbstsein nicht entkommen.

Was Soll ich tun?"

Der Befehl kam:

"Oh Abu Yazid, willst du dich von deinem Selbstsein befreien,

dann folge den Fussstapfen unseres Freundes [Mohammed].

Reinige deine Augen mit dem Staube seiner Füsse – wie mit einem Augenwasser
und höre nie auf, seinen Schritten zu folgen."

 

Abu Yazid (Beyezid) Bistami

(gest. 874)

 

 

Beyezid erreichte diesen (den oben beschriebenen) Zustand durch eine strikte via negationis (Prozess des La ilaha il-Allah) und ständige Abtötung, indem er sich immer weiter von sich leerte, bis er zumindest für einen Augenblick jene Welt der absoluten Einheit erreicht hatte, wo, wie er sagte, Liebender, Geliebter und die Liebe eines sind, und wo er selbst der Wein, der Trinker und der Schenk ist (Aus "Mystische Dimensionen des Islam" von Annemarie Schimmel, Eugen Diedrichs Verlag).