Islam und die islamischen Pflichten (1995)

zusammengestellt von Peter Hüseyin Cunz, 1995

Dieses Dokument soll wenigstens bruchstückhaft darlegen, auf welcher Grundlage die islamische Gläubigkeit beruht. Auch soll dies dem Menschen der westlichen, nicht-islamischen Gesellschaft Mut zum Eintauchen in die Weisheiten des Islam geben. Im weiteren sind darin praktische Ratschläge zu finden. Auf Quellenhinweise und -bezug wird verzichtet, auch wenn einige Formulierungen direkt von anderen Autoren übernommen wurden. 

 

Grundlegende Differenzierung

In der islamischen Tradition spricht man von den drei religiösen Aspekten Îmân, Islâm und Ihsân, die vereinfacht mit "Ausrichtung, Tat und Vorzüglichkeit" beschrieben werden können.

 

Îmân
Bedeutet soviel wie "fester Glaube", Gewissheit. Es beinhaltet den Glauben an

die Einheit Allahs (klar ausgedrückt in der Sure 112)

die Engel Allahs, welche Allah dienen; sie dürfen nicht angebetet werden,

die Bücher Allahs, nämlich das alte Testament (Tora), die Psalmen, das neue Testament und der Koran (literarisch bedeutet Qur'ân "Schrift, Rezitation")

die Propheten Allahs, wovon die meist genannten Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Hz. Muhammad sind (Propheten dürfen nicht angebetet werden, sie werden aber geliebt, verehrt und als Vorbild betrachtet.)

den Tag des Gerichts.

Jemand, der im Glauben (Îmân) ist, wird Mu‘min genannt.

 

Islâm
Bedeutet "Hingabe". Diese zeigt sich traditionell in drei Aspekten des weltlichen Lebens, die der Gläubige freudevoll lebt, nämlich

Ibâda, dem Gottesdienst in der muslimischen Gemeinschaft (Umma),

den "fünf Säulen" (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Spende, Pilgerfahrt), und

Sharî‘a, die offenbarte Rechtsgrundlage (aus der Gesetze formuliert werden können).

Jemand, der sich dem Islam verpflichtet fühlt, wird Muslim oder Muslima genannt. Streng genommen genügt das innere überzeugte Aussprechen des Glaubensbekenntnisses (die erste der fünf Säulen), um ein Muslim oder eine Muslima zu sein. Die Tatsache, dass der gläubige Muslim die Hingabe (Islam) freudevoll und aus eigenem Antrieb lebt, mag dem Laien den Eindruck von Pflicht und Zwang vermitteln. Im Grunde genommen ist dem aber nicht so. In der Religion gibt es keinen Zwang (Sure 2:256). Man kann niemanden zum (rechten) Glauben zwingen. Viele Gläubige freuen sich auf die Ausübung ihrer religiösen Pflichten.

 

Ihsân
Bedeutet "Tugend" im Sinne, dass alles exzellent und so vortrefflich als möglich verrichtet wird. Der Prophet sagte: Diene Gott, als ob du Ihn sähest, denn auch wenn du Ihn nicht siehst: Er sieht dich sicherlich, und er ging so weit zu sagen: "Allah hat Ihsan für alles vorgeschrieben. Wenn du also tötest, dann töte gut; und wenn du schlachtest, dann tue dies gut; und schärft alle Messer und lasst die Opfer auf Anhieb sterben."

Zum Begriff Ihsân gehört auch die Pflicht, ‘ilm (religiöses Wissen) zu suchen und zu erlangen. Ilm hält die Gemeinschaft (Umma) zusammen.

Îmân, Islam und Ihsân sind die Grundlagen, um in dieser Welt praktisch den Willen Gottes umzusetzen. In Sure 51:56 ff ist gesagt: Und Ich habe die Djinnen (unsichtbare Wesen) und Menschen nur dazu geschaffen, dass sie mir dienen. Ich wünsche keine Versorgung von ihnen, noch wünsche ich, dass sie mich speisen. Gott ist es, der allen Unterhalt beschert und Macht und Festigkeit zu eigen hat.

Dazu den Kommentar in der Koranübersetzung von Muhammad Asad:

Der letztlich gültige Zweck jeden zum Reflektieren befähigten Wesens zeigt sich in dessen Erkennen (Ma‘rifa) von Gottes Existenz und in der Bereitschaft, die eigene Existenz mit dem Willen Gottes - was auch immer es darunter zu verstehen glaubt - in Übereinstimmung zu bringen. Und in diesem Gegenüberstehen von Erkennen und Bereitschaft liegt die tiefste Bedeutung des Gott-Dienens, wie es im Koran beschrieben wird. Und dieser Schöpfungszweck entstand nicht aus irgend welchen Bedürfnissen Gottes, sondern als Instrument der inneren Entwicklung des Gläubigen, der in seiner bewussten Hingabe in den Willen Gottes darauf hofft, diesen Gotteswillen etwas besser zu verstehen und damit Gott selbst etwas näher zu kommen.

 

 

Erläuterungen zu Îmân

Der grundlegende Glaube des Muslims ist in der Sure 112 zusammengefasst: Sag: Er ist Gott, ein Einziger / Gott der Fülle (Gott der Absolute) / der weder zeugt noch gezeugt wurde / und dem keiner gleich ist. Dies ist der eigentliche Grundtenor der koranischen Verkündung, nämlich die Bezeugung der Einheit allen Lebens und Seins (Tawhîd), und alles übrige kann als daraus abgeleitet oder daraus folgend gesehen werden. Diese Erkenntnis wird ergänzt durch weitere Aussagen und Anweisungen im Koran, die - als Folgerung dieser Erkenntnis - den Menschen während seiner kurzen Zeitspanne auf der Erde zur Verantwortung führen sollen.

Die sieben Himmel und die Erde und alle ihre Bewohner preisen Ihn. Es gibt nichts, das Ihn nicht lobpreisen würde. Aber ihr versteht ihr Preislied nicht.
(Sure 17:44)

Im Koran wird vom Menschen Urteilskraft und Eigeninitiative verlangt, denn nur wenige Vorschriften sind klar formuliert: Diejenigen, die nicht nach dem entscheiden, was Gott herabgesandt hat ... das sind die Ungläubigen ... (5:44). Auf das Problem der Eigenverantwortung angesprochen spricht Hz. Muhammad in einem Hadith (gemäss Nawawi): Wenn du kein Schamgefühl empfindest, handle nach belieben. Und in einem anderen Hadith (Nawawî): ... Befrage dein Herz ... In der Tat ist es die Rechtschaffenheit, die deiner Seele Frieden gibt. Das Böse hingegen ist das, was sich in deinem Inneren niederlässt und unaufhörlich dein Gewissen heimsucht ... Der Mensch ist also aufgefordert, mit Hilfe der Offenbarung seinen Weg "nach bestem Wissen und Gewissen" zu finden und zu gehen. Und es liegt an ihm, die Hilfe am rechten Ort zu suchen.

Man muss den Weg auf irgend eine Art gehen; man darf nicht schlafen, damit man nicht von den Weggefährten getrennt werde und umkomme. Schliesslich, seht einmal: der Prophet sagt: Die Welt ist ein Saatfeld für das Jenseits. Was immer man hier sät, soll man dort ernten. Säe den guten Samen, auf dass du nicht bereuen musst!

(Hz. Mevlana Celaleddin Rumi: Fihi ma fihi)

 

Dem Menschen fällt es nicht leicht, vor Gott selbst für sein Tun verantwortlich zu sein. In der Angst, etwas falsch zu machen, wird er versuchen, das Tun der Propheten und anderer Vorbilder nachzuahmen. Solches geschieht ausnahmslos in jeder Religion. Dies ist die Geburt von Normen und Dogma. Der normativ denkende Muslim gewinnt seine Sicherheit aus verschiedenen Quellen, und zwar in folgender Reihenfolge:

Als erstes wird nach Aussagen im Koran gesucht, die den Charakter eines Dogmas haben könnten. Davon gibt es erstaunlich wenig. Als zweites wird auf die vorbildlichen Handlungen (Hadîth, türk. Hadis) geachtet, welche die Tradition vom Propheten und einiger seiner Gefährten überliefern. Zur Begründung wird auf den Koran hingewiesen: Wahrlich, in dem Gesandten Allahs habt ihr ein schönes Beispiel für jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und oft Allahs gedenkt (Sure 33:22). Drittens stützt man sich auf die Ansicht der Gelehrten der Frühzeit, die - gegründet auf die beiden vorgenannten Quellen - den Hauptteil der sog. Sunna bildet. Und viertens wären Analogieschlüsse zu erwähnen, die der modernen Zeit Rechnung tragen würden. Analogieschlüsse von Gelehrten nach dem 10. Jahrhundert wurden aber kaum in das normative System (Kodex) aufgenommen - also auch nicht die Weisheiten eines Hz. Mevlana Celaleddin Rumi. Der islamische Kodex erstarrte somit schon 400 Jahre nach Hz. Muhammad im damaligen Ordnungsdenken und wurde so zum Dogma.

Ein Problem mit der Bezugnahme auf die Gelehrten der Frühzeit zeigt sich auch in der Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten. Schon 25 Jahre nach dem Tod Hz. Muhammads gingen die Meinungen betreffend seiner legitimen Nachfolge und Stellvertretung in der religiösen und politischen Führung der Umma (muslimische Gesellschaft, Urgemeinde) auseinander. Die Schiiten bestehen auf der Legitimität des Schwiegersohnes Ali ibn Abi Talib (verheiratet mit Hz. Muhammads Tochter Fatimah) und dessen leiblicher Nachkommen, während die Sunniten als "Hüter der Sunna" sich auf eine Regelung der Nachfolge durch "die Wahl des Besten" verpflichteten.

Der Koran versteht sich als Bruchstück einer ewigen Urschrift Umm al-Kitâb ("die Mutter des Buches"), die bei Gott aufbewahrt wird. Die Übersetzung dieses Bruchstücks in eine menschliche Sprache geschah ins Arabische (damalige Mundart der Quraysch), denn dies war die Sprache des Propheten Muhammads. Ausserdem ist das Arabische eine Sprache, die vorzügliche Ausdrucksmöglichkeiten besitzt. Wenn Wir die Offenbarung zu einem nichtarabischen Koran gemacht hätten, hätten sie gesagt: Wären seine Verse doch deutlich! (12:44). Allerdings wird von der normativen Tradition die arabische Sprache als unübersetzbarer Bestandteil der Offenbarung gesehen. Das Wort Qur'ân bedeutet "Rezitation von etwas Gegebenem". Das "Rezitieren im Namen des Herrn" war schon und ist noch im Judentum ein bedeutendes Element der Gläubigkeit.

Mit Ausnahme der "eröffnenden" Sure Fatiha wurden die auf verschiedensten Materialien notierten Suren durch den Khalifen Othman (reg. 644 - 656) gesammelt und nach ihrer Länge geordnet. Dies war schon in der Antike üblich (z.B. bei der jüdischen Mischna), da die Texte auswendig zu lernen waren und dies besser gelang, wenn mit den längeren begonnen wurde. Für die Titel der einzelnen Suren wurde ein Wort gewählt, das nur einmal vorkommt. Die Nummerierung der einzelnen Ayat (âya, pl. âyat, sind die einzelnen Verse) kam später. Das Wort Âya bedeutet "Zeichen" oder "Wunder". Die Offenbarung des Korans wird als Wunder angesehen, und darum ist in der normativen Tradition jeglicher kritischer Umgang mit dem Koran verboten. Göttliche Wunder sind nicht zu sezieren. Doch trotz der grossen Sorgfalt, die Othman auf die Anordnung der göttlichen Worte verwendete, beschuldigten ihn die Schiiten später, zahlreiche Offenbarungen ausgelassen zu haben, in denen die Rolle Alis und seiner Familie angeblich im positiven Sinne vermerkt war.

Die arabische Schrift unterschied in ihren frühesten Formen nicht zwischen einer Anzahl von Konsonanten, da man noch keine diakritischen Punkte benutzte, so dass b, t, th, n und y in den Anfangs- und Mittelformen gleich aussahen. Auch Vokalzeichen wurden erst später eingeführt. Es entstehen also ganz grosse Schwierigkeiten, wenn etwa die Koran-Auslegung in seinen Ursprüngen ergründet werden will. Bei der dogmatischen Auslegung (Exegese) wird unterschieden zwischen Tafsîr, Erklärung, und Ta‘wîl, "zum Ursprung zurückführen" (was der esoterischen Auslegung entspricht). Hz. Mevlana Celaleddin Rumi drückt das in seinen berühmten Worten aus: Der Koran ist ein doppelseitiger Brokat. Einige geniessen die eine Seite, andere die andere. Beide sind wahr und richtig, da Gott der Erhabene wünscht, dass beide Gruppen davon Nutzen ziehen.

Schon aus literarischer Sicht ist der Koran praktisch unübersetzbar, denn er ist in Reimprosa mit suggestiv wirkenden Kunstworten geschrieben. Eine kongruente Sprache gibt es nicht, und die vielen literarischen schön klingenden Kunstgriffe im Koran bieten enorme Interpretationsprobleme. Die Kunst der suggestiv wirkenden Reimprosa haben später die Sufis (islamische Mystiker) zur Perfektion gebracht.

Aussagen über Hierarchien in der manifestierten und nichtmanifestierten Welt, die in der reichhaltigen traditionellen islamischen Literatur zu finden sind, können auch als "Grad der Realität" verstanden werden. Die höchste erkennbare Ebene ist die Welt der Namen Gottes, aus der heraus sich "Gott Unser Herr" erkennbar macht. Weiter unten folgen die Welten der Erzengel (sie sind Träger oder Kräfte von Gottes Willen), dann die feinstofflichen Welten mit engelhaften Wesen und den Jinns (trieborientierte Geistwesen), und schliesslich die materiellen Welten. Die Hierarchien wurden in verschiedenen Arten systematisiert, wobei die Sicht von Abu Talib al-Makki (gest. 996) wohl die bekannteste ist. Er beschreibt folgende ‘Fünf Gegenwärtigkeiten‘ (al-hadârât al-ilâhiyyah al-khams):

 

 Hâhût

Gottes Haupt, die Essenz, die absolute Realität, die göttliche Ipseität
(wird manifestiert durch das End-h des Wortes Allah)

 

 Lâhût

Die Realität des Seins, der persönliche Gott, "Unser Herr"
mit Seinen Namen, die Welt des Göttlichen

 

 Jabarût

Die Welt der Engel (Träger von Gottes Willen), die Welt der Macht

 

 Malakût

Die subtile Welt, das Reich des himmlische Königtums

 

 Mithâl
(von anderen Autoren hier eingefügt)

Die Welt der Möglichkeiten, das Reich der Imagination

 

 Nâsût

Die physische Welt, das Reich des Menschlichen

 


 

Als Adam noch als ‘Vollkommener Mensch‘ (Insan Kamil) im einheitlichen Paradies war, schien das ‘Licht Muhammads‘ (Nûr Muhammad), die urewige lichtvolle Substanz des Propheten (bzw. der Prophetenschaft) aus seiner Stirn. Dieses Licht beinhaltet die Schönheit und Qualitäten der Wirkkräfte Gottes in dieser Welt (wilayat), welche in den 99 Schönsten Namen Gottes (al Asmâ al-Husnâ) ausgedrückt sind. Die 99 Namen sind im Koran erwähnt und dienen zum Hinweis, wie Gott in dieser Welt gesehen und erkannt werden kann. Und Gott stehen die schönen Namen zu. Ruft ihn damit an ... (Sure 7:180). Der Grösste (hundertste) Name Gottes - so wird gesagt - darf Uneingeweihten nicht enthüllt werden, da in ihm grosse Macht ist. Das In-die-Welt-setzen des Menschen wurde begleitet durch das Erkennbarmachen Gottes als "Unser Herr". Es ist dies jener transzendente Gott, dem der Mensch sich zuwenden kann in Abkehr von Satan, Seines Gegenübers. "Gehet hinaus, ihr alle, von hier. Und wer dann, wenn zu euch Weisung von mir kommt, Meiner Weisung folgt, auf die soll keine Furcht kommen, noch sollen sie trauern" (Sure 2:39).

Aus mystischer Sicht ging also das Wesen Hz. Muhammads dem ersten Menschen Adam voraus. Der Engel Gabriel empfing das ‘Licht Muhammads‘, und durch ihn floss es weiter in Form von Eingebung - oder besser: Einverleibung - in den physischen Muhammad, der es als Botschaft in die Welt setzte und in Worte formulierte, die wiederum im Koran zusammengefasst wurden. Eine direkte Rede zwischen Gott und dem Menschen ist ja nicht möglich, denn Gottes Rede ist ohne Vermittlung durch einen Engel für den Menschen nicht verstehbar. Eine solche Vermittlerrolle spielte der Engel Gabriel auch mit seinem Erscheinen bei der heiligen Maria. Die prophetische Botschaft wurde mit der jungfräulichen Zeugung Jesu ins menschliche Fleisch einverleibt, und so, wie Maria eine Jungfrau sein musste, um das "inkarnierte", fleischgewordene Wort zu gebären, so musste Hz. Muhammad "des Lesens und Schreibens unkundig" sein, um ein unbeflecktes Gefäss für die "Buchwerdung" des Wortes sein zu können. Die Propheten Moses, Jesus und Hz. Muhammad waren keine Religionsstifter im Sinne einer Systematisierung durch die menschliche Existenz, sondern sie waren Vermittler einer Botschaft.

Der Prophet ist schliesslich nicht jene sichtbare Form; das ist nur das Reittier des Propheten, ... Der Prophet ist jene Liebe und Zuneigung, und die ist ewig. ... Muhammad zu loben ist Gott zu loben.

(Mevlana, Fihi ma Fihi)

 

 

Engel sind die Kraftwirkung Gottes. Neben Gabriel, der "der getreue Geist" oder "der Heilige Geist" genannt wird, werden im Koran die Erzengel Michael, der die Naturgesetze lenkt und damit für die Verteilung der Nahrung an alle Geschöpfe zuständig ist, Israfil, der die Auferstehung (mit der Posaune) einleiten wird, und ‘Azra‘-il, der Todesengel erwähnt. Engel sind aus Licht erschaffen, während andere Geistwesen wie die Jinnen (Teufel) aus Feuer bestehen. Ein besonderes Geistwesen ist Iblis (Satan, Shaytân), eine tragische Gestalt gefangen zwischen göttlichem Willen (Erschaffen der Welt) und göttlichem Befehl (Satans Auftrag als Widersacher). Er war der Lehrer der Engel, der dann - je nach Ansicht, aus Überheblichkeit oder aus tiefster Liebe und Gehorsam zu Gott allein - sich weigerte, vor Adam sich niederzuwerfen. Dadurch wurde er zum Widersacher und "Einflüsterer" in der formatierten Welt beordert.

Der Koran nennt 28 Propheten mit Namen, doch in den Überlieferungen werden 313 oder gar 124‘000 Propheten genannt. Zu jeder Zeit kann es aber nur einen einzigen gottgesandten Boten geben (nicht zu verwechseln mit Heiligen). Die Fülle aller Offenbarungen wurde erst in Hz. Muhammad erreicht, der als letzter Prophet gilt, im Sinne von Sure 33,40, wo er als "Siegel der Propheten" bezeichnet wird. In diesem Sinne werden von Traditionalisten weitergehende Offenbarungen wie jene der Babi-Bahai- oder Ahmadiya-Bewegungen als Häresie gesehen. Zur abschliessenden Rolle Hz. Muhammads bemerkt Muh. Iqbal: Die Geburt des Islam ... ist die Geburt des induktiven Intellekts. Im Islam erreicht das Prophetenamt seine Vollkommenheit, indem es die Notwendigkeit entdeckt, sich selbst abzuschaffen. Was für eine gewaltige, doch einleuchtende Aussage!

Es ist zu unterscheiden zwischen Propheten, die dazu gezwungen werden, eine göttliche Offenbarung zu überbringen, und Heiligen (Walî Allâh, Freund Gottes), die langsam durch Gnade verwandelt werden. Hz. Muhammad wird als abschliessender Prophet der Prophetenlinie gesehen, während es Heilige in den verschiedensten Religionen immer geben wird. Die "Heiligkeit" eines Menschen kann von den kanonisierten moralischen Regeln unabhängig sein. So kann ein Majdhûb (Entrückter) in plötzlichem Entzücken Heiligkeit erreichen, auch wenn er nicht als Sâlik (Wanderer) einen religiösen Pfad durchmessen hat, um so schrittweise zur Heiligkeit zu gelangen. Ein Majdhûb kann allerdings nicht als Lehrer dienen und insbesondere dann nicht, wenn ein Schüler nach Râbita, der engen und schützenden Beziehung zum Meister sucht. Die vollständige Konzentration auf den Lehrer in Gehorsam und bedingungsloser Liebe (Tawajjuh) würde den Schüler zerreissen, wenn der Lehrer ein Majdhûb wäre.

Der ganze Prozess des Werdens einer Botschaft Gottes in dieser Welt kann auch mit dem Phänomen der Resonanz verstanden werden. Jede hierarchische Welt ist wie ein Resonanzkörper, der durch den Einfluss der höheren Welt zum Schwingen gebracht wird und dadurch einen arteigenen Klang erzeugt. Dieser Klang wiederum bringt die nächste Welt zum schwingen etc.

Um das alles zu verstehen und um die ursprüngliche Bedeutung des Korans zu erfassen, müssen wir in die Weisheit des Korans eintauchen. Damit werden wir dessen Botschafter erkennen und, wenn wir Muhammad sehen, den Engel Gabriel erkennen. So werden wir Gottes Licht sehen und die Resonanz Allahs im Koran erfahren. Mit dem Erkennen dieser Resonanz werden wir unser Leben und Tod, den Tag des Gerichts und die 99 Namen Gottes verstehen.

(Bawa Muhaiyaddeen)

 

Ein weiteres heikles Thema in der modernen Gesellschaft ist die Sunna, die als Ergänzung zum Koran gesehen wird. Sie beschreibt Handlungsweisen und Aussagen (Hadîth, türk. Hadis) des Propheten Muhammad, überliefert und – wo nötig – von den Gelehrten der Frühzeit interpretiert. Mit Hinweis auf den Koran-Vers 33,21, Wahrlich, in dem Gesandten Allahs habt ihr ein schönes Beispiel für jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und oft Allahs gedenkt, wird aus normativer Sicht die Sunna zur Pflicht für jeden Muslim erklärt. Die Form des Ritualgebets z.B. stammt aus der Sunna und nicht aus dem Koran, wo lediglich drei tägliche Gebete erwähnt werden, ohne auf deren Form je einzugehen.

Die Anzahl Überlieferungen nahm ständig zu, insbesondere auch dort, wo die Gemeinden vom Wirkungsort des Propheten weit entfernt waren. In der Mitte des 9. Jahrhunderts begann man, die Zuverlässigkeit von Überlieferungen zu überprüfen und die "gesunden" zusammenzustellen. Daraus entstanden kanonische Sammlungen von Hadithen, von denen jene von Bukhari (gest. 870) die bekanntesten sind.

Die Hadithen sind ein wesentliches Element der Identität muslimischer Gemeinden. Es wird unterschieden zwischen Hadîth qudsî, den "heiligen Hadithen", die als zusätzliche Gottesoffenbarungen durch den Mund Hz. Muhammads oder z.T. früherer Propheten gesehen werden, und Hadîth sharîf, den "noblen Hadithen", die des Propheten eigene Aussagen und Handlungen wiedergeben.

Der Islam spricht - wie das Christentum - vom Tag des Gerichts und kennt die Wiedergeburt als Glaubensbestandteil nicht, denn dadurch würde alles aufschiebbar, und es wäre sinnlos, vom Paradies, von der Hölle und vom Tag des Gerichts zu sprechen. Ein Muslim wird täglich versucht sein, mit sich selbst und der Umwelt - und damit mit Gott - abschliessend im reinen zu sein und sein Leben so zu leben, dass er jederzeit im Frieden sterben könnte.

 

Einige praktische Hinweise zu Islam

Wir müssen alle Leute eins mit uns werden lassen. Der Prophet Muhammad hat dies uns erklärt, doch einige, die auf diese Welt kamen, haben diese Botschaft Allahs vergessen. Wir müssen lernen, unsere Trennung wegzuwaschen und wieder eins zu werden. Das ist wirklicher Islam.

(Bawa Muhaiyaddeen)

 

Islam bedeutet nicht, sich von anderen abzuheben. Islam will das Zusammenbringen von Menschen in der Haltung, dass jene, die sich nicht zum Islam bekennen, als geschätzte Nachbarn gesehen werden und jene, die sich ans Glaubensbekenntnis halten, einen Teil des eigenen Körpers ausmachen. Allein das eigene Verhalten wird seine Wirkung zeigen; niemand braucht bekehrt zu werden. Islam heisst, den Nächsten lieben wie sich selbst. Islam will das, was getrennt wurde, wieder zusammenführen.

Der Glaube ist eine intime Angelegenheit zwischen dem Gläubigen und Gott, die vorerst niemanden etwas angeht. Diese Sicht wird heute in der modernen freien Gesellschaft respektiert; niemand kümmert sich ungefragt um die persönliche Beziehung eines anderen zu Gott. Ruhe vor der Meinung anderer zu haben mag durchaus angenehm sein, aber man ist so allein gelassen und muss sich die Hilfe in Glaubensangelegenheiten selbst organisieren. Mit der Schaffung von Ordensgemeinschaften, wie z.B. jener der Mevlevi, konnten sich die ursprünglichen lokalen Gemeinschaften erweitern. Weltweit sollen sich die Mitglieder solcher Ordensgemeinschaften gegenseitig unterstützen und auch ermahnen. Eine solche Gemeinschaft kann als muslimische Gesellschaft (Umma) gesehen werden, innerhalb derer ‘Ibâda, die Gottesdienstpflicht, existiert. Alle Menschen sind auf verschiedensten Ebenen miteinander verbunden, ob sie dies merken oder nicht, ob sie dies wollen oder nicht, und in dieser Verbundenheit trägt jeder eine Verantwortung. Damit ist der Sinn und die Wichtigkeit der gemeinsamen rituellen Tätigkeit bereits angedeutet.

Die Pflicht zur Gemeinschaft beschränkt sich nicht auf rituelle Zusammenkünfte. Jeder andere Mensch ist eine Chance der Begegnung und des Reflektierens und damit des sich selbst Erkennens im anderen. Einer der heiligen Namen Gottes ist Ash-Shahîd, der Zeuge. Durch die Schöpfung und vor allem durch andere Menschen wirkt Gott als Zeuge für Seine eigene Existenz und Sein Wirken. In diesem Zeugnis erhält der einzelne Mensch Anerkennung und Nahrung für sein Gewissen. Schon aus diesem Grund ist eine normale gesellschaftliche Aktivität dem Asketentum zu bevorzugen.

Und so haben wir euch (Muslime) zu einer in der Mitte stehenden Gemeinschaft gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschen seiet ..., steht in Sure 2,143, und ein Hadith sagt: das Beste ist das Mittlere. Es wird damit der mittlere Weg angedeutet, der sich sozusagen zwischen dem unnachgiebigen Legalismus von Moses und der überflutenden Milde Jesu bewegt. Es ist ein ausgewogener Weg zwischen Jalâl (Majestät) und Jamâl (Schönheit), zwischen Gewalt und Faszination, zwischen Zâhir (das Äussere) und Bâtin (das Innere), zwischen Gebot und Liebe, zwischen Salât (Gebet) und Dhikr (Erinnerung), zwischen Islâm (Hingabe) und Îmân (fester Glaube, Gewissheit). Dies ist Ihsân, der Weg der Tugend: Gottes Transzendenz unterworfen und zugleich in Seiner Immanenz entrückt. Und letztlich bleibt nur Seine Lobpreisung und das Ergreifen des "Saumes Seiner Gnade".

Es kommt vor, dass islamisch orientierte Ordensmitglieder aus der westlichen Gesellschaft von normativ denkenden Muslimen gefragt werden, ob sie die islamischen Pflichten auch wirklich einhalten. Dies ist an sich eine unanständige Frage, auf welche wohl am besten mit der Gegenfrage geantwortet wird: "Wer gibt Ihnen das Recht zu beurteilen, ob ich ein guter oder weniger guter Muslim bin? Sind Sie der Richter Gottes?" Jeder Mensch soll sich in traditionellen islamischen Gesellschaften respektvoll und den Regeln gemäss bewegen und in ihrer eigenen Gesellschaft ein gutes Beispiel sein, doch auch dann hat niemand das Recht, die Rechtgläubigkeit eines einzelnen ungefragt zu beurteilen. Ein solches Recht entsteht erst durch ein gegenseitiges Einverständnis, zum Beispiel innerhalb einer Ordensgemeinschaft.

Dieses Haus, diese Welt wurde aus Vergesslichkeit erbaut, und alle Körper und die ganze Welt sind basiert auf Vergesslichkeit. ... Vergesslichkeit ist Unglaube, und Glaube besteht nicht, ohne dass Unglaube besteht; denn Glaube ist das Aufgeben des Unglaubens. Deshalb muss es Unglauben geben, den man aufgeben kann. So sind beide ein und dasselbe, da das eine nicht ohne das andere existiert und jenes nicht ohne dieses. Sie sind untrennbar und unteilbar; ihr Schöpfer ist Einer.

(Mevlana, Fihi ma Fihi)

 

Die Scharia wird oft als "offenbartes Gesetz" verstanden. In Tat und Wahrheit handelt es sich aber nicht um eine Gesetzessammlung, sondern um ein Kompendium von Rechtsprinzipien, aufgrund denen Gesetze formuliert werden können. Die Scharia ist die Rechtsgrundlage für die Gesetzgebung der islamischen Tradition: ein soziales und gesetzgeberisches Werk, das durch verschiedene islamische Schulen ausgebaut und beschrieben wurde. Sie basiert auf den Aussagen des Korans und der Sunna und zieht daraus Schlüsse für ein rechtschaffenes Verhalten im gesellschaftlichen Leben. Sharî‘a bedeutet wörtlich "Strasse, die zum lebensnotwendigen Wasser in der Wüste führt", denn in der Wüste ist es für jedermann notwendig, dem wohlausgetretenen Pfad zu folgen, um nicht umzukommen. Die daraus abgeleiteten Gebote und Verbote, die Gott dem Menschen auferlegt hat, sind da, damit er - an ihnen entlang gehend und ihnen nachdenkend - seinen Schöpfer kennenlernt. Die Fähigkeit, Gebote und Verbote einzuhalten, unterscheidet den Menschen vom Tier. Insofern ist die Scharia der Schlüssel zum Menschsein. Wer allein seinen Trieben folgt und nur das tun will, was gerade für ihn gefühlsmässig "stimmt", der bleibt - vermeintlich in Freiheit - verhaftet im Gefängnis des eigenen Wohlbefindens und des Mit-sich-selbst-beschäftigt-seins. Kranke Menschen, die ja gerade durch ihre Krankheit dazu gezwungen werden, sich mit sich selbst zu beschäftigen, werden von den meisten Pflichten der Scharia entlastet.

Einen Weg gehen, der nicht nur gerade die eigenen Bedürfnisse und momentanen Gefühle befriedigt, bedingt eine Anstrengung. Auf allen Wegen, die in heiligen Büchern empfohlen werden, wird vom Menschen eine Anstrengung gefordert. Diese Anstrengung soll ihm ermöglichen, auf dem schmalen aber geraden Weg zu gehen. Das arabische Wort für dieses "Gehen auf dem schmalen Pfad" ist Tarîka. Tarika ist kein Katzbuckeln in der Angst vor Strafpunkten; nein, es ist ein aufrechtes Gehen inmitten unserer modernen Gesellschaft - es ist ein "aufrichtiges" Gehen. Tarika ist weit mehr als das Einhalten der Scharia, die - mit der Änderung der Welt - ohnehin immer wieder neu zu interpretieren ist. Aber: ohne Scharia gibt es keine Tarika, denn der enge Pfad leitet sich von der breiten Strasse ab. Die Scharia gibt dem Menschen die Grundlage, und die Erfüllung seiner Bestimmung erreicht er durch Tarika. Sharî‘a führt zur Ka‘ba, dem Hause des Herrn, Tarîka führt zum Herrn des Hauses. Die ständig notwendige Erneuerung des Verständnisses der offenbarten und überlieferten Scharia erfordert Verstand und Intelligenz, aber auch Demut und oft auch eine Portion Mut. Der Gläubige ist weise, unterscheidend, verstehend, verständig (Mevlana, Fihi ma Fihi). Wo der Mensch mit seinen Fähigkeiten an die Grenzen stosst, soll und kann er auf Gott vertrauen.

Die geforderte Anstrengung in der Tarika bedeutet nicht den Verzicht auf grundlegende menschliche Bedürfnisse. Der Islam verpönt die übertriebene Askese, denn die Unterdrückung bestehender Bedürfnisse wird schnell zum neuen Hindernis auf dem Weg. Der Endpunkt der Tarika ist Haqîqa, die göttliche Wahrheit, oder auch Ma‘rifa, die intuitive Gnosis.

 

Die fünf Säulen des Islam

In einem bekannten Hadith (Ausspruch des Propheten) heisst es: Der Islam ist auf fünf Säulen erbaut: auf dem Zeugnis, dass es keinen Gott ausser Allah gibt und dass Muhammad der Botschafter Allahs ist, der Verrichtung des Gebetes, dem Entrichten der Pflichtabgabe, dem Pilgern zum Hause Allahs und dem Fasten im Ramadan. Die Erfüllung der fünf Pflichten gehört aus normativer Sicht zu den ersten Merkmalen eines Muslims. Insofern sollte ein am Islam interessierter Mensch von Anbeginn diese Pflichten ernst nehmen und nach bestem Wissen und Gewissen danach handeln.


Schahâda
 
Salât
 
Saum
 
Zakât
 
Hajj
 

1. Säule: Schahâda (türk. Schahadet)- das Zeugnis des Glaubens
Die Schahada lautet Lâ ilâha illâ Allâh, Muhammad Rasûl Allah und bezeugt den festen Glauben (Îmân) in Form einer Entscheidung, weswegen beim Aussprechen der Schahada im Gebet der rechte Zeigefinger erhoben wird. Die Schahada wird in jedem Winkel der islamischen Welt als Teil des Gebetsrufes (Adhan) fünfmal täglich ausgerufen. Wer die Schahada aus Überzeugung annimmt, gibt sich als Muslim zu erkennen und steht zu dem, was aus der Schahada abgeleitet wird, nämlich dem Glauben an die Einheit allen Seins und der Botschaft, die Hz. Muhammad verkündete. Ein solcher Mensch hat grundsätzlich Anrecht auf Teilnahme an der muslimischen Gesellschaft (Umma) und damit Zugang zu den Moscheen und den heiligen Stätten wie Mekka und Medina. Die praktische Umsetzung des Glaubens in den Alltag liegt aber nach wie vor in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. In normativen Kreisen wird vom Konvertiten im allgemeinen ein etwas erweitertes Glaubensbekenntnis abverlangt, das sich vor allem aus Sure 4,136 ableitet.

Mit dem Annehmen der Schahada begibt sich der Gläubige ins Paradox aller abrahamischer Religionen, wo einerseits die allumfassende Vorbestimmung allen Geschehens durch den Schöpfer Erwähnung findet (Sure 40,68: Er ist es, der ins Leben ruft und sterben lässt. Und wenn Er etwas bestimmt hat, so spricht Er zu ihm nur: "Sei!" und es ist.), und andererseits an der Willensfreiheit und der damit verbundenen moralischen Verantwortung des Menschen festgehalten wird (Sure 41,47: Wenn jemand das Rechte tut, so tut er es für sich selbst; und wenn jemand Böses tut, so handelt er gegen sich selbst. Und dein Herr ist niemals ungerecht gegen die Menschen). Durch den Gebrauch seiner Vernunft besitzt der Mensch auch die Erkenntnisfähigkeit, aus den Zeichen der Schöpfung die Existenz des Schöpfers abzuleiten (Sure 30,22: Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden).Also ist der Weg des Menschen schon vorausbestimmt, und trotzdem ist er aufgefordert, sich um den rechten Weg zu bemühen. Was für ein tiefgreifendes Paradox! Hz. Mevlana gibt zu diesem Thema einen bemerkenswerten Hinweis:

Freier Wille ist die Bemühung, Gott für Seine Wohltat zu danken.

(Mathnawi I,929)

 

2. Säule: Salât (türk. Namâz) - das auferlegte Gebet
Es werden verschiedene Gebetstypen unterschieden:

Fard (türk. Farz) - Pflichtgebet mit eindeutig gebotenen Teilen

Sunna (türk. Sünnet) - zusätzliche von Hz. Muhammad vorgeschlagene Gebete

Nawâfil (türk. Nafile) und Witr - am Pflichtgebet hinzugefügte freiwillige "Gott wohlgefällige" Gebete

Du‘a‘ - persönliche Bittgebete

Dhikr - Anrufung der Namen Gottes, Gotteserinnerung

 

Für Kranke, Altersschwache und Reisende gelten besondere Erleichterungen und Bestimmungen.

Die fünf Gebetszeiten werden durch den Muezzin jedesmal durch zwei Gebetsrufe angekündigt:

Adhân (türk. Ezan) - erster Ruf, der (vom Minarett) laut in die Umgebung gerufen wird

Iqâma (türk. Ikamet) - zweiter Ruf, der weniger laut innerhalb der Moschee gerufen wird

 

Männer und Frauen begeben sich zum Gebet in sauberer Kleidung, welche die Körperformen verhüllt. Der Ort der Anbetung - ob in der Moschee oder daheim - muss ebenfalls dem Reinheitsgebot entsprechen. Ehe die Gläubigen aus dem Alltag in die geheiligte Zeit eintreten, versetzen sie sich in den Stand kultischer Reinheit, der durch das fassen und stille Sprechen des Vorsatzes (Nîyya, türk. Niyet) Gültigkeit erhält. Je nach Grad der Unreinheit unterzieht man sich der Teilwaschung (Wudû‘, türk. Abdest) oder Ganzwaschung (Ghusl, türk. Gusül), deren Abläufe traditionsgemäss genau festgelegt sind. Die Waschungen sind innerlich Zeichen der Reue, der inneren Umkehr und Reinheit des Herzens. Bei der Aufstellung zum Gebet, Schulter an Schulter in mehreren Reihen, wendet man sich in Richtung der Ka‘ba (türk. Kible), dem Heiligtum in Mekka (siehe Sure 2,149), und fasst als letzte Vorbedingung den Vorsatz, welches Pflichtgebet man zu verrichten gedenkt. Mit den Worten Allahu akbar (Gott ist grösser) tritt man in den Zustand der Weihe, in welchem man für die Dauer des Gebetes vor dem Herrscherthron Gottes verharrt. Der Vorbeter (Imâm) leitet das Gebet. Diese Funktion wird vom Ältesten bzw. Erfahrensten einer Gruppe ausgeübt.

Das eigentliche Gebet besteht aus einer Anzahl vorgeschriebener Einheiten, sogenannter "Verbeugungen" (Rak‘at, türk. Rekât), die sich aus Bewegungsabläufen und damit verbundenen LobLobpreisungen und Anrufungen Allahs, Segenswünschen und Koranstellen in arabischer Sprache zusammensetzen. Teil jeden Pflichtgebetes ist die erste Sure des Korans, die Al-Fâtiha. Aus normativer Sicht ist es nicht gestattet, diese Elemente und ihre Reihenfolge zu verändern. Im gemeinsamen Gebet vor Gott sind alle Merkmale der gesellschaftlichen Stellung, der Nationalität, der Rasse und der Hautfarbe aufgehoben. Am Ende des Pflichtgebets wünscht man sich gegenseitig taqabbala Allâh "Möge Gott es annehmen", denn im Gebet besteht kein Anspruch nach irgend etwas, selbst nicht im Bittgebet (Du‘a‘). Das Gebet ist ein Opfer, von dem man hofft, dass es gnädig angenommen werde.

Die pflichtigen Gebetszeiten und Anzahl "Verbeugungen" sind

- Fajr: das Morgengebet, nach Beginn der Morgendämmerung und vor dem Sonnenaufgang, 2 Rakat

- Zuhr: das Mittagsgebet, nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat bis zum Zeitpunkt, da der Schatten der Dinge doppelt so lang ist wie sie selbst, 4 Rakat

- ‘Asr: das Nachmittagsgebet, daran anschliessend bis kurz vor Sonnenuntergang, 4 Rakat

- Maghrib: das Abendgebet, nach dem Sonnenuntergang bis zum Ende der Abenddämmerung, 3 Rakat

- ‘Ishâ‘: das Nachtgebet, vom Einbruch der Dunkelheit bis zum Beginn der Morgendämmerung, 4 Rakat

 

Der Koran fordert die Gläubigen in Sure 11,114 auf, an den Enden von Tag und Nacht sowie zu frühen Zeiten der Nacht zu beten. Allgemein gelten aber die frühen Morgenstunden als besonders gesegnet. Die Pflicht des Einhaltens von fünf bestimmten Gebetszeiten stammt nicht direkt aus der koranischen Botschaft, sondern ist Teil der Sunna. Der Prophet soll auch gesagt haben: "Das beste Gebet ist das kürzeste". Doch das gesellschaftliche Gebet wird höher eingeschätzt als das individuelle, denn der Islam ist eine Religion, in der das Individuum als Teil der Gemeinschaft (Umma) gesehen wird.

Was bei den Christen der Sonntag ist, ist in der islamischen Tradition der Freitag. Während der Schöpfung entriss der Engel Azra‘il der Erde etwas Staub, und aus diesem Staub erschuf Gott am Freitag den Menschen Adam. Darum sei der Freitag der beste Tag der Woche: die Gläubigen versammeln sich an diesem Tag zum gemeinsamen Mittagsgebet.

Entscheidend ist, dass der Betende die Worte des Korans benutzt. Gott wird mit Seinen eigenen Worten angesprochen! Die Erforderlichkeit des Gebets kommt auch aus dem Hadith zur Geltung "Gott öffnet niemandem den Mund, um Vergebung zu erbitten, es sei denn, Er wolle ihm vergeben". Ein anderes Hadith sagt: "Gott hört die Stimme der Ihn Anflehenden ebenso gerne wie wir Stimmen der Singvögel im Käfig; deshalb erfüllt Er die Wünsche nicht sogleich, sondern hält die Gläubigen eine Weile hin, um ihren süssen Stimmen noch etwas länger zu lauschen ...". Ein Gebet, das sicher erhört, aber nicht unbedingt erfüllt wird, ist die Fürbitte für andere (Du'a'), vorausgesetzt dass sie aufrichtig und selbstlos ist.

Das wahre Ziel des Gebets ist aber nicht, dass der Wunsch der Menschen erfüllt wird, sondern vielmehr, dass der menschliche Wille sich wandelt, um sich so mit dem göttlichen Willen zu vereinigen; denn dann kann der göttliche Wille die menschliche Seele durchfluten und uns so verwandeln, dass man das Geschick, das einem bestimmt ist, als eigene Wahl annimmt.

(aus einem Gedicht von Iqbal).

 

Das äussere Gebet ist zugleich ein Echo des ständigen Gotteserinnerns (Dhikr). Salat und Dhikr sind wohl die eindrücklichsten und zentralsten Rituale des Islam, die zusammen dem Paradox, in dem sich der Gläubige befindet, gerecht werden. Mit Salat besteht einerseits die Pflicht, sich einem transzendenten Gott zuzuwenden und sich in diesem Sinne in Richtung der Kaaba zu verbeugen. Demgegenüber wird der Immanenz Gottes Beachtung geschenkt, wenn mit Dhikr das Gotteserinnern geübt wird, ganz im Sinne des Koranwortes: Wohin ihr euch immer wendet, dort ist das Angesicht Gottes.

Der Dhikr soll den ganzen Körper und die Seele durchdringen. Dazu wurden in den verschiedenen Sufi-Orden Systeme unter Verwendung der 99 Gottesnamen entwickelt, wobei im End-h des zentralen Gottesnamen Allâh die grösste Annäherung an Gott gefunden wird. Der ständige Dhikr "poliert den Herzensspiegel", der vom Rost weltlicher Gedanken und Beschäftigungen überlagert ist. Im reinen Spiegel des Herzens wird Gottes Licht unverzerrt und ungedämpft reflektiert.

 

3. Säule: Saum (türk. Oruç) - das Fasten im Monat Ramadân (türk. Ramazan)
Der islamische Kalender folgt dem Mondjahr, das nur 354 Tage zählt und sich demzufolge gegenüber unserem Sonnenjahr jährlich um ca. 11 Tage rückwärts verschiebt. Während den kurzen Wintertagen ist das Fasten leichter als während den langen und oft heissen Tagen im Sommer. Hz. Muhammad warnte vor übertriebener Askese, und er erlaubte das Verschieben des Fastens für Kranke, Reisende, werdende und stillende Mütter sowie Frauen im Wochenbett oder während der monatlichen Blutungen. Altersschwache sind von der Pflicht ausgenommen, lassen aber einem Armen für jeden nicht gefasteten Tag eine volle Mahlzeit oder ihren Gegenwert in Geld zukommen.

Die Zeit des Fastens beginnt vor dem Morgengrauen mit dem gefassten Vorsatz (Nîyya, türk. Niyet), den ganzen Tag hindurch nicht zu essen, zu trinken, zu rauchen und keinen geschlechtlichen Verkehr zu pflegen, und es endet nach dem Abendgebet. Der Tradition gemäss wird vor dem Abendgebet das Fasten mit einem Glas Wasser oder Milch und einer ungeraden Anzahl von Datteln gebrochen - dies um zu verhindern, dass die Gedanken während dem Abendgebet beim erwarteten Essen statt bei Gott verweilen.

Der Ramadan ist zugleich eine anstrengende und freudevolle Zeit. Dreissig Mal lösen sich im Verlaufe des Monats asketische Spannung und gesellige Feierlichkeit ab. Im Fasten, das die ganze islamische Welt zur gleichen Zeit einhält, erfahren die Gläubigen eine verstärkte geistige Verbundenheit mit der Gemeinde, der Umma. Die Nächte des Ramadan bekräftigen das Gefühl der Zusammengehörigkeit durch gemeinsames Essen, gegenseitige Besuche, Spenden von Almosen, Speisung der Armen, Gebete und Lesungen religiöser Texte. ‘Îd al-Fitr (türk. Seker bayrami), das dreitägige Fest des Fastenbrechens zu Beginn des 10. Monats, beendet den Fastenmonat mit einem feierlichen Gemeinschaftsgebet, Wohltätigkeiten und Festlichkeiten.

Der Ramadan gilt als besonders gnadenerfüllte Zeit, da in ihm sich der Koran (in 30 Teilen) offenbarte, was anschliessend während 22 Jahren in verschiedenen Situationen zu dessen Rezitation führte. Nach den Worten des Propheten soll eine der ungeraden Nächte (die Bevorzugung ungerader Zahlen stammt aus pythagoräischer Zeit) in den zehn letzten Tagen des Ramadan die "Nacht der Bestimmung" (Laylat al-Qadr) sein, eine besonders gesegnete und lichterfüllte Nacht. Eine weit verbreitete Tradition nimmt dafür die Nacht zum 27. Tag dieses Fastenmonats an. In der Laylat al-Qadr sind die Paradiespforten offen für all diejenigen, die sich durch ihre Frömmigkeit ausgezeichnet haben (siehe die 97. Sure Al-Qadr).

Als spirituelles Fasten kann jegliche Abkehr von Nahrung, welche die niedere Natur (Nafs) ernährt, betrachtet werden. Dazu gehören vorerst mal das Essen von Schweinefleisch und Trinken von alkoholischen Getränken sowie das Einnehmen von Suchtmitteln. Aber auch Pornographie, Anreize zur Gewalt und die Verherrlichung der Macht gehören dazu, sowie Neugierde und Klatsch. Die höchste Kunst des Fastens ist der ständige Verzicht auf alles, was neben Gott stehen könnte, wie die persönliche Anerkennung oder die Faszination für die Dinge der anderen Welt. Auch wenn Gott alles für den Menschen erschaffen hat, so hat er den Menschen alleine für Ihn gemacht. Allah spricht: Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis.

 

4. Säule: Zakât (türk. Zekât) - die Pflichtabgabe für Bedürftige
Zakât bedeutet "Reinigung". In einem Hadith deutet Hz. Muhammad die Pflichtabgabe als Reinigung des übrigen Eigentums. Gott der Schöpfer des Universums ist der wirkliche Besitzer aller Dinge; der Mensch verwaltet das von Gott als Gabe überlassene Vermögen nur treuhänderisch. Deshalb muss Eigentum auf gottgefällige Weise zusammengetragen, ausgegeben und verteilt werden. Es darf nicht durch Ausbeutung anderer Menschen erworben und nicht dafür verwendet werden, um über Mitmenschen Gewalt zu erlangen. Der Koran und die Überlieferung prangern jede Art von Gewinn, die auf Verlust und Übervorteilung anderer beruhen, als Ungehorsam gegen Gott an.

Die besten Almosen sind die, die mit der rechten Hand gegeben werden, ohne dass die linke etwas davon weiss (Hadith). Die Abgabe soll einzig und allein aus Gehorsam gegenüber Gott entrichtet werden, und nicht in der Meinung, man tue damit ein wohlgefälliges Werk. Die Höhe der Abgabe ist nicht klar definiert. Wer nach einem Jahr unter Abzug der Lebenshaltungskosten und eventuellen Schulden noch über ein minimales Restvermögen von 20 Miskal Gold (ca. 87 Gramm) oder 200 Dirham Silber (ca. 600 Gramm) verfügt, ist abgabepflichtig, so sagt es die Überlieferung. Das Minimum der Abgabe beträgt 2.5 % des über ein Jahr gehaltenen (mobilen) Restvermögens, wobei für die Landwirtschaft eine andere Berechnung gilt.

Im erweiterten Sinn beinhaltet Wohltätigkeit auch das Geben von Zeit in Form von Mitgefühl, Zuneigung und Beistand.

Der wirkliche Sinn des Almosengebens ist nicht in erster Linie die Hilfe für den Bedürftigen, denn Gott allein ist der Befriedigende aller Bedürfnisse. Vielmehr geht es darum, dass die Absicht des Gebenden die Anerkennung Gottes erfährt.

 

5. Säule: Hajj (türk. Hac) - die Pilgerfahrt zum Hause Gottes in Mekka
Die Wallfahrt zum Hause Gottes, mindestens einmal im Leben in der geheiligten Zeit des Pilgermonats, betrifft alle freien, erwachsenen, körperlich und geistig gesunden Gläubigen, aber nur dann, wenn die Reise - ohne Verschuldung - finanziell gesichert ist und wenn für die Angehörigen gesorgt ist. Die Pilgerfahrt gilt der Kaaba, dem geographischen und geistigen Mittelpunkt der islamischen Welt, dem ersten Tempel der koranischen Überlieferung, der zur Anbetung des Einen Gottes vom Propheten Abraham (Ibrâhîm) und seinem Sohn Ismael (Ismâ‘îl) errichtet wurde (siehe Sure 2,126 ff und 3,96 ff). Wörtlich bedeutet Ka‘ba "Würfel", denn dieses Gebäude im Zentrum des heiligen Gebietes von Mekka ist ein schlichter, fensterloser Steinwürfel mit flachem Dach und einer hoch über dem Boden gelegenen Tür. An einer Ecke ist der silbergefasste "Schwarze Stein" eingelassen. Diesen Meteoriten soll Urvater Adam im ersten Gotteshaus der Erde eingebaut haben. Abraham und Ismael verwendeten ihn im Neubau der verfallenen Andachtsstätte. Der Prophet Muhammad setzte ihn bei der Erneuerung der Kaaba wieder eigenhändig an seine heutige Stelle.

Die meisten Rituale der Hajj bestanden bereits in der Zeit vor Hz. Muhammad. Nach islamischem Verständnis wurden sie durch ihn von heidnischen Gebräuchen gereinigt und - an Abraham anknüpfend - in einen neuen Zusammenhang gebracht. Der Ablauf der ersten Hajj des Propheten von Medina nach Mekka im Jahre 632 n.Ch. dient seither den Pilgern als verpflichtendes Vorbild.

Das Ritual der Hajj dauert 6 Tage vom 8. bis 13. des Monats Dhu al-Hijja. Am 10. ist das Opferfest Aîd al-Adha, das in der ganzen Welt gefeiert wird, in Erinnerung an das Opfer Abrahams, der auf den Befehl Gottes hin bereit war, seinen Sohn Ismael zu opfern. An seine Stelle trat auf Gottes Geheiss hin ein Lamm. Viele muslimische Familien schlachten an diesem Tag ein Lamm.

Al-‘Umrah, die "kleinere Pilgerfahrt", kann jederzeit durchgeführt werden. Sie dauert ein bis zwei Stunden und besteht im wesentlichen aus dem siebenfachen Umkreisen der Kaaba und dem siebenfachen abschreiten (ein Teil davon wird gerannt) zwischen den zwei Stellen Safâ und Marwah.

Das Pilgern zu irgendeiner Heiligenstätte wird Az-Ziyârah genannt, was wörtlich "Besuch" heisst. Der Besuch der Heiligengräber in Konya gehört dazu. Der Besucher ist angehalten, an der Heiligenstätte mindestens die Sure Fatiha zu beten.

Wer die Hajj vollzogen hat, darf den Titel Al-Hajjî verwenden. Allerdings wird dieser Titel oft auch dann gegeben, wenn jemand ‘Umrah gemacht hat (richtig wäre in diesem Fall der Titel Al-Mu‘tamir).

Im erweiterten Sinn ist die Pilgerfahrt ein Akt des "Entwerdens", ein "Sterben vor dem Tod", und sie wird oft in Zusammenhang mit einem Entscheid des Abgebens von vergangenen Lebensgewohnheiten abgehalten. Noch weiter gehend spricht man von der "Inneren Pilgerreise". Zurückgezogen und unter der Obhut eines geistigen Führers kreist der Pilger im streng geführten Dhikr um seinen Herzenskern (Qalb), der "Kaaba der geheimen Essenz". Praktisch wird dies meist in einer Retraite von 40 Tagen (khalwa, türk. halvet oder chilla) durchgeführt. Geselle Mir nichts bei und reinige Mein Haus für diejenigen, die die Umgangsprozession machen und stehen, und die sich verneigen und niederwerfen (Sure ss,26).

Nun verstehen die Externalisten die Heilige Moschee als Kaaba, zu der die Menschen gehen. Für die Liebenden und die Erwählten Gottes jedoch ist die Heilige Moschee Vereinigung mit Gott.

(Mevlana, Fihi ma Fihi).

 

Weitere Gebote, Pflichten und Traditionen

Die meisten Gebote und Pflichten, die in der muslimischen Gesellschaft eingehalten werden, beruhen nur selten direkt auf koranischen Aussagen, sondern vielmehr auf traditionellen Werten, die aus der Sunna, den Überlieferungen, stammen.

 

Reinigung
Reinheit in Körper, Seele und Geist ist ein grundlegendes Gebot und eigentliche Grundlage aller Religiosität. Der Ausdruck La ilaha il-Allah des Glaubensbekenntnisses heisst in der Praxis, dass alles, was nicht Gott ist, wegzulassen ist, damit dann nur noch Gott übrigbleibt. Dieser Akt widerspiegelt sich in den verschiedenen praktischen Formen der Reinigung, wie insbesondere

vor jedem Gebet oder jeder rituellen Handlung;

nach gewissen körperlichen Zuständen wie Geschlechtsverkehr, Samenerguss, Geburt und Tod. Nach einem Todesfall soll während drei Tagen keine Speise ins Haus gebracht werden. Die Zeitspanne der Reinigung bzw. Erholung nach Geburt oder Tod ist 40 Tage;

in Zeiten des Rückzugs wie Retraiten, Klausuren (khalwa, türk. halvet oder chilla), Fastenwochen, etc. Die klassische Zeit der "Reinigung" ist 40 Tage.

 

Bekleidung, Bedeckung, Verhüllung
Die Vorschriften über das Bedecken von Körperteilen ist nirgends klar festgelegt. Der Koran sagt in Sure 24,31, dass die Frau "ihren Schmuck" verhüllen soll. Darunter sind wohl ihre körperlichen Reize gemeint, was in den unterschiedlichen Gesellschaftsformen natürlich verschiedener Interpretation bedarf. Ganz allgemein ist überliefert, dass ein heiliger Ort nicht mit unbedecktem Haupt zu betreten ist. Dies gilt für Männer und Frauen. Auch ein Gebet oder Dhikr als heilige Handlungen werden vorzugsweise bedeckten Hauptes ausgeübt.

 

Speisegebote
Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet, ohne vorher (wieder zu euch gekommen zu sein und) zu wissen, was ihr sagt! (Sure 4,43) steht im Koran, und später werden der Wein und ein bestimmtes Glücksspiel (Arabisch Meisar: mit Pfeilen wird um ein junges Kamel gespielt, das dann geschlachtet und an die Armen verteilt wird) meist zusammen erwähnt. In beiden liegt grosse Sünde (Schaden) und Nutzen für die Menschen; die Sünde in ihnen ist jedoch grösser als ihr Nutzen (2:219).

Die Symbole des Weins, des Trinkens und des Berauschtseins spielen in der Poesie des Islam eine wichtige Rolle, wobei nicht vom Traubenwein, sondern vom Liebeswein die Rede ist. Sogar in einem Hadith wird der Wein genannt: Gott gibt Seinen Freunden einen Wein, von dem sie berauscht werden ..... und schliesslich Einigung erreichen.

Weiter wird im Koran ein Verbot von Krepiertem, Blut und Schweinefleisch erwähnt, sowie Speisen, über denen beim Schlachten ein anderer Name als Allah (der Eine Gott) angerufen wurde. Auch Erschlagenes, Erwürgtes und das durch Hörnerstoss oder Sturz umgekommene wird verwehrt, ... ausser dem, was ihr reinigt ... (5:4). ... Wer aber dazu gezwungen wird, ohne Verlangen danach und ohne sich zu vergehen, auf dem sei keine Sünde ... (Sure 2:173).

 

Gläubige und Ungläubige
Die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen kommt im Koran oft vor. Das mit "ungläubig" übersetzte arabische Wort ist kafîr, was genau genommen zudecken oder verstecken bedeutet, im Sinne des Zudeckens von dem, was der Wahrheit entspricht. "Ungläubige" sind jene Menschen, die der Wirklichkeit den Rücken kehren, um ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen nachzugehen. Es sind Menschen, die nicht anerkennen wollen, dass Gott ihnen Botschaften übermittelt hat. Sie werden darum auch die Undankbaren genannt.

 

Jihâd und Hijra
Das Wort Jihâd stammt vom arabischen Wort Jahd ab, was Anstrengung bedeutet. In der Interpretation wird unterschieden zwischen dem "grösseren Jihad", nämlich der ständigen Anstrengung zur inneren Reinigung und des Bekämpfens der inneren Triebe aus der niederen Natur des Menschen (Nafs), und dem "kleineren Jihad", der Anstrengung zum Zwecke Gottes in der äusseren Welt. Der Prophet Muhammad unterwarf seine Gefährten der Praxis des Jihâd fi sabîlillâh, dem Kampf um Allahs Willen. Es ist das, was dem Ego am schwersten fällt.

Im weiteren übten die Gefährten Hz. Muhammads Hijra, den "Auszug". Der Tag des Auszugs aus Mekka Ende September 622 wurde zum Beginn des islamischen lunaren Kalenders, der einen völligen Bruch mit den alten semitischen Fruchtbarkeitskulten bedeutete, die sich nach dem Sonnenjahr und den Jahreszeiten richteten. Auf persönlicher Ebene bedeutet Hijra jedoch den Auszug aus Zuständen und Haltungsweisen, die dem Gehen auf dem Geraden Weg nicht förderlich sind. Dazu gehört das sich Wegwenden und Vermeiden von Gesellschaften, die der islamischen Ethik zuwiderlaufen.

Die Pflicht des Jihads wird von Fundamentalisten dazu missbraucht, die Menschen zum "heiligen Krieg gegen Ungläubige" aufzurufen (Suren 2,191 und 3,169). Einem solchen Verständnis schliesst sich ein grosser Teil der Muslime nicht an. Ein Verdrehen der Bedeutung von Jihad beruht auf der falschen Vorstellung, dass man mit Sicherheit wissen könne, was Gottes Wille in der erschaffenen Welt ist. Selbst Propheten wissen dies nicht, was die Geschichte von Khidr und Moses im Koran (18: 71-82) eindrücklich beschreibt.

Kein Mensch darf zu religiös orientierten Taten gezwungen werden. Sure 2,256 stellt fest: In der Religion gibt es keinen Zwang.

 

Die Beschneidung
Der Koran erwähnt die Beschneidung nicht, doch die Legende sagt, dass Hz. Muhammad beschnitten geboren wurde. Dadurch hat diese vorislamische Tradition wie selbstverständlich weitergelebt. In weiten Teilen der islamischen Welt wird davon ausgegangen, dass die Beschneidung eines Knaben Pflicht sei und die eines Mädchens etwas Ehrendes. Über die Behandlung erwachsener Konvertiten besteht keine Einigung.

 

Adab
Adab ist der Anstand, der das gute Benehmen in der Gesellschaft regelt. Bei ziemlich allen islamischen Gemeinschaften übt Adab eine zentrale Rolle, ist es doch das Verbindende im Umgang mit anderen Menschen sowie der Natur. In dieser Verbindung zum Lebendigen ist Gott dem Menschen am nächsten, und in dieser Verbindung werden die Qualitäten Gottes, die in Seinen heiligen Namen zum Ausdruck kommen, sichtbar.

 

Die Grussformel
Im Koran (Sure 24,61) wird der Gläubige aufgefordert, mit Friedensformeln zu grüssen, und gemäss der Überlieferung ermahnte der Prophet, mit einer noch schöneren Formel zu antworten. Deshalb grüsst der Muslim mit der Formel As-salâm ‘alaykum "Friede sei mit euch", worauf man antwortet Wa ‘alaykum as-salâm wa rahmatu Llâhi wa barakâtuhu "und mit euch sei Friede und Gottes Barmherzigkeit und Sein Segen".

 

Die Gesellung
Seid mit den wahren Menschen!, so lautet ein heiliges Gebot. Diese Aufforderung beinhaltet einerseits, Menschen zu finden, die Vorbild und Führung offerieren, und andererseits soll man sich mit solchen Menschen zusammentun, die in ihrem Sehnen ein Ausdruck dessen sind, was man selbst als Wahrheit empfindet. Nun ist es aber nicht leicht, seine eigene Wahrheit zu finden oder gar zu erkennen.

Es ist nicht einfach, einen anderen Menschen objektiv zu beurteilen - und dies ist dann besonders schwer, wenn er zum Führer wird. Die eigenen unerfüllten Wünsche machen einen blind in der Wahrnehmung, und so drängt es den Menschen dorthin, wo die angenehmsten Versprechungen gemacht werden, und das sind nun mal jene, die das eigene Ego befriedigen. Anregende oder schmeichelnde Versprechungen kommen normalerweise von Menschen, die ihr eigenes Ich zu befriedigen suchen. Erkennen tut man solche Menschen meist daran, dass sie - direkt oder indirekt, oder gar auf subtile Art - ihr eigenes Ich hervorzuheben suchen.

 

‘Ilm, das religiöse Wissen und ‘Irfân, Gnosis
Es ist eine religiöse Pflicht für alle, religiöses Wissen (‘ilm) zu suchen. Sucht Wissen selbst in China, wird vom Propheten überliefert. In einem weiteren Hadith sagt aber der Prophet auch: Ich nehme Zuflucht bei Gott vor einem nutzlosen Ilm. "Nützliches Wissen" lässt einen wissen, wie man jeden Augenblick des Lebens im Dienste Gottes nutzen kann und wie man alles, selbst etwas scheinbar profanes, im Einklang mit dem göttlichen Gesetz durchführen soll.

Der Ausdruck ‘Irfân steht für Gnosis im Sinne inspirierter mystisch-philosophischer Weisheit, wie sie als Folge von vertieftem Ilm im Sufismus und in der Theosophie islamischer Prägung anzutreffen ist.

 

Hingabe und Dienen
In den heiligen Büchern wird der Mensch dann gelobt, wenn er ein guter Diener seines Herrn ist. Aber was heisst, ein guter Diener zu sein? Was muss man tun, um von Gott als guter Diener gesehen zu werden? Diese Frage stellt sich ein ernsthaft Suchender immer wieder. Gemäss den heiligen Schriften ist jede Lobpreisung Gottes ein Dienst an Ihm, denn Gott hat den Menschen dafür erschaffen, dass er Ihn preise. Jede gute Arbeit und jeder Ausdruck einer guten Tat können eine Lobpreisung Gottes sein.

Ich war ein verborgener Schatz und sehnte Mich danach, erkannt zu werden;

also schuf Ich die Welt, auf dass Ich erkannt würde.

(Hadith qudsi)

 

Das Tieropfer
Die Aufforderung, in der Zeit des Hajj und in anderen speziellen Momenten ein Tier zu opfern, stammt aus der Sunna und nicht aus dem Koran. Das Tieropfer ist eine alte Tradition, die als Ersatz zum Menschenopfer gesehen werden kann (Geschichte von Abraham und seinem Sohn, wobei nicht klar ist, ob der ältere Ismael oder der jüngere Isaak zu opfern war), um die Gunst Gottes auf sich zu ziehen. Das Tieropfer macht aus moderner Sicht nur dann Sinn, wenn das Fleisch und das Fell des Tieres auch äusseren Nutzen bringt, insbesondere zur Speisung von Armen.

 

Kalender und Feiertage
Der islamische Kalender beruht auf dem Mondjahr, bestehend aus 354 Tagen bzw. 355 Tagen in einem Schaltjahr, und 12 Monaten von abwechselnd 29 und 30 Tagen. Der islamische Jahresbeginn verschiebt sich also im Sonnenjahr jährlich um ca. 11 Tage zurück, und ebenso geschieht dies mit allen Feiertagen, Der neue Tag beginnt jeweils bei Sonnenuntergang. Der lunare Monat beginnt, wenn der Neumond von zwei aufrechten zuverlässigen Zeugen gesichtet wird. Der Neumond wurde daher zum Lieblingssymbol der islamischen Kultur.

Die islamische Zeitrechnung setzt mit der Hijra (Auszug) des Propheten aus Mekka im Jahr 622 ein. Die 12 islamischen Monate mit den wichtigsten Feiertagen sind

Muharram - Neujahrsfest am 1. Muharram

- (Schiitisches) Heiligenfest am 10. Muharram

Safar

Rabi‘ al-Awwal - Mawlid al-Nabi (Geburtstag des Propheten) am 12. Rabi‘ al-Awwal

Rabi‘ al-Thani

Jumada l-ula

Jumada l-akhira

Rajab - Al-Mi‘raj (Himmelfahrt) des Propheten am 27. Rajab

Sha‘ban

Ramadan - Fastenbeginn am 1. Ramadan

- Laylat al Qadr (Nacht der Macht am 27. Ramadan

Shawwal - Aîd al-Fitr: Opferfest zum Fastenbrechen am 1. Shawwal

Dhu al-Qa‘ada

Dhu al-Hijja - Aîd al-Adha: Opferfest am 10. Dhu al-Hijja als Teil der Wallfahrt

(in Erinnerung an das Opfer Abrahams mit seinem Sohn Ismail)

 

Anregungen

Gott schuf die Welt aus Gegensätzen, damit Erkenntnis möglich würde. Mit dem Entstehen der Welt entstand auch ihre Sehnsucht zurück nach dem ursprünglichen Zustand der Einheit. Jeder Mensch ist ein Suchender, ob er es wahrhaben will oder nicht; er will verstehen - er will erkennen - er will erkannt werden. Seine Suche mag alle möglichen Formen annehmen, doch in ihrer letzten Konsequenz - und dies lehrt die islamische Botschaft ganz klar - endet die Suche in nichts anderem als der puren Lobpreisung Gottes. Dieses einzige was letztlich bleibt, ist allgegenwärtig in allen Ebenen der Existenz. Die Lobpreisung Gottes ist der eigentliche Sinn der Schöpfung. Nun hat das äussere Ritual seinen inneren Sinn, und umgekehrt erhalten ein inneres Verständnis oder eine innere Haltung ihren abschliessenden Wert, wenn sie sich in äusseren Handlungen widerspiegeln. Allerdings ist die Beständigkeit der Wirkung in den verschiedenen Ebenen unterschiedlich. Eine äussere Tat wird nur so lange eine direkte Wirkung ausüben, bis die Handlung vorüber ist. Sie wird aber einen inneren Wert - eine Erinnerung - hinterlassen, die viel länger bestehen kann. Ein äusseres Ritual soll darum zur Stärkung der inneren Haltung regelmässig repetiert werden, so wie die Ruder eines Bootes regelmässig ins Wasser getaucht werden, um dem Boot ein gleichmässiges Vorwärtskommen zu ermöglichen.

Denn es besteht eine Einheit zwischen Sinn und Form; solange die beiden nicht zusammenkommen, bringen sie keinen Nutzen, so, wie der Pfirsichkern, den du ohne Schale pflanzt, nicht wächst.

(Mevlana, Fihi ma Fihi)

 

Der Mensch kommt nicht darum herum, ein Risiko einzugehen. Es gibt keine Garantie für Erleichterungen im weltlichen Leben, wenn religiöse Regeln eingehalten werden. Ein kurzer Blick aufs Weltgeschehen genügt, um sich von idealisierten Vorstellungen der weltlichen Gerechtigkeit abzuwenden. Hingegen kann der Mensch davon ausgehen, dass sich etwas ändert, wenn er bestehende Vorstellungen loslässt und sich ohne Erwartungen auf einen gewählten Weg begibt. Neue Türen öffnen sich, und die Denk- und Sichtweise verschiebt sich in eine neue Haltung. Der Koran offenbart sich dem, der den Koran liebt. Statt alles verstehen zu wollen, bevor etwas getan wird, lohnt es sich manchmal, mit dem Tun zu beginnen, um daraus Erkenntnisse zu erlangen. Nicht der Text selbst ist die Offenbarung, sondern das, was der Gläubige jedesmal neu entdeckt, wenn er es liest, meint der marokkanische Gelehrte Aziz Lahbabi, und ein früherer Rektor der al-Azhar Universität in Kairo drückt die Problematik der Wahrheitsfindung und Interpretation wie folgt aus:

Wahre Religion kann der Wahrheit nicht widersprechen, und wenn wir positiv von der Wahrheit einer wissenschaftlichen Bemerkung überzeugt sind, die mit dem Islam unvereinbar ist, so nur, weil wir den Koran und die Tradition nicht richtig verstehen. In unserer Religion besitzen wir eine universale Lehre, die erklärt, dass, wenn eine apodiktische (unwiderlegliche) Wahrheit einem offenbarten Text widerspricht, wir dann den Text allegorisch interpretieren müssen.

 

Es ist eine echte Herausforderung, in der sich ständig wandelnden Welt und insbesondere in der modernen Gesellschaft den Koran als eine Referenz für einen geistigen Weg zu nehmen. Den westlich erzogenen Menschen erschrecken die immer wiederkehrenden Warnungen und Drohungen. In seinem äusserlichen Ausdruck (gesellschaftliche Themen und Werte) eröffnet der Koran eine Momentaufnahme der Wahrheitsfindung vor vielen Jahrhunderten, die heute nicht mehr das äussere Weltgeschehen widerspiegelt. So muss der Mensch es denn wagen, das äussere Gebaren in der Religion, das als Spiegel für innere Erkenntnis dienen soll, immer wieder neu zu interpretieren und gemeinsam mit den Glaubensgenossen festzulegen. Es wäre zu einfach und nicht der Sinn des Menschseins, die Verantwortung für sein Tun an Gott zurückzudelegieren, indem einfach eine Menge traditioneller Regeln eingehalten werden. Der Weg des Menschen ist und bleibt ein Wagnis, eine Herausforderung und nicht eine Prozedur der Absicherung durch Regeln. Es ist sinnlos, nach Garantien zu verlangen oder nach solchen zu suchen. Vielmehr soll der Mensch lernen, sich absolut bedingungslos in Gottes Hände zu geben.

Der scheinbare Mangel an Zusammenhang im Koran verrät in Wirklichkeit eine höhere Ordnung, die nur jene erkennen, die Augen haben zu sehen, das heisst, die den Koran durch Tahqîq, direkte Erfahrung, lesen und nicht durch Taqlîd, dogmatische Nachahmung. Der Diener Gottes lässt innerlich los und ringt zugleich äusserlich um den rechten Weg, der voller Paradoxe ist. Nicht die Menge an Wissen zeichnet den Heiligen aus, sondern die Art und Weise, wie er mit Paradoxen umgeht. Gott ist sowohl transzendent und damit grösser als die erschaffene Welt, als auch immanent in allem enthalten. Diese zwei Gesichter Gottes drücken sich aus in den Formeln Allah-hu Akbar (Gott ist die Grösse) und La ilaha il Allah (es gibt keinen Gott ausser dem Einen Gott).

Wenn Gläubiger und Ungläubiger zusammensitzen und nichts ausdrücken und sagen, dann sind sie ein und derselbe. Gedanken können nicht festgehalten werden; das Innere ist eine freie Welt. Denn die Gedanken sind subtil und können nicht (vom Richter) gerichtet werden. Wir urteilen nach dem Äussern, und Gott beherrscht die innersten Herzenskerne.

(Mevlana, Fihi ma Fihi)

 

Ein Scheich sagte einmal: Wenn du nicht weisst, wohin du gehst, dann ist jeder Weg richtig. Selbstverständlich gibt es verschiedene Wege, die ans gleiche Ziel führen. Ist aber mal ein Weg begonnen, dann tut man besser daran, den eingeschlagenen Weg konsequent zu befolgen. Rituale und das Einhalten periodischer Pflichten sind wie Meilensteine, die des Weges erinnern. Den wertvollsten Herausforderungen auf dem Weg begegnet man erst dann, wenn die anfängliche Zeit der Faszination fürs Neue vorüber ist. Es ist nun mal nicht möglich, Erkenntnis zu erlangen, um anschliessend einen Weg zu wählen. Der Mensch muss sich zuerst auf den Weg begeben, und dann erst wird ihm Erkenntnis zuteil. Gottes Geschenke sind nicht voraussehbar und nicht planbar. Zuerst das Pflügen, Sähen und Bewässern - und dann die Ernte.

In einigen Sufi-Orden, die allesamt im Islam begründet sind, werden Rituale durch Musik und Körperbewegungen untermauert. Dies stösst bei manchen normativ denkenden Muslims auf Ablehnung, denn Gott hat befohlen, Ihr Gläubigen kommt nicht betrunken zum Gebet! (4.43). Ausserdem sind solche Praktiken in ihren Augen auch deswegen zu verwerfen, weil diese das absolute Anderssein Gottes (transzendenter Aspekt Gottes), das auch mit der stärksten Ekstase nicht erreichbar ist, nicht zu respektieren scheinen. In ihren Augen besteht der einzige Weg im Gehorchen Seiner Befehle und Seines offenbarten Gesetzes, denn niemand kann Gott erblicken (Sure 6,103). Gerade deshalb seien hier zum Semâ‘, dem Ritual des Drehtanzes in der Mevlevi-Tradition, noch einige Hinweise gegeben. Der Drehtanz soll aus der Nüchternheit des Alltags über eine Ekstase (im Sinne der Glückseligkeit der Einigung) in eine Nüchternheit höherer Ordnung führen. So verstanden kann der Drehtanz als eine "Leiter zum Himmel" gesehen werden, oder auch als Teil von Tawhîd, der Wissenschaft der Einheit allen Seins. Der Drehtanz wurde schon im 9. Jahrhundert von den Sufis in Bagdad praktiziert und dann aber erst von Sultan Walad, Hz. Mevlana Celaleddin Rumis Sohn und zweitem Nachfolger, anlässlich der formellen Organisation des Mevlevi-Ordens institutionalisiert und perfektioniert. Semâ‘ heisst "Hören" im Sinne des Hörens auf die zur Einheit führenden Klänge. In der eben erwähnten "Nüchternheit höherer Ordnung" konzentriert sich das Hören auf das Wahrnehmen verschiedenster Formen des "Klanges der Einheit", oder, wie es etwa in der Theosophie ausgedrückt wird, der "Stimme der Stille". Mevlana zum Beispiel hörte die süsse Melodie der göttlichen Frage Bin ich nicht euer Herr? (Sure 7,172).

 

Das End-h von Allâh weist auf den Hauch hin, in dem letztlich - mit den "Augen des Herzens" - ein Abglanz Seiner Majestät erblickt wird. "HUUUU ..." rufen die Mevlevis am Ende ihrer Gebete. Mein Himmel und Meine Erde umfassen Mich nicht, aber das Herz Meines gläubigen Dieners umfasst Mich (Hadith qudsi).

..... und wenn die Reise zu Gott beendet ist, beginnt die unendliche Reise in Gott .....

(Iqbal)