Das Böse im Sufismus (Mai 2004)

Interview von Lisa Trachsel mit Peter Hüseyin Cunz
für die esoterische Zeitschrift Advaita, Ausgabe Mai 2004 

 

 

Gibt es im Sufismus eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse?

Selbstverständlich! Sufismus ist nichts anderes als vertieft gelebter Islam. Sufismus ist Religion und Philosophie in einem und als Rahmen für das Leben in dieser Welt gedacht. Der Mensch kann gar nicht anders als ständig das für ihn Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Die Frage ist dann nur, von welcher Seite er das Betrachtete beleuchtet und beurteilt. Hier benötigt er Hilfe, wenn er sich nicht auf sein eigenes limitiertes Beurteilungsvermögen beschränken will.

 

Warum gibt es das Böse, den Teufel?

Weil Gott die Welt so erschaffen hat. Du kennst doch die Schöpfungsgeschichte der Bibel? Im Islam werden ähnliche Bilder verwendet und daraus Vorstellungen erschaffen. Gott erschuf die Welt, damit Er erkannt würde. Er musste also die Erkenntnis ermöglichen, d.h. er musste die Dualität schaffen, damit mittels einem Erkennenden und einem Erkannten die Erkenntnis entstehen konnte: Er erschuf aus sich heraus zwei Gegenspieler, nämlich „Gott den Herrn der Welten“ (Rabb il Alamin) auf der einen Seite und Satan (auch Iblis genannt) auf der anderen.

 

Was ist der Teufel aus der Sicht des Sufismus?

Der Teufel und Satan ist das gleiche. So wie Gott unser Herr die Engel als Kräfte unterschiedlicher unterstützender Qualitäten hat, so hat Satan unterschiedliche Teufel, die uns Verführen, die Trennung verursachen und die Ärger, Neid und Eifersucht entstehen lassen.

 

Ist aus der Sicht des Sufismus die menschliche Natur böse? Wie kommt der Mensch zum Bösen?

Der Mensch kommt nicht zum Bösen, sondern das Böse kommt zu ihm. Der Mensch wird nicht böse geboren. Wir kennen die Vorstellung der Erbsünde nicht. Doch Satan der Einflüsterer ist immer schon da, bevor wir es merken. Selbst bei den höchsten Menschenwesen ist das so; wir brauchen uns nur der Versuchung Jesu zu erinnern.

 

Muss der Mensch zu einem guten Menschen erzogen werden?

Ja, das muss er zu seinem eigenen Wohl. Es ist ja wirklich besser zu lernen, dass wir von Satan bedrängt werden und Widerstand leisten sollten, bevor es zu spät ist. Wir tun gut daran zu lernen, dass es gute Dinge und böse Ding gibt und dass grundsätzlich bekannt ist, was gut ist und was nicht gut ist. Es ist die Aufgabe der Eltern, dem neutralen und schutzlosen Kind zu helfen, eine erwachsene Person mit einer starken und zugleich harmonischen Persönlichkeit zu werden. Das lateinische Wort „Persona“ heisst Maske, also gleichzeitig Schutz und Versteck. Wenn wir mit einer gesunden Persönlichkeit ausgestattet sind, haben wir das beste Rüstzeug, um uns auf den spirituellen Weg zu begeben, denn auf diesem Weg bringen wir - auf Kosten der „Persona“ (!) - den essentiellen Kern in uns zum Wachsen. Mit einer verletzten Persönlichkeit ist der Weg insofern etwas schwieriger, als wir immer wieder hinterfragen müssen, ob unser Beweggrund aus der verletzten Person stammt oder aus wirklicher Sehnsucht nach dem Entwerden.

 

Wie ich eingangs erwähnt habe, ist tief in mir der Glaube, schlecht und böse zu sein – und das darf nicht entdeckt werden. Woher stammt dieses Verheimlichen wollen? Wie kann ich vom Bösen befreit werden?

Das ist eine sehr persönliche Frage, die Du Deinem Lehrer stellen solltest. Da ich nicht Dein Lehrer bin, werde ich mich hüten, Dir eine Antwort geben zu wollen.

 

Warum bist Du so strikt?

Das Verhältnis zwischen einem spirituellen Lehrer oder Lehrerin und einem Schüler oder Schülerin ist eine längerfristige verantwortungsvolle Vereinbarung – sozusagen ein beidseitig unterzeichneter Vertrag. Die Abmachung dient dem gemeinsamen Erschaffen eines Raumes, wo die Segenskraft – wir nennen das „Baraka“ – Einzug finden kann. Es ist nicht so, wie es oft vorgestellt wird, dass ein spiritueller Lehrer mit einem Rucksack voller Segenskraft herumläuft und gnädigst hier und dort etwas davon verschenkt. Die göttliche Segenskraft ist nie im Besitze eines Menschen. Die Segenskraft ist eine unberechenbare Gnade Gottes, die sich darin zeigt, dass dem Lehrer oder der Lehrerin die richtigen Gedanken (Geistesblitze) geschenkt werden, und zwar in dem Moment, wo der Schüler oder die Schülerin diese auch aufnehmen können. Es ist das Resultat einer fruchtbaren gegenseitigen Hinwendung im gemeinsamen Bestreben nach dem Letztendlichen. Und – da wir vom Bösen reden - wie versucht nun Satan, eine solche Verbindung zu stören oder gar zu zerstören? Ganz einfach, indem er dem Schüler oder der Schülerin eine Vorstellung gibt, wie es sein sollte, und dem Lehrer oder der Lehrerin flüstert er ambitiöse Gedanken ein. Nostalgie beim Lernenden und Ambitionen beim Lehrenden sind die grössten Hindernisse auf dem spirituellen Pfad – und davon wimmelt es in der „esoterischen Szene“ unserer Zeit.

 

Was hat das Leiden mit dem Bösen zu tun?

Es ist nicht Satan, der uns zum Leiden bringen will. Er will eher, dass es uns gut geht, damit wir dabei möglichst Gott vergessen. Gott will erkannt werden und das beginnt damit, dass wir uns Seiner erinnern. In der Erinnerung an Gott machen wir den ersten Schritt in Seine Richtung. Wenn wir Ihn vergessen ist es meistens das Leiden, das uns wieder zu Ihm führt – wenigsten mit unseren Klagen. Du selbst hast mich an den Ausspruch Mevlanas erinnert: In deinem Ruf „Oh Gott!“ sind Tausend „Hier bin Ich!“

 

Wir leiden immer dann, wenn unsere Widerstandskräfte dem, was auf uns zukommt, nicht genügen. Bei physischem Leiden geht es ums Mass des Schmerzes im Gegensatz zum Mass an Nervenkraft. Im Intermenschlichen und Spirituellen leiden wir, wenn wir uns im Zwischenzustand zwischen Trennung und Verbindung befinden: es geht ums Mass der Sehnsucht im Gegensatz zum Mass an emotionaler Kraft und dem Mass an Glauben. Wir haben dann zwei Möglichkeiten, aus diesem Zustand herauszukommen – sofern wir das wollen: entweder fliehen wir und gewinnen Abstand, oder wir gehen mutig eine Beziehung mit dem Gegenüber ein, was im Allgemeinen vorerst zu einer Auseinandersetzung, dann aber allenfalls zu einer erlösenden Verbindung führt. Das Leiden ist somit nicht mit dem Bösen verknüpft.

 

Aber was ist dann mit der Hölle? Kommen die Bösen in die Hölle?

Auf einfache Art kann man das vielleicht so sagen: Wer mit Schuld beladen oder im Zustand der Bosheit stirbt, kommt in die Hölle. Jeder hat in seinem Leben die Gelegenheit, sich von Schulden zu befreien. Da wir nie wissen, wann wir sterben, sollten wir uns immer wieder – so quasi in jedem Moment – von allen Schulden befreien.

 

Die Hölle mit allem drum und dran ist eine Vorstellung, um einen Zustand zu beschreiben, der in Wirklichkeit über unserem Begriffsvermögen ist. Wir wissen, dass wir nach dem Tode kaum noch die Möglichkeit haben, schlechte Taten zu sühnen, denn wir haben alle unsere fleischlichen Instrumente verloren. Mit diesem unerlösten Zustand zwischen Trennung und Verbindung, von dem ich vorher sprach, liegt das Leiden der Hölle begründet. Die Menschen dort sehnen sich nach Körperlichkeit oder zumindest nach irdischer Verbindung, um vergangene Taten wieder gut zu machen. Sie können selbst nicht mehr aktiv werden und sind völlig der Gnade Gottes und dem guten Willen der von ihnen geschädigten Menschen ausgeliefert. Viele spiritistische Phänomene haben damit zu tun, dass solche verstorbene leidende Menschen nach Verbindung zu noch lebenden Menschen suchen. Es ist sehr wichtig zu lernen, den anderen zu vergeben.

 

Was sagst Du zu Menschen, die sich vom Bösen bedrängt fühlen?

Vermutlich sage ich „Bravo! Weil Du den Fängen von Satan zu entfliehen drohst, versucht er alles, um Dich zurück zu gewinnen. Sei stolz darüber, dass Dich Satan zu bedrängen versucht, denn das beweist Deine Kostbarkeit, und lasse Dich davon nicht erweichen!“

 

Gibt es Erlösung von dem Bösen?

Selbstverständlich, sonst würde dies nicht explizit im von Jesus vorgeschlagenen Gebet – dem „Vater-Unser“ – ausgedrückt werden. Erlösen heisst Auflösen einer Schuld. Wenn wir uns schuldig machen, dann deswegen, weil unsere Tat ein Gleichgewicht der kosmischen Ordnung gestört hat. Wir haben einen unerwünschten Eingriff zu verantworten (ver-antworten). Das Wiederherstellen der Harmonie ist nur mit Einbezug von uns selbst möglich. Deswegen ist eine Sühnehandlung notwendig, indem wir zum Beispiel um Verzeihung bitten und etwas dabei opfern, von uns geben. Die Sühnehandlung ist der eigene Beitrag zur Wiederherstellung der von uns gestörten kosmischen Ordnung. Wie schon gesagt können wir das, solange wir noch leben.

 

Oft sind wir aber nicht in der Lage, mit einer angemessenen Sühnehandlung das Verursachte wieder gut zu machen. Wenn die geschädigte Person gestorben ist, wie kann ich ihr dann um Verzeihung bitten und Schadenersatz leisten? Wir sind auf die Hilfe der anderen Welt angewiesen: wir bitten Gott um Vergebung, und wenn Er uns vergibt, hat die geschädigte Person uns auch vergeben.

 

Liegt denn darin die Rolle des Gebets?

Ja, unter anderem ist das ein wesentlicher Bestandteil des Gebets. Denke ans „Vater-unser“, das uns Jesus gelehrt hat, oder an die „Fatiha“, die in jedem islamischen Gebet enthalten ist. Mit dem Gebet suchen wir Verbindung mit den transzendenten Kräften Gottes, die aus der anderen Welt – dem Jenseits – zu uns streben.

 

Die andere Welt ist nicht etwa nur gut. Das Böse ist dort genau so vertreten. Je nach unserer momentanen Beschaffenheit werden wir in Verbindung zur anderen Welt von guten oder bösen Kräften bedient: wir werden mit der Segenskraft Gottes beschenkt, oder wir werden von teuflischen Kräften besessen. Islam und damit der Sufismus ist nichts anderes, als ein ständiges Formen und Reinigen unserer Seele, um sie zum Gefäss für die Segenskraft Gottes werden zu lassen.

 

 

 

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