Sema und Musik (Februar 2004)

Sohbet von Scheika Nur Artıran am Donnerstag, 12. Februar 2004 im Wirbel
Mit Antworten von Scheich Sefik Can Efendi auf den Brief des Semazenbasi vom Juli 2002

 

 

Sema ist von aussen betrachtet eine rhythmische Bewegung in Begleitung von Musik. In Wirklichkeit kommt jedoch die Wurzel aus dem arabischen Wort „sama‛“, das „hören“ bedeutet. Demnach bedeutet Sema nicht „drehen“, sondern „hören“. Doch das Hören, von dem hier die Rede ist, ist nicht das Hören, das wir mit unseren Ohren wahrnehmen, sondern das Hören und Fühlen der Stimme Gottes durch unsere Herzen. Hz. Mevlana sagte: „Das Fühlen, das Hören, das Verstehen Gottes ist mit weltlichen Gefühlen nicht möglich. Dieses Gefühl ist ein anderes Gefühl, ein anderes Sehen“ (Mesnevi, Sefik Can Band 6, Nr. 2206). Das Sema und die Musik sind eins. Es ist unmöglich, diese voneinander zu trennen. Musik ist die Stimme Gottes und der Semazen ist das Symbol des in Gott Verliebten.

 

Sobald der Semazen die Musik hört, die das Symbol für Gott ist, beginnt er zu drehen. Deshalb ist im Sema die Musik, d.h. Mutrib, die Grundlage und das Wahre. Wie bei allem hat Gott auch hier beim Sema die Musik, die Seine Stimme symbolisiert, hinter dem Semazen versteckt. Wir haben gesagt, dass der Semazen den in Gott Verliebten und der Mutrib Gott selbst symbolisiert. Was sind wohl die Quellen dieser Symbole? Die Antwort auf diese Frage gibt Hz. Mevlana wie folgt (Mesnevi, Sefik Can Band 4, Nr. 731): „Die Freude, die Sehnsucht, die man durch die harmonischen Melodien einer schön gespielten Musik hört, sind die Erinnerungen und Bilder auf die Frage: „Bin ich nicht Euer Herr?“

 

Die grossen Sufis sagen, dass der Allmächtige im Jenseits die Seelen mit der Frage „Bin ich nicht Euer Herr?“ angesprochen habe und die Seelen hätten mit „Bela“ d.h. mit „Ja“ geantwortet. Die geistige Freude und der Geschmack dieser Ansprache beeinflussten die Seelen so tief, dass sie für immer blieben. Wann immer sie nun auf der Welt eine schöne Musik hören, erinnern sie sich an diese Freude und das Vergnügen dieser Ansprache des Allmächtigen im Jenseits. Dies ist auch der Grund dafür, warum man beim Hören von Musik  Freude und Vergnügen erlebt. Deshalb sagt Hz. Mevlana im Mesnevi (Sefik Can Band 4, Nr. 742), schöne Musik zu hören, sei die Nahrung der Liebenden. In diesem Hören liegt die Vorstellung der Vereinigung. In ihm ist die Erinnerung an den Frieden im Jenseits und an diese göttliche Ansprache vorhanden. Ein Gedicht von Hz. Mevlana beginnt mit der Frage „Weisst du, was Sema bedeutet?“ In diesem Gedicht wird die geistige Seite des Semas am deutlichsten erklärt. Es beginnt folgendermassen: „Weisst du, was Sema bedeutet? Es bedeutet, die Stimme, die Antwort: ‚Ja’ der Seelen auf die Frage Gottes: ‚Bin ich nicht euer Herr?’ zu hören, sich zu verlieren und sich mit Gott zu vereinen“. Deshalb hat die Musik die Ehre, Gottes Stimme zu symbolisieren. Für uns besteht die Musik aus verschiedenen Tönen, die durch Vibrationen entstehen. Doch die grossen geistigen Weisen haben unter Musik ganz was anderes verstanden. Hz. Mevlana sagt im Mesnevi (Sefik Can Band 4, Nr. 733): „Die Weisen haben gesagt: „Wir haben die melodischen, lieblichen Klänge durch die Himmelssphäre und die Drehungen der Sterne am Himmel vernommen. Die Trommel, die die Leute schlagen und die Gesänge, die sie singen, sind die Geräusche, die durch die Drehungen der Himmelssphäre entstehen“. Im Koran, Sure Isra, Nr. 44 heisst es: Es preisen ihn die sieben Himmel und die Erde und wer drinnen. Und kein Ding ist, das ihn nicht lobpreist. Doch versteht ihr nicht ihre Lobpreisung.

 

Für uns ist der Himmel eine grenzenlose blaue Leere, aber seht, wie Hz. Mevlana das in einem Gedicht ganz anders erklärt: „Das einzigartige Glitzern dieser blauen Kuppel ist das Glitzern der Gebetskette der Engel und der Seelen“ (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 1, Nr. 234).  Im Koran Sure Zümer, Nr. 75: Und sehen wirst du die Engel kreisend rings um den Thron, den Preis ihres Herrn verkündend. Wir hören vielleicht diese Zikirs und die göttlichen Stimmen, die durch Himmelsdrehungen entstehen, nicht. Doch diejenigen, die das hören und fühlen, die haben aus diesen Tönen Noten geschrieben, die die Menschenseele berühren.

 

Es ist bestimmt auch angebracht, zu sagen, dass nicht alle Arten von Musik die Seele ansprechen. Wie bei allem gibt es auch bei der Musik Formen, die unsere Seele ansprechen und solche, die unsere Seele eher stören. Eine Untersuchung, die in Amerika durchgeführt wurde, hat bewiesen, dass die Musik, die die Menschen stört, auch die Tiere und die Pflanzen irritiert und sogar das Wasser, wenn sie unmittelbar daneben gespielt wird. Die Moleküle, Kristalle und die Formen fangen an sich zu verändern. Der japanische Wissenschaftler Prof. Dr. Masaru Emoto hat fotografisch folgende Untersuchungen festgehalten. Er hat vorerst den Wasserkristallen die Pastorale von Beethoven vorgespielt. Diese nahmen dadurch schöne und geordnete Formen an. Danach hat er den gleichen Wasserkristallen heavy metal Musik vorgespielt, wodurch sie eine ungeordnete Form annahmen und zerstreut wurden. Es ist selbstverständlich, dass eine Musik, die alle Arten von Lebewesen beeinflusst, auch die Menschenseele, die so empfindlich ist, auf positive oder negative Weise beeinflussen kann. Hz. Tahir-ül Mevlevi (Scheich von Sefik Can) hat in der Mesnevi-Übersetzung folgendes geschrieben: „Wenn die Musik von irgendjemandem gehört wird, wird er sich an den Verschiedenartigkeiten der Töne erfreuen. Das Vergnügen, das er empfindet, ist in diesem Rahmen. Doch wenn ein Weiser die Musik wahrnimmt, dann hört er ganz anders hin, er hört andere Dinge, er gibt der Musik Bedeutungen, die wir nicht verstehen. Denn die Gottesfreunde haben gesagt, dass das Ohr zwar wahrnimmt, aber nicht hinhört, zum Hören braucht es jemanden, der ein gereinigtes Herz besitzt. Das Ohr nimmt wahr, das Herz hört hin, empfindet.

 

Die Töne, die die Musikinstrumente abgeben, sind für uns rhythmische Töne, die durch verschiedene Tonvibrationen entstehen. Doch Hz. Mevlana sagt, was er durch die Stimme der Ud (Ud ist ein türkisches Saiteninstrument) hört: „Ente hasbi, ente kafi, ya Vedud“ (Oh Du Geliebter, Du bist mir genug, Du bist mir ausreichend.)

 

Es wird gesagt, dass Hz. Ali durch das Schlagholz (durchlöchertes, mit einem Klöppel geschlagenes Brett der orient. Christen zum Zusammenrufen der Gemeinde) folgendes verstanden und weitererzählt hat: „Sübhanallahi Hakka, Innel Mevla Yekba“. (Du bist Gott, von allen Fehlern frei, ohne Zweifel bist Du unser Herr, Du bist sehr hocherhaben.) Hz. Mevlana berichtet uns im Mesnevi, dass die Töne „lek lek“, die der Storch von sich gibt, nicht nur aus „lek, lek“ bestehen. Sie bedeuten: „Das geistige Vermögen gehört Dir, der Dank gehört Dir, das Lob gebührt Dir“. Im Divan-i Kebir, Sefik Can Band 1, Nr. 82 sagt er: „Es kommen jeden Tag Offenbarungen vom Himmel: “Wie lange möchtet ihr noch wie Bodensatz auf der Welt weilen, steigt auf in den Himmel, steigt auf in den Himmel!“ „Die Seele, die auf dieser Welt fremd ist, hat Sehnsucht nach der anderen Welt. Ich weiss nicht, warum die tierische Nafs (die niederen Triebe) auf dieser weltlichen Weide bleibt und grast. Warum sie den Ort, woher sie ursprünglich kommt, vergiesst und nach weltlichem Glück zappelt.“ An einem anderen Ort, im Divan-i Kebir (Sefik Can Band 1, Nr. 3) sagt Hz. Mevlana: „Die Rosen sagen schreiend: ‚Wer sich eine geistige Leiter wünscht, um Gott zu erreichen, der soll wissen, dass der Kummer und die Sorgen die Leiter sind und soll sich deshalb nicht beklagen. Er soll sich davor nicht fürchten, nein, er soll sogar sein Leben ins Unglück stürzen, so regnen sie fliegend vom Himmel in den Rosengarten.“ Es gibt viele, die durch das Licht dieser geistigen Stimmen, die vom Himmel, von den Rosen, vielleicht sogar von jedem Atom kommen, leben. Es gibt aber auch viele, die keine Ahnung von diesen Stimmen haben und sie nicht hören. 
 

So erfahren wir, dass das Ohr nur flüchtig hört. Um Gottes Stimme zu hören, um durch diese Stimme sich zu verlieren und Sema zu machen, bedarf es eines gereinigten, sauberen Herzens. Hz. Mevlana sagt: „Diejenigen, die in Gott verliebt sind, machen das Sema auf dem blutigen Schlachtfeld der Nafs. D.h. sie haben den Krieg gegen ihre Nafs gewonnen, deshalb sind sie versunken und machen Liebesspiele, Spiele der Seelen, nämlich Sema. Diejenigen, die in Weltliches verliebt sind und in der Dunkelheit ihrer Nafs weilen, folgen den Wünschen ihrer Nafs, präsentieren sich der Aussenwelt und führen das Sema nur mit körperlichen Bewegungen aus. Deshalb ist das Sema für die guten Menschen ein seelisches und geistiges Spiel, für diejenigen, die den Wünschen ihrer Nafs folgen, bleibt es lediglich bei einem Spiel mit körperlichen Bewegungen“. (Mesnevi, Sefik Can Band 3. Nr. 96) Der Semazen, der denjenigen symbolisiert, der in Gott verliebt ist, ist gestorben, bevor er gestorben ist. Es gibt für ihn die Nafs nicht mehr, er ist wie ein Toter, der mit Gott noch am Leben ist. Deshalb hat er einen Sikke an, d.h. den Grabstein, trägt den Tennure (das weisse Kleid), d.h. das Leichentuch, und hat seine Schuhe ausgezogen, die die weltlichen Wünsche symbolisieren, um stattdessen die Mests (Lederschuhe) anzuziehen, die Besitzlosigkeit symbolisieren. Er streckt seine rechte Hand nach oben zu Gott, die linke Hand zeigt auf die Erde auf den Boden und zieht ihn nach unten zu den Nafs. Doch diese rechte Hand, die nach oben zeigt, hält Gott so stark fest, dass er mit dem linken Fuss seine Nafs zertritt und sich bemüht, ohne ihn aufzuheben, seine Zeit auf dieser Welt zu vollenden. Das ist der eigentliche Grund, warum der Semazen versucht, seinen linken Fuss nicht abzuheben. „Während dem Sema, nimmt man alles, was nicht Er ist, unten dem Fuss, schlägt und zertritt es“. (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 2, Nr. 625) “Schau achtsam hin und sieh es, in diesem Moment werden tausende von Skorpionen, der Kummer, von den Semazens zertreten und sterben. Ein Zustand unermesslicher Freiheit und Freude ist unter uns und offeriert ohne Glas geistigen Wein“. (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 2, Nr. 844) In einem anderen Gedicht sagt Hz. Mevlana: „Unser Körper, der aus Erde besteht, ist wie ein Backstein, auch wenn er sich wünschte, könnte er den Himmel nicht erreichen. Doch dieser Backstein ist, wenn er zertreten wird, wie Staub; schon bei einem sanft wehendes Lüftchen wird er in die Luft fliegen und sich erhöhen“. Es ist jedoch auch wahr, dass nicht jeder Semazen mit einer göttlichen Liebe Sema macht und seine Nafs unter die Füsse nimmt. Hz. Mevlana sagt zu diesem Thema: „Die Verliebten geben mit einem Atemzug beide Welten auf. Für einen einzigen Augenblick opfern sie hundert Jahre Leben. Für einen Geruch nehmen sie tausende Tagesreisen auf sich, um eine Seele zu gewinnen, opfern sie tausend Leben.“ (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 4, Nr. 490)

 

Seht, wie Hz. Mevlana zu den Semazens spricht, die eiskalt, ohne die göttliche Liebe im Sema und in der Musik zu spüren, drehen: „Wenn schon alle Geschöpfe durch Gottes geistigen Atem, durch seinen geistigen Hauch mit Freude aus ihrem Todesschlaf aufschrecken und aufstehen, dann wache auch Du auf durch das Wehklagen der Ney und komm zu dir! Derjenige, der durch die Semamusik nicht beeinflusst wird während er dreht und wie ein Eis ist, der ist niedriger als jemand, der gestorben ist, dem soll die Erde auf seinen Kopf fallen! Denn er ist kein wahrer Mensch. Er ist wie eine Leiche, die wandert“ (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 2, Nr. 844).  Es ist nicht so, dass jeder, der Sema macht, ein Erhobener ist. Erhoben ist derjenige, der seine Nafs in Gottes Namen erzogen hat und der, der durch seine Abhängigkeit von Gott geformt wird (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 4, Nr. 947). Am Ende des Semazeremonie wird aus dem Koran die Sure Bakara Nr. 115 gelesen, im Sinne einer Ermahnung für den Semazen. In diesem Vers heisst es: wohin du dich auch drehst, dort ist Gottes Angesicht. Hz. Mevlana sagt: „Wie ist es möglich, dass du bei jeder Drehung Gottes Gesicht siehst, solange du noch bei der Nafs bist, wie kannst du verstehen, was das bedeutet?“ (Mesnevi, Sefik Can Band 1, Nr. 1398). Die eigentliche Sache ist, sich von den Fesseln der Nafs zu lösen, Sema ist nur die symbolische Erklärung dafür.

 

Hz. Mevlana: „Wer sich über das ihm von Gott Anvertraute nicht bewusst ist, dem nützt weder die Musik noch das Sema. Sema ist  für die Verliebten, es existiert, um sich mit dem Geliebten zu vereinigen. Diejenigen, die ihr Gesicht nach Kible (Gebetsrichtung nach Mekka) richten, machen dem Sinn nach die Himmelfahrt. Sie sind in dieser, wie auch in der anderen Welt im Semazustand“ (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 1, Nr. 339). Die Atome, die du da im Sonnenlicht siehst, machen Sema wie die Sufis, doch niemand weiss mit welchen Melodien, mit welchem Ton, mit welchem Saz (türk. Saiteninstrument). Wir haben auch ein Sema, ein Sema in unseren Herzen, dieses Sema steht über alle diesen prunkvollen Semas in der Öffentlichkeit. Alle unsere Teilchen, alle unsere Körperzellen spielen in Verliebtheit in Seinem Licht in hundert verschiedenen Erhöhungen, in hundert verschiedenen Verzierungen. Ja, auch wir haben ein Sema in unseren Herzen“ (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 2, Nr. 563). Das wirklich Wichtige ist, dass wir uns unserer Seele, die ständig in Sema ist, bewusst sind. Für eine kurze Zeit machen wir Sema mit unseren Körpern, doch unsere Seele und alle unsere Körperzellen sind ständig in Semazustand, nur leben wir, ohne es zu merken.

 

******

 

1. Welche Ebenen (Körper) des Menschen werden durch das Sema berührt?

2. Welche Ebenen (oder Bereiche) des Menschen beginnen sich zu verändern,  wenn man das Sematraining beginnt?

3. Was wird dabei transformiert und auf welche Art passiert dies?

4. Gibt es Veränderungen im täglichen Umfeld/Familie/Freunde des Semazen?

 

Nachdem wir oben erfahren haben, was das Sema ausmacht und nun die Fragen anschauen, können wir uns nicht vorstellen, dass sich etwas verändert, wenn wir das Sema nur mit dem Körper als Vorführung machen. Doch wenn wir das Sema unter der Obhut eines Scheichs machen, werden wir das Geheimnis des Sema erfahren.

Wenn wir die Absicht erklären und drehen, um unsere Nafs zu zügeln, uns mit einem sauberen Herzen bemühen, die Nafs unter den linken Fuss zu nehmen und ohne den Fuss aufzuheben, die Zeit auf dieser Welt zu vollenden -  ja, dann werden die Seele und auch der Körper bestimmt durch wunderschöne Veränderungen gehen. Dieser Zustand wird mit Sicherheit den Semazen selbst und dadurch natürlich auch seine Umwelt beeinflussen. Ein gereinigter Körper, ein schöner Charakter ist wie eine Blume, die einen seltenen Duft ausstrahlt. Ob sie wollen oder nicht, werden diejenigen, die Geruchssinn haben, diesen Geruch riechen und fühlen. Das ist eine Erfahrung der göttlichen Liebe, die jedem einzelnen entsprechend seiner Liebe und seinem Bemühen zuteil wird. Deshalb können wir weder von verschiedenen Ebenen/Bereichen noch von Regeln reden.

 


5. Ist Sema eine Art Heilung?

Ohne Zweifel ist das Sema eine Heilung. Sogar wenn man es macht, ohne sich seines Wesens bewusst zu sein. Es wurde medizinisch bewiesen, dass es für die Menschenseele und den Körper viele verschiedene Nutzen hat. Die Fürbitte im vierten Selam der Semazeremonie wurde von Hz. Sultan Velet, dem Sohn von Hz. Mevlana, geschrieben. Die folgenden Wörter bilden die Grundlage der gesamten Semamusik: „Semâ safa, câna sifa, rûha gidadir“ (Sema ist Freude, Frieden, ist Heilung für das Leben und Nahrung für die Seele).


 
6. Welche Verantwortungen trägt ein Semazen?

Ein wirklicher Semazen ist ein Derwisch. Welche Verantwortungen ein Derwisch hat wissen wir ja. Man wird nicht Derwisch, indem man den Sikke und den Tennure anzieht. Man muss die Bedeutung dieser Dinge leben. Wenn wir uns nicht bemühen, diese Bedeutungen zu leben, wird es weder uns selbst noch unserer Umwelt etwas bringen, auch wenn wir unser ganzes Leben mit Sikke und Tennure herumlaufen. Wie wir wissen, sind diese Kleidungsstücke nur Symbole, wichtig ist, die Bedeutung dieser Symbole zu leben. Mit diesem Bewusstsein zu leben, ist die grösste Verantwortung.

 


7.  Welches ist die Funktion des Semazenbashi in der Zusammenarbeit mit den Semazen?

Der Semazenbashi ist derjenige, der symbolisch sein geistiges Sema, den geistigen Weg, vollendet hat. Er ist nun in der Lage, ein Erzieher zu sein. Auch wenn er in diesem Sinne seine Reise noch nicht vollendet hat, vertritt er diese Instanz, hat gewisse Verantwortung und ist zugleich ein Vorbild für die Semazens. Der Semazenbashi ist der erste, der die Regeln befolgen muss, die er die Semazens lehrt. Es wäre nicht richtig, etwas von den Semazens zu erwarten, das er selber nicht beachtet und lebt. Während der Scheich die Semazens auf ihrer inneren Reise ausbildet, ist der Semazenbashi durch die ihm obliegende Ausbildung der Semazens der wichtigste Helfer des Scheichs auf dieser geistigen Reise. Das wirkliche Sema ist eine Erziehung der Nafs. Wenn es als Gebet gemacht wird, mit dem Herzen und mit aufrichtigen Gefühlen, dann ist es ein Übergang vom Materiellen ins Immaterielle. Doch es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir ohne das Gebet mit Koranversen, das ja unsere Pflicht ist, unsere Nafs allein durch Sema erziehen könnten. So etwas gibt es nicht. „Wenn ein Mensch gegenüber Gott seine Glaubensaufgaben als Sein Geschöpf nicht wahrnimmt, die Pflichten, die Gott ihm auferlegt hat, nicht erfüllt und sagt: „Gott ist gnädig, Gott ist barmherzig, Er hat Mitleid mit seinen Geschöpfen“, dann ist das nichts anderes, als die List seiner eigenen Triebseele (Mesnevi, Sefik Can Band 2, Nr. 3086).

 


8. Training von Sema bedeutet Schweiss und Schmerz: Darf ein Semazenbashi „seine“ Semazens herausfordern, so dass sie sich in Form und Ausdauer üben? Darf ich z.B. von jemandem verlangen, dass er oder sie eine bestimmte Haltung einzunehmen hat?

 

Oben wurde gesagt, dass Sema eine Erziehung der Nafs ist, deshalb ist es unumgänglich, dass es auch gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. Er ist wie eine Mutter, die Rechte und Verantwortungen hat, um ihr Kind in so einer Art und Weise zu erziehen, dass das Kind für sich selber und für die Gesellschaft von Nutzen ist. So hat auch der Semazenbashi gewisse Rechte und Verantwortungen gegenüber den Semazens.

 


9. Gibt es Mittel, die mir helfen zu entscheiden, ob ein Semazen „genügend“ gearbeitet hat, um an einem Sema teilzunehmen?

 

Der Ort, wo Sema gelehrt wird, ist eine geistige Schule. So wie es in der weltlichen Schule Regeln und Gesetze gibt und die Schüler dieser Schule diese Regeln und Gesetze folgen müssen, so ist es nichts als selbstverständlich, dass es auch in einer geistigen Schule unter der Obhut eines Scheichs gewisse Regeln gibt. Dieses Thema erklärt Hz. Mevlana im Divan-i Kebir wie folgt: „Unsere Schule, wo wir unsere Lektionen erhalten, heisst „Liebe“. 

 

In den Schulen, wo Religionswissenschaft gelehrt wird, wo gewisse Begründungen an Gesetze gebunden sind, so wie z.B., dass der Schüler von der Klasse ausgeschlossen oder gar von der Schule suspendiert wird, so wisse, dass die Schule der Liebe auch Gesetze hat (Divan-i Kebir, Sefik Can Band 1, Nr. 162 und 145).

 

Ein Semazen sollte vorerst an dem Ort, wo er ausgebildet wird, die Verantwortung tragen und in der Gruppe gegenüber seinen geistig Älteren und Freunden Respekt zeigen und in Harmonie sein. Im Grunde genommen kann jeder Sema lernen, Sema ist eine Körperübung. Doch an speziellen Tagen an einem Sema teilzunehmen, ist für den Derwisch ein geistiges Geschenk. Natürlich sollte man dieses Geschenk demjenigen geben, der es verdient hat.  Diese Entscheidung trifft der Scheich für die Semazens, die in seiner Gruppe sind, in Absprache mit dem Semazenbashi.

 


10. Was können wir machen, um unser Ego während dem Sema fernzuhalten

 

Hz. Mevlana sagt: „Mit Gottesliebe Sema zu machen ist, beim Beginn des Semas dein Leben zu opfern, beide Welten aufzugeben (Vierzeiler, Sefik Can Band 2).“ „Wer sich von Begierde, Gewalt und niederen Trieben befreit und gereinigt hat, wird die geistige Welt, den göttlichen Palast erblicken und darin leben“ (Mesnevi, Sefik Can Band I, Nr. 1396). Natürlich ist es nicht einfach, diesen Zustand zu leben. Doch sollten wir wenigstens bei der Vorbereitung auf das Sema darauf bedacht sein, dass das Sema nicht irgendeine Zeremonie ist, sondern eine Gottesverehrung, ein Gebet. Mit diesen Gefühlen und Gedanken sollten wir uns vorbereiten. Wenn wir unsere Semakleider anziehen, sollten wir das nicht so machen, wie wenn wir unsere Kostüme für eine Theatervorführung wechseln.

 

Wir sollten darauf bedacht sein, was diese Kleider symbolisieren, wir sollten wenigstens versuchen, diese Symbole in Gedanken zu leben. Nachdem wir unsere Kleider angezogen haben, sollten wir weltliche Kommunikationen vermeiden und in Versunkenheit und Gottesgedenken sein.

 


11. Ist das wahre Drehen im Sema das Nadelöhr, durch welches sich die unmanifestierte Welt ins Diesseits manifestiert? Was müssen wir tun, damit wir dabei die Absicht Gottes nicht verfärben mit unserem kleinen Ich? Sind wir als Semazen „verpflichtet“ zu drehen, damit sich die unmanifestierte Welt (die Liebe) manifestieren kann?

 

Diese Frage können wir nicht mit einem eindeutigen „Ja, es ist eine Pflicht“ beantworten. Doch ist es ein gemeinsames Empfinden und Teilen der Liebe und der Gefühle, und wenn es für die Menschheit von Nutzen ist, dann sollten wir es natürlich machen.

 

Im Islamischen Glauben gibt es eine Armensteuer; die Bedeutung ist 1/40 des Vermögens an Bedürftige zu geben. Das Vermögen ist nicht nur etwas Materielles. Es ist gleichzeitig auch immateriell, geistig. Diejenigen, die geistig eine Reife erlangt haben, sollten diesen geistigen Reichtum, das göttliche Wissen mit denjenigen teilen und denen helfen, die in dieser Hinsicht arm sind. Zusammenfassend können wir sagen, dass es schön ist, untereinander zu teilen, vor allem, wenn das Geteilte die Liebe ist - dann ist es noch viel schöner. Vielleicht ist das auch das Wichtigste.