Über die Pilgerfahrt (Januar 2004)

Sohbet von Mesnevihan Nur Artıran über die Pilgerfahrt
Donnerstag, 29. Januar 2004 im Wirbel, Altstetten-Zürich

 

 

BISMILLAH                                                        

 

Islam basiert auf fünf grundlegenden Pflichten:

 

1)     Das Fasten

2)     Das Gebet

3)     Die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch)

4)     Die Armensteuer (1/40 des Vermögens an Bedürftige geben)

5)     Das Bezeugen, dass es nur Einen Gott gibt und dass Hz. Muhammed Sein Geschöpf und Prophet ist

 

Natürlich ist diese Reihenfolge kein reiner Zufall. Wenn wir diese Gottesverehrungen in ihrer geistigen Dimension betrachten, dann kann derjenige, der fastet, das Gebet verrichten, derjenige, der das Gebet verrichtet, nach Mekka pilgern, derjenige, der nach Mekka pilgert, die Armensteuer geben. Und wer alle diese Gottesverehrungen ausüben kann, glaubt an die Einheit Gottes und dass Hz. Muhammed Sein Geschöpf und Prophet ist.

 

Es gibt keinen Gottesdienst, der nur aus äusseren Formen besteht. Jeder Gottesdienst hat auch eine geistige Dimension und eine Seele, einen Ursprung. Wichtig ist es, diese Seele und diese geistige Ausweitung zu verstehen und zu leben. Es ist bestimmt auch angebracht, zu sagen: Wenn jemand das Gebet äusserlich mit äusseren Formen nicht verrichtet, wird es diesem Menschen nicht möglich sein, die geistige Dimension zu erreichen. Wenn die äusseren Gebete mit Bewusstheit ausgeübt werden, dienen sie als Brücke für die geistige Welt.

 

Unser verehrter Prophet hat darüber gesprochen, wie wichtig es ist, die Gebete zu verrichten. Es sind sehr wertvolle Hadithe zu diesen Themen überliefert. Über keine Pflicht jedoch hat er gesagt, dass, wer sie nicht ausübe, nicht als Muslim sterben werde. Doch über den Hadsch sagt er in einem Hadith: „Wenn jemand die Möglichkeit dazu hat (körperlich und finanziell in der Lage ist) und die Pilgerfahrt nicht macht, wird er nicht wie ein Muslim sterben“. Mit dieser Aussage macht uns unser Prophet auf die Wichtigkeit des Hadschs aufmerksam und lädt uns ein, mit diesem Thema sensibel umzugehen.

 


Was ist der Hadsch und warum ist er so wichtig?

 

Das ist bestimmt ein Thema, das eingehend betrachtet werden muss und sehr weitgehend ist. Ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu halten und das Thema nicht auszuweiten, aber so, dass es auch für diejenigen verständlich ist, die darüber noch gar nichts gehört haben.

 

  1. Man beabsichtigt, dass man nach Mekka gehen will und reinigt dadurch die Seele und den Körper.
  2. An einem bestimmten Zeitpunkt zieht man die persönlichen Kleider aus und bedeckt den Körper mit einem nahtlosen weissen Stoff (Dies gilt nur für Männer; die Frauen können sich so anziehen, wie sie es wünschen). Von nun an gelten für diese Person verschiedene Verbote. Diese Verbote werden im Koran, Sure Bakara, Nr. 197 wie folgt beschrieben: Während der Pilgerfahrt, der enthalte sich des Beischlafs und des Unrechts und des Streites auf der Pilgerfahrt. Und was ihr Gutes tut, Allah weiss es. Und nehmt mit euch nur das Nötige. Das Nötigste ist ohne Zweifel ein sauberes Herz. Diejenigen, die ein sauberes Herz haben, werden sich hüten, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, nicht einmal eine Ameise, zu verletzen. Sie werden sich bemühen, den gleichen Respekt gegenüber den Pflanzen und Tieren zu zeigen, den sie den Menschen gegenüber erbringen.
  3. Man umkreist die Kaaba siebenmal, indem man „Lebbeyk Allahhümme Lebbeky“ wiederholt. Das heisst übersetzt: „Befehle mir, oh Herr, ich bin an Deine Türe gekommen und bin bereit, was immer Deine Befehle sind, diese auszuführen“.
  4. Man läuft mit schnellen Schritten siebenmal zwischen den zwei Hügeln „Safa“ und „Merve“ hin und her und trinkt am Schluss von einem heiligen Wasser Namens „Zemzem“.
  5. Man besteigt den Berg „Arafat“ und begibt sich dort ins Gebet und in Versunkenheit.
  6. Dann besteigt man den „Mina“ und steinigt den Teufel symbolisch mit sieben Steinen.
  7. Der Hadsch wird mit dem Opfern eines Schafes beendet. Nach diesem Zeitpunkt werden die Verbote wieder aufgehoben. Doch diejenigen, die für dieses Thema Sensibilität zeigen, halten die Verbote, bis sie von Mekka zurück sind. Ohnehin sollte man während dem Hadsch nichts Anderes machen als Zikir, Gebet und verschiedene Gottesverehrungen auszuführen. Dieses Thema wird im Koran, Sure Bakara in  den folgenden Versen beschrieben:

198: Es ist keine Sünde, dass ihr Gewinn von euerm Herrn begehrt. Und wenn ihr herabeilt vom Arafat, so gedenket Allahs an dem heiligen Ort und gedenket sein, wie er euch geleitet hat, wiewohl ihr zuvor Verirrte waret.

200: Und wenn ihr eure Riten beendet habt, dann gedenket Allahs wie ihr eurer Väter gedenket oder mit noch innigerem Gedenken. Unter den Leuten sprechen wohl einige: „Unser Herr, gib uns hienieden!“ Aber solcher soll am Jenseits keinen Teil haben.

201: Andre unter ihnen sprechen: „Unser Herr, gib uns hienieden Gutes und im Jenseits Gutes und hüte uns vor der Strafe des Feuers.“

202: Jene sollen ihren Teil haben nach Verdienst, und Allah ist schnell im Rechnen.

 

Die grundlegenden sieben Pflichten während dem Hadsch und die Zahl Sieben an und für sich, wie siebenmal um die Kaaba zu kreisen, siebenmal zwischen Safa und Merve zu laufen, siebenmal symbolisch den Teufel zu steinigen, sind natürlich auch kein Zufall. Es wurden unzählige Bücher verfasst, um diese sieben grundlegenden Pflichten vollumfänglich zu beschreiben. Doch um es einfach zu halten, damit es jeder versteht, können wir das kurz so zusammenfassen: Es sind die verschiedenen Stufen, die die Menschenseele benötigt, um sich zu reinigen und um sich von ihrem Ego und den niederen Trieben loszulösen. Wenn wir nicht ins Detail und in die Einzelheiten gehen, dann sind diese Pflichten die grundlegenden und äusseren Bedingungen des Hadschs. Wie am Anfang bereits erwähnt, gibt es auch eine innere, geistige Dimension des Hadschs und das ist das wichtigste.

 

Hz. Mevlana sagt: „Hadsch gilt, wie wenn man ein Haus (d.h. Kaaba) besichtigt. Doch wichtig ist, den Hausbesitzer zu besuchen und Ihn zu Gesicht zu bekommen und zu sehen. Das ist das wichtigste“. (Mesnevi, Sefik Can Band IV, Nr. 15). Weiter sagt Hz. Mevlana: „Es ist verwunderlich, obwohl es dem Derwisch jederzeit möglich ist, die Pilgerfahrt in seiner eigenen Körperstadt zu machen, zeigt er keine Bemühung und Anstrengung. Stattdessen nimmt er viele Anstrengungen auf sich, die äussere Pilgerfahrt zu machen, die nicht eine Pflicht für ihn ist“.

 

Wenn wir Acht geben, dann sehen wir: Die Pflicht für den Derwisch ist die Pilgerfahrt in seiner eigenen Körperstadt. Für den Derwisch ist es wichtig, den Hadsch in seiner eigenen Körperstadt, in seiner Seele, zu vollbringen. Was soll der Derwisch dann, nach all diesen Erklärungen tun? Wenn die geistige Pilgerfahrt wichtiger ist, sollen wir dann nicht nach Mekka gehen? Hz. Mevlana beschreibt das in einem Gedicht in Divan-i Kebir (Sefik Can Band 3, Nr. 1356) wie folgt:

 

„Wenn Du ein Herz hast, dann umkreise die Herzenskaaba. Die wirkliche Bedeutung der Kaaba, von der Du glaubst, sie sei aus Erde gemacht worden, ist das Herz. Der allmächtige Gott hat die Umkreisung der Kaaba, die man kennt und sieht, dir als Pflicht auferlegt, damit du dadurch eine Herzenskaaba, die sich von Schmutz gereinigt hat, finden kannst“.

 

So verstehen wir, dass die äussere Pilgerfahrt eine sehr wichtige Durchgangstelle ist, um unsere geistige Pilgerfahrt machen zu können. Um ein sauberes Herz, die wirkliche Kaaba, zu erreichen, muss man ein Mensch mit einem sauberen Herzen sein. Deshalb ist die äussere Pilgerfahrt für uns ein unentbehrlicher Ort der Reinigung, um dann die wirkliche Kaaba zu erreichen. Die Sure Bakara, Nr. 125: Und als wir das Haus zu einem Versammlungsort für die Menschen und einem Asyl machten und (sprachen:) „Nehmt Abrahams Stätte als Bethaus an“. Die Sure Bakara, Nr. 199: So kreiset ihr auch, wo die Menschen in Strömen kreisen und bittet Gott um Nachsicht; siehe, Gott ist verzeihend und barmherzig.

 

Hz. Mevlana sagt im Divan-i Kebir (Sefik Can Band 3, Nr. 1356): „Wisse dieses sehr wohl, wenn du ein Herz, welches das wirkliche Haus Gottes ist, zerbrichst, wird Gott deine Pilgerfahrt nach Mekka nicht annehmen, auch wenn du sie tausendmal zu Fuss machst. Denn beide Welten wurden für ein Herz erschaffen“.

 

Wieder ganz kurz und zusammenfassend: Wie kann ein Derwisch in seiner Körperstadt die Pilgerfahrt vollziehen?

 

  1. Die Absicht des Derwischs, sich von seinen weltlichen Wünschen und Begehren zu säubern und auf dem geistigen Weg reifer zu werden, indem er einen für ihn geeigneten Scheich findet, ist die Absicht, sich auf die Pilgerfahrt zu machen.
  2. Sich dem Scheich hinzugeben und etwas Geistiges anzuziehen, wie Sikke oder je nach Orden das Entsprechende, ist das Zeichen, dass man das Kleid des Egos und des Besitzes auszieht. Wie auch die Mekkapilger ihre persönlichen Kleider ausziehen und das ungenähte Gewand anziehen. Nachdem man sich dem Scheich hingegeben und den Sikke angezogen hat, beginnt für den Derwisch, wie für den Pilger auch, die Gültigkeit gewisser Verbote. Während der Pilgerfahrt ist der Geschlechtsverkehr nicht erlaubt, für den Derwisch gilt hier, sich von den weltlichen Wünschen und Begehren fernzuhalten. Es ist notwendig, auf die weltlichen Dinge zu verzichten, damit die Bedingungen des Hadsch erfüllt sind.

    Mevlana sagt im Divan-i Kebir (Sefik Can Band 3, Nr. 1115): „Im Hadsch das ungenähte Kleid anzuziehen, bedeutet, das Egokleid abzulegen. Doch wo ist der Pilger, der diese Bedingung wirklich lebt, der Pilger, der sich dem Ego und Besitz entzogen und sich gerettet hat?

    Oh Seele, gehe durch Gottes Liebestor und ziehe das Pilgergewand an. Kreise umher und bete auf dem Arafat der Existenzlosigkeit. Wenn du möchtest, dass die Kaaba dich empfängt, dann opfere das „Ich und Wir“ auf dem „Mina“. (Vierzeiler von Hz. Mevlana, Sefik Can Band 2, Nr. 1687)
  3. Die Kaaba siebenmal betend zu umkreise, bedeutet für den Derwisch auf dem geistigen Weg, an jedem Ort Gottes Allmacht, Kraft und Schönheit zu bezeugen und eine Phase, in der er an sich arbeitet, um sich seinen eigenen weltlichen Wünschen und Begehren zu entziehen. Wie bereits oben erwähnt, ist dieses Thema sehr umfangreich, man kann Bände darüber schreiben.
  4. Hz. Mevlana beschreibt die Handlung, bei der man zwischen den Hügeln Safa und Merve mit schnellen Schritten hin und her läuft, wie folgt: „Die Derwische umkreisen die Herzenskaaba, dann laufen sie zwischen der Safa, wo die Seele ist, und der Merve, wo der Körper ist und erreichen am Ende mit Bestimmtheit das Gotteslicht. Die weltliche Kaaba ist der Ort, Gottes Wohlgefallen zu folgen. Die geistige Kaaba ist jedoch der Ort, wo man mit Bestimmtheit Gotteslicht erreicht“.
  5. Der Derwisch, der all diese Hürden zwischen seiner Seele und seinem Körper überwunden und das Gotteslicht erreicht hat, besteigt den Berg Arafat in einem  geistig reifen Zustand. Mit diesem Gotteslicht beginnt er Gott zu gedenken, mit diesem Gotteslicht wird er betrunken und gibt sich vollumfänglich dem Allmächtigen. Dieses Erlebnis, dieser Zustand, in dem man Gottesliebe erfährt, kann nicht mit Worten beschrieben werden.
  6. Der Derwisch, der bis dahin in der Dunkelheit seiner Nafs deren Hässlichkeiten nicht erkennen konnte, ist nun fähig, in diesem Gotteslicht die Unschönheiten seiner niederen Triebe zu sehen und steinigt sie. Dies weist auf die Steinigung des Teufels durch den Pilger hin.
  7. Nach all diesen Geschehnissen hat der Derwisch nichts Weltliches mehr an sich. Erst jetzt hat er seine Nafs vor Gott aufgegeben; dies weist auf das Opferfest hin.

    Hz. Mevlana sagt im Divan-i Kebir, Sefik Can Band 4, Nr. 216: „Wenn du deine weltlichen Begehren unter den Füssen zertreten hast, erst dann hast du den Hund der Nafs getötet und das ist eigentlich das wahre Opfer.“ Somit ist die geistige Pilgerfahrt beendet. Dieses sehr kurz zusammenfassend beschriebene geistige Erlebnis braucht grosse Anstrengung und Opferbereitschaft. Ich bete darum, dass der Allmächtige uns allen ermöglicht, diese geistige Pilgerfahrt zu vollenden.

 

 

 

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