Religion, Glaube und Unglaube gemäss Rumi (Juni 2000)

Sefik Can Efendi, Juni 2000
Englische Übersetzung durch Cuneyt Eroglu und Kabir Helminski
Übertragen ins Deutsch durch Peter Finckh

 

Über die ganze Welt sind Moscheen, Kirchen, Synagogen und Tempel gegen den Himmel sichbar. Es ist eine Tatsache, dass seit den frühesten Zeiten Menschen von verschiedenen Hautfarben und Nationen in unzähligen Häuser gebetet haben, meistens in der Form von Anbetung an Idole, die sie selbst gemacht haben. Es ist eine nicht verleugbare Tatsache, dass Menschen ein Bedürfnis für eine Form der Anbetung haben. Ein Mensch, der nicht gläubig ist, wird sicherlich eine Leere in sich verspüren. Nachdem Tevfik Fikret seinen religiösen Glauben verloren hatte, spürte er das klare Bedürfnis zu glauben und beklagte sich:

 

«Alles ist leer, die Erde ist leer, der Himmel ist leer

Herz und Gewissen sind leer,

Ich möchte dabei bleiben,

aber vor mir liegt Nichts.»

 

Und der verstorbene Mehmed Akif sagte: «Ein glaubenloses, rostiges Herz ist eine Last auf meiner Brust.»

 

Wie verstand Rumi «religiöse Gefühle»?

Weil Rumi die Menschen als Geschöpfe sah, die das göttliche Vertrauen in sich tragen, liebte er alle menschlichen Wesen, unabhängig von ihrem Glauben oder Überzeugung und er respektierte daher alle Religionen. Aus diesem Grunde vergiessen hinter dem Sarg dieses grossen Heiligen nicht nur Muslime Tränen, sondern auch Christen und Juden.

 

Als Eflaki, ein Priester in Konya, als er über Christen sprach, sagte: « Ehre dem Herrn, dass Er uns nicht unter den Christen erschuf». Als die Christen diese Aussage Rumi übermittelten, sagte Rumi über diesen Prediger: «Er ist fehlgeleitet und führt andere fehl. Er wägt sich selbst gegen die Christen ab, und ist überheblich, weil er sich vorstellt, ein Gramm schwerer zu sein. Wenn er käme und sich mit der Waage der Propheten und der Heiligen wiegen liesse, würde er seinen echten Wert erkennen.»

 

Die Tatsache, dass Rumi alle Religionen respektierte, heisst nicht, dass er alle Religionen als Einheit und ebenbürtig verstand. Die Bedeutung liegt hier darin, nicht alle Glaubensrichtungen und Religionen sondern ihr Wesen als eine Einheit zu verstehen.

 

Tatsächlich, so wie alles andere in dieser Welt, spirituell oder physisch, religiös oder glaubensmässig, ergibt sich alles als die Manifestation von Allahs Schönsten Namen und Attributen. Das heisst, Allah manifestiert Sich mit dem Namen «Hadi» (Er, der auf den rechten Pfad führt) wie auch mit dem Namen «Mudhill» (Er, der in die Irre führt). Gemäss dem Koranvers «Siehe, Gläubige und Ungläubige handeln gemäss dem Weg, der für sie geeignet ist» (17/84). Jeder handelt gemäss seiner Natur und gemäss seiner Schöpfungsart. Jeder folgt dem Weg, der seinem Charakter entspricht. Wir müssen bei diesem Thema sehr vorsichtig sein. Beim Verfolgen des Weges, der dem jeweiligen Charakter entspricht, verfolgt man nicht notwendigerweise den richtigen Weg. Dies bedeutet, dass eine Religion oder ein Glaubenssystem nicht dadurch richtig wird, weil es gerade dem Charakter oder dem Gefühl einer Person oder einer Gesellschaft entspricht. Glücklich ist derjenige Mensch, dessen Charakter der Wahrheit entspricht.

 

Tatsächlich beruhen alle Ereignisse, die sich zu widersprechen scheinen, auf einer Weisheit, die unser Geist nicht versteht, weil alle die Manifestationen der göttlichen Namen und Attributen reflektieren. Alles ist unter der Kontrolle Gottes, alles kommt von Ihm. Die Anhänger aller Religionen und Glaubensrichtungen führen seine Befehle aus und folgen dem Schicksalsweg, den Er vorzeichnete.

 

Wir haben aus dieser Sicht nicht das Recht, irgend jemanden zu kritisieren. Jeder Gläubiger einer Glaubensrichtung hat diesen Glauben als richtig angesehen und ging auf diesem Weg, obwohl dieser aus der Sicht von andern Glaubenrichtungen als falsch gilt. Rumi erklärt diese Angelegenheit in den folgenden Versen aus dem Mesnevi:

 

«In dieser Welt gibt es versteckte Leitern, die Schritt für Schritt in den Himmel führen. Jede Gruppe hat eine andere Leiter. Jede Vorgehensweise führt zu einem ihr eigenen Himmel und ist sich der Situation der anderen Gruppen nicht bewusst. Die Himmel sind ein weites Land. Sie sind so weit, als dass sie kein Anfang und kein Ende haben.» (Mesnevi, B V, Nr. 2556)

 

Diese Verse führen zur folgenden Folgerung: Damit Gott in all den verschiedenen Aspekten Seiner Göttlichen Eigenschaften verehrt wird, hat Er die Ansichten der Menschen in den verschiedenen Religionen für sie als wahr scheinen lassen. Auf diese Art, unabhängig von der befolgten Religion, glaubt der Mensch, dass nur seine Religion wahr ist und er sieht die Menschen in anderen Religionen als fehlgeleitet. Aber Rumi hat diese Sichtweise nicht und er glaubt, dass unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit der Gläubige auf dem Weg zu Gott ist, d.h. jenem Weg, den Gott ihm zugeordnet hat und den er für ihn für richtig findet. Daher schaut er niemals auf einen Menschen herunter, der sich ausserhalb des Islams befindet und beschuldigt ihn niemals, ein Ungläubiger zu sein.

 

Weil die Vorherbestimmung durch Gott in der ewigen Vergangenheit und Sein Wille in der Art der Anbetung und des Glaubens der Menschen manifestiert sind, so sind jene, die sich ausserhalb des «Weges der Führung» befinden, Menschen, die in Gottes Ordnung und Vorherbestimmung auf dem «Weg der Irreführung» gehen. Daher beginnt unser Qur'an nicht mit der Aussage «Herr der Muslime» sondern mit «Herr der Welten» (Herr allen Seins, aller Wesen und aller Dinge, die nicht Allah sind). Wir müssen mit Bestimmtheit wissen, dass Allah allein Führung und Irreführung erschafft. Alles hängt von Seinem Willen und Vorherbestimmung in der Vorewigkeit ab. Wenn Allah es will, so kann er einen fehlgeleiteten Menschen auf den rechten Weg führen. Er kann aber auch jemanden auf den Weg der Irreleitung führen, der auf dem rechten Weg ging. Dies ist Gottes Wille, den kein Geist erfassen kann. Es ist also auch eine Tatsache, dass obwohl das Finden des wahren Weges wie auch das vom wahren Weg weggeführt zu werden das Resultat der Vorherbestimmung in der ewigen Vergangenheit ist, mit Allahs Einwilligung auch unsere Bemühungen und Anstrengungen darin eine Rolle spielen. Aus diesem Grund sagten die Gnostiker: «Die Vorherbestimmung der Ewigkeit weiss Anstrengungen zu schätzen». Wenn wir aufmerksam sind, können wir sehen und fühlen, dass Allah alle diejenigen in dem Gebiet zu Erfolg führt, in welchem er sich bemüht. Wenn die Seele eines Menschen mit dem Übel in Aufruhr ist, so können ungeeignete Haltungen und Handlungen von ihr ausgehen. Wenn das Wesen eines Menschen gut ist, so können gute Taten und gefällige Handlungen von ihm ausgehen. Dies bedeutet, dass die Güte oder die Schlechtigkeit der Taten von der Güte oder der Schlechtigkeit des Wesenskerns abhängen. Es muss daher betont werden, dass diese Sicht nicht missverstanden werden darf. Rumi hat nicht alle Religionen als gleich gesehen, aber er hat das Wesen aller Religionen als Eins verstanden. Er war klar davon überzeugt, dass weil unser Meister Muhammed (Segen sei bei ihm) der letzte der Propheten war, der Islam unter allen Religionen einen bevorzugten Platz hat.

 

« Wisse, dass Glaube und Unglaube wie das Weisse und das Gelbe des Eis sind. Eine Membran trennt die beiden. Daher mischen sich die beiden nicht. Mit Allahs Gnade und Güte, wenn die Mutterhenne das Ei unter ihre Fittiche nimmt, verschwinden sowohl Glaube wie auch Unglaube, und das Kücken der Einheit durchbricht die Eischale und kommt heraus»

Mevlana Jalaluddin Rumi

 

Wie Rumi feststellt, ist es trotzdem eine Tatsache, dass alle an Gott denken, sowohl der Muslim, wenn er mit offenen Händen in der Moschee bittet, aber auch der Christ, der in der Kirche das Kreuz macht, als schliesslich auch der Jude, der in der Synagoge betet. Wenn wir in der Formalität stecken bleiben oder vom Schein überwältigt werden, so kategorisieren wir diese Menschen als Muslime, Christen oder Juden in Abhängigkeit ihres Glaubens und ihrer Rituale. In der Sicht Allahs und unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion oder zu einem Glauben sind sie jedoch alle Seine Diener und gehen auf dem Weg, den Er für sie in Seiner Vorhersehung in der ewigen Vergangenheit vorgezeichnet hat. Daher sagte Ziya Pasha: «In der Sicht Gottes sind die Moslems und die Feueranbeter eins». Dies bedeutet, dass beide Seine Diener sind.

 

« In Bezug auf uns ist Unglaube ein Unheil, aber in Bezug auf Gott liegt dahinter eine Weisheit»

(Mesnevi, B 1, Nr. 1997)

 

Seht ihr nicht, dass die Motten in die Flamme der Kerze fliegen, unabhängig davon ob diese in einer Moschee, in einer Kirche oder in einer Synagoge steht, und ohne unter ihnen zu unterscheiden? Gott hat Seinen Tisch nicht nur für Muslime gedeckt, sondern auch für Nicht-Muslime und sogar für jene, die Ihn ablehnen, und er ernährt sie alle freigebig. Er unterscheidet nicht nach Gläubigen und Ungläubigen.

 

Rumi, der nicht nur das Äussere der Religionen sondern die Wahrheit in ihnen sah, sagte in einem seiner Vierzeiler: «Wisse es klar, dass der Liebende Gottes kein Muslim sein kann. In der Glaubensgemeinschaft der Liebe gibt es weder Gläubige noch Ungläubige. Im Liebenden gibt es kein Körper, keine Seele und kein Herz; und wenn ein Mensch nicht so ist, so ist er kein Liebender Gottes» (Firuzanfer, 768)

 

Diese Ideen dürfen nicht falsch verstanden werden. Wenn Rumi sagt «Der Liebende Gottes kann kein Muslim sein, in der Glaubensgemeinschaft der Liebe gibt es weder Glaube noch Unglaube» meint er damit, dass wenn der Liebende Gottes die Sicht der Einheit nicht erreicht und davon überzeugt ist, dass alle Menschen, die in Moscheen, Kirchen und anderen Gebäuden auf ihre eigene Art und Weise beten und Ihn in verschiedenen Sprachen bitten, dass das Wesen aller Religionen dasselbe sei, dann kann dieser Mensch kein wahrer Muslim sein. Der Islam eines solchen Muslims ist noch immer im Stadium der Nachahmung, er konnte nicht zum Niveau der Realisierung aufsteigen und konnte kein Muslim im wahren Sinne werden.

 

Wenn Rumi in einem anderen Vierzeiler sagte: « Bist Du beides, sowohl der Ungläubige wie auch der Unglaube, so bist Du schlimmer als diese beiden. Bist Du sowohl der Gläubige wie auch der Glaube, so stehst Du an der Spitze der beiden.» (Firufanzer, Rubaiyat, Nr. 1940) , so sollten wir wissen, dass dies eine andere Ausdrucksweise für dieselbe Überzeugung ist. So wie der Bauer «kafir» (einer der bedeckt) genannt wird, weil er das Saatgut im Boden versteckt, so wird auch der Mensch, der nicht weiss, was in ihm steckt und der die Wahrheit verdeckt, «kafir» genannt. Umgekehrt ist ein Mensch, der weiss was in ihm steckt, ein Träger des Glaubens, d. h. er ist ein Gläubiger. Weil es im noblen Qur'an heisst: «Wo auch immer Du bist, Allah ist mit Dir» (57:4) so ist ein Mensch, der sich des Göttlichen Vertrauens in sich selbst nicht gewahr ist, ein Ungläubiger und ein Mensch, welcher der Präsenz Gottes in sich bewusst ist, ein Gläubiger. Wenn wir in der Dichtung von Rumi und von anderen Sufipoeten, welche diese Sufisicht betrachten, d.h. die Sicht der Einheit, Reimpaaren begegnen, welche die Worte «Glaube» und Unglaube» enthalten, so sollten wir uns nicht verwirren lassen und diese falsch interpretieren . . . .

 

Rumi verachtet den Glauben jener unreifen Frömmler, jener die die Form mehr schätzen als den Geist und jener die mit Schaustellung huldigen. Er möchte ihren Glauben von der Nachahmung zur Realisation bringen.

 

In einem Vierzeiler sagt er: «Solange nicht religiöse Schulen und Minarette heruntergerissen sind, solange wird es keine Stabilität in den spirituellen Zuständen von Gottes Liebhabern geben. Keiner ist ein Muslim bis Anbetung um des Gewinnes Willen und Glaube, der auf Nachahmung beruht, als Unglaube verstanden werden, und dass der Glaube des Suchers nach Wahrheit, welcher von jenen die die Wahrheit nicht verstehen als Unglaube verstanden wird, als wahrer Glauben gesehen wird.» (Firuzanfer, Rubaiyat, Nr. 804)

 

In diesem Vierzeiler ist das Thema das des Glaubens derjenigen, die sich nicht auf die Lieben Gottes verlassen und die ihren Glauben nicht von der Nachahmung in die Realisation erheben. Dieser Glaube ist gemäss Rumi Unglaube.

 

Während unreife Gläubige die Liebhaber Gottes des Unglaubens beschuldigen, weil diese nicht die erste Priorität den Formalitäten geben, sehen die Liebhaber Gottes erstere als Ungläubige, weil sie nicht in das Wesen eindringen und die Wahrheit kennen. Daher sagt Rumi: «Wisst ihr nicht, dass unser Unglaube der Geist des Islams ist?» (Divan-i Kebir, B V, Nr. 2508) Rumi erinnert uns häufig daran, dass es falsch ist jemanden einen Ungläubigen zu nennen, indem wir nur auf sein Äusseres schauen.

 

Wie im obigen Beispiel ersichtlich ist, transzendiert Rumi Glaube und Unglaube; er erreichte Liebe und Einheit und fand Gott und Wahrheit. Er erklärt dies sehr deutlich und sehr gut in dem folgenden Vierzeiler:

 

Jenseits Glaube und Unglaube gibt es einen Bereich (Wirklichkeit). Er ist nicht für jeden jungen, unreifen oder schönen Menschen. Um diesen einzigartigen Zustand zu erreichen, muss er sein Leben und sein Herz in Dankbarkeit für diese Erkenntnis opfern.
(Firuzanfer, Nr. 394)

 

Tatsächlich ist diese Sicht und dieser spirituelle Zustand kein Niveau, das irgend ein Diener zu erreichen gesegnet sein kann. In einem anderen Vierzeiler erzählt Rumi vom Gnostiker, der diesen Zustand erreicht:

 

Weit jenseits von Verneinung und Unterwerfung gibt es einen Bereich. Unsere Liebe ist in seinem Zentrum. Wenn der Gnostiker dort ankommt legt er seinen Kopf auf den Boden und verneigt sich in diesem Bereich jenseits der Verneinung oder Unterwerfung. (Firuzanfer, Nr. 395)

 

Wie schön doch Rumi erklärt, wie er die Hindernisse von Unglaube, Glaube, Gewissheit (yaqin) und Zweifel mit der Liebe Gottes überwand:

 

«Wenn der Liebhaber Gottes von Unglaube spricht, so kommt der Geruch von Glaube und Religion aus seinen Worten. Und in seinen Worten über Zweifel gibt es innere Bedeutungen von festem Glauben.»
(Mesnevi, B I, Nr. 2882)

«Ich schmolz wie das Salz im Meer der Klarheit, im Meer der spirituellen Freude. Es blieb kein Unglaube, Glaube, Gewissheit oder Zweifel in mir zurück. In meinem Herzen erschien ein Stern. Alles aus den sieben Himmeln verschwand in diesem Stern.»
(Firuzanfer, Rubaiyat, Nr. 1070)

 

Wenn Du von den Sichten Rumis über Religion, Glauben und Unglauben hörst. denke nicht, dass er neue Ideen wie Reformvorschläge im Bereich Religion und Glauben vorbringt. Obige Ansichten werden nicht nur von Rumi vertreten. Aber es ist eine Tatsache, dass weil Rumi nicht nur ein grosser Heiliger war, sondern auch ein grosser und sehr begabter Dichter, erklärte er dieses schwer verständliche Thema auf eine sehr schöne und klare Art und Weise. Andere Dichter zeigten ebenfalls Interesse an dieser Thematik. Zum Beispiel sagte Hafiz von Shiraz: « Es gibt keinen Unterschied zwischen der Kaaba und dem Götzentempel. Wohin Du Dich immer auch drehst, da bist Du mit Gott, und was immer Du siehst ist Seine Macht und Seine Kunst.» Ein anderer Dichter schrieb: «Manchmal ziehe ich mich in eine Kirche zurück, manchmal sitze ich in einer Moschee. Oh Allah, ich suche Dich von Haus zu Haus.» Ein weiterer Poet schrieb: « Oh Allah, ich werfe diese Religion und diese Überzeugung, die mich nicht zu Dir führen, ins Feuer und verbrenne sie. An Stelle von Glauben mache ich Deine Liebe zu meinem Führer. Wie lange noch kann ich Deine Liebe verstecken? Mein ganzes Ziel bist Du, ich will Dich. Ich habe mit Religion und Glauben nichts zu tun.»

 

Diese Ansichten, die um den Glauben der Einheit und um die göttliche Liebe kreisen, sind nicht nur die Sichten von Rumi, Yunus Emre und anderer Dichter des Islams, sondern sie sind die Sicht des Islams schlichtweg. Es ist aus dieser Sicht der Toleranz, dass die Muslime mit Respekt auf die Religionen der Menschen in den von ihnen verwalteten Ländern schauten. Sie zwangen ihren Glauben nicht auf und konfiszierten keine Kirchen. Wegen dieser Überzeugung hat Mehmed II, der Eroberer, noch als junger Mann von lediglich 23 Jahren dem byzantinischen Patriarchen Respekt gezeigt und ihn wieder als Patriarchen in seiner früheren Stelle eingesetzt. Wegen dieser Toleranz verblieb das Kreuz (Christentum) wo auch immer der Halbmond (Islam) einrückte.

 

Allgemein bekannt ist die Aussage Jesu: «Wer auch immer Dich ins Gesicht schlägt, biete ihm Deine andere Wange.» Die Menschen von Taif haben unseren Propheten gesteinigt und haben seine heiligen Füsse zum Bluten gebracht. Wenn Muhammed (pbuh) seine Autorität als Prophet genutzt hätte so hätte er sich rächen können. Unser lieber Prophet jedoch bat Gott: «Herr, bestrafe diese Leute nicht meinetwegen, vergib ihnen, sie sind unwissende Menschen und wissen nicht was sie tun.» Dies kommt daher, dass die Propheten sehr wohl wussten, dass man nicht von Gott geschaffene Menschen hassen kann ohne Ihn zu verstimmen. Entgegen gewöhnlichen Ansichten ist der Ungläubige nicht nur jemand, der die Existenz Gottes ableugnet. Unglaube heisst sich von den grundsätzlichen spirituellen Prinzipien abzuwenden. Hafiz von Shiraz drückt dies treffend in den folgenden Versen aus: «Lasst uns loyal sein, lasst uns die Schande auf uns nehmen, lasst die ander auf uns herunterschauen. Aber lasst uns zufrieden und glücklich in unserem Zustand sein. Lasst uns nicht durch jemanden verletzt fühlen, weil in unserem Gesetz bedeutet die persönliche Betroffenheit und sich verletzt oder beleidigt zu fühlen, ein Ungläubiger zu werden.»

 

Für Muhammed Iqbal, der grosse pakistanische Denker und Dichter des frühen 20. Jahrhunderts, der auch ein grosser Verehrer von Mevlana war, hiess ein Ungläubiger (kafir) zu sein, wer sich selbst nicht erkennen kann, wer das was wir im Wesen sind abzulehnen und wer nicht an seine tiefste Verbindung mit dem Göttlichen glaubt. Daraus wird klar, dass das woraus "Glaube" und "Unglaube" besteht, sich durch die verschiedenen Stadien der Entwicklung verändert.