Der Ritus als Kraft fürs Individuum und die Gesellschaft (Juli 2014)

Herbert-Bartliner-Europainstitut Disputationes II: Der mystische Islam, 20. Juli 2014 in Salzburg 

Referat von Peter Hüseyin Cunz 

 

 

 

Als erster Referent heute zum Thema des mystischen Islam erlaube ich mir, mit drei Bemerkungen zu beginnen, die mir wichtig sind.

 

Erste Bemerkung: Wer sich ernsthaft mit dem mystischen Islam auseinandersetzt und ihn auch lebt, wird Sufi genannt. Sufis sind folglich immer auch Muslime, also Menschen, die den Islam als ihre Religion sehen und leben. Einige der Sufi-Bewegungen bereicherten ihre Kenntnisse mit Weisheitslehren, die schon vor dem Islam existierten, doch damit verlassen sie den Islam als Kern ihrer Religion nicht. Ich sage das gleich zu Beginn, da es insbesondere in unserer säkularisierten Gesellschaft Gruppierungen gibt, die sich "Sufis" nennen, ohne sich ernsthaft mit dem Islam befassen zu wollen, geschweige denn sich als Muslime zu fühlen. Sufi-Orden entstanden in nahezu allen islamischen Ländern – von Nordafrika bis in den Fernen Osten – und sie unterscheiden sich in ihrer Haltung zum Teil ganz erheblich, von streng traditionalistisch bis sehr liberal denkend. Doch allen ist gemeinsam, dass sie Muslime sind.

 

Zweite Bemerkung: Das arabische Wort islam bedeutet Unterwerfung oder Hingabe. Im Kontext des mystischen Islam bedeutet islam, sich dem einen und letztendlichen Gott ganz hinzugeben. Wenn in einer deutschen Koranübersetzung steht, Die einzige Religion bei Gott ist der Islam (z.B. 3:19 und 3:85, 5:3, 6:125, 39:22, 61:7), dann ist diese Übersetzung irreführend. Zur Zeit der koranischen Offenbarung gab es noch keine institutionalisierte Religion, die den Namen Islam trug, so wie es später von den Menschen propagiert wurde. Sicher: man sprach damals von Muslimen, also von Menschen, die sich dem Islam hingeben. Doch damit waren Menschen gemeint, die ausschliesslich dem einen und letztendlichen Gott huldigen und Gefährten des Propheten Mohammeds waren.

 

Dritte Bemerkung: Der Sufismus hat aus unterschiedlichen Gründen bei den spirituell Suchenden der heutigen Zeit seit Mitte des 20. Jahrhunderts grossen Zuspruch erhalten. Sicher haben die berührenden überlieferten Geschichten und Legenden, die Rituale des Gottesgedenkens (dhikr) und der "drehenden Derwische" (Semâ) sowie  die mystischen Gedichte Rumis und anderer islamischer Heiligen viel dazu beigetragen, dass die Menschen "des Westens" von den sufischen Lehren tief berührt werden. Doch der eigentliche Antrieb für die Popularität des Sufismus kommt von der Theosophie des Herzens.

 

In der Tat nimmt das esoterische Herz in den Riten der Sufi einen wesentlichen Platz ein. Dies beruht auf folgendem unter den Sufis oft zitierten ausserkoranischen Gotteswort (hadith qutsi): 

Weder Mein Himmel (Thron) noch Meine Erde (Schemel) umfassen Mich, doch Mich umfasst das Herz Meines treuen Dieners.

 

Einige überlieferte Gedichte aus der Sufi-Tradition wurden schnell berühmt, insbesondere jene von Rumi, aber auch Gedichte aus unbekannter Quelle, die gerne Rumi in den Mund gelegt werden, so wie das folgende:

Ich habe Ihn gesucht und nicht gefunden.
Als ich nach Hause kam, stand Er an der Türe meines Herzens.
Und ich bin mit Ihm hineingegangen.

 

Rumi hat viele Gedichte und Verse komponiert, die in der heutigen Zeit sehr ansprechend wirken. Doch der gleiche Rumi, der ein grosser und anerkannter islamischer Theologe war, hat auch folgenden Vierzeiler diktiert:

Solange ich lebe, bin ich der Diener des Korans, bin die Erde, auf die der heilige Mohammed getreten ist. Wenn jemand meinen Worten eine entgegengesetzte Bedeutung zuschreibt, mich auf eine andere Weise kennt, beklage ich jenen, der die Worte gesagt hat und die Worte selbst.

          (Vierzeiler von Rumi, zitiert von Sefik Can Efendi)

 

Entgegengesetzt der heute oft anzutreffenden Vorstellung, dass die letztendliche Wahrheit allein im esoterischen Herz zu finden ist, und dass folglich der fortgeschrittene Mystiker der einschränkenden Form einer tradierten Religion nicht mehr bedarf, finden wir bei den Sufis eine weiter gehende Sicht. Ich zitiere Rumi aus seinem Fihi ma fihi, Rede 38:

Wenn du nur das Innere eines Aprikosenkerns pflanzt, wird er nicht spriessen; doch wenn du ihn mit der Schale pflanzt, wird er spriessen. Wir wissen, dass auch die äussere Form wichtig ist. Das Gebet ist im Inneren: "Gebet gibt's nur in Anwesenheit des Herzens" (Hadith). Doch es ist notwendig, es in Form zu bringen indem du die äusseren Kniebeugen und Prostrationen (rukû', sujûd) vollziehst; dann erhältst du den Segen und erreichst die Erfüllung deiner Absicht. ..... Denn der Sinn ist mit der Form verbunden; wenn sie nicht verbunden sind, bringen sie keinen Nutzen.

 

Und damit komme ich zum eigentlichen Thema meines Referates. Nebst der Tatsache, dass der Gläubige Gott im eigenen Herzen finden kann, ist Gott auch als transzendente Kraft von aussen zu erfahren. Der Koran macht das deutlich unter anderen mit dem bei den Sufis viel zitierten Vers 2:115:

Und Gottes (Allahs) ist der Westen und der Osten, und wohin ihr euch daher wendet, dort ist Gottes Angesicht.

 

Die Sufis wissen, dass sie Gott sowohl in ihrem Innern finden, als auch ausserhalb von ihnen. Und sie wissen auch, dass sie beides gleichsam anzustreben haben. Der Wein benötigt ein Glas, um zu den Lippen des nach Wein Dürstenden zu gelangen. Rumi sagt:

Wenn die spirituelle Erklärung ausreichend wäre, wäre die Schöpfung der Welt nichtig und überflüssig.
Wenn die Liebe nur Denken und Wirklichkeit wäre, wäre die Form eurer Gebete  und eures Fastens nichts.
Die Geschenke, welche die Liebenden sich machen, sind im Verhältnis zur Liebe nur Formen;
Doch Geschenke können Zeugnis ablegen über im Innern verborgene Gefühle der Liebe.

          (Mesnevi I/2624 ff)

 

Ein Sufi sehnt sich nach Gottesnähe, und er weiss, dass in Wirklichkeit nicht er es ist, der sich Gott nähert, sondern dass Gott es ist, der sich ihm nähern wird. Im Zentrum der spirituellen Arbeit steht das Bereiten der Seele zum Gefäss, das für den Geist Gottes empfänglich und eines göttlichen Gnadenaktes würdig ist. Solange wir voller Gedanken und Emotionen sind, genährt vom Bestreben, etwas Bestimmtes zu erreichen, fehlt die notwendige Haltung und Leere, um für den Geist Gottes attraktiv zu sein. Zentral in der Sufi-Praxis ist das Wegwischen allen Unrates, wie unnütze Gedanken, Vorstellungen und Sentimentalitäten, die oftmals genährt sind von Nostalgie, Hoffnungen und Ambitionen, die ihrerseits aus der Sehnsucht der Seele entstehen, gesehen und anerkannt zu werden. Der berühmte christliche Mystiker Meister Eckhart soll gesagt haben: Tue zur Seite alles, was nicht Gott ist, und dann bleibt nur noch Gott übrig. Genau das ist die Bedeutung von La ilaha il-Allah, der ersten Hälfte des islamischen Glaubensbekenntnisses, das bei allen Sufis im Ritual des Gottesgedenkens (dhikr) sowie im Alltag häufig repetiert wird.

 

Wie kommt ein Individuum in den Zustand der Leere, des Leer-seins, um für das Jenseits, durch das der Geist Gottes wirkt, empfänglich zu sein? Wirkliche Leere bedeutet einen Zustand ohne Selbstkontrolle, was einem Menschen nur möglich ist, wenn er sich vollkommen geschützt fühlt. Und da wird der Sinn einer religiösen Gemeinschaft deutlich, wo es doch darum geht, den Schritt über die Grenzen des eigenen Begreifens zu ermöglichen. Der Ritus unter Gleichgesinnten offeriert den Rahmen, innerhalb dessen das teilnehmende Individuum sich selbst vergessen darf, ohne dabei in eine gefährliche Grenzüberschreitung zu geraten.

 

In den monotheistischen Religionen gilt die Vorstellung über ein Diesseits und ein Jenseits. Gemäss den Lehren der Sufis sehnt sich das Diesseits nach Verbindung mit dem Jenseits, und das Jenseits sehnt sich nach Realisierung durchs Diesseits. Rumi sagt: 

Der Durstige stöhnt: „O köstliches Wasser!“ Auch das Wasser stöhnt und sagt: „Wo ist der Wassertrinker?“

          (Mesnevi 3:4397)

 

Der Ritus ist als Erstes, wie schon erwähnt, ein Schutz für das sich-gehen-lassende Individuum. Und er schützt nicht nur vor dem verstörten Blick anderer Menschen, nicht nur vor dem Verlust der Reputation. Der Ritus schützt die Gottessuchenden auch vor negativen Geisteskräften, die sich selbst verwirklichen wollen und daher bestrebt sind, in die Seele eines Menschen einzudringen. Denn das Jenseits, von wo die spirituellen Kräfte in diese Welt der Erscheinungen dringen wollen, ist nicht nur gut. In der anderen Welt, im Jenseits, das als Hintergrund zum Diesseits wirkt, hausen nebst den engelhaften Wesen auch Teufel und Kobolde. Auch diese suchen in Konkurrenz zu den engelhaften Kräften nach sich öffnenden und ungeschützten Seelen, wo sie sich einnisten können. Wer mit Spiritismus, Magie und ähnlichen okkulten Wissenschaften in Berührung kam, weiss, in welche Gefahren ein Beteiligter oder eine Beteiligte sich begeben kann.

 

Wer ohne schützenden Ritus sich der anderen Welt öffnen will, kann das erreichen durch asketische Handlung oder einfach mithilfe von Drogen. Zur Hippiezeit war LSD der grosse Renner, und ich erinnere mich an mein Erstaunen, wie einige meiner Freunde beim Konsum von LSD ohne offensichtlichen Grund anfällig für "Horror-Trips" waren, während andere gleichzeitig wunderschöne Erlebnisse genossen.

 

Nachdem wir uns etwas mit dem Individuum befasst haben, können wir nun noch einen Blick auf die Gemeinschaft werfen, die sich in ritualisierter Form trifft. Was passiert, wenn mehrere Gleichgesinnte gemeinsam Beten, Singen, Exerzitien üben, meditieren oder auch gemeinsam sich in heilige Bücher vertiefen? In jedem Fall entsteht eine Kraft des Miteinanders, in der die Sehnsucht des Einzelnen verstärkt zum Ausdruck kommt.  Oder in anderen Worten: innerhalb des Rahmens, in dem das Ritual stattfindet, entsteht eine Art Vakuum, das die Kräfte aus der anderen Welt anzieht. Dieser Vakuum-artige Zustand entsteht aus der Summe der Leere aller beteiligten Herzen.

 

Die Besucher des Rituals spüren das sofort. Es ist, als ob die Luft sich ändern würde, als ob der Raum sich mit Licht füllen würde. Alle werden davon berührt. Es bleibt eine tiefe Erinnerung an Momente, wo die zwei Welten sich eng berühren. Gerne erwähne ich zwei Beispiele aus unserer Praxis:

 

Unser Orden ist bekannt für das Ritual des Semâ, populistisch "Ritual der Tanzenden Derwische" genannt. Dieses Ritual hat die Aufgabe, den um seine eigene Achse drehenden Derwisch in einen bleibenden Zustand der meditierenden Zentriertheit zu versetzen. Zugleich soll erreicht werden, dass das Ritual die anwesenden Besucher mit einbezieht und ihnen ein Erleben des Heiligen offeriert. Vier Mal im Jahr zelebrieren wir dieses Ritual in einer Kirche in Zürich. Die Rückmeldungen, die wir von den Besuchenden erhalten, sind sehr berührend.

 

Das zweite Beispiel, das ich erwähnen möchte, ist das weniger spektakuläre Ritual des Sohbet – eine gängige Praxis aller Sufi-Kreise. Es ist die Zeit, wo der Scheich ein Lehrgespräch führt. Die dabei strickte einzuhaltende Regel ist, dass jede und jeder Teilnehmende sich ganz in den Zustand des Zuhörenden versetzt und aufkommende eigene Meinungen in den Hintergrund verlegt. Niemand ist befugt, in dieser Zeit den Scheich mit eigenen Ideen, Gedanken und Meinungen zu unterbrechen. Dieses rituelle Arrangement erzeugt im Raum das bereits erwähnte Vakuum, welches die zwei Welten spürbar zusammenführt und so das Heilige sichtbar macht. Und erst dadurch entsteht beim Scheich jene Inspiration, welche die anwesenden Zuhörer direkt betreffen.

 

Nach einem Lehrgespräch wurde ich oft gefragt, woher ich wissen konnte, dass ich mit meinen Aussagen den wunden Punkt traf. Meine Antwort darauf ist immer die Gleiche: "Ihr Zuhörende habt das durch Euer aktives Zuhören, durch Eure Leere erzeugt. Ich war nur ein Instrument dafür."

 

Als weiteren Nutzen des Ritus möchte ich das Gefühl der Zugehörigkeit erwähnen. Der Ritus unterstützt die Teilnehmenden, sich als Teil von etwas Grösserem zu sehen. Weiter bietet er den Kontext, sich selbst definieren zu können und die eigene Existenz zu spüren. Die Teilnehmenden können sich selbst einen Wert zuschreiben, können sich als wertvoll sehen. Und so unterstützt der Ritus die Identitätsbildung, ohne die weder Orientierung noch Zielstrebigkeit möglich ist.

 

Die Sufis nutzen sozusagen als Instrument ganz bewusst die religiöse Identifikation, und zugleich lernen sie, dass jede Identifikation – auch eine religiöse – letztendlich eine Sackgasse ist. Jedes Identifizieren ist auch dafür da, es wieder loszulassen und sich im Sterben zu üben. Rumi beschreibt das in seinen Worten (Mesnevi 3:3901 ff):  

Ich starb als Mineral und wurde zur Pflanze;

dann starb ich als Pflanze und wurde zum Tier.

Ich starb als Tier und wurde ein Mensch;

was sollte ich also fürchten? Wann hat mich der Tod geringer gemacht?

Beim nächsten Mal sterbe ich als Mensch, um mit den Engeln zu fliegen.

Und selbst als Engel muss ich weichen, denn "alle Dinge vergehen ausser Seinem Angesicht" (Koran 28:88).

Und wieder werde ich geopfert und als Engel sterben;

ich werde etwas Unvorstellbares werden.

Dann werde ich zu Nichtsein;

das Nichtsein singt schön wie eine Orgel: "Siehe, zu Ihm kehren wir heim" (Koran 2:156).

 

Identitätsbildung ist für alle Menschen lebenswichtig, und selbstverständlich entsteht Identitätsbildung nicht erst durch religiös motivierte Rituale. Familienverbindungen, das Vereins- und Club-Leben, die Politik mit ihren nationalistischen Ritualen bis hin zu militanten Bewegungen bieten genau so die Möglichkeit, sich mit etwas Grösserem zu identifizieren und sich einen Lebenssinn zuzuschreiben. Gute Werke gibt es in dieser Welt auch ohne religiöse Motivation! Doch die Sufis bilden ihre Identität in Verbindung zur anderen Welt, dem Jenseits, was vom Standpunkt des Diesseits gesehen nicht zu erfasst ist. Die eigentliche Mystik kann von den Wissenschaften nicht erfasst werden. Warum? Die Mystik ist ein Überschreiten der Grenzen des Begreifens. Mystik muss erlebt werden, um es allenfalls anschliessend ans Erlebte mit mehr oder weniger geschickten Kunstgriffen begreifbar zum Ausdruck zu bringen.

 

Erlauben Sie mir, verehrte Anwesende, zu schliessen mit der dritten Strophe des berühmten und vertonten Gedichts "Der Mond ist aufgegangen" von Mathias Claudius (1746-1815):

Seht ihr den Mond dort stehen? –
er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön!

Es sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehn.

 

 

Herzlichen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit! 

 

 

 

Die Urheberrechte der mit freundlicher Genehmigung verwendeten Zitate aus dem Mesnevi sind bei  der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar.  Die Bücher, welche die Zitate enthalten, sind auf dem Markt erhältlich (Rumi „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh).

Die Übersetzungen des Korans stammen von Max Henning.