Jesus aus der Sicht des Islam (Februar 2016)

Referat von Peter Hüseyin Cunz, am 23. Februar 2016, Nydegg-Kirche in Bern 

 

Bismillahi ar-Rahmani ar-Rahim (im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Gnädigen)

 

 

Der Arzt der Liebe ist mitleidsvoll
und mit Jesu Atem begabt.
Doch wen soll er heilen,
wenn man keinen Schmerz besitzt?
          (Hâfez, Diwân, gemäss Nurbaksh S. 33) 

 

 Mit diesem Gedicht aus dem Diwan des grossen persischen Dichters Hafiz danke ich Ihnen fürs Kommen. Es freut mich, auch wenn Sie nicht aus Schmerzen gekommen sind, sondern aus religiösem Interesse oder einfach aus Neugier. Einen besonderen Dank richte ich an Pfarrer Niederhäuser und der Kirche fürs Organisieren eines Anlasses zu diesem Thema! 

 

 Jesus – Friede und Segen sei mit ihm – kann von verschiedenen Blickwinkeln gesehen und erfahren werden. Uns hier im Abendland ist die Sicht der katholischen Kirche des 4. Jhs vertraut, aus dem dann das christliche Grundverständnis und Selbstverständnis entstand. Noch heute sind unsere Bilder, die wir von Jesus machen, geprägt von einer mittelalterlichen Romantisierung. Jesus sah sicher nicht so aus, wie er bildlich dargestellt wird: athletischer Körper mit idealen Massen; europäische Gesichtszüge; lange Haare. Es ist wahrscheinlicher, dass er etwa so aussah, wie auf Gemälden seine Apostel dargestellt werden, mit Hakennase und schwarzem krausem Haar. 

 

 Warum erwähne ich das? Jüdische, christliche und muslimische Mystiker sagen allesamt, dass kein Mensch fähig ist, die absolute Wahrheit zu erblicken oder gar zu kennen. Gott ist weder in Bild noch in Worten gänzlich zu erfassen. Als Mensch sind uns in der Erkenntnis Grenzen gesetzt. Und doch benötigen wir Bilder, wie zum Beispiel einen Jesus mit schönem und passendem Aussehen. Mit dem Bedürfnis nach idealisierten Vorstellungen mit den entsprechenden Bildern begnügen wir uns mit Teilwahrheiten, auch wenn wir im Religionsunterricht gelernt haben, dass Moses, Jesus oder Mohammed die absolute Wahrheit vertreten. 

 

 Wie können wir mit Teilwahrheiten konstruktiv umgehen? Meine Überzeugung ist die folgende:

Auch wenn jede Religion für sich nur eine Teilwahrheit darstellt, so stehen diese doch weit über unserem Begreifen und sind jedes ein Tor zur absoluten Wahrheit. Jede bewährte Religion ist ein Medium, das uns den Weg zur absoluten Wahrheit weisen kann. Mit dieser Sicht verlieren im Namen Gottes geführte Aggressionen ihre Rechtfertigung. 

 

 Ich werde im Folgenden versuchen, Ihnen die mehrheitlich verbreitete Sicht der Muslime auf Jesus näher zu bringen. Auch dies ist eine Teilwahrheit: Jesus aus einem für uns hier ungewohnten Blickwinkel. Bitte seien Sie sich gewiss, dass ich keine Absicht hege, Sie von meiner Sichtweise zu überzeugen. Ich will nur mein beschränktes Wissen weitergeben. 

 

 Was ich Ihnen jetzt erzählen werde, stammt aus unterschiedlichen Quellen der Theologie und der Forschung. (Speziell würdigen möchte ich das Buch von Martin Bauschke: "Der Sohn Marias", Verlag Lambert Schneider.) Die Präzision meiner Aussagen hat Grenzen, und sicher gibt es am Schluss Fragen, dessen Antwort ich nicht aus dem Ärmel schütteln kann. Ich bin von Beruf Ingenieur und nicht Theologe oder Sprachwissenschaftler. Wer sich für Details interessiert und in den Forschungsresultaten stöbert, wird feststellen, dass die islamischen Quellen aus abendländischer Sicht eher bedürftig erforscht sind. Der TV-Sender Arte hat im letzten Dezember über unser Thema von heute Abend eine interessante mehrteilige Sendung produziert, die den heutigen Stand der Forschung nachweist und eindrücklich zeigt, wie viel der von uns angenommenen Glaubensinhalte aus nicht verifizierbaren Quellen stammt. 

 

 

Der Koran besteht aus 114 Kapiteln, die Suren genannt werden. 19 von den 114 Suren nehmen Bezug auf Jesus. Gesamthaft sind es über 120 Verse, die Jesus erwähnen. Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass solche Verse von Muslimen als unmittelbar von Gott gekommene Aussagen verstanden werden. Somit ist das, was im Koran über Jesus gesagt wird, ein unantastbarer Glaubensbestandteil. Für die meisten Muslime werden zusätzlich zum Koran auch die ca. 6000 vertrauenswürdig überlieferten Prophetenworte (hadith) als Glaubensbestandteile gesehen. Was in den Hadithen über Jesus gesagt wird, ist ebenfalls verbindlich, wie zum Beispiel die folgende Überlieferung: 

 

Allahs Gesandter (Mohammed) hat gesagt: Jeder Mensch wird bei seiner Geburt von Satan berührt, ausser Maria und ihrem Sohn. 

 

Mohammed – Friede und Segen sei mit ihm – war während seines ganzen Lebens (573-632) mit christlichen und jüdischen Gemeinden in Verbindung.  Darum sind die Aussagen über Jesus im Koran nicht ausführlich, wie in den damals bekannten Evangelien. Der Koran begnügt sich mit Kommentaren, Stellungnahmen, Ermahnungen und Abgrenzungen. Die Kenntnis des christlichen Glaubens und der Evangelien wird vorausgesetzt. 

 

Das Christentum wurde zur Zeit Mohammeds noch kontrovers gelebt. Die apokryphen (nicht anerkannten) Evangelien und Schriften waren im Vorderen Orient stark verbreitet. In der Frage über die göttliche Natur Christi herrschte Uneinigkeit. Die katholische Kirche in Rom war zwar bemüht, sich gegen abweichende Ansichten durchzusetzen. Doch die Verfolgung und Dezimierung der konkurrierenden christlichen Sekten war zur Zeit Mohammeds auf der arabischen Halbinsel noch nicht vollzogen. Vermutlich begegnete Mohammed einem uneinheitlichen Christentum. 

 

Nach muslimischer Vorstellung war Jesus ein "praktizierender Muslim nach jüdischen Regeln".  Dem gemäss verrichtete er 3 Hauptgebete pro Tag, gab jährlich den Zehnten ab und übte sich in der Einhaltung aller jüdischen Regeln. Was bedeutet "ein praktizierender Muslim"? Das ist jemand, der sich "kein Bildnis macht" und nur den ursprünglichen Einen Gott verehrt. Jesus war ein grosses Vorbild dafür. Allein schon sein Gebot, das Vaterunser zu beten, bezeugt dies eindrücklich. 

Wenden wir uns nun dem Koran zu! Wie wird Jesus im Koran genannt? Es gibt 14 unterschiedliche Benennungen: 

 

  • 25 Mal beim Namen:  'Îsâ = Jesus, davon 16 Mal 'Îsâ bin Maryam (Jesus, Sohn Marias)
  • 11 Mal:  Al-Masîh 'Îsâ = Der Messias Jesus
  • 8 Mal:  Al-Masîh 'Îsâ ibn Maryam = Der Messias, Sohn Marias
    • Al-Masih (Messias) bedeutet ein rastloser Wanderer (sâha = wandern), sowie der Gesalbte (masaha = salben)
    • Christos (gr.) bedeutet auch der Gesalbte. Könige wurden oft so genannt. Wenn Muslime "Christus" sagen, meinen sie damit einen Ehrentitel und nicht den von den Toten Auferstandenen. 
  • Kalima min Allâh = Wort Gottes
  • Rûh min Allâh = Geist von Gott
    Jesus war besonders nahe mit Gott verbunden, denn nur so konnte Gott durch ihn Wunder vollbringen.
  • Salîh = Rechtschaffener
  • Mubârak = Gesegneter
  • Nabî = Prophet
  • Rasûl = Gesandter (ein Prophet mit Offenbarungsschrift, wie auch Moses und Mohammed)
  • Mathal = Vorbild, Beispielhafter
  • Abd Allâh = Knecht Gottes
    Nur Jesus und Mohammed werden im Koran so genannt (19:30 und 72:19). Es gilt als die intimste Nähe zu Gott.
  • Wadjîh = Im Diesseits und im Jenseits Angesehener
  • Âya = Ein Zeichen für alle, die es sehen können
  • Shahîd = Zeuge der Christen am Endgericht 

 

 

Lassen Sie mich nun einige typische Geschichten über Jesus vorlesen, wie sie im islamischen Kontext kursieren: 

Jesus kam eines Tages zu einer Gruppe von Leuten, die mit Gottesdienst und frommen Werken beschäftigt waren. Er fragte sie, warum sie sich so sehr mit frommen Werken beschäftigen würden. Sie antworteten: "Wir fürchten das Feuer der Hölle." "Dann seid ihr feige Leute", war Jesu Antwort.
Eine andere Gruppe befolgte die Rituale noch eifriger. Er stellte dieselbe Frage und erhielt als Antwort: "Wir hoffen, in den Himmel zu kommen." Er erwiderte: "Warum setzt ihr eure Hoffnung nicht auf Gott selbst? Wer hat euch denn alle diese Gnaden verliehen?"
          (Ansâri a.a.O., Band 2 S. 37, gemäss Nurbaksh S. 104) 

 

Oder die folgende gut bekannte Geschichte: 

Jesus war mit seinen Jüngern unterwegs, als sie am Kadaver eines Hundes vorbeikamen. "Buh!" riefen die Jünger aus, "was für ein Gestank!" Da hielt Jesus an, um auf die glänzende Weisse der Zähne des Geschöpfes aufmerksam zu machen. Und Jesus schalt seine Jünger und gebot ihnen, nicht schlecht über den armen Hund zu reden und erklärte: "Sagt nichts als Lobenswertes über Gottes Geschöpfe."
          (Ghazali a.a.O., Band 3 S. 383, gemäss Nurbaksh S. 78) 

 

Oder auch dies: 

Der Teufel erschien Jesus und befahl ihm, das Glaubensgebot "La ilaha il-Allah – Es gibt keinen Gott ausser Gott" zu sagen. Jesus antwortete: "Die Worte sind richtig, aber ich werde sie nicht wiederholen, wenn du es mir befiehlst!"
          (Ghazali a.a.O., Band 3 S. 88, gemäss Nurbaksh S. 75) 

 

Solche Überlieferungen stammen oft aus der Sufi-Literatur. Sufis sind die Mystiker des Islam und streben ein vertieftes Verständnis der koranischen Botschaft an. 

 

Die Sufis sehen in Jesus einen sog. Vollkommenen Menschen (insan-i kamil), der als reiner Spiegel die Eigenschaften Gottes widerspiegelt. Doch auch wenn er mit solch edlen Eigenschaften Gottes Befehle ausführt und Wunder tut: er ist Mensch und bleibt ein Menschen. Gott allein ist die Quelle und Kraft des Wirkens Jesu. 

 

Jesus wird von Sufis auch als  "Siegel der allgemeinen Heiligkeit ('ammah)" gesehen. Darunter versteht sich das vollkommene Vorbild des Strebens nach der Loslösung vom Weltlichen, um Gottesnähe zu erlangen. Jesus war ein Zeugnis dessen, was Menschen an höchst möglichem Grad erreichen können. 

 

Im Gegensatz dazu wird Mohammed "das Siegel der Propheten" genannt, was von den meisten Muslimen als  Abschluss der prophetischen Tradition gedeutet wird. Mohammed war ein "Auserwählter", der für sein Wirken nicht der Eigenschaften Jesu bedurfte. Er war eine andere Art der Instrumentalisierung durch Gott. Er musste eine neue Gesellschaftsform errichten – er wirkte in einer Art Synthese von Moses und Jesus. 

 

 

Lasst uns jetzt über Maria (Mariam) sprechen (3:33-48 und 19:1-34), denn Jesus wird im Koran oft als "Sohn Marias" (ibn Mariam) benannt: 

 

Der Koran erwähnt die Herkunft Marias, als Nachkommen "des Hauses 'Imrân". Mit Maria wird als Schutzherr Marias auch der greise Zacharias (Zakaryya) erwähnt, dessen als unfruchtbar geltende Frau Elisabeth ('Esha) mit Gottes Fügung Johannes den Täufer (Yahyâ) auf die Welt brachte. 

Ergänzungen:

'Imrân deutet auf den biblischen Amran hin, den Vater von Aaron, doch die Forscher debattieren noch darüber, denn Maria wird anderswo auch "Schwester Aarons" genannt (19:28).

Während Zacharia in seiner Zelle betete, riefen ihm die Engel zu:

Allah verheisst dir Johannes, den Bestätiger eines Wortes von Allah, einen Herrn, einen Asketen und Propheten von den Rechtschaffenen. (Koran 3:34) 

 

Dann folgt die Ankündigung und Empfängnis Marias (prosaisch nacherzählt): 

Der Geist Gottes erscheint ihr als vollkommener Mann, der sich als Gesandter Gottes gibt und ihr "einen reinen Knaben" ankündigt. Maria fürchtet sich, empfängt jungfräulich und zieht sich dann an einen Ort im Osten zurück. Dort verschleiert sie sich (d.h. sie zieht sich hinter einen Vorhang zurück). 

 

Dazu folgendes: 

  • Der erscheinende "Geist" (rûhanâ) wird mit dem Engel Gabriel interpretiert, wie bei den Christen.
  • Jesus wurde als einziger weiterer Mensch in ähnlicher Weise erschaffen wie Adam.
  • Ein "Ort im Osten" (markân sharkî) bedeutet weder Bethlehem noch eine Krippe. Viele Kommentatoren vermuten damit den Jerusalemer Tempel, wo Maria im Schutze Zacharias als Schwangere ohne Mann zurückgezogen lebte. Nach jüdischem Gesetz drohte ihr die Steinigung.
  • Ein Vorhang (hidjâb), hinter den sich Maria zurückzieht: Das ähnelt scheinbar den Aussagen im Protevangelium von Jakobus, das in der frühen Christenheit in diesen Regionen sehr populär war.
  • Joseph erscheint nirgendwo im Koran. 

 

Weiter wird im Koran erzählt (prosaisch nacherzählt):  

Maria erfährt ihre Wehen "an einem entlegenen Ort unter einer Palme". Sie ist verängstigt und hat Durst und Hunger. Und das Jesuskind beginnt zu sprechen, tröstet sie und erzeugt mit Gottes Hilfe ein Bächlein sowie reife Datteln. Zurück in der Gesellschaft begegnet Maria Argwohn und Anfeindungen, da kein Mann vorhanden ist. Doch das Jesuskind spricht und verteidigt die Situation als Gott-gegeben: "Siehe ich bin Allahs Diener. Gegeben hat Er mir das Buch, und Er machte mich zum Propheten. Und Er machte mich gesegnet, wo immer ich bin, und befahl mir Gebet und Almosen, solange ich lebe, und Liebe zu meiner Mutter; und nicht machte Er mich hoffärtig und unselig. Und Frieden auf den Tag meiner Geburt und den Tag, da ich sterbe, und den Tag, da ich erweckt werde zum Leben." 

 

Dazu folgendes: 

  • Ein anderer Geburtsort als bei den Christen: In der Wüste unter freiem Himmel.
  • Das so genannte Speisewunder: Ein Bächlein beginnt zu fliessen und reife Datteln fallen von der Palme.
  • Dann das Sprechwunder:  die Evangelien kennen das nicht.
  • Da kein Joseph da ist, erscheint Jesus als Beschützer des Lebens und der Ehre Marias, denn gemäss jüdischem Gesetzt sollte Maria wegen der illegitimen Schwangerschaft gesteinigt werden.
  • Der "Tag, da ich erweckt werde": darüber hören wir später (siehe weiter unten). 

 

Der Koran ruft an verschiedenen Stellen die Christen an, den Irrtum des Tritheismus oder der Trinität nicht zu glauben (Z.B. 4:171 und 5:116). Damals gab es auch unter den Christen noch Streit um diese Fragen.  

  • Der Tritheismus ist Gott Vater, seine Gefährtin Maria und Jesus.
  • Die Trinität setzte sich schliesslich durch, mit Gott Vater, seinem Sohn Jesus und dem Heiligen Geist. 

 

Wie wird bei Muslimen die Kreuzigung und der Tod Jesu gesehen? Der berühmte "Kreuzigungsvers" (4:157) lautet: 

Und weil sie sprachen: "Siehe, wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs, getötet" – doch sie töteten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern es erschien ihnen nur so. 

 

Über den Keuzigungsvers wird spekuliert, denn scheinbar gibt es kein überliefertes Prophetenwort (hadith), das dazu klare Erläuterungen gibt. Muslimische Gelehrte sind sich uneinig darüber, ob es nur nach einer Kreuzigung schien und Jesus gerettet wurde, oder  ob ein anderer gekreuzigt wurde, der Jesus ähnelte. Und über eine Rettung Jesu wird nirgends berichtet. 

 

Am meisten favorisiert wird, dass ein anderer für Jesus sterben musste. Zwei Varianten stehen im Vordergrund: 

  • Die Römer kreuzigten einen anderen mit der Behauptung, es sei Jesus gewesen, um Unruhen seitens der Rabbiner zu vermeiden.
  • Gott bestrafte den Verräter Judas Ischariot, indem Er ihn Jesu ähnlich machte. Auch das Barnabas-Evangelium scheint dies zu unterstützen. 

 

Anzumerken ist hier, dass Gott gemäss islamischer Vorstellung keinen Menschen unsterblich gemacht hat. (19:33 und 21:34-35). 

 

Nun gibt es bei Jesus noch eine weitere herausragende Besonderheit, dessen selbst viele Muslime nicht gewahr sind. Im Koran (3:55) steht: 

O Jesus, siehe, Ich will dich verscheiden lassen und will dich erhöhen zu Mir und will dich von den Ungläubigen befreien und will deine Nachfolger über die Ungläubigen setzen bis zum Tag der Auferstehung.  

 

Wenn Gott hier spricht, "Ich erhöhe dich zu Mir", bedeutet das im islamischen Sinn, dass Gott ihm auf höchster Stufe eines Propheten und Gesandten Ehre verleihen wird. Und mit "deine Nachfolger" sind die gläubigen Christen gemeint. Gott sagt hier ausdrücklich, dass Christen für immer als Gläubige zu sehen sind. 

 

Jesus hat in der islamischen Theologie tatsächlich einen ganz besonderen Rang. Ich komme zurück auf das Sprechwunder, wo das Jesuskind sagt: Und Frieden auf den Tag meiner Geburt und den Tag, da ich sterbe, und den Tag, da ich erweckt werde zum Leben.

Es gibt Prophetenworte (hadith), die davon sprechen, dass Jesus derzeit im Himmel weilt und eines Tages wieder kommen wird, um gegen den Antichristen (al-daddjâl) zu kämpfen und ihn zu töten. Er wird auf dieser Welt für Ordnung sorgen und Gerechtigkeit bringen. Nach 40 Jahren des Regierens wird er sterben und neben Mohammed in Medina bestattet. Kurz darauf folgt das Jüngste Gericht.

In der Tat gibt es neben Mohammeds Grab in Medina im heutigen Saudi Arabien ein leeres Grab, das für Jesus bestimmt ist. 

 

Ich komme zum Schluss mit einem Blick aufs Jüngste Gericht. Was wird da geschehen?

Gemäss Koran haben dann alle Gesandten und Propheten die Funktion der Fürsprecher und Ankläger für ihre Religionsgemeinschaft (4:159, 7:6, 33:7-8). Jesus handelt dann als Fürsprecher für jene Christen, die das Christentum gemäss den Forderungen von Jesus gelebt haben (5:46 ff und 5:72) und als Ankläger jener Christen, die dem Christ-sein nicht gerecht wurden.

Und Mohammed spielt diese Rolle für die Muslime. Darum vertrauen Muslime auf Mohammed als ihr Fürsprecher und Retter am Tage des Gerichts, und das kommt in den muslimischen Gebetsformeln stark zum Ausdruck. In den Gebeten, die alle direkt an Gott gerichtet sind, werden immer wieder Segenswünsche an den Propheten hineingeschoben. 

 

Nicht allein die Christen geniessen eine respektierte Position im Koran. Die Forderung des religiösen Dialogs und Respektes ist im Koran ganz allgemein ausgedrückt. Die religiöse Vielfalt ist Gott-gewollt: 

Darum richte zwischen ihnen nach dem, was Gott hinabgesandt hat. ... Jedem von euch gaben wir eine Norm (schir'ah oder scharî'ah) und einen Lebensweg (minhâj). Und so Gott es wollte, wahrlich Er machte euch zu einer einzigen Gemeinde; doch will Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben. Wetteifert darum im Guten. Zu Gott ist eure Heimkehr allzumal, und Er wird euch aufklären, worüber ihr uneins seid. (5:48) 

Erklärung:

Der Ausdruck schir'ah oder scharî'ah kommen lediglich in den Koran-Versen 5:48 und 45:18 vor. 

 

 

Ich fasse einige Erkenntnisse zusammen: 

  • Der Koran enthält viele Bezüge zum Christentum, denn er versteht sich als Weiterführung der jüdisch-christlichen Tradition und Prophetenfolge. Die Muslime sehen den Islam nicht als Alternative zum Christentum und Judentum, sondern als deren rechtmässige Weiterführung.
  • Jesus wird von den Muslimen stark verehrt. Von ihm eine Karikatur zu zeichnen, käme keinem in den Sinn. Die aufwühlenden Gefühle der Muslime anlässlich der verbreiteten Mohammed-Karikaturen waren authentisch und nicht politisch motiviert.
  • Jesus ist der einzige Mensch, der wie Adam erschaffen wurde, indem Gott Seinen Hauch in den materiellen Körper einblies.
  • Jesus wird unter vielen Eigenschaften auch als Messias, als Wort Gottes und als Geist Gottes benannt.
  • Insbesondere unter Sufis gibt es viele Legenden und Erzählungen über Jesus.
  • Jesus wird im Koran bedeutend öfters beim Namen benannt als Mohammed.
  • Maria wird im Koran öfter genannt als in der Bibel.
  • Die jungfräuliche Empfängnis von Maria wird bejaht, hingegen verneinen die Muslime die Kreuzigung Jesu und dessen Erhebung zur Rechten Gottes. Jesus ist und bleibt ein Gesandter Gottes, der nicht angebetet werden darf.
  • Gott hat durch Jesus viele Wunder getan. Ein Muslim wird aber nie sagen: "Jesus tat Wunder", ohne anzuhängen "mit Gottes Erlaubnis".  Speziell erwähnt werden:
    • Das Sprechwunder als Kleinkind. (19:24-26)
    • Das Vogelwunder, wo er Vögeln aus Lehm Leben einhauchte. (3:49 und 5:110)
    • Das Tischwunder, wo er Gott um einen voll bedeckten Tisch bat, um seinen Jüngern den Zweifel wegzunehmen. (5:112-115)
    • Die Heilung von Aussätzigen und Blinden, sowie die Erweckung von Toten.
  • Jesus verweilt im Paradies bis kurz vor dem jüngsten Tag, wenn er noch seine letzte Aufgabe auf Erden in Angriff nimmt.
  • Auch wenn Gott Jesus zu sich genommen hat, wo er im Paradies auf seine letzte Mission wartet, ist er nicht von einer Gott-Natur. So wie die Engel ist auch er unter Gott gestellt. (3:45 und 4:172). Er sitzt nicht "zur Rechten Gottes", wie es die Christen glauben (Römer 8:33 f, Epheser 1:20, Hebräer 1:1 ff).