Mystik im Aufwind? (Mai 2013)

Aufsatz für Via Cordis Forum zum Thema des internationalen Forums

Von Peter Hüseyin Cunz, Mai 2013

 

Mystik im Aufwind – wirklich? Ist das eine überprüfbare Feststellung? Oder ein Gefühl verknüpft mit einer Hoffnung? Ende Mai wird ein Symposium von Via Cordis diesem Thema gewidmet sein.

 

Die Physik lehrt uns, dass das Ergebnis einer Messung vom Messenden beeinflusst wird. So stelle ich die Frage: Wer kann objektiv vom Aufwind in der Mystik sprechen? Dass in der Umgebung von Via Cordis ein Gefühl des Aufwindes zu spüren ist, weiss ich aus eigener Erfahrung. Wenn ich aber in die Welt hinausschaue, bin ich mir nicht so sicher.

 

Als Vertreter einer islamischen Richtung ist mir bewusst, dass bei 1.5 Mia Muslimen der Islam unterschiedliche Gesichter trägt. In den Medien vernehmen wir viel über dogmatische Traditionalisten mit ihren zahlreichen Anhängern, die sich zu vermehren scheinen. Doch es gibt auch andere, und einige davon sind Anhänger der Mystik. Zum Glück gibt es diese. Sie werden mit den Begriffen „Sufi“, „Derwisch“, „Fakir“ oder „Marabu“ bezeichnet. Sie zu beschreiben ist nicht einfach. Mystiker sind im allgemeinen ruhig und unauffällig, und sie bewegen sich in der Regel innerhalb des dogmatischen Rahmens. Grosse Mystiker üben noch heute grossen Einfluss auf den islamischen Diskurs, und einige unter ihnen wie Rabia, Bistami, Halladsch, Attar, Ibn Arabi und Rumi sind im Westen geradezu populär. Damit wissen wir aber noch nichts über die vielen Mystiker, die keine Bekanntheit erlangten, und ihre Nachfolger und Anhänger, die sich in der Öffentlichkeit nicht zu erkennen geben. Man kann sie nicht in einer Moschee zählen, und es gibt keine Register. Wie sind sie, die Mystiker des Islam?

 

Nach unserer Auffassung wandern die Mystiker von Augenblick zu Augenblick mit einem Fuss in dieser und dem anderen Fuss in der anderen Welt. Für sie sind das Diesseits und das Jenseits gleichwertig. Es geht ihnen nicht darum, vom Diesseits ins Jenseits zu gelangen. Das wollen auch alle, die aus Langeweile nach Grenzerfahrungen suchen. Damit ist schon mal etwas klar: die Mystiker sind weder exzentrisch noch sind sie Exoten oder schräge Typen. Auch ein unauffälliger Buchhalter kann ein Mystiker sein.

 

Müssen Mystiker arm sein, um ernst genommen zu werden? Nein, aber sie müssen besitzlos sein. Was heisst das? Die Besitzlosigkeit ist ein zentrales Thema in der islamischen Mystik und ausgedrückt im persischen Wort „Derwisch“ oder dem arabischen Wort „Fakir“. Es geht in der Tat darum, besitzlos zu sein, denn jedes diesseitige Gefühl des Besitzes ist eine weitere Kette der Gefangenschaft. Ein vermögender Mystiker wird das ihm zugeflossene Vermögen nicht besitzen wollen, sondern es fürs Bestmögliche in dieser Welt verwenden, etwa so wie der Verwalter oder die Verwalterin eines Stiftungsvermögens sich an die Stiftungsregeln halten.

 

Mystik im Aufwind? Wir wissen’s nicht. Eine wesentliche Eigenart der Mystiker ist das Desinteresse an einem diesseitigen Erfolg, der auf diese Welt beschränkt wäre. Er oder sie will sich verlieren und doch am rechten Ort sein. Mit anderen Worten: er oder sie will sich verschenken für das, wozu uns die Offenbarungen auffordern. Die Mystiker lieben das Ungewisse, das Unfassbare, das Nichtsein.

 

Was ist das Mittel, um zum Himmel aufzusteigen? Nichtsein.
Nichtsein ist der Glaube und die Religion der Liebenden.
(Rumi: Das Matnavi 6:233, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar)

 

Das Zementieren von Meinungen ist nicht die Sache der Mystiker, und das Festhalten an Gebote und Verbote erleben sie als unverzichtbaren Schutz, dank dem sie Gott ihre Selbstkontrolle opfern können, so wie Ismael (bei den Juden Isaak) von Abraham als Opfer angeboten wurde. Während die Dogmatiker es genau wissen wollen, reden die Mystiker „um den Brei herum“, weil das, was sie interessiert, in Worten keinen Platz findet.

 

Der Nachtfalter wird vom Licht angezogen und flattert um die Kerze,
bis zum Moment, wo er in der Kerze verbrennt.
                                                (Viel verwendetes Bild der Sufi)

 

Mystik ist der gereifte Ausdruck der Sehnsucht nach dem Ursprung seiner selbst, dem „Paradies“. Jeder Mensch wird von dieser Sehnsucht getrieben, meist unbewusst. Der Milliardär sehnt sich nach der nächsten Milliarde, der Extremsportler sehnt sich nach dem nächsten Rekord, und der Mächtige sehnt sich nach erweiterter Macht. Sich mit dem Bestehenden nicht zufrieden zu geben und der Drang, bestehende Grenzen zu durchbrechen, sind von unserer inhärenten Sehnsucht nach unserem Ursprung in Gott genährt.

 

Die Physiker haben vor kurzem die Existenz des sogenannten Higgs Boson entdeckt. In einer Erklärung dazu habe ich gelesen, dass der ungebremste Energiefluss, der mit Lichtgeschwindigkeit durch den Kosmos rast, von diesen Teilchen gebremst wird, womit erst die Materie entsteht. In anderen Worten: Gott ist das Ungebremste. Jede Erscheinung ist das Gebremste. Der Mystiker hebt behutsam seinen Fuss vom Bremspedal.

 

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