Vortrag Kirche Liebefeld-Bern (Mai 2013)

Islamische Mystik – Derwisch-Rituale

Peter Hüseyin Cunz

Thomaskirche Liebefeld, Kirchgemeinde Köniz, 29. Mai 2013

Die Verse aus dem Mesnevi sind zitiert aus
Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar. 

 

Bismillahi ar-Rachmani ar-Rahim

(Im Namen des Segenspendenden und Gnädigen)

 

Verehrte Damen und Herren,

 

„Mystik im Islam“ ist ein grosses und breites Thema, das viele Bücher gefüllt hat. Ich werde somit weitgehend auf Historisches verzichten und – da Sie scheinbar an Derwisch-Tänzen interessiert sind – etwas auf den Orden eingehen, den ich vertrete. Dabei werde ich über grundsätzliche Themen der Mystik aus Sicht der Sufis zu sprechen kommen, die auch für andere Wege der Mystik von Bedeutung sind.

 

Die islamische Mystik wird in den westlichen Wissenschaften allgemein mit dem Begriff „Sufismus“ betitelt. Dieser Ausdruck soll vom Wort suf stammen, das „Wolle“ bedeutet, dies in Bezug zur Wollkleidung, welche die ersten Wanderderwische getragen haben sollen. Sufismus ist eine Art, den Islam zu verstehen und zu leben.

 

In Wirklichkeit hat der Islam viele Gesichter, abhängig davon, in welchem kulturellen Umfeld er sich entwickelt hat. Es sind nur ein paar wenige dieser vielen Gesichter, die heutzutage sehr dominant in Erscheinung treten. Dazu gehören die tradierten Systeme der Sunniten und Schiiten mit ihrem Bezug zu ihren jeweiligen Rechtsschulen aus dem 8. und 9. Jahrhundert. Es gibt aber noch andere Muslime, die oft von den Genannten verfolgt wurden. Dazu gehören z.B. die Alewiten (türkisch Alevî), die v.a. in der Türkei verbreitet sind. Nicht zu verwechseln mit ihnen sind die Alawiten (auch Nusairer genannt) im syrischen Raum sowie die Alawiden im marokkanischen Raum. Alle drei haben einen starken Bezug zu Imam Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammes, und werden deshalb von radikalen Sunniten als Schiiten und damit als fehlgeleitet gesehen. Alawi bedeutet „Mitglied der Partei von Ali“. Ich nenne diese als Beispiel, da sie im Zusammenhang mit der Türkei und Syrien in der Presse oft vorkommen.

 

Die Mystik im Islam entstand etwa zur gleichen Zeit, als Rechtsgelehrte im 8. und 9. Jahrhundert damit begannen, den Islam als Rechtssystem festzulegen. Die Mächtigen nutzten dies für den Ausbau ihrer Macht, was zur entsprechenden Reaktion führte. Sufis sind nicht etwa solche, die sich von den islamischen Pflichten befreien wollen; es gibt viele sehr orthodox wirkende Sufis. Es ist vielmehr so, dass den Sufis das Diktat der Rechtsgelehrten nicht genügt. Sie sind somit eine Art Freigeister innerhalb eines tradierten Islam, die in die Tiefen des Ozeans tauchen, wo die eigentlichen Schätze zu finden sind. Es genügt ihnen nicht, im Schiff an der Oberfläche zu segeln.

 

Der Ursprung einer Sufi-Strömung ist meistens das Wirken eines islamischen Heiligen. Die unterschiedlichen Orden bildeten entweder Klostergemeinschaften mit den christlichen Klöstern ähnlichen Organisationsstrukturen, oder es entstanden Glaubensgemeinschaften, die sich in Privaträumen um einen Scheich sammelten. Scheich bedeutet „der Ältere“ und wurde für den Vorsteher eines Klosters verwendet; allgemein sind mit dieser Bezeichnung Lehrbeauftragte eines Ordens gemeint. Auch gab es Wanderderwische, die nur lose oder gar nicht an organisierte Strukturen gebunden waren. Das Wort Derwisch ist Persisch und bedeutet „ein in Armut Lebender“; in Arabisch beschreibt dies der Begriff Fakir.

 

Allen Sufi-Orden und Strömungen gemeinsam ist das Respektieren der tradierten islamischen Gebote und Verbote, sowie der Dhikr. Dhikr bedeutet, sich Gottes erinnern, z.B. gemäss dem Koranvers (2:152) So gedenkt Meiner, damit Ich eurer gedenke. Es handelt sich um ein Ritual, das in Absicht und Wirkung dem christlichen Herzensgebet, der Hesychia gleichkommt.

 

Weiter ist allen Sufi-Orden gemeinsam das Respektieren anderer Menschen als gleichwertige Geschöpfe Gottes. Jeder Orden entwickelte Verhaltensregeln, deren Einhaltung nicht nur die innere Ordnung wahrte, sondern auch gegenüber der Gesellschaft Anstand und Bescheidenheit zum Ausdruck brachte.

 

Einer der grössten islamischen Heiligen war Mevlana Celaleddin Rumi. Er lebte im 13. Jahrhundert und wirkte an seinem Höhepunkt im heutigen Konya. Dort wird sein Grab von 2 Mio. Menschen pro Jahr besucht, v.a. von Pilgern, aber seit der Popularität seiner Werke und seines Wirkens im Westen, auch von Touristen. Mevlana bedeutet „unser Meister“, ein Ehrentitel, der den Heiligen gegeben wird. Aus diesem Wort stammt der Name des aus seinem Wirken entstandenen „Mevlevi-Ordens“, dem ich angehöre. Unter dem Autorentitel „Rumi“ finden Sie heutzutage in jeder Buchhandlung Übersetzungen aus seinen über 60‘000 mystischen Versen und Lehrgedichten.

 

Rumi war ein anerkannter islamischer Theologe und zugleich ein grosser Humanist. Es ist die humanistische Seite Rumis, die nicht allen Muslimen passt, die aber im Westen besonders gut ankommt. Was will ein orthodoxer Muslim mit folgendem Gedicht von Rumi anfangen?:

 

Ich starb als Mineral und wurde zur Pflanze;

dann starb ich als Pflanze und wurde zum Tier.

Ich starb als Tier und wurde ein Mensch;

was sollte ich also fürchten? Wann hat mich der Tod geringer gemacht?

Beim nächsten Mal sterbe ich als Mensch, um mit den Engeln zu fliegen.

Und selbst als Engel muss ich weichen, denn alle Dinge vergehen ausser Seinem Angesicht (Koran 28:88).

Und wieder werde ich geopfert und als Engel sterben;

ich werde etwas Unvorstellbares werden.

Dann werde ich zu Nichtsein;

das Nichtsein singt schön wie eine Orgel: Siehe, zu Ihm kehren wir heim (Koran 2:156).

                                                (Mesnevi III:3901 ff; siehe auch IV:3637 ff)

 

Rumi war ein streng gläubiger sunnitischer Muslim, der von sich sagte, „dass er nur der Staub unter den Füssen unseres Propheten Mohammeds sei“. Und in dieser Strenge erwachte in ihm die direkte Gottesschau, ausgelöst durch die Begegnung mit dem herausfordernden Wanderderwisch Schams von Täbriz. So wurde er zum Mystiker. Damit ist auch etwas Wesentliches gesagt: Mystik benötigt beides, die Einbettung in eine religiöse Tradition mit der Befolgung ihrer Regeln, und das Loslassen im Schutze dieser Tradition. Die Gottesschau, das heisst das Blicken in die andere Welt, macht allein noch keinen Mystiker. Wenn das so wäre, könnte ich mit LSD oder anderen Drogen ein Mystiker sein.

 

Gemäss der Legende spazierte Rumi, der hochangesehene Theologe und Berater des Königs eines Tages mit seinen Schülern im Basar von Konya. Da ertönte das helle Hämmern des Goldschmieds – einem Freund von ihm, worauf er in verklärtem Zustand begann, um seine eigene Achse zu drehen. Dies war ein kleiner Skandal, denn das spontane Drehen um die eigene Achse kannte man nur von halbverrückten Derwischen, die während dem Ritual des Gottesgedenkens plötzlich aufsprangen, um wild zu drehen. Doch mit seinem Rang war er nicht so schnell angreifbar; er hat dann das Drehen salonfähig gemacht. Nach seinem Tod entwickelte der entstehende Mevlevi-Orden ein Dreh-Ritual zu Musik und Lobgesängen als strenges Exerzitium. Es wird Sema genannt, was „das Hören auf den Klang der anderen Welt“ bedeutet. Von einigen orthodoxen muslimischen Kreisen wird dies als anstössig empfunden, da Musik und Kunst eine Ablenkung vom rechten Weg sei. Doch in unserem Orden sehen wir das gerade umgekehrt. Wo besser könnte Gott erkannt werden, als in der Schönheit Seiner Schöpfung? Im Koran steht: Wohin ihr euch auch wendet, dort ist Gottes Angesicht.

 

Das Weltbild des Sufi ist ein monotheistisches mit dem Diesseits und dem Jenseits. Das Diesseits ist die Welt der Erscheinungen, eine Welt, die wir bestens kennen, oft mit vielen Mühsalen und nur wenigen schönen Augenblicken. Die andere Welt, das Jenseits, ist der Ort der formlosen Kräfte – wir nennen sie je nach Qualität Engel oder Teufel, mit denen wir uns verbinden können. Der Weg der Mystik ist nicht vom Diesseits zum Jenseits, sondern ein Weg der Mitte, ein Weg zwischen den beiden Welten. Der Sufi schreitet von Augenblick zu Augenblick, mit einem Fuss in dieser und dem anderen Fuss in der anderen Welt. Und wie setze ich einen Fuss in die andere Welt? Wie öffnen sich die Tore zur anderen Welt?

 

Der Prozess zur Erreichung einer Verbindung mit der anderen Welt ist nicht ein forciertes dort hin Gehen, sondern ein Ermöglichen, dass uns die Kräfte der anderen Welt erreichen. Wenn wir leer werden und nicht mehr vollgestopft sind mit Gedanken, Emotionen, Ambitionen und Hoffnungen, dann machen wir Platz, dass etwas aus der anderen Welt uns erreicht. Um diesen Zustand zu erreichen, benötigen wir Rituale, denn es sind Rituale, die Raum und Zeit so formatieren, dass die notwendige Leere entsteht. Jeder Heilige und jeder Magier verwendet Rituale, um sich mit der anderen Welt zu verbinden, auch wenn es nur ein Gebet ist.

 

Nun ist die andere Welt nicht etwa gut und voller schöner Energien. Dort hausen, wie schon erwähnt, nicht nur förderliche Kräfte. Darum ist es ganz entscheidend, dass wir Rituale wählen, die uns zugleich schützen. Geeignete Rituale formen uns derart, dass nur förderliche Kräfte aus dem Jenseits zu uns gelangen wollen. Rituale sind bei den Sufis ganz zentral. Nebst dem rituellen Gebet fünf Mal am Tag sind die Exerzitien des Gottesgedenkens (Dhikr) und bei uns des Drehens um die eigene Achse (Sema) stark ritualisiert. Selbst der Alltag wird so weit möglich mit einer Vielzahl von Anstandsformen ritualisiert. Und so schützen wir uns ständig vor den bösen Kräften und können von der Selbstkontrolle loslassen. Der freie Fall wird möglich, denn wir werden von wohlgesinnten Kräften aufgefangen.

 

Das Diesseits und das Jenseits, Form und Formlosigkeit, Willensfreiheit und Abhängigkeit gehören zusammen, wie zwei Seiten einer Münze. Rumi sagt:

 

Wenn die innere Bedeutung genügte, so wären die Menschen unfähig, einer Arbeit nachzugehen, und die Ordnung wäre gestört. Wäre die Liebe nur geistige Realität, würden die Formen eures Fastens und Betens nicht existieren. Auch die Geschenke, die Freunde einander machen, zeugen von Freundschaft. Die Geschenke zeugen von den Gefühlen der Liebe, die verborgen und unsichtbar sind. Für dich, der du Wissen besitzt, sind sie die sichtbaren Formen der unsichtbaren Liebe.

                                                                                    (Mesnevi I/2635 ff)

 

Und an einem anderen Ort sagt er:

 

Wenn du nur das Innere eines Aprikosenkerns pflanzt, wird er nicht spriessen; doch wenn du ihn mit der Schale pflanzt, wird er spriessen. Wir wissen, dass auch die äussere Form wichtig ist. Das Gebet ist im Inneren: "Gebet gibt's nur in Anwesenheit des Herzens" (Hadith). Doch es ist notwendig, es in Form zu bringen indem du die äusseren Kniebeugen und Prostrationen (rukû', sujûd) vollziehst; dann erhältst du den Segen und erreichst die Erfüllung deiner Absicht. ..... Die Seele bedarf auch des Beugens und der Prostationen, aber in der Form muss man diese Beugungen und Prostrationen manifestieren. Denn der Sinn ist mit der Form verbunden; wenn sie nicht verbunden sind, bringen sie keinen Nutzen. 
                                                                                                  (Fihi ma fihi, Rede 38)

                                                                                   

 

Die Lehrgedichte Rumis im Umfang von 26’000 Doppelversen, zusammengefasst in sechs Büchern, beginnen mit folgendem Vers (Mesnevi 1:1-4):

 

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:

„Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Klagen gebracht.

Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.“

Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.

 

Die Bambusflöte (ney) mit ihrem sehnsüchtigen Klang, ist ein wichtiges Instrument in unserer Tradition. Sie drückt das aus, was wir alle tief in uns tragen: eine Sehnsucht zurück dorthin, woher wir kommen, zurück in den Schoss Gottes. Diese Sehnsucht treibt uns dazu, mit dem Bestehenden nicht zufrieden zu sein und zu versuchen, bestehende Grenzen zu überschreiten. Sportler treibt es nach neuen Rekorden, Reiche wollen reicher werden, Mächtige wollen mächtiger werden und Künstler wollen ihren Ruhm steigern. Und die vielen, die keine Möglichkeit sehen, den Status Quo zu verlassen, decken in ihrem Schmerz der Unzulänglichkeit ihre tiefe Sehnsucht zu mit Ablenkungen aller Art. Die Unterhaltungsindustrie lebt bestens davon. Die endgültige Zufriedenheit werden wir nie erlangen, ausser wir befolgen das, was uns die Propheten und Heiligen empfehlen.

 

Wenn wir zu merken beginnen, dass diese Sehnsucht Gott gehört, können wir den religiösen Pfad beschreiten und uns so vom Schmerz der Unzulänglichkeit befreien. Der Koran sagt, dass Gott uns näher ist als unsere Halsschlagader. Und unser Prophet sagte, dass es in der Schöpfung nur einen Ort gibt, wo Gott genug Platz findet, nämlich im Herzen eines Gläubigen. Und weiter sagt der Koran: Wohin du dich wendest, da findest du das Antlitz Gottes. Wir können somit in jeder Lebenslage Gott fühlen oder erkennen.

 

Unsere bewusste Sehnsucht nach Gott führt zu dem, was wir Gottesliebe nennen. Diese ist im Zentrum vieler mystischer Gedichte und Texte. Wer in Gottesliebe handelt, wird innerlich gereinigt; das Herz des Gläubigen wird geputzt und geschliffen, bis der Herzensspiegel unverzerrt das Licht Gottes zu widerspiegeln vermag. Hören wir auf die Worte Rumis:

 

Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;

Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weisse Schönheit zeigt.

Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besass, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.

Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.

Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;

Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.

Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. .....

                                                                                    (Mesnevi IV: 2469 ff)

 

Das Polieren des Herzensspiegels geschieht dadurch, dass wir von unserer Ich-Bezogenheit wegkommen in den Zustand des reinen Dienens. Es ist nicht „Ich“, der Gott näher kommt, und es ist nicht „Ich“, der die Realität erblicken kann. Nein, es geht um ein Verbrennen aller Ichs im Feuer des Göttlichen. Ein Sufi will nicht mehr jemand sein, nichts besitzen wollen, weder Güter noch Fähigkeiten noch Bewusstsein. Er will nur in Gottes Hände fallen und zu Seinem Instrument werden – ein reiner Spiegel, der das Licht Gottes widerspiegelt. Und so wird das Dienen zu einer zentralen Übung im Diesseits, in dieser Welt der Erscheinungen.

 

Damit komme ich zurück zum Ausdruck Derwisch oder Fakir, was „ein in Armut Lebender“ bedeutet. Der eigentliche Sinn davon ist nicht die materielle Armut, sondern die Besitzlosigkeit. Wir sollen nichts besitzen wollen und nicht meinen, wir könnten etwas besitzen. Alles, was in unsere Obhut gerät, wurde uns auf Zeit geschenkt. Wir sollen das uns anvertraute Einkommen und Vermögen als Hüter dieser Schöpfung verwalten zum Wohle der Gesellschaft. Und zu den uns auf Zeit geschenkten Gütern zählen auch unsere Fähigkeiten und unser Wille. Auch das sollen wir möglichst sinnvoll nutzen und uns ob dem nicht brüsten. Und auch die Inspiration und unser Bewusstsein sind Geschenke Gottes.

 

Die Vernunft – das Poliermittel des Herzensspiegels, wie es Rumi im zitierten Gedicht ausdrückte – befähigt uns, all das zu begreifen und uns zum Tun anzuspornen. Auch wenn die andere Welt und Gott nicht direkt fassbar sind, so kann die Vernunft doch ein Bild von der Wirklichkeit skizzieren, so wie ein Maler mittels der Perspektive einen dreidimensionalen Raum auf einem zweidimensionalen Papier festhält. Die Vernunft kann unser Begleiter sein bis zum Ort, wo die Liebe zu fliessen beginnt. Rumi sagt:

 

Was ist Liebe? Es ist das Meer des Nichtseins, in dem die Vernunft untergeht. ... Die Liebe ist ein Ozean, die Himmel sind nur der Schaum auf ihm; ... Wisse, dass das Himmelsrad von den Wellen der Liebe angetrieben wird.

                                                                        (Mesnevi III:4723 und V:3853/4)

 

Damit wir uns im Loslassen, Lieben und Dienen nicht verlieren, brauchen wir Führung und Schutz. Mit dem Diskutieren der religiösen Wege haben wir noch keinen Schritt getan. Wir müssen einen ersten Schritt tun, und dann sehen wir bereits alles mit anderen Augen. Es ist unmöglich, am Anfang des Weges dessen Ende zu begreifen, und somit wird unser Spekulieren keine eigentliche Sicherheit bringen.

 

Das Einzige was uns in dieser Unklarheit bleibt, ist das Nachfolgen jener Vorbilder, die vor uns den Weg gegangen sind. Sie geben uns Hinweise über das, was uns erwartet, und auf sie sollten wir uns verlassen. Und die Vernunft hilft uns auch da, dies zu verstehen. Ich liebe Mani Matter, hier ist er:

 

Wo chimted mer hii,

wenn niemert gingti go luege,

wo me hii chiemt,

wenn me giengti.

 

Nun will ich Ihnen zum Schluss gerne unser Drehritual erklären.