Mystik im Islam (Mai 2013)

Referat am Internationalen Symposium 2013 Via Cordis

Peter Hüseyin Cunz

Flüeli Ranft Haus St. Dorothea, 31. Mai 2013

Die Verse des Mesnevi sind zitiert aus
Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar.

Übersetzung des Korans durch Max Henning, erstmals erschienen 1901 bei Reclam, Leipzig.

 

 

Bismillahi ar-Rachmani ar-Rahim

(Im Namen des Segenspendenden und Gnädigen)

 

Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

 

Es ist mir eine Ehre und Freude, an diesem für mich attraktiven Ort der spirituellen Arbeit und unter Herzensfreunden referieren zu dürfen. Mein herzlicher Dank an Dich Franz Xaver, dass Dein runder Geburtstag Veranlassung zu einem Symposium wurde, und den Organisatoren danke ich für Ihren unermüdlichen Einsatz im Geiste Gottes! Möge Gottes Licht Euch weiterhin erfüllen, Euch den Weg weisen und Euch schützen!

 

„Mystik im Islam“ ist ein grosses und breites Thema, das viele Bücher gefüllt hat. Ich werde somit auf Historisches verzichten und zu Beginn nur kurz den Rahmen der islamischen Mystik abgrenzen, um anschliessend über grundsätzliche Themen der Mystik aus Sicht der Sufis zu sprechen, die auch für andere Wege der Mystik von Bedeutung sind. Möge das Ihnen für Ihren Weg von Nutzen sein!

 

Die islamische Mystik wird in den westlichen Wissenschaften allgemein mit dem Begriff „Sufismus“ betitelt. Dieser Ausdruck soll vom Wort suf stammen, das „Wolle“ bedeutet, dies in Bezug zur Wollkleidung, welche die ersten Wanderderwische getragen haben sollen. In den orientalischen Wissenschaften wird eher der Begriff tasawwuf verwendet, was etwa mit „die Wissenschaft der Sufis“ übersetzt werden kann. Oft wird die Tätigkeit der Sufis mit dem Begriff tawhîd ausgedrückt, was „die Einheit ausdrücken“ oder „die Einheit machen“ bedeutet.

 

Sufismus ist eine Art, den Islam zu verstehen und zu leben. Was von gewissen Kreisen des New Age behauptet wird, dass Sufismus älter als der Islam sei und mit dem Islam nicht viel zu tun habe, ist eine aus meiner Sicht kuriose Fantasie, die zu eigenartigen Vorstellungen führt. Als Alternative zu solchen Vorstellungen schlage ich vor sich zu fragen, was Islam alles sein könnte, nebst den üblichen Vorstellungen in der heutigen Welt. Schon mit den Übersetzungen des Korans liegt einiges im Argen. Das arabische Wort islam bedeutet „sich Gott hingeben“. Übersetzt wird dieses eine Wort aber nicht. Somit bedeutet z.B. der Koranvers 3:19 nicht etwa „Siehe, die Religion bei Allah ist der Islam“, sondern vielmehr: „Siehe, die Religion bei Gott ist die Hingabe an Ihn.“ Zur Zeit, als die Offenbarung unserem Propheten stückweise eingegeben wurde, gab es noch kein festgelegtes religiöses System mit dem Namen „Islam“.

 

In Wirklichkeit hat der Islam viele Gesichter, abhängig davon, in welchem kulturellen Umfeld er sich entwickelt hat. Es sind nur ein paar wenige dieser vielen Gesichter, die heutzutage sehr dominant in Erscheinung treten. Dazu gehören die tradierten Systeme der Sunniten und Schiiten mit ihrem Bezug zu ihren jeweiligen Rechtsschulen aus dem 8. und 9. Jahrhundert, also entstanden 150 bis 250 Jahre nach dem Tod unseres Propheten Mohammed (Friede und Segen für ihn). Es gibt aber noch andere Muslime, die oft von den Genannten verfolgt wurden. Dazu gehören z.B. die Alewiten (türkisch Alevî), die v.a. in der Türkei verbreitet sind. Nicht zu verwechseln mit ihnen sind die Alawiten (auch Nusairer genannt) im syrischen Raum sowie die Alawiden im marokkanischen Raum. Alle drei haben einen starken Bezug zu Imam Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Muhammads (Ihnen Frieden und Segen) und werden deshalb von radikalen Sunniten als Schiiten und damit als fehlgeleitet gesehen. Alawi bedeutet „Mitglied der Partei von Ali“. Ich nenne diese als Beispiel, da sie im Zusammenhang mit der Türkei und Syrien in der Presse oft vorkommen.

 

Die Mystik im Islam entstand etwa zur gleichen Zeit, als Rechtsgelehrte im 8. und 9. Jahrhundert damit begannen, den Islam als Rechtssystem festzulegen. Die Mächtigen nutzten dies für den Ausbau ihrer Macht, was zur entsprechenden Reaktion führte. Sufis sind nicht etwa solche, die sich von den islamischen Pflichten befreien wollen; es gibt viele sehr orthodox wirkende Sufis. Es ist vielmehr so, dass den Sufis das Diktat der Rechtsgelehrten nicht genügt. Sie sind somit eine Art Freigeister innerhalb eines tradierten Islam, die in die Tiefen des Ozeans tauchen, wo die eigentlichen Schätze zu finden sind. Es genügt ihnen nicht, im Schiff an der Oberfläche zu segeln. Der Ursprung einer Sufi-Strömung ist meistens das Wirken eines islamischen Heiligen.

 

Die unterschiedlichen Orden bildeten entweder Klostergemeinschaften mit den christlichen Klöstern ähnlichen Organisationsstrukturen, oder es entstanden Glaubensgemeinschaften, die sich in Privaträumen um einen Scheich sammelten. Scheich bedeutet „der Ältere“ und wurde für den Vorsteher eines Klosters verwendet; allgemein sind mit dieser Bezeichnung Lehrbeauftragte eines Ordens gemeint. Auch gab es Wanderderwische, die nur lose oder gar nicht an organisierte Strukturen gebunden waren. Das Wort Derwisch ist Persisch und bedeutet „ein in Armut Lebender“; in Arabisch beschreibt dies der Begriff Fakir. Wir werden darauf zurückkommen.

 

Einer der grössten islamischen Heiligen war Mevlana Celaleddin Rumi (Frieden und Segen für ihn). Er lebte im 13. Jahrhundert und wirkte an seinem Höhepunkt im heutigen Konya. Dort wird sein Grab von 2 Mio. Menschen pro Jahr besucht, v.a. von Pilgern, aber seit der Popularität seiner Werke und seines Wirkens im Westen, auch von Touristen. Mevlana bedeutet „unser Meister“, ein Ehrentitel, der den Heiligen gegeben wird. Aus diesem Wort stammt der Name des aus seinem Wirken entstandenen „Mevlevi-Ordens“, dem ich angehöre. Unter dem Autorentitel „Rumi“ finden Sie heutzutage in jeder Buchhandlung Übersetzungen aus seinen über 60‘000 mystischen Versen und Lehrgedichten. Das im Mevlevi-Orden entwickelte Dreh-Ritual mit Musik und anspruchsvollem Drehen um die eigen Achse (Sema) wird von einigen orthodoxen muslimischen Kreisen als anstössig empfunden, da Musik und Kunst eine Ablenkung vom rechten Weg sei. Doch in unserem Orden sehen wir das gerade umgekehrt. Wo besser könnte Gott erkannt werden, als in der Schönheit Seiner Schöpfung? Im Koran steht: Wohin ihr euch auch wendet, dort ist Gottes Angesicht. Dies als Beispiel für unterschiedliche Sichten innerhalb des Islam.

 

Rumi war ein anerkannter islamischer Theologe und zugleich ein grosser Humanist. Es ist die humanistische Seite Rumis, die nicht allen Muslimen passt. Sie haben es schwer mit Aussagen wie der folgenden:

 

Ich starb als Mineral und wurde zur Pflanze;

dann starb ich als Pflanze und wurde zum Tier.

Ich starb als Tier und wurde ein Mensch;

was sollte ich also fürchten? Wann hat mich der Tod geringer gemacht?

Beim nächsten Mal sterbe ich als Mensch, um mit den Engeln zu fliegen.

Und selbst als Engel muss ich weichen, denn „alle Dinge vergehen ausser Seinem Angesicht“ (Koran 28:88).

Und wieder werde ich geopfert und als Engel sterben;

ich werde etwas Unvorstellbares werden.

Dann werde ich zu Nichtsein;

das Nichtsein singt schön wie eine Orgel: „Siehe, zu Ihm kehren wir heim“ (Koran 2:156).

                                                (Mesnevi III:3901 ff; siehe auch IV:3637 ff)

 

Allen Sufi-Orden und Strömungen gemeinsam ist das Respektieren der tradierten islamischen Gebote und Verbote, sowie der Dhikr. Dhikr bedeutet, sich Gottes erinnern, z.B. gemäss dem Koranvers (2:152) Drum gedenket Mein, dass Ich eurer gedenke ..... Es handelt sich um ein Ritual, das in Absicht und Wirkung dem christlichen Herzensgebet gleichkommt. Über die Bedeutung des Herzens in der Sufi-Tradition habe ich hier in diesem Haus im Juni 2011 gesprochen. Es kann im Buch „Hesychia“ nachgelesen werden.

 

Weiter ist allen Sufi-Orden gemeinsam das Respektieren anderer Menschen als gleichwertige Geschöpfe Gottes. Jeder Orden entwickelte Verhaltensregeln, deren Einhaltung nicht nur die innere Ordnung wahrte, sondern auch gegenüber der Gesellschaft Anstand und Bescheidenheit zum Ausdruck brachte. Solche Regeln müssen aus meiner Sicht an die heutige Zeit angepasst werden, insbesondere auch in Hinblick auf die Gleichberechtigung für Frauen. Nicht alle Sufi-Orden tun dies.

 

Erlauben Sie mir nun, themenbezogen weiter zu machen. Ich möchte hierfür mit drei grundlegenden Aussagen des Korans beginnen.

 

Zuerst über die Allmacht Gottes:

 

Und Allahs ist der Westen und der Osten, und wohin ihr euch daher wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist weit (und breit) und wissend. (2:115)

Sprich: Allahs ist der Westen und der Osten; Er leitet, wen Er will, auf den rechten Pfad. (2:142)

So Er gewollt, Er hätte euch insgesamt (recht)geleitet. (6:149)

 

Und dem gegenüber die Eigenverantwortung des Menschen:

 

Und fürchtet einen Tag, an dem eine Seele für eine andere nichts leisten kann ..... (2:48)

Eines Tages wird jede Seele kommen und für sich selber rechten, und jeder Seele wird vergolten ihr Tun ..... (16:111)

Damit Allah jeder Seele nach ihrem Verdienst lohnt. Siehe, Allah ist schnell im Rechnen. (14:51)

 

In diesem Paradox zwischen der Allmacht Gottes und der Eigenverantwortung des Menschen versteht sich der Islam als Vermittler:

 

Und so machten Wir euch zu einem Volk in der Mitte, auf dass ihr Zeugen seid in betreff der Menschen ..... (2:143)

 

Gerade in der Neuzeit mit den Freiheiten im Religiösen wie auch im öffentlichen Ausdruck ist der Konflikt zwischen der Allmacht Gottes und der Eigenverantwortung ein wiederkehrender Diskussionsinhalt. Wenn wir schon frei sind in unserem religiösen Weg, dann wollen wir auch bewusst wählen können und einen Weg wählen, der im Stress des Alltags befreiend wirkt, im Gegensatz zu Wegen mit einengenden religiösen Verhaltensregeln. Im Begehren, sich Ruhepausen zu gönnen, wo wir uns selbst wieder nahe kommen, hat der Buddhismus mit seiner Kompetenz in der Meditation grossen Zulauf erhalten. Vor allem aber können wir mit buddhistischen Praktiken wohltuende Verinnerlichung erfahren, ohne dafür Buddhisten werden zu müssen. Auch andere Praktiken wie Vipassana bieten Möglichkeiten, für eine Weile von den Formen und dem Zwang des Alltags loszukommen, um in meditativen Praktiken „zu einer klareren Sicht der Realität zu gelangen“ (wird auf der Webseite vipassana-meditation.ch versprochen).

 

Dem gegenüber erscheint der Sufismus – sobald er wirklich begangen wird – als höchst unattraktiv. Alle Übungen und Rituale fordern auch im Alltag eine Portion Anstrengung, und sie sind an islamische Formen gebunden. Es gibt im Sufismus kein Angebot an spiritueller Praxis ohne islamisch geprägte Aussagen, Bilder und Formen. Wer mit dem Islam Mühe hat, wird bei den Buddhisten ein erfreulicheres Gefäss finden, als bei den Sufi. So stellt sich die Frage: Warum nur bejahen Sufis das Einhalten von islamischen Regeln und das Üben zusätzlicher Praktiken, wenn doch die Moderne weniger formbehaftete Praktiken anbietet, dank denen „die Realität besser erkannt werden kann“?

 

Der Weg des Sufi beginnt mit dem Erwachsen Werden. Unser erstes Ziel ist es somit, Selbstbewusstsein und Willensstärke zu erlangen, durchaus im Wissen, dass alles mit der Gnade des Allmächtigen entsteht. Wir sollen zuallererst Menschen werden, die sich selbständig durchs Leben schlagen und der Gesellschaft dienlich sind. Der Dienst fürs Allgemeinwohl ist im Islam ganz wesentlich; der Mensch trägt eine Verantwortung für den Erhalt und Unterhalt von Gottes Schöpfung.

 

Sahet ihr denn nicht, dass euch Allah alles in den Himmeln und auf Erden unterwarf  und über euch Seine Gnade ausgoss, äusserlich und innerlich? (Koran 31:20)

 

Sind wir einmal erwachsen, beginnt der eigentliche spirituelle Weg. Und dieser ist vom Wissen geleitet, dass Gott alles menschliche Begreifen bei weitem übersteigt, und dass unser Bewusstsein die Realität Gottes nie und nimmer erfassen kann. Eine „klarere Sicht der Realität“ ist nur innerhalb der Welt der Erscheinungen möglich und macht auch nur dort Sinn. Sicher: eine klarere Sicht in der Welt des Diesseits ist gesund und hilfreich, und deshalb machen Vipassana und andere das Selbstbewusstsein fördernde Praktiken durchaus Sinn. Es ist aber nicht mit dem zu verwechseln, was Sufis erreichen wollen. Sufis sehnen sich nach dem Schritt übers Selbstbewusstsein hinaus in den Bereich, wo das menschliche Begreifen keinen Zugang mehr hat. Das körperliche und seelische Wohlbefinden sowie die Selbstkontrolle werden dafür geopfert. Die ganze erarbeitete Willensstärke und das Selbstbewusstsein werden auf den Opferaltar gelegt, so wie ausgedrückt mit Abraham und seinem Sohn. (Isaak bei den Juden und Ismael bei den Muslimen.) Oder in den Worten Rumis:

 

Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;

Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weisse Schönheit zeigt.

Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besass, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.

Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.

Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;

Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.

Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. .....

                                                                                    (Mesnevi IV: 2469 ff)

 

Es ist nicht „Ich“, der Gott näher kommt, und es ist nicht „Ich“, der die Realität erblicken kann. Nein, es geht um ein Verbrennen aller Ichs im Feuer des Göttlichen. Ein Sufi will nicht mehr jemand sein, nichts besitzen wollen, weder Güter noch Fähigkeiten noch Bewusstsein. Er will nur in Gottes Hände fallen und zu Seinem Instrument werden – ein reiner Spiegel, der das Licht Gottes widerspiegelt. Und so wird das Dienen zu einer zentralen Übung im Diesseits, in dieser Welt der Erscheinungen.

 

Damit komme ich zurück zum Ausdruck Derwisch oder Fakir, was „ein in Armut Lebender“ bedeutet. Der eigentliche Sinn davon ist nicht die materielle Armut, sondern die Besitzlosigkeit. Wir sollen nichts besitzen wollen und nicht meinen, wir könnten etwas besitzen. Alles, was in unsere Obhut gerät, wurde uns geschenkt. Wir sollen das uns anvertraute Einkommen und Vermögen als Hüter dieser Schöpfung verwalten zum Wohle der Gesellschaft. Und zu den uns auf Zeit geschenkten Gütern zählen auch unsere Fähigkeiten und unser Wille. Auch das sollen wir möglichst sinnvoll nutzen und uns ob dem nicht brüsten. Und auch die Inspiration und unser Bewusstsein sind Geschenke Gottes.

 

Und hier stehen wir in Mitten des Paradoxes, von dem auch Gabriel Strenger gestern sprach: Alles ist letztendlich ein Geschenk Gottes, inklusive unsere Fähigkeit, gottgefällig zu leben. Und trotzdem sollen wir uns anstrengen und ein gottgefälliges Leben führen. Unsere scheinbare Willensfreiheit geht Hand in Hand mit Gottes Barmherzigkeit, die uns mit Seinem Segen beschenkt. Diese Realität des Göttlichen können wir nie sehen; wir können sie nur in der Hingabe erfahren. Es ist diese Hingabe, die Islam heisst.

 

Das Weltbild des Sufi ist ein monotheistisches mit dem Diesseits und dem Jenseits. Der Weg ist nicht vom Diesseits zum Jenseits, sondern ein Weg der Mitte, ein Weg zwischen den beiden Welten. Unser Prophet sagte: Diese Welt für eine ander zu verlassen, ist nicht akzeptabel. Und Shaykh Fadhlalla Haeri, ein von mir sehr respektierter Gelehrter, drückt es so aus:

 

Du kannst nicht nach dem Höheren rennen. Der Weg besteht darin, sich vom Niederen wegzuwenden. Du kannst nicht nach der Erleuchtung streben. Durch das Transzendieren deines Selbst wirst du entdecken, dass du bereits erleuchtet bist.

 

Der Sufi schreitet von Augenblick zu Augenblick, mit einem Fuss in dieser und dem anderen Fuss in der anderen Welt. Ich erinnere an das, was gestern Gabriel Strenger über „das Hin und Her zwischen den Wochentagen und dem Sabbat“. Und wie setze ich einen Fuss in die andere Welt? Wie öffnen sich die Tore zur anderen Welt?

 

Der Prozess zur Erreichung einer Verbindung mit der anderen Welt ist nicht ein forciertes dort hin Gehen, sondern ein Ermöglichen, dass uns die Kräfte der anderen Welt erreichen. Wenn wir leer werden und nicht mehr vollgestopft sind mit Gedanken, Emotionen, Ambitionen und Hoffnungen, dann machen wir Platz, dass etwas aus der anderen Welt uns erreicht. Um dies zu erreichen, benötigen wir Rituale, denn es sind Rituale, die Raum und Zeit so formatieren, dass die notwendige Leere entsteht. Jeder Heilige und jeder Magier verwendet Rituale, um sich mit der anderen Welt zu verbinden, auch wenn es nur ein Gebet ist.

 

Nun ist die andere Welt nicht etwa gut und voller schöner Energien. Dort hausen nebst den förderlichen Kräften – wir nennen sie Engel – auch hässliche Kräfte, die wir Teufel nennen. Darum ist es ganz entscheidend, dass wir Rituale wählen, die uns zugleich schützen. Geeignete Rituale formen uns derart, dass nur förderliche Kräfte aus dem Jenseits zu uns gelangen wollen. Übrigens: Erfahrungen mit sogenannten bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD, welche forciert die Tore zur anderen Welt öffnen, zeigen deutlich, dass die damit erzeugten Erlebnisse vom Seelenzustand des Menschen abhängen.

 

Rituale sind bei den Sufis ganz zentral. Nebst dem rituellen Gebet fünf Mal am Tag sind die Exerzitien des Gottesgedenkens (Dhikr) und bei uns des Drehens um die eigene Achse (Sema) stark ritualisiert. Selbst der Alltag wird so weit möglich mit einer Vielzahl von Anstandsformen ritualisiert. Und so schützen wir uns ständig vor den bösen Kräften und können von der Selbstkontrolle loslassen. Der freie Fall wird möglich, denn wir werden von wohlgesinnten Kräften aufgefangen.

 

Das Diesseits und das Jenseits, Immanenz und Transzendenz, das Äussere und das Innere, Form und Essenz, Willensfreiheit und Abhängigkeit, unser Tun und unser Sein, sie alle gehören je zusammen wie zwei Seiten einer Münze. Rumi sagt:

 

Wenn die innere Bedeutung genügte, so wären die Menschen unfähig, einer Arbeit nachzugehen, und die Ordnung wäre gestört. Wäre die Liebe nur geistige Realität, würden die Formen eures Fastens und Betens nicht existieren. Auch die Geschenke, die Freunde einander machen, zeugen von Freundschaft. Die Geschenke zeugen von den Gefühlen der Liebe, die verborgen und unsichtbar sind. Für dich, der du Wissen besitzt, sind sie die sichtbaren Formen der unsichtbaren Liebe.

                                                                                    (Mesnevi I/2635 ff)

 

Und an einem anderen Ort sagt er:

 

Wenn du nur das Innere eines Aprikosenkerns pflanzt, wird er nicht spriessen; doch wenn du ihn mit der Schale pflanzt, wird er spriessen. Wir wissen, dass auch die äussere Form wichtig ist. Das Gebet ist im Inneren: "Gebet gibt's nur in Anwesenheit des Herzens" (Hadith). Doch es ist notwendig, es in Form zu bringen indem du die äusseren Kniebeugen und Prostrationen (rukû', sujûd) vollziehst; dann erhältst du den Segen und erreichst die Erfüllung deiner Absicht. ..... Die Seele bedarf auch des Beugens und der Prostationen, aber in der Form muss man diese Beugungen und Prostrationen manifestieren. Denn der Sinn ist mit der Form verbunden; wenn sie nicht verbunden sind, bringen sie keinen Nutzen.
                                                                                                  (Fihi ma fihi, Rede 38)

 

Der Sufi schreitet voran, mit einem Fuss im Stress des Alltags und mit dem anderen in der Verbundenheit mit dem Jenseits. Im Diesseits übt er die Liebe zum Nächsten, so wie es Jesus (Friede und Segen für ihn) empfahl, und vom Jenseits erfährt er die Liebe Gottes. Rumi sagt:

 

Was ist Liebe? Es ist das Meer des Nichtseins, in dem die Vernunft untergeht. ... Die Liebe ist ein Ozean, die Himmel sind nur der Schaum auf ihm; ... Wisse, dass das Himmelsrad von den Wellen der Liebe angetrieben wird.

                                                                                    (Mesnevi III:4723 und V:3853/4)

 

Gabriel Strenger sprach gestern von der Sehnsucht im jüdischen Kontext. Dies steht bei den Sufis an höchster Stelle. Die Lehrgedichte Rumis im Umfang von 26’000 Doppelversen, zusammengefasst in sechs Büchern, beginnen genau mit dieser Sehnsucht:

 

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:

„Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Klagen gebracht.

Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.“

Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.

 

Die Bambusflöte (ney) mit ihrem sehnsüchtigen Klang, ist ein wichtiges Instrument in unserer Tradition. Sie drückt das aus, was wir alle tief in uns tragen: eine Sehnsucht zurück dorthin, woher wir kommen, zurück in den Schoss Gottes. Diese Sehnsucht treibt uns dazu, mit dem Bestehenden nicht zufrieden zu sein und zu versuchen, bestehende Grenzen zu überschreiten. Sportler treibt es nach neuen Rekorden, Reiche wollen reicher werden, Mächtige wollen mächtiger werden und Künstler wollen ihren Ruhm steigern. Und die vielen, die keine Möglichkeit sehen, den Status Quo zu verlassen, decken in ihrem Schmerz der Unzulänglichkeit ihre tiefe Sehnsucht zu mit Ablenkungen aller Art. Die Unterhaltungsindustrie lebt bestens davon. Die endgültige Zufriedenheit werden wir nie erlangen, ausser wir befolgen das, was uns die Propheten und Heiligen empfehlen.

 

Wenn wir zu merken beginnen, dass diese Sehnsucht Gott gehört, können wir den religiösen Pfad beschreiten und uns so vom Schmerz der Unzulänglichkeit befreien. Der Koran sagt, dass Gott uns näher ist als unsere Halsschlagader. Und unser Prophet sagte, dass es in der Schöpfung nur einen Ort gibt, wo Gott genug Platz findet, nämlich im Herzen eines Gläubigen. Und weiter sagt der Koran: Wohin du dich wendest, da findest du das Antlitz Gottes. Wir können somit in jeder Lebenslage Gott fühlen oder erkennen.

 

Erlauben Sie mir, zum Schluss noch etwas anzutönen, das hier nicht unerwähnt sein darf:

 

In der „freien Welt“ fühlen sich viele Menschen als Suchende, und somit wird viel über unterschiedliche religiöse Wege diskutiert, doch damit ist noch kein eigentlicher Schritt des religiösen Weges getan. In der Qual der Wahl ist es ja richtig zu diskutieren, und um keinen ersten Fehltritt zu tun, suchen die Suchenden nach Sicherheit und spekulieren über die Zielgerade eines Parcours. Auch das ist gut und recht, aber es ist zu bedenken, dass nach einem gemachten ersten Schritt alles mit neuen Augen gesehen wird. Es ist unmöglich, zu Beginn das Ende des Weges zu begreifen, und somit wird das Spekulieren keine eigentliche Sicherheit bringen. Das Einzige was an Sicherheit bleibt, ist das Nachfolgen jener Vorbilder, die den Weg schon gegangen sind.

 

Und welche Vorbilder? Um festzustellen, ob ein Weg mit dem eigenen Charakter und Leben kompatibel sein wird, sollten wir nicht so sehr auf die Religionsgründer, Priester, Rabbiner, Imame und Gurus schauen. Vielmehr sollten wir die Schüler und Schülerinnen dieses Weges gut beobachten. Schaut nicht auf den Baum, schaut die Früchte an! Und die Vernunft – das Poliermittel des Herzensspiegels, wie es Rumi im zitierten Gedicht ausdrückte – befähigt uns, ein Stück weit zu vergleichen. Auch wenn die andere Welt und Gott nicht direkt fassbar sind, so kann die Vernunft doch ein Bild von der Wirklichkeit skizzieren, so wie ein Maler mittels der Perspektive einen dreidimensionalen Raum auf einem zweidimensionalen Papier festhält. So können wir den Mut schöpfen, einen bestimmten Weg in Angriff zu nehmen – bis zum Meilenstein, wo uns nichts anderes übrig bleibt, als den Vorbildern ganz zu vertrauen.

 

Und damit ende ich mit einem Vers vom Berner Liedermacher Mani Matter:

 

Wo chimted mer hii,

wenn niemert gingti go luege,

wo me hii chiemt,

wenn me gingti.

 

Herzlichen Dank für Ihr Dasein und Ihr Zuhören!