Referat in der Kirchgemeinde Rehtobel (November 2011)

Peter Hüseyin Cunz (www.mevlana.ch)

23. November 2011, MZG Rehtobel

Die Zitate aus dem Mesnevi sind entnommen von
Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar.
Die Übersetzung des Korans durch Max Henning, erstmals erschienen 1901 bei Reclam, Leipzig.

 

 

Der Orden der Mevlevi: Einer von vielen möglichen Ausdrucksformen des Islam 

 

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:

„Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Klagen gebracht.

Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann. 

Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein." 

                                                                                                     (Mesnevi I:1-4)

 

Mit diesen Worten beginnt das Mesnevi, das Lehrwerk des islamischen Heiligen Cellaleddin Rumi, von seinen Verehrern "Hazrati Mevlana" (unser heiliger Meister) genannt. Die aus einem Bambusstück hergestellte Flöte, Ney genannt, dient als Symbol für den Menschen, der seiner Sehnsucht nachgeht, den Ursprung seines Seins wieder zu erlangen.

Rumi kam vermutlich am 30. September 1207 in Balch (heute Afghanistan) zur Welt, und er starb am 17. Dezember 1273 in Konya (heute Türkei). Sein Todestag, den Rumi selbst als einen Freudentag empfahl, wird in der Türkei mit grossen Feierlichkeiten zelebriert. Das Ritual des Drehreigens, das im Zentrum der Feierlichkeiten steht, wurde im Jahre 2007 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erkoren.

Rumi hinterliess ein eindrückliches Werk von 36‘000 Versen mystischer Gedichte (der grosse Divan), 26‘000 Versen Lehrgedichte (das Mesnevi) sowie einige Reden in Prosa. Er hatte eine beachtliche Schülerschaft, welche nach seinem Tod unter der Leitung seines Sohnes Sultan Veled die Grundsteine des Mevlevi-Ordens legten. Dieser Orden wuchs zu einer bedeutenden Institution mit sehr viel Einfluss im Osmanischen Reich. Unter der Herrschaft Kemal Atatürks wurde er einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst. Seither fristet dieser Orden ein sehr bescheidenes Dasein, auch wenn die moderne Türkei die Rituale des Ordens recht erfolgreich als türkisches Kulturerbe vermarktet ("Tanzende Derwische"). In der Schweiz sind wir etwa 30 Ordensangehörige, die sich wöchentlich zu geistigen Übungen zusammenfinden. Über Rumis Leben und Werk existiert eine beachtliche Literatur. Für Sie verweise ich auf Annemarie Schimmel, eine profunde Kennerin Rumis und des Sufismus allgemein.

Rumis Werk drückt einen möglichen Ausdruck des Islam aus. Oft wird gesagt, dass sein Lehrwerk, das Mesnevi, ein Spiegel des heiligen Korans sei. Wir vertreten die Ansicht, dass das Mesnevi für den Westen ein guter Weg ist, die Botschaft des Koran und damit der Religion im Allgemeinen verstehen zu lernen.

 

Das Herz im Zentrum des Religiösen

Die islamische Botschaft lehrt uns, dass der Mensch das höchste Wesen dieser Schöpfung ist. Um das zu bezeugen, verlangte Gott von Seinen Engeln, dass sie sich vor dem eben erschaffenen Adam niederwerfen. Einer der Engel verweigerte sich, und wurde zu Satan. Damit entstand erst die Schöpfung in der Form des Diesseits im Gegensatz zum Jenseits, sowie mit den Gegensätzen innerhalb des Diesseits.

Im Gegensatz zu den Engeln ist der Mensch mit der Vernunft ausgestattet und mit der Fähigkeit zu reflektieren, was die Erkenntnis ermöglicht und ihm das Werkzeug gibt, in dieser Welt der Erscheinungen – dem Diesseits – zu überleben und zu bestehen. Er erkennt sich in der Dualität und kann den Schmerz aushalten, nicht in der Einheit zu sein. Die Engel haben diese Eigenschaft nicht; sie führen lediglich die Befehle Gottes aus. Sie werden darum auch als Kräfte Gottes gesehen.

Wohl ist der Mensch das höchste Wesen auf dieser Erde, aber er ist aus dem Paradies in die Beschränktheit des Diesseits gefallen und befindet sich in ständiger Unruhe. In seinem Innern spürt er das Mitgefühl Gottes, aus dem eine Sehnsucht entsteht, zurück zum Ursprung, zurück ins Paradies zu streben. Auch wenn er ständig versucht, auf dieser Erde paradiesische Zustände zu erreichen – es wird ihn nie ganz befriedigen können. Und wenn er mit letzter Kraft versucht, Gott zu erreichen, wird er es nicht aushalten können – wir kennen das auch von Prophetengeschichten, denken wir nur an Moses. Rumi beschreibt das sehr schön:

 

Du liebst Gott, und Gott ist so, dass kein Haar von dir bleibt, wenn Er kommt.

Bei Seinem Anblick verschwinden hundert wie du; ich glaube, mein Freund, du bist in die Verneinung deiner selbst verliebt.

Du bist ein Schatten und in die Sonne verliebt: Die Sonne kommt und sofort verschwindet der Schatten.

(Mesnevi III:4621 ff)

 

In der Sufi-Literatur erscheint diesbezüglich oft das Bild des Nachtfalters, der um die Kerze flattert, in der Sehnsucht nach dem Licht – bis er sich dann in die Flamme stürzt und verbrennt.

Also eine hoffnungslose Situation für den sehnsüchtig Suchenden? Die islamische Botschaft offeriert einen anderen Weg zu Gottesnähe, sagt Gott doch im Koran:

 

Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen, was ihm seine Seele einflüstert, denn Wir sind ihm näher als die Halsschlagader. (50:16)

 

Statt sich Gott nur in Seiner Transzendenz zu nähern, wird uns auch ein Weg nach innen offeriert. Gott ist dort zu finden, wo Er mit Seinem Mitgefühl wirkt, im Innersten des Menschen, in seinem Herzen (qalb). Es ist der Weg, ausgedrückt im ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses: La ilaha il-Allah; oder in den Worten Meister Eckharts: „Lass weg, was nicht Gott ist, und dann bleibt nur noch Gott übrig“. Es ist der Weg der Negation, dem Loslassen von sich selbst und allem Begehren nach Kontrolle und Grösse. Im Gegensatz dazu fordert uns der zweite Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses, Mohammad ar-Rasul Allah, dazu auf, uns in dieser Welt auf eine bestimmte Art zu verhalten, um als „Hüter Seiner Schöpfung“ gottesgefällig zu sein.

 

Ein Gotteswort (hadith qutsi) lautet:

 

Weder Mein Himmel (Thron) noch Meine Erde (Schemel) umfassen Mich, doch Mich umfasst das Herz Meines treuen Dieners.

 

Das Herz ist der Ort, wo wir uns Gott nähern können, ohne zu verbrennen. Es ist dort, wo Sein Thron (’arsch) ist. Rumi sagt:

 

Das Kreuz und die Christen, von einem Ende zum anderen, habe ich durchsucht;
Er war nicht dort.

Ich ging zum Hindu-Tempel, zur alten Pagode;
an keiner der beiden Stellen war ein Zeichen von Ihm zu sehen.

Ich wandte mich zum Hochland von Herat, und nach Kandahar;
ich suchte; Er war weder auf den Höhen noch in der Ebene.

Entschlossen ging ich auf den Gipfel des berühmten Berges Kaf;
dort fand sich nur das Nest des legendären Vogels Anqa.

Ich ging zur Kaaba von Mekka; Er war nicht dort.

Ich fragte Avicenna den Philosophen nach Ihm; Er überstieg das Denkvermögen Avicennas.

Ich schaute in mein eigenes Herz. Dort, an Seinem Platz, sah ich Ihn;
Er war an keinem anderen Ort.

(Divan)

 

Doch der Weg zum Herzen, wo Sein Thron steht, kann nur durch das Aufgeben seiner Ich-Bezogenheit begangen werden. Rumi ist da sehr klar:

 

Es gibt für niemanden, der noch nicht entworden ist, Zutritt in den Audienzsaal Seiner
Majestät
.
Was ist das Mittel, um zum Himmel aufzusteigen? Nichtsein!
Nichtsein ist der Glaube und die Religion der Liebenden.
                                                            (Mesnevi VI:232 f)

 

Das innere Herz (qalb) des Menschen wird oft auch als Spiegel beschrieben, in welchen das göttliche Licht fällt. Unsere Gefühle, Gedanken und Taten sind eine Widerspiegelung dieses Lichtes. Je nach Beschaffenheit dieses Spiegels werden diese schön oder verzerrt und hässlich sein. Darum werden wir aufgefordert, „unaufhörlich den Spiegel zu putzen“.

 

Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;

Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weisse Schönheit zeigt.

Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besass, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.

Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.

Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;

Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.

Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. .....

                                                                                    (Mesnevi IV: 2469 ff)

 

In diesem Gedicht Rumis erkennen wir ganz schön, warum wir Menschen das höchste Wesen in Gottes Schöpfung sind. Wir sind mit dem Intellekt ausgestattet, der die Vernunft ermöglicht. Schon allein dank der Vernunft können wir gesellschaftsfähig und "gut" sein. So können wir sagen, dass wir Menschen durch das Bemühen zu gutem Benehmen und zu einer korrekten Lebensführung das Herz reinigen und so die Tore zur anderen Welt öffnen. Das Herz wird umso wertvoller sein, desto leerer es ist, desto weniger es etwas sein will. Ein Herz, das von vergänglichen Wünschen und Neigungen befreit ist, schafft den Raum für den Einsitz Gottes.


 

 

Gedichte übers Herz:

 

Mesnevi III: 514-516

Ihr müsst den Fuss auf die Ebene des Herzens setzen, denn auf der Ebene des Lehms gibt es keine Erlösung.

Das Herz ist die Wohnstatt der Sicherheit, o Freunde; dort gibt es Springbrunnen und Rosengärten in Rosengärten.

Wendet euch dem Herzen zu und geht voran, o ihr Kameltreiber; dort drinnen gibt es hohe Bäume und reine Quellen mit fliessendem Wasser.

 

Mesnevi III: 1222-1225

Oh, manch einer hat wache Augen und ein schlafendes Herz; doch was können die Augen der Geschöpfe aus Wasser und Lehm tatsächlich sehen?

Wer sein Herz wach hält, auch wenn das Auge seines Kopfes schläft, dem werden hundert Augen geöffnet.

Wenn du kein Mann des Herzens bist, sei wachsam; suche nach dem Herzen und kämpfe;

Doch wenn dein Herz erwacht, schlafe ruhig; dein Auge sieht die sieben Himmel und sechs Richtungen.

 

Mesnevi V: 881-885

O reicher Mann, wenn du hundert Säcke Gold bringst, wird Gott sagen: „Bringe das Herz, o du Gebeugter.

Wenn du dem Herzen gefällst, bin Ich zufrieden; und wenn es dir abgeneigt ist, bin Ich dir abgeneigt.

„Ich betrachte nicht dich, Ich betrachte dieses Herz.“ Bringe es, o Seele, als Geschenk an Meine Tür.

So wie es zu dir steht, so stehe Ich zu dir: „Das Paradies liegt unter den Füssen der Mütter.“

Das Herz ist die Mutter und der Vater und der Ursprung aller Geschöpfe. Gesegnet ist, wer das Herz von der Haut unterscheiden kann.

 

 

Die Liebe als Ausdruck des Religiösen

Dass die Sehnsucht im Ursprung aller Dinge liegt, haben wir aus den ersten Versen von Rumis Lehrwerk, dem Mesnevi gehört. Diese in jedem Menschen verankerte Sehnsucht war ursprünglich bei Gott. Dies zeigt sehr schön ein ausserkoranisches Gotteswort (hadith qutsi), wo Gott von Seiner eigenen Sehnsucht spricht, die Ihn veranlasste, die Schöpfung in Gang zu bringen:

 

Ich war ein verborgener Schatz und sehnte mich danach, erkannt zu werden, also erschuf Ich die Welt, auf dass ich erkannt würde.

 

Gottes Mitgefühl für Seine eigene Schöpfung, das in der Tiefe jedes Menschen spürbar ist, erzeugt im Menschen eine Sehnsucht nach dem Ursprung seiner selbst. Ständig sucht diese Sehnsucht nach Verwirklichung, und da der Mensch in seinem Bewusstsein über die Wirklichkeit beschränkt ist, manifestiert sich der Versuch nach Verwirklichung in allen möglichen Ebenen des Verliebtseins: verliebt in Gegenstände, Tiere, Menschen, in die Macht, in theologische und philosophische Ideen oder gar in sich selbst.

Rumi erinnert uns immer wieder daran, dass die Liebe nur in der Polarität existiert. Es braucht immer zwei, den Verliebten und den Geliebten.

 

Kein Liebender sehnt sich in Wirklichkeit nach Vereinigung, ohne dass sein Geliebter sie ersehnt.

..........

Eine deiner Hände bringt ohne die andere Hand kein klatschendes Geräusch hervor.

Der Durstige stöhnt: „O köstliches Wasser!“ Auch das Wasser stöhnt und sagt: „Wo ist der Wassertrinker?“

Der Durst in unseren Seelen ist die Anziehung, die das Wasser ausübt: Wir gehören dem Wasser, und doch ist es unser.

Gottes weise Vorsehung und Sein weiser Ratschluss haben uns zu Liebenden gemacht.

Diese Vorsehung hat alle Atome der Welt paarweise miteinander verbunden, und jedes Atom liebt seinen Partner.

                                                                                    (Mesnevi III:4393 ff)

 

Es ist die Vernunft des Menschen, die ihm in dieser Welt der Erscheinungen das Überleben und Bestehen ermöglicht, doch erst das Erleben der Liebe – des nach Verbindung Suchenden – gibt uns den Geschmack des Lebendigen, das Gefühl, in etwas Grösserem eingebettet zu sein.

Die Liebe verleitet uns zu unvernünftigen Handlungen, das wissen wir aus Erfahrung:

 

Wie kann die Vernunft den Weg der Hoffnungslosigkeit einschlagen? Es ist die Liebe, die auf ihrem Kopf in diese Richtung läuft.

Die Vernunft ist berechnend, die Liebe nicht. Die Vernunft sucht das, was ihr Vorteil bringt.

Der Liebende ist tollkühn und glühend; im Leid ist er wie ein Mühlstein.

(Mesnevi VI:1966 ff)

 

Die Liebenden sind in einen wilden Strom gefallen; sie haben ihre Herzen auf den Ratschluss der Liebe gesetzt.

Wie Mühlsteine drehen sie sich Tag und Nacht im Kreis und stöhnen ununterbrochen.

(Mesnevi VI:910)

 

Und weiter geht es mit dem Bild des Mühlsteins:

 

Das Drehen des Mühlsteins ist der Beweis für die, welche den Fluss suchen, damit keiner sagen kann, der Fluss sei bewegungslos.

Wenn du den verborgenen Fluss nicht siehst, dann sieh das Drehen des himmlischen Wasserrades.

Da die Himmel keine Ruhe vor Ihm haben, such auch du, o Herz, wie die Sterne nicht nach Ruhe.

(Mesnevi VI:912 ff)

 

Also: Unruhe ist besser als Ruhe! Der Sufi ist ständig auf der Wanderung, im Gegensatz zu jenen, die in der Einhaltung von dogmatischen Regeln ihre innere Ruhe zu finden glauben. Und was heisst das für Sie hier in der Kirche? Lieber mit der Kirche unzufrieden sein und darin kämpfen, als im erstarrten Dogma Sicherheit und Ruhe zu suchen!


Die höchste Form der Liebe führt zu dem, was in der westlichen Mystik Unio Mystica genannt wird. Diese Liebe, die zur Verschmelzung in Gott führt, wird im Islam Aschq genannt.

Aschq ist schnell gesagt aber nicht so schnell gelebt. Aschq ist weder romantisch noch schön, und fern von jeglicher Bewertungsmöglichkeit. Stellen Sie sich vor, eine Salzpuppe zu sein, und man bittet Sie, sich ins Meer zu stürzen! Das ist Aschq! Aschq ist der Tod von allem, was ist. Diese höchste Liebe ist nicht mehr romantisch! Mit Aschq verlassen wir sämtliche Nostalgie und sämtliche Ambitionen.

Wir reden hier nicht mehr von der "süssen Liebe Gottes". Jesus (Friede und Segen für ihn!) erlebte Aschq als er rief: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ Er war in einem Zustand, der sich in dieser Welt nur noch mit einem solchen Satz der Verzweiflung ausdrücken lässt, denn mit einem Fuss stand er bereits jenseits dieser Welt. Das Eingehen in Gottes Einheit löscht jede Möglichkeit des Erkennens aus. Eine Du-Beziehung gibt es dann nicht mehr.

Jede Vorstellung und Erklärung zerbröckelt bei solchen Ereignissen der letztendlichen Liebe.

 

Ob diese Liebe nun von dieser Welt oder der anderen ist: Sie führt uns schliesslich immer zu Ihm.

Wie ich Liebe auch beschreiben und erklären will, wenn ich zu ihr komme, schäme ich mich dafür (für den Erklärungsversuch).

Mag auch die Zunge manches erklären, Liebe ohne Zunge macht es klarer.

Die Feder beeilt sich zu schreiben; wenn sie zur Liebe kommt, zerbricht sie.

Die Vernunft liegt hilflos wie ein Esel im Schlamm, wenn sie die Liebe erklären soll; nur die Liebe selbst kann die Liebe und den Liebenden erklären.

Die Sonne selbst ist der Beweis für die Sonne, suchst du einen Beweis, wende dich nicht von ihr ab!

Wenn der Schatten auch einen Hinweis auf sie gibt, so gibt doch die Sonne jederzeit geistiges Licht.

(Mesnevi I:111 ff)

 

 

Praxis

Nun, wie können wir mit dem Gehörten im täglichen Leben umgehen? Wie sieht es mit der Praxis aus? Lassen Sie mich 4 Themen kurz berühren:

 

  1. Das Wissen um Gottes Existenz
  2. Das Suchen nach Ihm
  3. Enttäuschungen, die wir erleben und das Loslassen von sich selbst
  4. Die Beharrlichkeit auf dem Weg zu Gott

 

 

1.) Das Wissen um Gottes Existenz

Lasst mich den Koran zitieren:

 

Und Allahs ist der Westen und der Osten, und wohin ihr euch daher wendet, dort ist Allahs Angesicht. (2:115)

 

Wir sollen also lernen, Gott in allem Sichtbaren zu erkennen. Dies beginnt mit dem Wissen, dass die andere Welt (das Jenseits) als Gegenpol zu dieser "Welt der Erscheinungen" existiert. Im Jenseits sind die Kräfte Gottes (die Engel und Teufel), die je nach Beschaffenheit unseres Gemüts zu uns gelangen und in Erscheinung treten können.

Diese Welt der Erscheinungen ist ein Gebilde aus Raum und Zeit. Und darin bewegen wir uns mit der individuellen Form und den Zuständen unserer Seele. Mit unserem Ich-Bewusstsein erzeugen wir unsere eigenen Vorstellungen über diese Welt. Wir schauen die Welt so an, dass sie uns möglichst "in den Kram passt".

Der "Kram" ist das, was den Raum meines Herzens füllt und somit den notwendigen Platz für Gott versperrt. Das heisst, die Welt wird zum Freund, wenn ich geniessen will und kann, und sie wird zum Feind, wenn ich mich als Opfer sehe.

Unser Begriffsvermögen ist zu beschränkt, um die Dimensionen der Wirklichkeit zu erkennen. Darum bleibt uns nichts anderes übrig, als dem nachzugehen, was uns die heiligen Schriften übermitteln. Wir wissen aus diesen Offenbarungen und Zeugnissen dass Gott sich ständig in der einen oder anderen Art erkennbar macht. Das Jenseits erscheint aus den Zwischenräumen dieser Welt der Erscheinungen. Diesbezüglich liebe ich das bekannte Gedicht von Christian Morgenstern:

 

Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurch zu schaun .....

 

 

2.) Das Suchen nach Gott

Das Wissen um Gottes Existenz ist eines; das aktive Suchen ein konsequenter Schritt. Es geht darum, unsere inhärente Sehnsucht ständig wach zu halten und gar zu vergrössern. Ohne diese Sehnsucht werden wir keinen Schritt in Richtung Gott tun, ja es käme uns nicht einmal in den Sinn.

Rumi sagt uns, dass wir unsere Sehnsucht lebendig halten sollen:

 

Gehe und suche solch eine Liebe, wenn du lebendig bist; sonst bist du ein Sklave der veränderlichen Zeit.

Beachte deine hässliche oder schöne Form nicht; beachte die Liebe und den Gegenstand deiner Suche.

Beachte die Tatsache nicht, dass du verachtenswert oder schwach bist; schaue auf dein Streben, o Edler.

In welchem Zustand du dich auch befindest, suche weiter; o du mit den trockenen Lippen, suche immer nach dem Wasser.

Denn deine trockenen Lippen legen Zeugnis dafür ab, dass sie schliesslich die Quelle erreichen werden.

Die Trockenheit der Lippen ist die Botschaft des Wassers, dass diese Ruhelosigkeit dich gewiss zu ihm bringen wird.

(Mesnevi III:1436 ff)

 

Unsere Sehnsucht treibt unser Ego auf die Suche nach dem Paradies, wo erfüllter Frieden herrscht. Doch dieses weigert sich, sich selbst auszulöschen und sucht nach Auswegen, indem es das Paradies in dieser Welt sucht. Wir Menschen mit unserem Ego wollen schon im irdischen Leben erfüllten Frieden erleben, was nur dann der Fall ist, wenn wir nicht in Frage gestellt werden. Wir suchen nach Anerkennung und holen dies mit jedem nur vorstellbaren Instrument. Wenn wir es vermögen, verschaffen wir uns Macht, um auf unser Schicksal Einfluss zu nehmen. Oder wir versuchen, mit unseren Fähigkeiten Beachtung zu erlangen. Nun, die meisten Menschen haben weder Macht, noch sind sie berühmt: sie weichen den innersten Lebensfragen aus mit Hilfe von ablenkender Unterhaltung und Wohlfühl-Tätigkeiten. Und dann gibt es noch jene, welche die Aufmerksamkeit auf sich lenken, indem sie die Welt beklagen und sich als Opfer darzustellen.

Nun, all das sind falsche Wege. Wir wollen geliebt werden, doch das Erfahren von Liebe beginnt mit dem Lieben und nicht mit dem Geliebt Werden. Die Bibel sagt es auch: Die Liebe fordert nicht!

 

 

3.) Enttäuschungen sind nicht zu vermeiden; wir sollen lernen, von uns loszulassen

Doch immer wieder erleben wir als Liebende Enttäuschungen; wer kennt das nicht! Eine Partnerin oder ein Partner ist untreu, und schon geht die Welt unter. Rumi muntert uns auf:

 

Du fliehst wegen einer einzigen Erniedrigung vor der Liebe; was weisst du über die Liebe ausser ihren Namen?

Die Liebe kennt hundert Liebkosungen und Dünkel. Liebe wird durch hundert Schmeicheleien gewonnen.

Da die Liebe treu ist, will sie einen Treuen; sie schaut nicht nach einem untreuen Gefährten.

(Mesnevi V:1163 ff)

 

Trotz allen Enttäuschungen sollen wir weiterhin ununterbrochen versuchen, unsere innerste Sehnsucht zu befriedigen und die Liebe zu finden. Dafür müssen wir bereit sein, uns selbst zu opfern:

 

Nur die Liebe ist es wert, verfolgt zu werden, doch wie könnte Er (Gott) in irgendeine Falle gehen?

Vielleicht kommst du und wirst Seine Beute, dann kannst du dich deiner Falle entledigen und in Seine Falle gehen.

Die Liebe sagt sehr sanft in mein Ohr: „Beute zu sein ist besser als Jäger zu sein.

Lass dich von Mir verleiten und täuschen; verzichte auf den Rang der Sonne, werde ein Atom!

(Mesnevi V:409 ff)

 

In diesen Versen kommt klar zum Ausdruck, dass wir für den Tod bereit sein müssen.

Es geht um den Tod unserer Persönlichkeit, von dem was glaubt, etwas zu sein.

Die Mystik kennt den Satz: „Stirb, bevor du stirbst“ als zentralen Ausdruck des Weges.

Im Islam ist die Pilgerfahrt (Hajj) ein ritueller Ausdruck dieses „Stirb, bevor du stirbst“. Die geforderte Haltung vor dem Hajj ist Erledigung aller Verantwortlichkeiten (Familie, Geschäft, keine Schulden haben) und die Bereitschaft, nicht mehr zurück zu kommen. Um es in den Worten Goethes (West-östlicher Divan) auszudrücken:

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

 

 

4.) Beharrlich auf dem Weg bleiben

In allen Schwierigkeiten, mit allen Enttäuschungen und Erniedrigungen finden Sufis Trost und Stützen in den Versprechen, welche die heiligen Bücher machen. Und die Heiligen gelten als Vorbilder für das Bestehen in schwierigen Zeiten. Und dies gilt für alle religiösen Wege. Rumi sagt das in seiner Art:

 

In der Zeit der Trennung bildet die Liebe Fantasien; in der Stunde der Vereinigung zeigt sich der Gestaltlose und sagt:

„Ich bin der Ursprung des Ursprungs von Nüchternheit und Trunkenheit. Die Schönheit aller Formen ist eine Widerspiegelung von Mir.

Jetzt habe Ich die Schleier gelüftet; Ich habe die Schönheit ohne Vermittler erhöht.

Weil du lange mit Meiner Widerspiegelung beschäftigt warst, hast du die Kraft gewonnen, Mein Wesen blosszulegen."

(Mesnevi V:3277 ff)

 

Und wir müssen damit zurecht kommen, dass wir in dieser Welt nie Gerechtigkeit sehen, denn Gottes Gerechtigkeit ist mit unserem Begreifen nicht ergründbar. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr. Das Wissen um den Hunger in dieser Welt verdirbt uns den Appetit aufs T-bone Steak. Dürfen wir noch geniessen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben? Rumi erklärt, was unser Kapital sein soll:

 

Das Kapital für den Markt dieser Welt ist Gold; im Jenseits ist das Kapital Liebe und zwei feuchte Augen.

Wer ohne Kapital zum Markt geht, dessen Leben geht vorbei und er kehrt bald enttäuscht zurück.

(Mesnevi VI:839)

 

Jesus (ihm Frieden und Segen!) sagte es so: "Gib dem Kaiser, was des Kaisers, und gib Gott, was Gottes".

Und Mohammed (ihm Frieden und Segen!) sagte: "Lebe für diese Welt, als ob du nie sterben würdest, und lebe für die andere Welt, als ob du morgen sterben müsstest."

Und für die Praxis an uns einzelne Menschen sage ich: "Nutze die Medizin für das Wohl deines Körpers, nutze die Erkenntnisse aus der Psychologie für Dein Ego und dessen Erziehung, und sehe dich immer als Teil von etwas Grösserem."

Gott hat keine vorstellbare Form. Er hat keine Hände und Füsse, keinen Mund und kein Ohr. Er hat einzig Seine Schöpfung und Seine Geschöpfe, um sich erkennbar zu machen. Der Mensch ist hierfür das schönste Instrument.

Wenn zwei Menschen sich begegnen, ist die Gottesnähe am stärksten erlebbar.

 

Mit Sicherheit gibt es ein Fenster von Herz zu Herz; die Herzen sind nicht getrennt und voneinander entfernt wie zwei Körper.

(Mesnevi III:4391)