Hör zu! Höre auf den Gesang der Rohrflöte (Dez 2008)

Zur Vermarktung des Sema in Ost und West

Bahar CAN, Dezember 2008

Jedes Jahr im Dezember, zur Zeit des Sheb-i Arus, gedenken wir Hz. Mevlanas. Zu diesem Anlass werden Konferenzen, Symposien und Sema-Rituale organisiert. Wie Sie sich erinnern, haben wir letztes Jahr nicht nur Sheb-i Arus, sondern mit grosser Freunde auch das von der Unesco portierte Mevlana-Jahr international gefeiert. Denn am 30. September 2007 jährte sich zum 800sten Mal Hz. Mevlanas Geburtstag. Eigentlich hätte ein so grosser Heiliger wie Hz. Mevlana es nicht nötig, dass wir seiner gedenken. In unserer Hilflosigkeit aber sind wir diejenigen, die es nötig haben, ihn in Würde zu verstehen zu versuchen, ihn zu erspüren und so weit nur irgend möglich uns selber zu Gefährten dieses grossen Heiligen zu machen. Jedoch, wenn auch unsere Absichten noch so gut und rein sein mögen, so sind die jeweiligen Auffassungen und Empfindungen doch ganz verschieden, so ist das Verständnis mitunter doch sehr unterschiedlich. Um Hz. Mevlanas zu gedenken, wurden im letzten Jahr die verschiedensten Events veranstaltet; sogar ein Feuerwerk haben wir für unseren Hz. Pir während der Feierzeremonie in Konya steigen lassen! Wäre er ein Pop-Ikone, hätten wir wahrscheinlich dasselbe getan…

Aus unserer Sicht ist es sehr bedauernswert, wie in der Türkei im Verlauf der letzten Jahre insbesondere das heilige Ritual des Sema von Hz. Mevlana degradiert, um nicht zu sagen degeneriert wurde, so dass es nun mehrheitlich den Charakter einer Folkloreaufführung angenommen hat, die überall und in jeder Umgebung veranstaltet werden kann. Und in Europa wird das Sema meistens mit „Tanz der Derwische“ umschrieben. Ja, für nicht wenige Leute mag die Frage, was das Sema ist und was es nicht sein kann, ob es Tanz ist oder ob es nicht Tanz sein kann, ein ernsthaftes Diskussionsthema darstellen…Wir als Suchende möchten das göttliche Geheimnis des Sema aber möglichst von Hz. Mevlana selber erfragen und direkt von ihm lernen. Im Folgenden führe ich ein paar Gedichtverse von ihm an; schon nur die Bedeutung dieser Verse gebührend zu spüren, birgt in sich die Möglichkeit, den Empfindungen und der Gefühlswelt Hz. Mevlanas näher zu kommen – ein sehr hohes Verständnis und Empfinden in Bezug auf jene käme jedoch einem Geschenk Gottes gleich, das nicht jedem zuteil wird. Doch auch wenn es uns nicht selten versagt bleibt, den Kern oder die eigentliche Essenz eines Verses, einer Aussage zu erfassen, so glauben wir doch fest daran, dass es auch dann von Nutzen sein wird, wenn wir wenigstens von der Schale einen Anteil abbekommen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es bedeutet, die Frage Gottes „Bin ich nicht Euer Herr?“ und die Antwort der Seelen „Ja, Du bist unser Herr!“ zu hören, sich zu verlieren und sich mit Gott zu vereinen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Sema bedeutet, die Zustände des Freundes zu sehen, durch die Schleier der unsichtbaren Welt, der göttlichen Welt die Geheimnisse Gottes zu hören.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es bedeutet, sich von seiner eigenen Existenz loszulösen, um in der absoluten Nichtexistenz auf den Geschmack der ewigen Existenz zu kommen…..(1)

Was ist Sema?
Sema ist, von den verborgenen Heiligen im Herzen Nachrichten zu erhalten. Wenn das armselige Herz Briefe von ihnen erhält, wird es wach, erlangt Frieden. In diesem Nachrichtenwind, erblühen die Blätter des Verstandbaumes, sie erwachen vom Schlaf. Mit dieser Erschütterung wird der Körper von der Enge gerettet, wird weit, erlangt Frieden (…) Derjenige, der durch die Sema-Musik nicht ergriffen wird, der dreht wie zu Eis erstarrt, der ist niedriger als die Verstorbenen, die zu nichts geworden sind; ihm soll die Erde auf den Kopf fallen! Denn er ist kein wahrer Mensch. Er ist wie eine Leiche, die wandert…..(2)

Der Ozean des Herzens wogt durch den Wind des Sema; in diesem Ozean zeigen sich hunderte von Wellen. Nicht jedes Herz ist würdig, die Schönheit des Sema und die zu erlangende Freude zu verstehen. Diejenigen, die den Ozean des Herzens erreicht haben, werden durch diesen Wind des Sema erregt und fallen in Ohnmacht…..(3)

Sema gibt denjenigen, die durch die Gottesliebe wach geworden sind, Ruhe und Frieden im Herzen. Derjenige, der weise ist, derjenige, der eine Seele seiner Seele hat (d.h. einer, der nicht eine tierische, sondern eine menschliche Seele hat), weiss über diese Wahrheit Bescheid (…) Sema ist für die Verliebten. Der, der die Herzen erfreut – es geht darum, sich mit diesem einzigartigen, unsichtbaren Geliebten geistig zu vereinen…..(4)

Vor Jahrhunderten wurde das Sema nicht jederzeit, an jedem Ort und mit jedermann durchgeführt. Besonders achtete man darauf, dass keine Fremden oder gar feindlich Gesinnte  sich unter den Gefährten einer Sema-Gesellschaft befanden. Denn man war der Überzeugung, dass im Sema nur dann Gottes Segen und Gnade erlangt werden könne, wenn dieses zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit den richtigen Leuten abgehalten würde. Man befürchtete, dass Fremde oder missgünstig Gesinnte die seelische Atmosphäre einer Sema-Gesellschaft, in welcher Geist und Körper Eins werden, stören könnten und so die Möglichkeit einer geistigen Vereinigung verringert werden könnte (5). Doch selbst zur Zeit Hz. Mevlanas wie auch in Zeiten danach hat man bezüglich dieser Drei-Punkte-Empfehlung, „Zeit-Ort-Gefährte“, immer wieder auch Toleranz geübt. In unserer heutigen Zeit werden unseres Erachtens die Grenzen dieser Toleranz jedoch masslos überschritten: das Sema wird nun in Teegärten, auf Podien und auch an manchen anderen touristischen Orten (auch mit Live-Musik!) als eigentliche Derwisch-Show vorgeführt. – Das Sema, auf das wir seit jeher so grossen Wert legten und woran wir uns mit allem Respekt erinnern, das Sema, das uns vor Jahrhunderten als ein Andenken an unseren Pir geblieben ist und uns als anvertrautes Gut in Obhut gegeben ist, könnte für unser Empfinden kaum schlimmer missbraucht werden! – Ist es uns nun schon so sehr zur Gewohnheit geworden, unsere geistigen Werte für Nichtigkeiten herzugeben, dass wir nicht einmal mehr merken, was richtig ist und was falsch ist? – Diese Shows, fern jeglichen seelischen Empfindens und nur des Profits wegen aufgeführt, entsprechen in keiner Weise mehr dem Sema; sie sind nichts Weiteres als irgendeine Performance… In der Sufi-Lehre wird gesagt, dass manche Semazen im Zustand der Nafs (Zustand der niederen Triebe), manche im Zustand des Hâl (Zustand der Gelöstheit bzw. der Aufgelöstheit), und manche im Zustand des Haqq (Zustand in Gott), im Sema drehen. In Anbetracht dieser Überlegungen, in welchem Zustand-, warum und für wen jemand dreht, beziehungsweise gedreht wird, bleiben uns Verstand und Träume stehen! – Wie heutzutage von allem eine Kopie zu haben ist, so scheint es nun leider auch zahllose Kopien unechter Sema und Semazen zu geben, die sich wild verbreiten.

Auch in Europa ist das Sema mittlerweile recht bekannt. Doch da das Sema ursprünglich in einer tief östlich-islamischen Kultur entstanden ist und ein Ritual darstellt, das dem Westen von seinem Wesen her grundsätzlich fremd ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es in der westeuropäischen Kultur gar nicht richtig verstanden werden kann. Nur so ist es wahrscheinlich zu erklären, dass in einer renommierten Zeitschrift wie dem „Spiegel“, in  dessen Spezialausgabe über die Türkei, folgende Zeilen zu lesen sind (6): „Die tanzenden Derwische, die zur Bruderschaft des Mystikers Mevlana Celalleddin Rumi aus dem 13. Jahrhundert gehören, sind eine touristische Attraktion.“ Wohl gemerkt, in einer Zeitschrift, die in vielen europäischen Ländern vertrieben wird und Millionen von Menschen erreicht, wird das mit „Tanzende Derwische“ umschriebene Sema, kategorisch und deutlich als eine touristische Attraktion bezeichnet. Weiter im Text steht, dass die Mevlevis seit 1925 „nur noch bei Folkloreveranstaltungen“ auftreten würden… In einer so renommierten Zeitschrift einen derart unsorgfältig recherchierten Text vorgesetzt zu bekommen, ist gelinde gesagt besorgniserregend; angesichts dieser betrüblichen Vorkommnisse gelangen wir jedoch zum Schluss, dass wir, die wir schon in der Türkei selber „unser Sema“ in dem oben beschriebenen  Ausmass haben entarten und vermarkten lassen, vom Westen in dieser Sache auch nicht viel mehr an Kenntnis und Verständnis erwarten dürfen.

Im deutschen Sprachgebrauch kommen von jeher meistens die Bezeichnungen „Tanz der Derwische“ oder „Derwisch-Tanz“ zur Anwendung. In manchen Herausgaben werden aber auch Bezeichnungen wie „Sema-Ritual“ oder „Sema-Zeremonie“ verwendet. Doch die häufigste Umschreibung, der wir begegnen, bleibt „Tanz der Derwische“. Sogar in der Türkei selber ist in Heftchen, Broschüren und auf Plakaten, die für die Ausländer auf Deutsch herauskommen, meistens der Begriff „Tanz der Derwische“ anzutreffen. Wogegen wir doch alle wissen, dass das Sema kein Tanz ist! Wenn doch wenigsten wir in der Türkei, in unseren eigenen Publikationen, nicht einen so verfänglichen Ausdruck verwenden würden, der nur die  Grundlage für falsche Interpretationen bietet!

Denken Sie denn, dass das Sema, in Europa als „Tanz der Derwische“ lanciert, von den Menschen so überhaupt verstanden werden kann? Ich gebe Ihnen im Folgenden einige Beispiele aus der Schweiz, denn auch hierzulande stösst das Sema als „Tanz der Derwische“ auf ein breites Interesse. So ist es für etliche Studierende gar zum Thema ihrer Diplomarbeit geworden. Ich selber konnte mich anlässlich einer solchen Arbeit davon überzeugen, dass es hierbei nicht eigentlich darum ging, Hz. Mevlana und seine Lehren zu verstehen und/oder  von ihm zu lernen; im Gegenteil, Ziel der Arbeit war, das Sema als eine Art von Musik begleiteter Drehbewegung, als eine Art Dreh-Tanz unter der Kategorie Tanz zu untersuchen. Wie sonderbar ist es doch, das Sema als Tanz untersuchen zu wollen! Wo doch das Sema vielmehr eine Art grenzüberschreitende, geistige Reise darstellt, eine Reise des Herzens zu Gott, wie zugleich eine Reise Gottes zum Herzen – mit einem Tanz hat es aber weder von Nahem noch von Weitem etwas zu tun.

Und im bekannten Migros-Magazin der Schweiz wird berichtet (7), dass nun auch Derwisch-Tänze ins Tanzkursangebot aufgenommen worden seien, wobei dem Beschrieb nicht recht zu entnehmen ist, ob es darum geht, zu drehen wie im Sema, oder ob getanzt wird… Auf dem zugehörigen Foto ist die zuständige Tanzlehrerin abgebildet: sie trägt wirklich einen langen weiten, wellenhaft wallenden Rock wie die Semazen sie tragen, ihr rechter Arm reckt sich nach oben, die linke Hand zeigt nach unten – sie zeigt aber auch ihren freien Nabel und ein tiefes Dekollté… Im Westen gibt es nun also Semazen mit Dekollté!

Ferner steht in einem Bericht der „Schweizer Familie“ (8): „So sehen es die Sufis, die islamischen Mystiker. In ihren Augen ist der Tanz ein Gebet.“ Diese Aussage gleicht ein wenig einer arithmetischer Gleichung mit nur einer Unbekannten: wenn das Sema „Tanz der Derwische“ genannt wird, dann ist das Tanzen im Islam logischerweise ein Gebet! – Wer soll derartige Aussagen in Zeitschriften, die in die Hände so vieler geraten, wie verstehen?

Unseres Erachtens ist es zumindest ungünstig und wenig stimmig, wenn Bezeichnungen wie Sema, Sema-Ritual oder Sema-Zeremonie auf Deutsch mit unzutreffenden, verfänglichen Ausdrücken wie „Tanz der Derwische“, „Derwisch-Tanz“ oder „Die tanzenden Derwische“ gleichgesetzt werden. Denn auf diese Weise kann unser Ritual von jemandem aus dem Westen, der Hz. Mevlana nicht kennt und in Bezug auf die im Sema verborgenen, geistigen Geheimnisse ahnungslos ist, wirklich nur so wahrgenommen werden, wie wenn dies eine in der östlichen Mystik produzierte, fremde oder unbekannte Form von Tanz sei.

Hz. Mevlana sagt, Gestern ist mit Gestern gegangen, heute muss Neues gesagt werden. Doch leider konnte mit diesem Schreiben im Westen wie im Osten nichts wesentlich Neues gesagt werden. Es konnte lediglich einer schmerzlichen Angelegenheit, die seit Jahren vor unseren Augen steht, Ausdruck verliehen werden… Indes, auch wenn einen ob all den oben erwähnten Auswüchsen manchmal beinahe übel werden könnte, so wissen wir im Innersten doch, dass jeder noch so tief verborgene Winkel unseres Herzens im Grunde hell und von Licht erfüllt ist. Denn so wie es niemals sein kann, dass das göttliche Licht von Hz. Mevlana beschattet werde, so wird es auch nie möglich sein, den heiligen, geistigen Genuss, das Licht des Sema zu beschatten. – Und ist es im Grunde genommen nicht auch so, dass letztlich alles vor seinem Gegensatz Bestand hat? Wenn es keine Kopie gäbe, würde auch das Original nicht wertgeschätzt… Das Sema wird stets in den entrückten, vor geistiger Liebe übervollen Herzen-, in den Seelen, welche in sich die Seele gefunden haben, erspürt und gelebt werden.

Von seiner Bestimmung her ist der Semazen weder jemand, der nach folkloristischem Brauch tanzt, noch jemand, der einfach dreht – der Semazen ist vor allem jemand, der hört und noch mehr zuhört! Er hört der im Sema vernommenen göttlichen Melodie zu, in dem Sinn, wie Hz. Mevlana es im ersten Vers des Mesnevi beschwört: „Hör zu…!“ Die Musik ist gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits, ein Klang wie von Gott. Der Semazen hört also zu… und in diesem Zuhören ist es, als ob seine Seele geradezu beflügelt würde und er flöge und flöge und in jene Welt einginge; in seiner Verliebtheit im Sema drehend, ist es, als schreite er über beide Welten hinweg – – und mit Gottes Gnade kann es zu einem Moment der Vereinigung kommen, in dem alle Schleier aufgetan werden! – Im Sema gibt es den heiligen Genuss, sich mit dem Geliebten zu vereinen. Im Sema geschieht die mystische Verzückung in der göttlichen Liebe. Im Sema ist die Liebe selbst. So sagt auch Hz. Mevlana über die göttliche Liebe im Sema folgendes (9):

Liebe ist nicht, irgendwann aufzustehen und den Staub unter deinen zwei Füssen aufzuwirbeln. Liebe ist, wenn du beginnst, im Sema zu drehen, das Leben zu opfern und durch beide Welten hindurch zu gehen.

Im Grunde ist das Sema nur ein Vorwand, denn in dieser Welt gibt es nichts anderes als die  Liebe. In jedem Augenblick, in jedem Teilchen und Tropfen uns der Schönheit dieser göttlichen Liebe gewahr werdend, bleiben unsere Sehnsucht, unser Wunsch und unser einziges Ziel nur Er!

Wohin ich meinen Kopf auch immer hinlege, so ist die Anbetung nur Er.
In sechs Richtungen, und über die sechs Richtungen hinweg, ist nur Gott, Er.
Der Garten, die Rose, die Nachtigall, die Schönheit alles nur Vorwände.
Durch all dies, ist die Absicht ganz Er. (10)

 Quellen:

(1) Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, II, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 377.
(2) Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, II, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 365.
(3) Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 1174.
(4) Dîvân-ı Kebîr Seçmeler, I, Şefik Can, Ötüken Neşriyat, 2000, s. 224.
(5) Erken dönem sûfîlerinde semâ’, Süleyman Uludağ, Keşkül Dergisi, 2006, sayı 07, s. 17.
(6) Tanzende Verbindung, Anne-Sophie Fröhlich, Spiegel Special, 2008, sayı 6, s.28.
(http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,ausg-4340,00.html)
(7) Sanfte Drehung im Kreis, Carl Bieler, Migros-Magazin, 2008, sayı 3, s. 94. (http://www.migrosmagazin.ch/pdf/index.cfm)
(8) Alles dreht sich ums Gebet, Melissa Müller, Schweizer Familie, 2008, sayı 29, s. 20. (http://www.schweizerfamilie.ch/archiv/ergebnis/article/26404.html)
(9) Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 2211.
(10) Hz. Mevlânâ’nın Rubaileri, Şefik Can, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, 2001, rubai 337.

Zeitschrift Berceste (Kayseri/ Türkei), Dezember 2008, Nr. 78.

Dieser Artikel wurde in der türkischen Zeitschrift „Berceste“, in der Dezember 2008 Ausgabe veröffentlicht. – http://www.bercestedergisi.com/

Übersetzung Tülin Özgür, Bearbeitung Birgit Kunz/Dezember 2008

Gedicht über Sema

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es ist, die Antwort „Ja“ der Seelen auf die Frage „Bin ich nicht Euer Herr?“ zu hören, sich zu verlieren und sich mit Gott zu vereinen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Sema bedeutet, die Zustände des Freundes zu sehen, die Geheimnisse Gottes durch Seine göttlichen Schleier zu hören.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es bedeutet, sich von seiner eigenen Existenz loszulösen, um in der absoluten Nichtexistenz auf den Geschmack der ewigen Existenz zu kommen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es bedeutet, angesichts der Schläge des liebenden Freundes den Kopf zu verlieren, um ohne Kopf und ohne Füsse zum Freund zu rennen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es bedeutet, Jakob’s Kummer und Heilung zu kennen, den Geruch der Wiedervereinigung mit Joseph an seinem Hemd zu riechen.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es ist wie Moses Stock, der Pharao’s Zaubereien schluckt und vernichtet.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Es ist das Geheimnis, welches dieser Hadith ausdrückt: „Es gibt einen Augenblick der Nähe zwischen Gott und mir, da ist weder ein Engel noch ein Prophet zwischen uns“. Sema bedeutet,  diese Nähe zu erreichen, sodass nicht einmal ein Engel Platz hat.

Weisst Du, was Sema bedeutet?
Sema bedeutet, wie Schems-i Tebrizi die Herzensaugen zu öffnen und das heilige Licht zu sehen.

Hz. Mevlana
(Zitiert und übersetzt aus: Şefik Can, Fundamentals of Rumi’s Thought)

Das Ritual des Semâ (Kurzbeschrieb Jan 2013)

Das Ritual des Semâ (bedeutet das Hören auf den Klang der anderen Welt) fand seinen Ursprung in einer Inspiration von Hz. Mevlana Celaleddin Rumi, erhielt aber seine Form erst nach dem Tode Mevlânâs (17. Dez. 1273), beeinflusst durch kulturelle und soziale Gewohnheiten der heutigen Türkei. Das Ritual wird auch Mukabele genannt, was „Begegnung von Angesicht zu Angesicht“ bedeutet.

Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass die grundlegende Voraussetzung für unsere Existenz eine Drehbewegung ist. Es gibt kein Wesen oder Objekt, das sich nicht dreht, denn alle Wesen bestehen aus Atomen mit kreisenden Elektronen, Protonen und Neutronen. Alles kreist, und der Mensch lebt dank der Teilchenbewegung, dem Blutkreislauf und den Lebenszyklen mit dem Erscheinen aus der Erde und dem Wiederkehren zur Erde.

 

Nun, alle diese Bewegungen sind natürlich und unbewusst. Doch der Mensch besitzt Bewusstsein und Intelligenz, was ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Somit nimmt der Drehende Derwisch oder Semazen absichtlich und bewusst an den Bewegungen teil, denen alle Lebewesen unterworfen sind.

 

Entgegen der üblichen Meinung ist es nicht das Ziel des Semazen, in eine Ekstase zu verfallen. Vielmehr dreht er in Harmonie mit der Natur, mit den kleinsten Zellen und den Sternen am Himmelsgewölbe, und ist damit Zeuge für die Majestät und Existenz des Schöpfers; er denkt an IHN, gibt IHM allen Dank und betet zu IHM. In diesem Tun bestätigt der Semazen das Wort des Korans: “Was im Himmel und auf Erden ist, preist den Einen Gott” (64:1).

 

Eine wichtige Eigenart dieses mehrere hundert Jahre alten Rituals ist das Zusammenführen der drei fundamentalen Komponenten der menschlichen Natur, nämlich dem Verstand (durch Wissen und Gedanken), dem Herzen (durch den Gefühlsausdruck, Poesie und Musik) und dem Körper (durch das Anspornen des Lebens und dem Drehen). Diese drei Elemente werden zusammengeschweisst – sowohl theoretisch wie praktisch.

 

Die Zeremonie des Semâ ist voller Symbolik über den spirituellen Weg des Menschen. Im Drehen der Wahrheit entgegen wächst er durch Liebe, übersteigt (transzendiert) das Ego, trifft auf die Wahrheit und erlangt Vollkommenheit (al-Kamil).  Dann kehrt er zurück von seiner spirituellen Wanderung, befähigt zu lieben und dieser Schöpfung mit allen Geschöpfen zu dienen, ohne Unterscheidung von Glaube, Klasse oder Rasse.

 

Im Ritual des Semâ symbolisiert der schwarze Umhang (Hirka) das Leben in dieser Welt der Erscheinungen (Diesseits), und der Hut aus Schaf- oder Kamelhaar (Sikke) symbolisiert den Grabstein des Ego. Der weite weisse Rock (Tennure) repräsentiert das Leichentuch des Ego und ebenso die Auferstehung (Himmelfahrt) in die „andere Welt“ (Jenseits). Das Ablegen des schwarzen Umhanges bedeutet den Beginn der „Wiedergeburt in der Wahrheit“. Zu  Beginn des Drehens, durch das Kreuzen der Arme, erscheint der Semazen in der Bedeutung der Zahl Eins, im Zeugnis an Gottes Einheit. Während dem Drehen sind seine Arme geöffnet:  der rechte Arm erhebt sich in Richtung Himmel in der Bereitschaft, Gottes Wohltätigkeit zu empfangen; die linke Hand, auf die des Drehenden Blick sich richtet, wendet sich der Erde zu: der Semazen übergibt Gottes Geschenke aus der anderen Welt den Geschöpfen dieser Welt weiter. Im Drehen von rechts nach links ums Herz herum umarmt der Semazen in Liebe die gesamte Menschheit. Der Mensch wurde in Liebe erschaffen, um zu lieben. Mevlânâ Celâleddin Rumi sagt: “Alle Liebe ist eine Brücke zur göttlichen Liebe. Doch wer nie einen Geschmack davon hatte, weiss es nicht.”

Das Ritual des Semâ besteht aus unterschiedlichen Teilen:

Nachdem die Musiker ihre Plätze eingenommen haben und die Semazen – angeführt vom Semazenbaschi (Semazenmeister) – auf ihren weissen Fellen stehen, betritt der Scheich (auch Postnischin genannt) den Raum und verbeugt sich gegenüber dem Post (rotes Fell) in Richtung Mekka. Darauf geht er auf einer imaginären geraden Linie auf den Post zu – mit einem Fuss in dieser und dem anderen Fuss in der anderen Welt. Dies drückt den „Geraden Weg“ des Derwisch aus (derwisch bedeutet „arm und von allem Besitz entledigt zu sein), der bestrebt ist, gleichzeitig beider Welten (Diesseits und Jenseits) bewusst zu sein. In allen Erscheinungen ist auch die andere Welt sichtbar, wenn wir dafür die Augen haben. „Wohin ihr euch auch wendet, dort ist Gottes Angesicht“, steht im Koran (2:115).

 

Der Scheich nimmt seinen Platz auf dem Post ein, in Stellvertretung von Hz. Mevlana, und ein Sänger beginnt das Naat-i Scherif zu singen, eine Lobpreisung an den Propheten, der ein Vorbild für die Menschen ist. Ihn zu preisen ist Gott zu preisen, der ihn erschuf, sowie gleichfalls alle Propheten, die ihm vorausgingen.

 

Dem schliesst sich eine Improvisation (Taksim) an, sei es auf der Ney (Rohrflöte) oder der Rebab (Streichinstrument). Der Klang dieser Improvisation ist ein Ausdruck der in jedem Menschen innewohnenden Sehnsucht nach der letztendlichen Einheit.

 

Dieser Improvisation folgt ein Trommelschlag auf einer Kudum (zwei Trommeln), der den göttlichen Befehl “Sei” (Kun) symbolisiert.

 

Der nun beginnende Gang des Sultan Veled, begleitet durch die Peschrev-Musik, ist eine dreimalig im Kreis gehende Prozession. Das gegenseitige Verbeugen der Semazen während der Prozession ist die Begrüssung von Seele zu Seele (Mukabele), welche hinter Form und Körper verborgen sind. Sie schauen sich in die Augen – die Fenster zum Herzen, erkennen sich, verbeugen sich in gegenseitiger Anerkennung, und lassen im zweiten Blick die Erkenntnis zu, in Einheit verbunden zu sein.

 

Das Drehen selbst wird von Lobgesängen (Ayin-i Scherif) begleitet und ist in vier Salams (Begrüssungen) oder Sätzen unterteilt, je mit unterschiedlichem Rhythmus. Immer zu Beginn und am Ende eines Salâms bezeugt der Semazen im Kreuzen der Arme Gottes Einheit.

Das erste Salâm repräsentiert das Geborenwerden des menschlichen Wesens in die Wahrheit mittels Gefühl und Verstand. Das vollständige Akzeptieren der Bedingungen als von Gott erschaffenem Wesen wird hier gelebt. Es ist ein Drehen der Nähe Gottes zu.

 

Das zweite Salâm drückt das Entzücken des Menschen aus im Sehen der Herrlichkeit der Schöpfung in Anbetracht von Gottes Grösse und Allmacht. Es ist ein Drehen in Begleitung Gottes.

Das dritte Salâm  ist das entzückende Auflösen in der Liebe und das Opfern des Verstandes für die Liebe. Es ist vollständige Hingabe, Einheit, Entwerden des Selbst im Geliebten. Es ist der Zustand, der im Buddhismus als Nirvana und im Islam als Fana fi-Allah bekannt ist. Es ist ein Drehen in Gott.

 

Das vierte Salâm  ist die Rückkehr des Derwisch in diese Welt – als Dienender Gottes, Seiner Bücher, Seiner Propheten, Seiner Schöpfung. Das Ziel des Semâ ist nicht eine ununterbrochene Ekstase, sondern die Verwirklichung der Hingabe an Gott, so wie es der Prophet vorlebte, als er nach seiner Himmelfahrt (Miraj) wieder zurück zu seinen Aufgaben auf Erden kam. Mit der Rückkehr in diese formatierte Welt der Erscheinungen wird für den Derwisch der Glaube und die damit verbundene Ausrichtung wieder relevant. Der Scheich geht in die Mitte des Raumes und die Derwische drehen um ihn wie die Planeten um die Sonne.

 

Anschliessend folgt eine Rezitation des Korans, insbesondere auch des Verses “Und Gottes ist der Westen und der Osten. Daher, wohin ihr euch auch wendet, da ist Gottes Angesicht. Siehe, Gott ist allumfassend und wissend.” (Sure Baqara 1:115)

 

Die Zeremonie endet mit einem Gebet für den Frieden der Seelen aller Propheten und Gläubigen.

 

Am Ende des Semâ kehren alle Derwische in Stille zurück zu ihren Räumen, um sich der Meditation hinzugeben und sich ihres Ankers in dieser Welt zu erinnern. “Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und mit ihm die Gläubigen. Alle glauben an Gott und Seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. Und sie sprechen: „Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr!“ (Sure Baqara 2:285)

 

(Dieser Text ist inspiriert durch Aussagen von Dr. Celaleddin Çelebi, 21. Urgrossenkel Mevlanas)