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Aschk (Gottesliebe) bei Mevlana

(von Şefik Can Efendi)

Jeder Heilige hat eine sich selber entsprechende Neigung. Mevlana sprach am meisten über die Liebe und die Liebenden. Deshalb hat man ihm den Beinamen „Sultan der Liebenden“ gegeben. In einem seiner Vierzeiler sagt er den berühmten Satz: „Der Weg unseres Propheten ist die Liebe. Wir sind die Söhne der Liebe, auch unsere Mutter ist die Liebe.“
Tatsächlich hat Mevlana in all seinen Werken dieses Thema am meisten behandelt. Manche Geschichten des  Mesnevi sowie die bewegenden Gedichte des Divan-i Kebir erzählen am meisten von der Liebe.
Die Liebe, die Mevlana anspricht, ist nicht die vergängliche, irdische Liebe, es ist auch nicht die metaphorische Liebe, die kommt und wieder geht. Die Liebe, von der er spricht, ist die Gottesliebe, die Liebe, die man für Allah empfindet.

Denn es ist so sinnlos, das Herz an etwas Vergängliches, etwas das nicht andauert, zu hängen. Die Jahreszeiten und die Schönheiten sind alle vergänglich. Mevlana denkt sich aus, wie die Sonne im Frühling zu den Blumen spricht, wenn diese in Freude erblühen, lachen und mit dem säuselnden Wind ihr Spiel treiben:
„Oh ihr lachenden Blumen und Pflanzen, wartet nur, bis ich gegangen bin. Dann werdet ihr euch sehen! Jetzt seit ihr voller Freude und denkt nicht daran, wie ihr endet. Die Menschen, die Jungen und die Schönen, sind auch so wie ihr. Die Schönen blühen wie die Blumen und sind stolz auf ihre schönen Körper. Sie schauen in den Spiegel und freuen sich, denn die Seele, die in ihnen steckt, gibt ihnen Kraft, Leben und Freude. Die Seele ruft zum Körper, der seiner materiellen Schönheit wegen der Eitelkeit verfällt: Du lebst mit meinem Licht, weshalb dann dieser Stolz? Durch die Kraft, die ich dir gebe, bewegst du dich, freust du dich ein paar Tage. Denkst du, diese materielle Welt wird nie enden? Deine Eitelkeit und dein Hochmut überschreiten die Grenzen. Warte nur, bis ich dich verlassen habe, dann wirst du sehen, wie du endest. Die Menschen, die dich sehr geliebt haben, werden dir dein Grab schaufeln und dich den Ameisen und Schlangen zum Frasse geben. Selbst der, der sich viele Male für dich opferte, wird sich die Nase zuhalten vor deinem Gestank.“
(Mesnevi, B. I, Nr. 3265)

„Während ich die Liebe zu beschreiben und erklären versuche, schäme ich mich über das, was ich gesagt habe, wenn die Liebe selbst mich erreicht. Meine Feder eilt auf dem Papier. Doch wenn sie zum Thema gelangt, die Liebe zu beschreiben, wird sie aufgeregt, kann es nicht aushalten und bricht entzwei. Der Verstand, der versucht die Liebe zu erklären, versinkt wie ein Esel im Sumpf. Nur die Liebe selbst kann die Liebe und den Liebenden erklären. “
(Mesnevi, B. I, Nr. 112)

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Mevlanas Liebe zu den Mit-Menschen

(von Şefik Can Efendi)

Als Mevlana sich selber entdeckt hatte und fühlte, was er in sich besass, begann er, was er in sich besass auch bei seinen Mitmenschen zu sehen. Somit vereinte er die Gottesliebe mit der Menschen-Liebe.

Seine Überzeugung war: Die Menschen lieben ist Gott lieben. Es ist offensichtlich, wem die unendliche Liebe, die Mevlana für Schems empfand, schlussendlich galt; wenn wir lesen:

„Auch Tebrizli Schems ist ein Vorwand. Im Grunde genommen sind wir es, die ohnegleichen an Schönheit und Güte sind.“ (Divan-i Kebir, B.III, Nr. 1576)

In einem anderen Gedicht empfiehlt er uns, uns gegenseitig zu schätzen und zu lieben. Denn wir lieben unsere Geliebten nicht ihrer physischen Natur wegen, sondern dessen wegen, was sich in ihnen befindet, nämlich Allah!

„Komm, komm, wir sollten unsere gegenseitigen wirklichen inneren Werte schätzen lernen. Denn es könnte sein, dass wir uns trennen müssten. Wenn unser Prophet uns schon empfiehlt „Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen“, warum wendest du dich ab vom Spiegel? Deine eigennützigen Absichten, die Rachegefühle verdunkeln die Freundschaft und verletzen das Herz. Warum reissen wir nicht den Groll aus unseren Herzen?“ (Divan-i Kebir, B.III, Nr. 1535)

„Komm, komm, komm noch näher! Wie lange wird diese Überheblichkeit noch andauern? Wenn du schon ich bist und ich du, weshalb dann dieses „Ich“ und „Du“? Wir sind Gotteslicht, Gottesspiegel! Weshalb zanken wir dann ständig mit uns selber und mit den anderen? Warum läuft ein Licht dem anderen Licht davon?

Es ist, wie wenn wir alle im Wesen eines reifen Menschen versammelt wären! Warum schielen wir dann noch? Obwohl wir Glieder des gleichen Körpers sind, warum behandeln die Reichen die Armen so verächtlich?

Warum verachtet die rechte Hand die linke, die sich am gleichen Körper befindet? Da ja beides deine Hände sind, was bedeutet dann im gleichen Körper Glückseligkeit und Unglück?

In Wirklichkeit sind wir alle Menschen aus einer einzigen Substanz. Unser Verstand ist eins, unser Kopf ist eins. Diese ungetreue Welt bringt uns dazu, dass wir die Eins als Zwei sehen!

Los, befreie dich von diesem Ego; verständige dich mit jedem und vertrage dich mit jedem! Solange du noch du bist, bist du nur ein Korn, ein Staubkörnchen! Doch wenn du dich mit jedem vereinigst, mit jedem verschmilzest, bist du ein Ozean, eine Quelle!

Alle Menschen haben die gleiche Seele, doch gibt es Hunderttausende von Körpern! So wie es auch unzählige Mandelsorten auf dieser Welt gibt, doch in allen ist das gleiche Öl.

Es gibt verschiedene Sprachen, verschiedene Bezeichnungen auf dieser Welt; die Bedeutung von allen ist jedoch die gleiche! Das Wasser in den verschiedenen Gefässen fliesst, wenn die Gefässe zerbrechen, als ein einziges Wasser.

Wenn du die Einheit suchst und die Bedeutung davon verstehst, wenn du die Sprache und die bedeutungslosen Gedanken aus deinem Herzen herausreisst und wegwirfst, dann wird deine Seele Nachrichten an diejenigen mit eistig offenen Augen senden und die Wahrheit erzählen!“
(Divan-i Kebir, B. III, Nr. 3020)

In den oben angeführten Beispielen werden Mevlanas Gefühle und Gedanken über die Menschenliebe dargelegt. Denjenigen, die sie aufmerksam lesen und gründlich darüber nachdenken, wird Mevlana Geheimnisse ins Herzensohr flüstern.

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Mevlanas Versunkensein und Entwerden

(von Şefik Can Efendi)

Die wunderschönen berührenden Gedichte von Hz. Mevlana entstanden in seinem durch die Gottesliebe entwordenen Zustand. Doch was ist dieser Zustand des Entwerden?

Die besonderen Geschöpfe Gottes und die Heiligen geraten, wenn sie die Gottesnähe und die Stufe der Vereinigung erreicht haben, durch Gottes Anmut, Schönheit, Allmacht und Grösse in Staunen.

Durch die unsagbar schöne Wirkung des Schöpfers geraten sie in eine Versunkenheit, wie wenn sie einen geistigen Wein, ähnlich dem irdischen-, getrunken hätten. In einer Hadith unseres Propheten wird ebenfalls über diese Versunkenheit und dieses Entwerden berichtet:

„Der Allmächtige hat für seine heiligen Diener einen solchen Wein vorbereitet, dass sie, wenn sie von ihm trinken, berauscht werden. Wenn sie in diesen berauschten Zustand gelangen, fallen sie in Versunkenheit und schweigen.“ Von unserem Propheten wird berichtet:

„Der Abstand zu Ihm war zwei Bögen entfernt oder noch näher.“ (53/9) Wie diese Sure uns berichtet, wurde er beehrt, sich dem Allmächtigen zu nähern; als er dann das Ehrengeschenk erlangt hatte, den ruhmreichen Allmächtigen mit seinen Herzensaugen zu sehen, als er dieses göttliche anvertraute Gut, dieses göttliche Zeichen gewahrte, versank er in einen unbeschreiblichen geistigen Genuss. Dieser geistige Wein, der unseren erhabenen Propheten berauscht hatte, ist der Wein der Liebe und der Wahrheit.

Mevlana hat viele Gedichte über diesen geistigen Wein rezitiert, der die heiligen Gottesdiener in Versunkenheit brachte.

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Mevlanas Kampf und Askese

(von Şefik Can Efendi)

Mevlanas Weg war der Weg des Propheten Mohammed. Bei jeder seiner Handlungen nahm er ihn als Beispiel. Durch die starke Gottesliebe, die er spürte, lebte er ganz für das Gebet, für das Ziel Verwirklichung der Gebote und für die Askese.

In seinem Gedicht Nr. 1438 im Divan-i Kebir beschreibt er seinen Zustand so:

„Ich bin wie ein Verrückter, weil mein armes Herz, das seine Hände und Füsse verloren hat, keine Kraft mehr hat, gegen Seine Liebe Widerstand zu leisten. Tag und Nacht kaue ich an der Liebeskette, die mich gefesselt hält. Ich bin in Blut versunken. Ich habe Angst, dass wenn die Vision des Geliebten kommen sollte, während ich nicht wach bin, ich ihn mit Blut des Herzens bespritze. Frag die Feen über die Nächte, die dieser Liebende weinend, flehend und in Liebesfeuer verbrennend verbringt. In der Dunkelheit während ich hin und her wandere, berührt mein Fuss die Feen. Mein Herz, in tausend Stücke zerschmettert, brennt die ganze Nacht und wandert wie ein Stern am Himmel. Durch den Zauber des unbarmherzigen Geliebten verbringe ich schlaflose Nächte. Geliebter, lass mich durch deine Liebe ein Feuerkleid tragen wie die Sonne. Lass mich mit diesem Feuer die ganze Welt ausschmücken und erleuchten wie die Sonne….“

Mevlana weist in einem anderen Gedicht wiederholt auf diesen Zustand hin:

„Alle haben geschlafen, nur ich, der Verliebte, kann nicht schlafen. Die ganze Nacht zählen meine Augen die Sterne am Himmel. Deine Liebe hat den Schlaf meiner Augen entführt, so dass er nie wieder kommen wird. Mein Schlaf hat das Gift deiner Trennung getrunken und ist gestorben.“

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Mevlanas Moral und Charakter

(von Şefik Can Efendi)

Trotz seiner Gelehrsamkeit war Mevlana sehr demütig und einfach. Er benahm sich allen Menschen gegenüber sehr bescheiden, unabhängig ihres Ranges und ihrer Position. Er ordnete die Menschen nicht nach jung und alt, gläubig oder ungläubig. In Mevlanas Verhalten erkannte man nie Hochmut, Stolz oder Selbstgefälligkeit.

Wir sollten den Verse Nr. 1304 im Firuzanfer lesen und uns daran ein Beispiel nehmen:

„Sie haben meinen Turban, meine Robe und meinen Kopf, alles zusammen bewertet und einen Preis von weniger als einem Rappen gegeben. Hast du denn meinen Namen auf dieser Welt noch nie gehört? Ich bin ein Nichts, Nichts, Nichts.“

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Mevlanas äusseres und inneres Aussehen

(von Şefik Can Efendi)

Es gibt viele Fantasieprodukte wie Bilder, Porträts und Miniaturen von Mevlana. Man schreibt sogar über Maler, die seinerzeit Mevlanas Porträt gemalt haben sollen. Können wir uns aufgrund dieser Erzählungen und Bilder Mevlanas Physiognomie, sein äusseres Aussehen vorstellen?

Mevlana war anscheinend schlank, hatte eine blasse Gesichtsfarbe und einen zierlicher Körperbau. Trotz seiner blassen Gesichtsfarbe besass Mevlana ein gütig leuchtendes und majestätisches Äusseres.

Der segensreiche Heilige hatte sehr anziehende Augen. Diese waren feurig und scharf. Der Anblick seiner leuchtenden Augen war sehr beeindruckend. Wenn ihn jemand, der ihn nicht kannte, erblickte, wurde er sofort von seinem mächtigen Blick beeinflusst und wendete sich ab.

Das sind die äusseren Beschreibungen von Mevlana. Doch wie war seine innere Welt?

Mevlana spricht im Mesnevi, B. ll, Nr. 95:

„Wie kann ich mein eigenes Gesicht sehen? Was für eine Farbe habe ich wohl? Habe ich ein fleckenloses, reines Gesicht? Oder bin ich jemand mit schmutzigem und sündigem Gesicht? Wie kann ich das sehen?

So zappelte ich und wollte herausfinden, wie mein inneres Gesicht und mein Herz aussieht. Doch mein inneres Gesicht konnte ich an niemandem sehen, nichts konnte mir mich zeigen. Ich fragte mich, warum ist der Spiegel erfunden worden, was hat er für eine Funktion? Ist er nicht deswegen erfunden worden, damit sich jedermann im Spiegel sehen kann? Doch dieser Spiegel ist erfunden worden, um unseres Äusseres zu zeigen. Aber wo ist der Spiegel, der das Gesicht unseres Herzens zeigt? Wie sieht dieser Spiegel aus? Ein Herzensspiegel ist sehr teuer, er ist sehr wertvoll. Denn der Herzensspiegel kann lediglich das Gesicht des Geliebten sein. Das Gesicht des Geliebten, der unser inneres Aussehen, unser Herzensgesicht zeigt, ist nicht von dieser Welt. Es ist in der geistigen Welt.“

Diesen Heiligen, der durch seinen Vater, dem Sultan der Gelehrten, in geistlichem Wissen und guten Sitten aufgezogen worden ist und im Liebestiegel verbrannte, kann niemand verstehen und beschreiben, wie er es würdig ist. Er war ein grosses Wesen, das sich durch Gottesliebe von Hass, Abscheu, Bosheit, Egoismus und von allen menschlichen Wünschen befreit hatte. Er war ein edler Spender und Wohltäter auf der höchsten Stufe, ein Liebender und Wissender. Als er dann in das Meer der Liebe und Weisheit versank, befreite und löste er sich von Gegensätzen wie Gut und Schlecht.

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Das Besondere an Mevlanas Leben

Sefik Can berichtet: „Ich besitze viele Bücher in türkischer und in anderen Sprachen, die über Mevlanas Leben berichten. Doch in keinem dieser Bücher konnte ich Mevlana finden. In diesen Büchern sind Mevlanas Vater Sultanü’l-ulema, sein Scheich Seyyid Burhaneddin-i Tirmizî, Schems-i Tebrizi, der Goldschmied Selahaddin und Celebi Hüsameddin erwähnt, jedoch der Sultan unserer Herzen kommt darin nicht vor.

Wenn wir ein Buch aufschlagen über eine berühmte Persönlichkeit, die „einen angenehmen Klang auf dieser Welt“ hinterlassen hat, erfahren wir darin etwas über die Person: angefangen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod, was sie erlebt hat und welche Werke sie vollbracht hat. Alles über diese Persönlichkeit wird berichtet. Doch in Mevlanas Werken wird Mevlana selber nicht erwähnt. Wo ist Mevlana?

Mevlana hat sich im Herzen und im Leben derjenigen versteckt, die ihn lieben. Im Divan-i Kebir, dem Buch, das Tausende von Gedichten voll tiefer Bedeutung umfasst, und in einer sinnlichen Sprache verfasst ist, wie sie sonst keinem Dichter eigen ist, ist der Name Celaleddin-i Rumi als Dichter nicht zu finden. Auch hat er sein Werk Mesnevi-Sherif nicht unter seinem Namen herausgegeben, sondern es ist Celebi Hüsameddin gewidmet. Wie Mevlana seinen Namen in seinen Werken versteckt hat, so hat er auch sein Leben im Herzen derjenigen, die ihn lieben, versteckt.“