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Mevlanas Auswanderung aus der Stadt Balch

(von Şefik Can Efendi)

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Sultanü’l-ulema wegen Meinungs- und Glaubensverschiedenheiten aus Balch auswanderte. Denn in seinen Predigen hielt er sich nicht zurück und pflegte seine Meinung offen zu äussern. Er predigte: „Wer an philosophischen Gedankengängen hängen bleibt und den Verstand über alles schätzt, ist nicht auf dem Weg Mohammeds“. Es gab andere Gelehrte, die auf ihn neidisch waren und alles unternahmen, um seine Beziehung zum König zu stören. Um keine Unruhe zu stiften, entschied sich Sultanü’l-ulema für die Auswanderung.

Er nahm seine engsten Schüler, die Kalifen und seine Familie mit sich und verliess die Stadt Balch. Sie begaben sich von einer Stadt in die andere. Über Bagdad vollzogen sie die Pilgerfahrt (Hajj) und wanderten danach weiter nach Anatolien. In Aksehir, einer Provinzstadt von Erzincan, verbrachten sie den Winter. Und dort wurden sie vom Seldschukischen Herrscher Alaüddin Keykubat nach Konya eingeladen. Die Karawane hatte sich in verschiedenen Städten der heutigen Türkei vorübergehend niedergelassen, bevor sie schliesslich in Konya sesshaft wurde. Eine dieser Städte war Karaman, wo Sultanü’l-ulema mit seiner Karawane sieben Jahre gelebt hatte. In dieser Stadt heiratete Mevlana.

Noch bevor die Karawane der Auswanderer sich nach Anatolien aufmachte, machte sie Station in Nisabur. Als Feridüddin-i Attar hörte, dass Sultanü’l-ulema Nisabur mit seinem Besuch beehrte, begab er sich sofort dorthin, um ihn zu sehen, denn Feridüddin-i Attar und Sultanü’l-ulema gehörten beide zu den besten Schülern von Necmüddin-i Kübra und gehörten somit dem gleichen Kübreviyye Orden an. Man sagt, dass Feridüddin-i Attar die geistige Grösse von Dschelaleddin Muhammed geahnt habe und zu dessen Vater gesagt haben soll: „Ich glaube, dein Sohn wird eines Tages, in göttlicher Liebe verbrennend, Feuer in die Herzen verbreiten.“ Mit grosser Freude übergab er diesem jungen Mann, der das göttliche Geheimnis erfahren wird, sein Buch „Esrar-name“. Mevlana liebte dieses Buch über alles und bewahrte es stets bei sich auf. Später erzählte er im Mesnevi auch Geschichten aus dem Esrar-name, und im Divan-i Kebir finden sich ebenso Stellen, in denen er seiner Liebe zu Attar Ausdruck gibt.

Die Hochzeit Mevlana Celaleddins

(von Şefik Can Efendi)

Gevher Hatun, die Lieblingsschülerin von Sultanü’l-ulema und Tochter von Serefüddin Lala von Samarkand, war eine wunderschöne Frau. Sie überragte die anderen Frauen nicht nur ihrer einzigartigen Schönheit-, sondern auch ihres Charakters wegen. Bahaüddin Weled wollte diese wunderschöne Frau mit seinem jüngeren Sohn Dschelaleddin verheiraten. Als er seine Gedanken Serefüddin Lala mitteilte, war dieser überaus glücklich und meinte, diese Ehe sei für ihn eine Ehre und werde ihm Glück bringen. So heirateten diese zwei schönen, einzigartigen Menschen an einem Frühlingstag im Jahr 1225 in einer schlichten und einfachen Hochzeit.

Kurz nach der Hochzeit musste Sultanü’l-ulema für immer von seiner ehrenhaften Ehefrau Mümine Hatun Abschied nehmen. Dem Tod von Mümine Hatun folgte der Tod von Alaeddin Muhammed, Mevlanas älterem Bruder. Kurz darauf starb auch die Schwiegermutter Mevlanas, die Frau von Serefüddin Lala aus Samarkand. Nachdem Mevlana so drei Menschen, die ihm nahe standen, begraben hatte, schenkte ihm der Allmächtige zwei prächtige Söhne. Sein Vater Sultanü’l-ulema und Mevlana waren sehr erfreut über diese Gnade und Huld Gottes.

Mevlana gab seinem ersten Sohn den Namen seines Vaters „Sultan Weled“ und dem zweiten Jungen den Namen seines Bruders „Alaeddin Celebi“.

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Sultanü’l-ulema der Vater Mevlanas lässt sich in Konya nieder

(von Şefik Can Efendi)

Nach dem Verlauf von sieben Jahren, im Frühling 1229, liess Sultanü’l-ulema mitsamt seiner Karawane die Bewohner Karamans in Tränen zurück, um sich nach Konya aufzumachen. Er hatte die Einladung des Seldschuken-Herrschers Alaeddin Keykubad angenommen, weil er davon ausging, in einer Stadt wie Konya, der Hauptstadt des Seldschuken-Reiches, wo sich alle Gelehrten zu versammeln pflegten, nützlicher zu sein als in irgend einer anderen Stadt.

Die kleine Karawane, die vor vielen Jahren aus der Stadt Balch aufgebrochen- und von einer Stadt in die andere gezogen war, sich jedoch nirgendwo fest niederlassen konnte, wollte nun in Konya sesshaft werden. Dort wollte der grosse Gelehrte sich nun der Unterrichtung der Theologie widmen.

Der Sultan Alaeddin Keykubat persönlich wie auch die ganze Stadt Konya waren aufgeregt über die Tatsache, einen solch bedeutenden Gelehrten empfangen zu dürfen. Der Sultan höchstpersönlich ritt mit seiner Truppe dem Sultanü’l-ulema entgegen. Als er ihn von weitem erblickte, stieg er aus Höflichkeit von seinem Pferd und lief auf ihn zu, um ihn im Namen seiner Stadt mit grösster Freude willkommen zu heissen.

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Der Tod von Mevlanas Vater Sultanü’l-ulema

(von Şefik Can Efendi)

Sultanü’l-ulema war 85 Jahre alt. Seit seiner Ankunft in Konya waren zwei Jahre vergangen. Im Winter 1231 wurde er plötzlich krank. Am dritten Tag seiner Krankheit schloss er für immer seine Augen. Er wurde unter Anteilnahme einer grossen Menschenmenge am nächsten Tag unter der Leitung von Sultan Alaeddin Keykubad begraben.

Mevlana, der seinen Vater verloren hatte, fühlte sich im Innern leer – er hatte nicht nur einen Vater verloren, sondern auch einen Scheich, einen Lehrer und Herzensfreund, der die Erkenntnis und Tugend symbolisierte und ein Insan-i Kamil, ein vollkommener Mensch, war! Die Schüler seines Vaters sahen nun ihn als Nachfolger, als ihren Scheich und Pir. Er selbst jedoch konnte sich nicht an der Stelle seines Vaters sehen; und er spürte, dass ihm die geistige Führung fehlte.

Ein Jahr nach Sultanü’l-ulema’s Tod kam einer seiner Schüler, Seyyid Burhaneddin Muhakkik, nach Konya, um seinen Lehrer zu besuchen. Er erfuhr, dass sein Scheich vor einem Jahr gestorben war und nun dessen Sohn seine Aufgabe übernommen hatte.

Bis zu dieser Zeit hatte Mevlana sich mit den „äusseren Wissenschaften“ befasst. Doch durch Seyyid Burhaneddin wurde er jetzt in die visionären Werke seines Vaters eingeweiht und erfuhr die Geheimnisse des mystischen Pfades. So wurde Seyyid Burhaneddin Mevlanas Lehrer und ordnete für ihn eine vierzigtägige Klausur an. Ebenso auf Empfehlung dieses Lehrers begab sich Mevlana später für einige Jahre nach Syrien, um sein geistiges Wissen zu vertiefen.

Um 1240 verliess Seyyid Burhaneddin Konya und ging nach Kayseri. Nach einem Jahr starb er dort. Nach dem Tod seines Lehrers begann Mevlana, in Konya dessen Aufgabe weiterzuführen und begleitete seine Schüler auf dem mystischen Weg.

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Begegnung Mevlanas mit Schems-i Tebrizi

(von Şefik Can Efendi)

„Schamseddin von Täbriz“ bedeutet „Die Sonne des Glaubens“. Mevlana traf Schems-i Tebrizi, der sein Leben für immer verändern sollte, Ende Oktober 1244. Es existieren verschiedene Legenden darüber, wie sich die beiden Gottesdiener begegnet sein sollten. Sefik Can schreibt in seinem Buch, wie es von Sipehsalar berichtet wird (nach der Übersetzung von Midhat Bahari, S. 168):

Schems-i Tebrizi kam in der Nacht in Konya an. Er begab sich zum Gasthaus Princiler. Da stand vor dem Eingang eine schön dekorierte Polsterbank, auf der wichtige Personen Platz zu nehmen pflegten. Auch Schems hatte sich an diesem Morgen auf dieses Sofa gesetzt. Durch das Licht der Heiligen wurde Mevlana klar, dass Schems gekommen war. Er trat aus seinem segensreichen Haus und schreitete in Richtung des Gasthauses. Auf seinem Weg rückten Leute näher zu ihm und wollten ihm die Hand küssen. Mevlana erwiderte ihnen seinen Dank, indem er ihre Köpfe streichelte und ihnen Herzensfreude schenkte… In diesem Moment wurde er vom Blick von Schems-i Tebrizi getroffen! – Mevlana wusste sofort, dass die heilige Person, über die man ihn in seinem Traum unterrichtet hatte, diese Person sein musste. Er sagte nichts und setzte sich Schems gegenüber auf das Sofa. Für eine Weile schwiegen sie, dann begannen sie zu reden.

Shems:

„Ist Mohammed – Friede sei mit ihm – oder Bayezid grösser?“

Mevlana:

„Was ist das für eine Frage, natürlich ist Mohammed – Friede sei mit ihm – grösser.“

Schems:

„Gut, aber Mohammed – Friede sei mit ihm – sagte: ‚Manchmal verschleiert sich mein Herz. Deshalb suche ich Zuflucht bei meinem Herrn und bitte Ihn siebzig mal um Vergebung.‘ Doch Bayezid sagte: ‚Ich halte mich fern von den unvollständigen Attributen. Mein Geschöpf, was für ein grosses Ereignis ist diese Erscheinung. In der Robe, die ich trage ist nichts als Allah.‘ „

Mevlana:

„Mohammed – Friede sei mit ihm – erlebte täglich siebzig geistige Stufen. Bei jeder neuen Stufe und jedem neuen Rang, den er erreichte, schämte er sich über seinen vorherigen Zustand und bat Gott seiner Unwissenheit wegen um Verzeihung. Bayazid jedoch war bei der ersten geistigen Stufe, die er erreicht hatte, so verwirrt und ausser sich, dass er solche Äusserungen von sich gab.“

Nach diesem Gespräch haben sich die beiden grossen Gottesdiener die Hände gedrückt und sich umarmt. So entzündete sich eine Flamme in den Herzen der beiden mit einer solchen Intensität, dass sie alles um sich herum vergassen und sich sechs Monate lang in der Zelle Dschelaleddins Zerkubi, des Goldschmieds in Abgeschiedenheit unterhielten. Schon nur indem Mevlana ins Gesicht von Schems blickte, wurden ihm Geheimnisse offenbart. Er sah Dinge, die er sonst nicht sehen konnte. Er hörte Sachen, die sonst niemand hören konnte. Ja, der Schatten Mevlanas war im göttlichen Licht des Gesicht von Schems verschwunden. Die beiden waren durch diese Nähe, diese Freundschaft und Göttliche Liebe, die sie füreinander empfanden, gleichsam ineinander verschmolzen und aufgelöst.

Die Leute von Konya jedoch waren nun neidisch über diese Verbundenheit, diese Freundschaft, Begeisterung und Liebe, die Mevlana und Schems füreinander empfanden. Und Schems fühlte, dass die Gefühle der Leute von Konya ihm gegenüber zunehmend feindlicher wurden, und so verliess er, ehe es zu Unannehmlichkeiten kam, im Februar 1246 die Stadt.

Mevlana war sehr traurig und untröstlich über diese Trennung. Nach langem Warten erhielt Mevlana endlich einen Brief von Schems aus Syrien. Daraufhin schickte er seinen Sohn Sultan Weled mit Gold und Silber versehen und in Begleitung von zwanzig Männern nach Syrien, um Schems zurückzuholen.

So kam Schems am 8. Mai 1247 wieder  nach Konya zurück. Als Schems Mevlana erblickte, stieg er von seinem Pferde… Sie umarmten sich – und die geistigen Meere vereinten sich wieder.

Doch es dauerte nicht lange und die feindlichen Gefühle gegenüber Schems kamen wieder auf. In der Zwischenzeit hatte Schems Kimya geheiratet, eine wunderschöne Frau, die er sehr liebte. Mit ihr lebte er in einem kleinen Raum innerhalb von Mevlanas Haus. Alaeddin Celebi, Mevlanas zweiter Sohn, pflegte diesen Raum zu durchqueren, wenn er seinen Vater besuchen wollte. Eines Tages bat ihn Schems nun, diesen Raum nur mehr mit Anstand und Respekt zu betreten. Darauf wurde der Hass, den Alaeddin Celebi seit längerem dem Freund seines Vater gegenüber hegte, noch grösser. Kurze Zeit nach der Hochzeit verstarb Kimya und wenig später verschwand auch Schems und kehrte nie mehr zurück. Man sagt, an seinem Verschwinden sei auch Mevlanas jüngerer Sohn beteiligt gewesen.

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Mevlanas Zustand nach dem Verschwinden von Schems

(von Şefik Can Efendi)

Sultan Weled beschreibt im Ibtidaname den Zustand seines Vaters: „Nach der Trennung war der Scheich wie ein Verrückter. Er hatte früher Gesetze der Scharia gepredigt – nun ist er ein in Liebe versunkener Dichter geworden. Er war ein Frommer – nun ist er ein betrunkener Kneipenwirt. Doch er ist nicht betrunken vom Wein der Trauben – er ist derjenige, der dem Licht Gottes angehört, der nichts anderes trinkt als den Wein des Göttlichen Lichts.“ Tag und Nacht sang und rezitierte Mevlana Gedicht um Gedicht, drehte sich unermüdlich im Sema, weinte und flehte um Hilfe. Er verfolgte die Gerüchte, dass Schems in Syrien gesehen worden sei, und reiste zweimal nach Syrien. Nach langem Suchen gab er endlich seine Hoffnung auf. Er wusste nun, dass er seinen Geliebten nirgendwo anders finden würde als in seinem eigenen Herzen. Sie waren Spiegel füreinander. Der Liebende und der Geliebte hatten sich im Herzen für immer vereint. So wurden seine Gedichte zum Ausdruck seiner Liebe und Sehnsucht.

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Mevlana schenkt dem Goldschmied Selahaddin seine Liebe

(von Şefik Can Efendi)

Nach Schems wurde der Goldschmied Selahaddin der Herzensfreund und – spiegel von Mevlana. Um die Beziehung zu festigen, verheiratete er seinen Sohn Sultan Weled mit der Tochter von Selahaddin. Wie Sultan Weled im Ibtidaname schreibt, habe sein Vater mit Scheich Selahaddin zehn wunderschöne, geistig fruchtbare Jahre verbracht, wodurch auch die Bewohner von Konya viel lernen und gewinnen konnten. Scheich Selahaddin starb am 29. Dezember 1258.

Mevlana war durch die äussere Trennung von seinem geliebten Freund sehr betroffen und verabschiedete sich von ihm mit einem Gedicht:

„Oh du geliebter Freund,
Über dessen Fortgang Himmel und Erde weinen –
Durch deine Trennung blieb mein Herz im Blut zurück,
So haben auch meine Seele und mein Verstand geweint.“

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Hüsameddin Celebi schreibt das Mesnevi nieder

(von Şefik Can Efendi)

Nach der Trennung vom Goldschmied Selahaddin schenkte Mevlana seine Liebe seinem Schüler und Kalifen Hüsameddin Celebi. Hüsameddin war ein sehr grosszügiger Gottliebender, der alles, was er besass, Mevlana schenkte. Doch so wie er sich Mevlana verbunden fühlte und ihn von ganzem Herzen liebte, so liebte auch Mevlana ihn. An Einladungen konnte er sich unmöglich erfreuen, wenn Hüsameddin nicht zugegen war. Mevlana gab alles, was er als Geschenk erhielt, unberührt an Hüsameddin weiter, der es seinerseits an Bedürftige weiterschenkte. Mevlana schenkte Hüsameddin grosses Vertrauen, denn er wusste, wie grosszügig und barmherzig dieser gegenüber den Armen war.

Eines Abends, als Hüsameddin Mevlana allein vorfand, bat er ihn um die Lektüren von Sena, Attar und anderen, damit sich die Derwische, die sich auf den mystischen Pfad begeben hatten, an diesen Geschichten orientieren könnten. Mevlana rezitierte auf diese Bitte hin sogleich die berühmten achtzehn Verse, deren erster folgender berühmter Vierzeiler ist:

„Hör auf die Flöte, was sie erzählt,
Und wie sie klagt, über Trennung und spricht…
Sie sucht ein Herz, von Einsamkeit gequält,
Um vom Schmerz der Sehnsucht zu erzählen…“

Mevlana sprach: „Wenn du schreibst, Celebi, werde ich diktieren.“ Nachdem sie sich einmal entschieden hatten, waren sie Tag und Nacht unentwegt mit dem Schreiben des Mesnevi beschäftigt. Besonders in der Stille der Nacht, wenn alle schliefen, wurde Mevlana inspiriert und Hüsameddin schrieb es nieder, was seinem geliebten Meister zugeteilt worden war. Es war so, als hätte der Allmächtige Hüsameddin Celebi eigens für das Schreiben dieses gesegneten Werkes geschaffen! Und Mevlana war bereit, dieses zu diktieren und Vers um Vers zu rezitieren. So entstand nach und nach dieses wunderschöne, unvergleichliche Werk aus sechs Bänden.

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Mevlana zieht von der vergänglichen Welt

Sefik Can schreibt in seinem Buch: „Ich hatte nicht den Mut, Ausdrücke wie ‚Tod‘ oder ‚vereinte sich mit dem Gott‘ als Titel zu nehmen, denn Mevlana hatte die Hadith ‚Sterben vor dem Sterben‘ schon erfüllt. Er hatte sich bereits in dieser vergänglichen Welt mit dem Allmächtigen vereint. Das segensreiche, gnädige Leben unseres Sultanü’l-Ashik, dem Sultan der Liebe, ging dem Ende entgegen, wie dies für jeden von uns Vergänglichen auf dieser Erde unvermeidlich ist.“

(von Şefik Can Efendi)

Das Mesnevi wurde fertig geschrieben – und Mevlana war müde. Die Kindheit mit seinem Vater Sultanü’l-ulema, dem Sultan der Gelehrten, die Jahre der Wanderschaft in materieller und seelischer Not, die Ausbildungsjahre in Sam und Haleb, getrennt von seiner Familie, dann der Verlust seiner Mutter, seines Vaters und seines sehr geliebten Scheichs Seyyid Burhaneddin hatten ihn erschöpft. Zu alledem hatte er seine Herzensfreunde Schems und Selahaddin verloren. Dazu kamen die Respektlosig-keiten eines eigenen Sohnes Alaeddin Celebi, sowie die Vorwürfe gewisser Leute, üble Gerüchte… nebst seinen viel Ausdauer verlangenden Aufgaben und Tätigkeiten: all das hatte Mevlana ermüdet. Seine letzten Tage verbrachte er sehr nachdenklich. Ja, dieser grosse Pir vergrub sich gleichsam in sich selbst – und fand am Ende so die unendliche innere Ruhe, die er sich immer ersehnt hatte, in seinem eigenen Herzen.

Die Ärzte konnten seine Krankheit nicht richtig diagnostizieren; sein gesegneter Körper schien in Sehnsucht zu verbrennen. Während er krank in seinem Bett lag, bebte sieben Tage und Nächte lang die Erde. Beim siebten Erdbeben kamen die Einwohner von Furcht und Angst ergriffen zu Mevlana und baten ihn, für sie zu beten. Mevlana sagte mit einem leisen Lächeln: „Habt keine Angst, die arme Erde ist hungrig und wünscht sich einen fetten Brocken. Man soll ihr das gewähren.“

Am Samstag, dem 16. Dezember 1273, ging es ihm etwas besser. Bis gegen den Abend hatte er sich mit Besuchern unterhalten. Jedes seiner Worte jedoch war so betont, wie wenn er seinen letzten Willen aussprechen würde. Am Sonntag, dem 17. Dezember 1273, als die Sonne unterging, ging auch Mevlana, die Seelensonne, in die heilige Welt über. Somit schloss Mevlana in Konya, wo er während vierundvierzig Jahren gewirkt hatte, seine Augen für die vergängliche Welt.

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Trauerzug

(von Şefik Can Efendi)

Am Sonntag Morgen wurde sein Sarg herausgetragen. Die ganze Stadt Konya, Jung und Alt, waren am Trauerzug anwesend. Weil Mevlana, der grosse Heilige, jedem Gutes getan und Segen gewünscht hatte, weil er stets den Frieden geliebt hatte und sich sehr weitherzig gezeigt hatte, wurde er nicht nur von Muslimen, sondern auch von Juden und Christen in Tränen verabschiedet. Auf der Hauptstrasse war ein dichtes Gedränge von der Menschenmasse – und jeder wollte den Sarg berühren. So kam der Sarg erst am Abend an dem Ort der Beisetzung an, wo das Gebet für Mevlanas Seelenheil gesprochen werden sollte.

Mevlanas letzter Wille lautete, dass Sadreddin Konevi dieses Gebet verrichten solle. Doch als dieser sich anschickte zu beten, fing er zu weinen an und fiel ohnmächtig zu Boden. Als man ihn nach dem Grund seines Schluchzens fragte, sagte er: „Als ich mich vor den Sarg hinstellte, um das Gebet zu verrichten, sah ich Engel, die sich in einer Reihe vor dem Sarg aufgestellt hatten. Ihre Majestät und Schönheit aber habe ich nicht ertragen können“.

Nach dem Gebet wurde Mevlana neben dem Grab seines Vaters Sultanu’l-ulema und Selahaddin Zerkubi begraben. Die Stadt Konya erlebte einen traurigen Abend. Mevlanas weltliches Sein hatte sich von unseren Augen zurückgezogen, doch sein geistliches Sein blieb in den Herzen der Gläubigen zurück und wird immerfort dort bleiben. Er kannte diese Tatsache und hatte deshalb die Worte gesprochen: „Sucht nach unserem Tod unsere Gräber nicht auf dieser Erde. Unsere Grabstätten befinden sich in den Herzen der Gläubigen“.

Mevlanas heiliges Grab ist neben dem seines Vaters – doch der Sultan der Gelehrten und Gläubigen und der Sultan der Liebe leben in jedem Haus, inmitten jeder Gesellschaft und in jedem Herzen weiter, die sich ihrer erinnern. So hat sich Mevlana zwar vor den Augen versteckt, in den Herzen aber niedergelassen.

Mevlanas Grab
Mevlanas Grab