Mevlanas Biographie

(aus der Webseite unserer Partner in Deutschland)

 

Was macht es aus, dass dieser islamische Dichter und Mystiker bei uns so beliebt ist? Warum befasst sich sogar die UNESCO mit ihm. Das Jahr 2007 hatte die UNESCO zum Jahr von Hz. Mevlana erklärt. Das Ritual der Mevlevi-Derwische, jenes Derwischordens, der ja auf ihn zurückgeht, wurde unter den Schutz der UNESCO gestellt und zum „geistigen und kulturellen Meisterwerk der Weltkultur“ erklärt.

Hz. Mevlanas literarisches Werk führt seit Jahren jetzt schon die Bestsellerlisten in den USA an. Es ist ein unglaubliches Phänomen, dass ein islamischer Gelehrter des 13. Jh. die Bestsellerlisten anführt, wo umgekehrt zum Krieg der Kulturen aufgerufen wird.

Bei uns hier ist Hz. Mevlana mehr unter dem Namen „Rumi“ bekannt. Der Name „Rumi“ heißt soviel wie „der Römer“. Diesen Beinamen bekam er, weil er in Anatolien lebte. Dieses Gebiet gehörte damals bis kurz vor seinem Wirken in Konya zum byzantinischen, also „römischen“ Reich.

Hz. Mevlana Rumi wurde vor ca. 800 Jahren, wahrscheinlich am 30. Sept.1207, in der Stadt Balch im heutigen Afghanistan geboren. Damals war dies in der persischen Provinz Khorassan. Dieses Khorassan war in dieser Zeit eine sehr bedeutende Region in der islamischen Kultur, aus der gewaltige geistige Impulse kamen. Viele der damaligen führenden großen Sufis kamen aus dieser Gegend und viele Wissenschaftler und Philosophen. Man denke z.B. an Bahauddin Naqschsband, einen der großen Väter des nach ihm benannten Naqsbandi-Ordens, oder an Hadschi Bektasch Veli, den Pir und Begründer des gleichnamigen Derwischordens oder z.B. an Avicenna, welcher als Vater der heutigen Medizin gilt. Aber genau diese Blüte der damaligen Kultur wurde zugleich von einem schier übermächtigen Feind bedroht. Dschingis Khans Reiterhorden näherten sich unaufhaltsam auch diesem Gebiet und legten alles, was sich nicht bedingungslos unterwarf in Schutt und Asche. Genau in dieser Zeit wuchs der junge Hz. Mevlana auf.

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Die Wichtigkeit unseres Kummers

Mevlanas Ansichten über die Wichtigkeit unseres Kummers
(Şefik Can Efendi)

Es gibt viele Poeten und Philosophen, die von Kummer und Leid erzählen, die die Freude ableugnen und das Glück als eine Einbildung verstehen. Andere sehen den Kummer als etwas Natürliches. Mevlana betrachtet Kummer aus einer anderen Perspektive.

„Es gibt nichts Gesegneteres und Kräftigenderes als Kummer“. Er sieht den Kummer und die Sorgen nicht als ein Unglück, sondern versteht sie als ein geistiges Geschenk. Im Mesnevi sowie im Divan-i Kebir und in seinen anderen Werken beschreibt er gelegentlich, dass der Kummer ein Mittel zur Verwirklichung des Menschen ist, manchmal aber auch eine Prüfung darstellt. Eine Feinheit betreffend der Ansicht Mevlanas über den Kummer gilt es zu beachten: Mevlana sieht den Kummer nicht einfach als Schicksal, das heisst, dass man Leiden und Schwierigkeiten erdulden müsse, ohne sich zu beschweren, um damit später die süssen Früchte der bitteren Geduld ernten zu können. Die Essenz der Ansicht Mevlanas besteht vielmehr darin, den Kummer und die Sorgen zu lieben, statt diese einfach zu ertragen ohne sich darüber zu beklagen. Denn es ist eine religiöse Pflicht, Gottes Ratschluss zu akzeptieren und die Folgen unserer selbstsüchtigen Handlungen zu ertragen. Sagt Gott nicht im Koran: „Allah ist mit den Geduldigen“. Auch unser Prophet hat eine frohe Botschaft für die geduldigen Gläubigen. Er sagt, dass Allah den Kummer denjenigen Menschen beschert, die er liebt. Den grössten Anteil an Leid hatten die Propheten zu erdulden, gefolgt von den Heiligen und schliesslich den auserwählten Geschöpfen Gottes. Er sagte auch: „Geduld ist halber Glaube; Geduld und Erdulden von Leid und Unheil sind Gottesdienst“. Das heisst, der Gläubige, der Kummer erduldet, ist ein von Gott geliebtes Geschöpf. Müsste der Mensch, der diese frohe Botschaft gehört hat, statt sich über den Kummen zu beklagen, diesen in Stille erdulden und lächeln, obwohl er innerlich voller Kummer ist? Nein, Mevlana erklärt, dass der Kummer eigentlich kein Kummer, sondern ein in Kummer verhülltes Gottesgeschenk, ein Glück ist. Deshalb empfiehlt er, den Kummer zu lieben, statt ihn nur auszuhalten und zu erdulden.

Mevlana beschreibt im Mesnevi, B. V, Nr. 3678: „Der Kummer und die Gedanken, die jeden Tag ins Herz kommen, sind wie Gäste, die früh am Morgen an unsere Tür klopfen. Der Gast ist verwöhnt, verhält sich launisch gegenüber dem Gastgeber und beherrscht ihn. Doch die Ehre, ein Gastgeber zu sein, heisst, sein Benehmen zu erdulden und gastfreundlich zu sein.“

„In jedem Moment kommt ein Gedanke und ein Kummer in dein Herz und lässt sich nieder wie ein Ehrengast. Oh mein lieber Meister, betrachte den Gedanken, der ins Herz kommt als einen Menschen. Denn der Wert des Menschen sind seine Gedanken und seine Seele. Sei nicht traurig, wenn Gedanken des Kummers den Weg des Glücks abschneiden. Denn der Kummer, welcher ins Herz kommt, bereitet dir andere Glückseligkeiten. Der Kummer reinigt das Herzenshaus gründlich, damit neue Fröhlichkeit und Glück ins Haus kommen. Er reisst die gelben, trockenen Blätter am Ast des Herzens weg und hilft somit, dass neue grüne Blätter wachsen. Der Kummer reisst die Wurzeln des alten Glücks aus, damit neues Glück von weither kommt. Um der neuen Wurzel, die mit Ästen und Blättern verdeckt ist, Kraft zu schenken, vertilgt der Kummer die verrotteten alten Wurzeln und reisst sie weg.“

Was immer der Kummer vom Herzen wegreisst, er wird etwas Besseres und Schöneres dafür bringen. Besondere Güte zeigt er denjenigen, die wissen, dass Kummer ein Diener der reifen und gläubigen Menschen ist.

Wenn die Wolke und der Blitz nicht ihr mürrisches und saures Gesicht zeigten, würden die Weinberge durch die Hitze der Sonne verbrannt und vernichtet werden.

Glück, Unglück, Fröhlichkeit und Traurigkeit kommen von Zeit zu Zeit in das Menschenherz zu Gast. Danach gehen sie wieder. Sie sind wie die Sterne, sie gehen von Haus zu Haus, von einem Tierkreiszeichen zum anderen. Wenn der Stern des Glücks zu deinem Tierkreiszeichen kommt, bei deinem Tierkreis zu Gast weilt, dann nimm seinen süssen Zustand an wie der Glücksstern selbst, sei lebendig und gewandt. Benimm dich so, dass dein Schicksalsstern dem Mond der Wahrheit, dem Sultan der Herzen Lobpreis und Zufriedenheit überbringen kann, wenn er dort ankommt.

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Musik und Sema

Mevlanas Ansichten über Musik und Sema
(von Şefik Can Efendi)

Hören wir Mevlanas Ansichten über Musik und Sema von seinem eigenen gesegneten Mund:
„Weise Menschen haben gesagt: Diese wunderschönen Töne, diese Melodie haben wir vom Himmel genommen. Die Musikinstrumente, die das Volk spielt und die lieblichen Lieder, die es singt, entspringen der Drehung der Himmelssphären. Wir waren alle Teile Adams. Wir haben diese Melodien im Paradies gehört. Doch dieses Schlüpfen in den Körperkäfig aus Wasser und Erde und dieses Verwickeltsein in den Lehm, hat unsere Seele verwirrt und verzweifelt gemacht. Aber auch wenn es nur wenig ist, erinnern wir uns doch an diese Melodien. Und genau deswegen ist das Sema die Nahrung für die Liebenden. Weil im Sema die Vorstellung der Herzenszufriedenheit, der Gottesnähe und des Findens des Geliebten liegt. Während wir diesen wunderschönen Tönen zuhören, werden unsere Vorstellungen im Herzen verstärkt, die Vorstellungen nehmen sogar durch diese Melodien und durch das Strömen der Luft durchs Instrument Form an.“

Ja, wie Mevlana sagte, hört man in der Musik Stimmen vom Jenseits. Denn wenn wir die Musik hören, erwacht etwas in unseren Herzen. Wunderschöne Stimmen und Melodien tragen uns von uns weg. Wir vergessen uns. Es ist, wie wenn wir in eine geheimnisvolle und mysteriöse Welt eintreten würden, von der wir nichts wissen und die wir nicht verstehen können. Es ist so wie wenn wir aus diesem Körperkäfig befreit- und mit den Flügeln gegen Himmel flattern würden, um uns zu reinigen. Wir werden ein ganz anderes Wesen. Jemand, der vom ewigen Geliebten getrennt wurde und Sehnsucht empfindet, der den Hunger des Fremdseins auf der Erde spürt, weint in uns. Was ist das Sema, das Mevlana als Nahrung für die Liebenden beschreibt?

Der Begriff „Sema“ bedeutet, der Musik zuzuhören, während dem Zuhören aufgeregt in Bewegung zu kommen, aber auch in Ekstase zu versinken, aufzuwachen und zu drehen. Gemäss den Sufis hat das Sema auf die Menschenseele verschiedene Wirkungen. Es stärkt die Liebe gegenüber Allah und lässt den Menschen verschiedene geistige Zustände erfahren. Diese geistigen Zustände vertreiben das Böse und öffnen schliesslich die Augen des Herzens. In gewisser Weise ist das Sema der Ausdruck der Liebe und der Aufregung des Gottliebenden  in drehender Form. In diesem Sinne befreit das Sema den Derwisch von sich selbst, von seiner irdischen Existenz und bringt ihn näher zu Gott. Es ist, als würde das Küken im Ei des Egos versuchen, durch die Eierschale auszuschlüpfen. Der Seelenvogel, gefangen im Körperkäfig, flattert- und steigt auf in den Himmel. Das göttlich Anvertraute sitzt im Lehm fest und versucht, sich vom Lehm zu lösen. Das Sema ist ein Mittel, um über die Musik Gott im Herzen zu finden, in Aufregung zu geraten und sich wie ein Nachtschmetterling zu drehen. Diese Drehung ist nicht nur eine Drehung des Körpers. Es ist eine Drehung mit dem Herzen, mit der Seele, mit der Liebe, mit dem Glauben, mit der ganzen physischen und der geistigen Existenz. Bei dieser Drehung befreit der Gottliebende sich von der eingebildeten Existenz und löst sich auf in Allah. Die Auflösung eines Teils im Ganzen ist wie das Atom, das sich drehend zitternd der Sonne nähert. Ein echter Semazen, der sein Herz von schmutzigen Wünschen gereinigt hat, die Waschung vollzogen- und sich in das Leichentuch gewickelt hat, ist nicht mehr sich selbst, wenn er im Takt der Melodie dreht. Diejenigen, die ausserhalb des Sema sind, sehen die Semazens drehen, doch sie wissen nicht, dass die Semazens nicht dort sind.

Damit das Sema Rechtens ist und angenommen wird, sollte man gemäss Necmeddin-i Kübra auf drei Grundregeln achten:

Zum Ort: Das Sema kann nicht überall stattfinden. Es ist nicht angebracht, ein Sema zu an einer viel befahrenen Strasse-, an einem schmutzigen Ort oder an einem Ort, wo das Herz anderweitig als mit Allah beschäftigt ist, zu veranstalten.

Zur Zeit: Das Sema kann nicht jederzeit  abgehalten werden. Es ist nicht angebracht ein Sema auszuüben, wenn das Essen vorbereitet ist, wenn die Zeit für das Beten naht oder wenn man unter dem Druck eines feindlichen Benehmens steht.

Zur Begleitung: Es ist angesagt, dass die Anwesenden beim Sema mit edlem Geist, mit sauberem Herzen und sauberen Gedanken – wie die Nachkommen des Propheten – sein sollten. Ein Sema sollte nicht in Anwesenheit von Menschen gemacht werden, die gegen das Sema sind oder die die Veranstaltung bedrücken, die eingebildet oder unaufrichtig sind oder nur vorspielen, Sufis zu sein. Es sollte nicht vor Menschen gemacht werden, die das Sema nicht zu schätzen wissen.

Wenn man diese Grundlagen nicht beachtet, kann das Sema nicht den erwarteten geistigen Genuss bereiten.

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Das Ungenügend-Sein des Verstandes

Mevlanas Ansichten über das Ungenügend-Sein des Verstandes
(von Şefik Can Efendi)

Der ungenügende Verstand

Den Menschenverstand, welcher fähig ist zu denken, wahrzunehmen und zu verstehen, untersucht Mevlana von zwei Seiten:
Gemäss Mevlana ist der Verstand für den Menschen ein Vermögen, welches sehr wertvoll, gleichzeitig aber auch unnütz ist. Diese Sicht untersucht er in zwei Stufen. In der ersten Stufe unterscheidet der Verstand den Menschen von den Tieren; er erlaubt dem Menschen, Mensch zu sein, er ist sehr wertvoll und ein göttliches Geschenk. Der Mensch kann sein niederes Selbst mit dem Verstand besiegen, sich von den niederen Wünschen reinigen und ein höheres Sein erreichen. Der Verstand ist ein Gotteslicht im Herzen, durch ihn können wir die Wahrheit und die Falschheit erkennen.

Unser Prophet sagte: „Der Unwissende ist unser Feind, er ist ein Bandit, der unseren Weg abschneidet. Doch der Gescheite ist unser teuer Freund wie die Seele. Der kühle Wind, der von ihm kommt, bringt uns wohlriechenden Duft. Auch wenn der Verstand verrückt auf mich ist und zu fluchen anfängt, bin ich trotzdem zufrieden und lehne mich nicht gegen ihn auf, weil er mir Segen gibt – er besitzt den Segen von dem, der mich erschaffen hat. Sein Fluchen und mich Beschimpfen kann nicht umsonst sein. Er kommt nie mit leeren Händen zu Besuch. Doch wenn der Dummkopf mir Helva (Süssigkeit) in den Mund gibt, bekomme ich davon Fieber und werde krank.“
(Mesnevi, B lV, Nr. 1947).

„Wenn der Verstand sein Angesicht in sichtbarer Form zeigte, wäre sogar der Tag im Vergleich zu seinem Licht dunkel. Und wenn die Dummheit sichtbar wäre, wäre die Dunkelheit der Nacht im Vergleich dazu strahlend hell.“
(Mesnevi, B lV, Nr. 2181)

Je höher der Rang ist, den Mevlana dem Verstand einräumt, um so niedriger ist die Stellung, die er der Dummheit beimisst: „Die Risse der Dummheit und des Unwissens können nicht gestopft werden. Oh Ratgeber, bemühe dich nicht umsonst und streue die Saat der Weisheit nicht nutzlos.“

Die Flucht vor den Dummen

Mevlana erzählt im Mesnevi, Band III, Nr. 2570, wie Jesus (Friede sei mit ihm) vor den Dummen floh:

„Jesus, Marias Sohn, lief auf die Berge zu, wie wenn er von einem Löwen, der sein Blut vergiessen wollte, verfolgt würde. Jemand rannte hinter ihm her und sagte: „Niemand ist hinter dir her, warum fliehst du wie ein Vogel?“ Jesus lief so eilig weiter, dass er nicht antworten konnte. Der Mann lief eine Weile hinter Jesus her und rief ihm wieder zu: „Um Gottes Wohlgefallen willen, halte doch einen Augenblick an. Ich wundere mich, weshalb und vor wem du fliehst.“ Jesus sagte: „Ich fliehe vor dem Dummen. Halte mich nicht auf, so dass ich mich retten kann.“ Der Mann sagte: „Bist du nicht der Messias, der die Blinden und die Tauben heilt?“ Jesus antwortete: „Ja, der bin ich.“ Der Mann fragte wieder: „Du bist doch der, der wenn er einen toten Mann anspricht, derjenige aufspringt wie ein Löwe, der Beute gefangen hat?“ Jesus sagte: „Ja, der bin ich.“ Darauf sagte der Mann: „Oh, reine Seele, die so viele Wunder vollbringen kann. Vor wem hast du Angst?“ Jesus sagte: „Ich sprach den Höchsten Namen über den Blinden, seine Augen öffneten sich. Ich sprach es zum Tauben, seine Ohren hörten wieder. Ich sprach es zum Berg, der wie ein Felsen war, er wurde gespalten. Ich habe es dem Toten gelesen, er wurde lebendig. Doch ich habe es hunderttausend Mal dem dummen Mann vorgelesen, es hat nichts genützt.“

Nachdem Mevlana die Vernunft in verschiedenen Beispielen als ein grosses Gottesgeschenk erläutert hatte, machte er auch Vergleiche, um uns zu zeigen, dass die Vernunft uns auf dem Weg Gottes, auf dem Weg der Liebe nicht weiterbringt. Er verglich die Vernunft mit Gabriel (Friede sei mit ihm) und sagte:

„Als unser Prophet in Begleitung von Gabriel zum Gott aufstieg, erreichten sie während der Himmelfahrt einen Ort, da stand die Vernunft und sagte: „Oh Ahmed, wenn ich noch einen Schritt mehr mache, werde ich verbrennen. Lass mich hier zurück; von diesem Punkt aus, schreite du allein weiter. Oh Sultan der Seelen, meine Grenze erlaubt mir nur bis hierhin.“

Gemäss Mevlana gibt es aber auch eine Zeit, wo die Vernunft nichts mehr nützt. Die Vernunft, die unser niederes Selbst besiegt hat, die uns viel Gutes beschert hat, die uns zu einem Menschen erhoben hat, die uns zum Glauben geführt hat – wie kommt es, dass wir sie wie eine altmodische Lampe wegwerfen müssen?

Das Wort Vernunft kommt ursprünglich aus dem arabischen Wort „ikâl“, welches Fessel bedeutet. Eine Fessel ist auch die Kette, die die Taschenuhr an das Kleid bindet. Somit kann man diese nur bis zu einem bestimmten Punkt ziehen; wenn man weiter zieht, reisst sie ab.

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Die Rettung der Menschheit

Mevlanas Ansichten über die Rettung der Menschheit
(von Şefik Can Efendi)

Wir befinden uns alle in Sehnsucht und auf der Suche nach einem fehlerlosen Menschen. Es ist schwierig heutzutage, einen fehlerlosen Menschen zu finden. Wenn wir bei Menschen, die wir ehren, lieben, respektieren, und von denen wir glauben, dass sie fehlerlos sind, Fehler feststellen, die mit ihrer menschlichen Natur zusammenhängen, brechen wir innerlich zusammen und sagen: „Es gibt keine fehlerlosen Menschen.“ So akzeptieren wir die Menschen mit ihren guten und schlechten Seiten und sind gezwungen, sie so zu lieben wie sie sind. Trotz dieser Ansicht sollten wir unsere Hoffnung nicht aufgeben. Auf dieser Welt, in der die Menschen die inneren Werte verlieren und dem Materiellen den höheren Stellenwert einräumen, gibt es dennoch fehlerlose, vollkommene Menschen – Insan-i Kamil – auch wenn es nur einer unter Tausenden ist. Diese wenigen sind die Sonnen der geistigen und menschlichen Welt.

Stellen wir uns vor, was geschehen würde, wenn wir für einen Augenblick auf dieser materiellen Welt die Sonne nicht hätten. Es würde kein Leben mehr geben und alles zugrunde gehen. Und was ist mit der Sonne der geistigen Welt? Wir leben nur dank diesen vollkommenen Menschen – diesen Sonnen der geistigen Welt – dank ihnen sind wir uns unserer menschlichen Würde bewusst. Wenn diese Sonnen sich von dieser Welt zurückziehen würden, dann würde die geistige Welt aufhören zu existieren und die Menschen würden ihre menschliche Würde verlieren. Hass, Gewalt, Lügen, Heuchelei, Eifersucht, Neid, Lüsternheit und viele andere üble Zustände würden allein diese Welt regieren, und die Menschen glichen wilden Tiere in Menschengestalt.

Wie wir wissen, hatte der Philosoph Diogenes von Sinop am helllichten Tag eine Laterne in die Hand genommen, um auf der Strasse Menschen zu suchen. Gab es denn keine Menschen in seiner Umgebung? Es gab viele Menschen, aber der Philosoph sah in ihnen nur Wölfe, Füchse, Hasen und Schweine in menschlicher Gestalt. Seiner Meinung nach waren die Strassen voller Tiere in menschlicher Form.

Ein Denker hat die Menschen mit Gebäuden verglichen. Die vorderen Seiten der Gebäude, welche auf die Strassen gerichtet sind, sind schön, sauber und gepflegt. Die hinteren Seiten der Gebäude sind ungepflegt und schmutzig. Die Menschen, die wir als gute Menschen betrachten, sind diejenigen, von denen wir die Vorderseite sehen. Doch die Menschen, deren gute Seiten wir kennen, können auch sehr schlechte Seiten haben. Oder umgekehrt, Menschen, von denen wir glauben, dass sie schlechte Menschen sind, können auch sehr gute Seiten haben. Demzufolge sind Menschen sowohl gut wie schlecht. Mevlana nun betrachtet die Menschen nicht nur von der Vorderseite, sondern von allen Seiten. Er sucht den Rettungsweg für die Menschen. Er hilft den Menschen, ihre Fehler loszuwerden und wahre Menschen zu sein. Er unterstützt den Mensch in seinem Bestreben, das Tierische, das in seiner Natur liegt, loszulassen.

„Denn am Tage der Auferstehung werden die Neidischen zweifellos in der Gestalt von Wölfen vorgeführt werden. Am Tage der Abrechnung wird der gierige, niederträchtige Esser verbotener Nahrung in der Gestalt eines Schweines auferstehen. Die Körper der Ehebrecher werden übel riechen; Weintrinker werden stinkende Münder haben. Der verborgene Gestank, den nur die Herzen wahrnehmen, wird bei der Auferstehung deutlich spürbar werden. Das Innere des Menschen ist ein Dschungel; sei auf der Hut vor diesem Wesen, wenn du jenen Atem hast. In unserem Wesen gibt es Tausende von Wölfen und Schweinen, gute und schlechte, schöne und hässliche. Die vorherrschende Veranlagung entscheidet: wenn mehr Gold als Kupfer da ist, ist es Gold. Du wirst in der gleichen Gestalt des Charakters auferstehen, der in deinem Wesen vorherrscht. Zu einer Zeit dringt ein Wolf in den Menschen ein; zu einer anderen Zeit eine mondgleiche Schönheit mit Josephs Gesicht. Rechtschaffenheit und Bosheit wandern über einen verborgenen Weg von Herz zu Herz; nein, in Wirklichkeit wandern Weisheit und Wissen und Vorzüglichkeit vom Menschen in den Ochsen und den Esel. Der holprige Schritt des Pferdes wird geschmeidig und zahm, der Bär tanzt, die Ziege grüsst. Der Hund ist vom Menschen erzogen worden, so dass er ein Schafhirt, Jäger oder Wächter geworden ist. Die Schäfer in der Höhle haben ihrem Hund eine solche Güte weitergegeben, dass er zum Gottessucher wurde. Jeden Augenblick erscheinen andere Gattungen in der Brust, bald ein Teufel, bald ein Engel, bald wilde Tiere. Von dem wundervollen Dschungel, den jeder Löwe kennt, gibt es einen geheimen Weg in die Fallen der Herzen. Oh du, der du geringer als ein Hund bist, stiehl die Perle der Seele aus dem Inneren – aus dem Inneren der Gotteskenner. Wenn du stiehlst, dann diese liebliche Perle; wenn du eine Last trägst, dann auf jeden Fall eine edle!“
(Mesnevi, B II, Nr. 1416)

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Religion, Glaube und Unglaube

Mevlanas Ansichten über Religion, Glaube und Unglaube
(von Şefik Can Efendi)

Über die ganze Welt sind Moscheen, Kirchen, Synagogen und Tempel gegen den Himmel hin sichtbar. Es ist eine Tatsache, dass schon in frühester Zeit Menschen verschiedener Hautfarbe und Nationen in unzähligen Häusern gebetet haben, meistens in Form der Anbetung von Idolen, die sie selbst errichtet hatten. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Menschen ein Bedürfnis für irgend eine Form der Anbetung haben. Ein Mensch, der nicht gläubig ist, wird sicherlich eine Leere in sich verspüren. Nachdem Tevfik Fikret seinen religiösen Glauben verloren hatte, spürte er das klare Bedürfnis zu glauben und beklagte sich:

„Alles ist leer, die Erde ist leer, der Himmel ist leer
Herz und Gewissen sind leer,
Ich möchte dabei bleiben,
aber vor mir liegt Nichts.“

Und der verstorbene Mehmed Akif sagte: „Ein glaubensloses, rostiges Herz ist eine Last auf meiner Brust.“

Wie verstand Rumi die „religiösen Gefühle“?

Weil Rumi die Menschen als Geschöpfe sah, die das göttliche Vertrauen in sich tragen, liebte er alle menschlichen Wesen, unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Überzeugung und respektierte daher alle Religionen. Aus diesem Grunde vergossen hinter dem Sarg dieses grossen Heiligen nicht nur Muslime Tränen, sondern auch Christen und Juden.

Eflaki, ein muslimischer Priester in Konya, sagte über die Christen: „Ehre dem Herrn, dass Er uns nicht unter den Christen erschuf!“ Als die Christen diese Aussage Rumi übermittelten, sagte Rumi über diesen Prediger: „Er ist fehlgeleitet und führt andere fehl. Er wägt sich selbst gegen die Christen ab, und ist überheblich, weil er sich vorstellt, ein Gramm schwerer als sie zu sein. Wenn er käme und sich mit der Waage der Propheten und der Heiligen wiegen liesse, würde er seinen echten Wert erkennen.“

Die Tatsache, dass Rumi alle Religionen respektierte, heisst nicht, dass er alle Religionen als Einheit und ebenbürtig verstand. Die Bedeutung liegt vielmehr darin, nicht alle Glaubensrichtungen und Religionen, sondern ihr Wesen als eine Einheit zu verstehen.

Tatsächlich entspricht alles in dieser Welt, sei es spirituell oder physisch, religiös oder einer bestimmten Ausrichtung gemäss, einer Manifestation von Allahs Schönsten Namen und Attributen. Das heisst, Allah manifestiert Sich sowohl in dem Namen „Hadi“ (Er, der auf den rechten Pfad führt) als auch in dem Namen „Mudil“ (Er, der in die Irre führt), entsprechend dem Koranvers „Siehe, Gläubige und Ungläubige handeln gemäss dem Weg, der für sie geeignet ist.“ (17/84)

Jeder handelt gemäss seiner Natur und gemäss seiner Schöpfungsart. Jeder folgt dem Weg, der seinem Charakter entspricht. Wir müssen bei diesem Thema sehr vorsichtig sein. Das Verfolgen des Weges, der dem jeweiligen Charakter entspricht, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es der richtige Weg ist. Mit anderen Worten, eine Religion oder ein Glaubenssystem wird nicht dadurch richtig, weil es dem Charakter oder dem Gefühl einer Person oder einer Gesellschaft entspricht. Glücklich ist der Mensch, dessen Charakter der Wahrheit entspricht.

Tatsächlich beruhen alle Ereignisse, die sich zu widersprechen scheinen, auf einer Weisheit, die unser Geist nicht versteht, weil sie alle die Manifestationen der göttlichen Namen und Attributen wiedergeben. Alles ist unter der Kontrolle Gottes, alles kommt von Ihm. Die Anhänger aller Religionen und Glaubensrichtungen führen seine Befehle aus und folgen dem Schicksalsweg, den Er vorzeichnete.

Wir haben aus dieser Sicht nicht das Recht, irgend jemanden zu kritisieren. Jeder Gläubige einer Glaubensrichtung hat seinen Glauben als richtig angesehen und ist seinen Weg gegangen, obwohl dieser aus der Sicht anderer Glaubensrichtungen als falsch gilt. Rumi erklärt dies in den folgenden Versen aus dem Mesnevi:

„In dieser Welt gibt es versteckte Leitern, die Schritt für Schritt in den Himmel führen. Jede Gruppe hat eine andere Leiter. Jede Vorgehensweise führt zu einem ihr eigenen Himmel und jede Gruppe ist sich der Situation der anderen Gruppen nicht bewusst. Die Himmel sind ein weites Land. Sie sind so weit, als dass sie kein Anfang und kein Ende haben.“
(Mesnevi, B. V, Nr. 2556)

Aus diesen Versen lässt sich folgern: Damit Gott in all den verschiedenen Aspekten Seiner Göttlichen Eigenschaften verehrt wird, hat Er die Ansichten der Menschen in den verschiedenen Religionen für sie als wahr erscheinen lassen. Auf diese Art glaubt jeder Mensch, unabhängig von der befolgten Religion, dass nur seine Religion wahr ist, und er sieht die Menschen anderer Religionen als fehlgeleitet. Rumi aber vertritt diese Sichtweise nicht, denn er glaubt, dass jeder Gläubige, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit, auf dem Weg zu Gott ist, d.h. jenem Weg, den Gott ihm zugeordnet hat und den dieser für sich als richtig empfindet. Daher schaut er niemals auf einen Menschen herunter, der sich ausserhalb des Islams befindet und beschuldigt ihn niemals, ein Ungläubiger zu sein.

Weil die Vorherbestimmung durch Gott in der ewigen Vergangenheit und Sein Wille in der Art der Anbetung und des Glaubens der Menschen manifestiert sind, sind jene Menschen, die sich ausserhalb des „Weges der Führung“ befinden, solche, die in Gottes Ordnung und Vorherbestimmung auf dem „Weg der Irreführung“ gehen. Daher beginnt unser Koran nicht mit der Aussage „Herr der Muslime“ sondern mit „Herr der Welten“ (Herr allen Seins, aller Wesen und aller Dinge, die nicht Allah sind).

Wir müssen uns ganz klar darüber sein, dass Allah allein Führung und Irreführung erschaffen hat. Alles hängt von Seinem Willen und seiner Vorherbestimmung in der Vorewigkeit ab. Wenn Allah es will, so kann er einen fehlgeleiteten Menschen auf den rechten Weg führen. Er kann aber auch jemanden, der auf dem rechten Weg ging, auf den Weg der Irreleitung führen. Dies ist Gottes Wille, den kein Geist je erfassen kann. Tatsache ist demnach, dass – obwohl das Finden des wahren Weges wie auch das „Vom-wahren Weg-weggeführt-Werden“ das Resultat der Vorherbestimmung in der ewigen Vergangenheit sind – mit Allahs Einwilligung auch unsere Bemühungen und Anstrengungen eine Rolle spielen. Aus diesem Grund sagten die Gnostiker: „Die Vorherbestimmung der Ewigkeit weiss Anstrengungen zu schätzen“. Wenn wir aufmerksam sind, können wir sehen und fühlen, dass Allah alle diejenigen in demjenigen Gebiet zum Erfolg führt, in welchem er sich bemüht. Wenn die Seele eines Menschen vom Übel infiziert ist, so können ungeeignete Haltungen und Handlungen von ihr ausgehen. Wenn das Wesen eines Menschen gut ist, so können gute Taten und gefällige Handlungen von ihm ausgehen. Dies bedeutet, dass die Güte oder die Schlechtigkeit der Taten von der Güte oder der Schlechtigkeit des Wesenskerns des Menschen abhängen. Es muss daher betont werden, dass diese Sicht nicht missverstanden werden darf. Rumi hat nicht alle Religionen als gleich angesehen, aber er hat das Wesen aller Religionen als Eins verstanden. Er war klar davon überzeugt, dass – weil unser Meister Mohammed (Segen sei mit ihm) der letzte der Propheten war – der Islam unter allen Religionen einen bevorzugten Platz hat.

„Wisse, dass Glaube und Unglaube wie das Weisse und das Gelbe im Ei sind. Eine Membran trennt die beiden. Daher mischen sich die beiden nicht. Mit Allahs Gnade und Güte verschwinden sowohl Glaube wie Unglaube, wenn die Mutterhenne das Ei unter ihre Fittiche nimmt und das Kücken der Einheit die Eischale durchbricht und herauskommt.“  (Firuzanfer, B lV, Nr. 1940)

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„Tevhid“ (Einheit) und „Ittihad“ (Vereinigung)

(von Şefik Can Efendi)

Tevhid

Die Stationen, welche die von Gott geliebten Heiligen erreichen, entsprechen keinem weltlichen Rang, den wir mit den Augen sehen, beschreiben oder worüber wir erzählen könnten. Und trotzdem sollten wir uns bemühen – wenn auch nur in bescheidenem Rahmen – diese zu verstehen:
Die Bedeutung von „Tevhid“ ist Eins. Das bedeutet: Allah ist einzigartig, ohnegleichen und ohne Gefährten. Man sollte das wissen und auch innerlich so bezeugen. Der Allmächtige spricht im heiligen Koran (Sure 17/22): „Setze keinen anderen Gott gleich mit Allah, glaube an keinen anderen Gott als an Allah.“

Ittihad

Die Bedeutung von „Ittihad“ ist „Eins-Werden“. Die Station des Ittihads ist höher als die des Tehvids. Beim Tevhid bezeugt man, dass Allah der Einzige ist, beim Ittihad wird man mit Allah Eins. Wie geschieht so etwas?

Wie kann ein vergänglicher und kraftloser Mensch mit Gott Eins werden? Allah ist doch nicht ein physisches Wesen mit dem wir Eins werden und uns vereinigen können!

Menschen mit einem eher beschränkten Verständnis haben das Einswerden mit Allah als „Hulul“, „Eindringen in Gott“, verstanden und sind somit im Irrtum. Denn der Glaube an Hulul bedeutet, in einen anderen Körper einzudringen. Dieser Glaube entspricht nicht dem Islam und führt den Gläubigen in den Unglauben. Zu diesem Thema sagt Mevlana:

„Ittihad ist nicht Hulul, es ist dein Entwerden.“

Was ist nun Ittihat, also die Absicht, mit Gott Eins zu werden? Derjenige, der sich auf den Weg zu Allah begibt, der seine Nefs durch Erziehung seiner niederen Natur gereinigt- und seine Pflichten als ein Geschöpf in aufrichtiger Güte und im Gebet gründlich erfüllt hat, der hat den Weg zum Ittihat gefunden. Mit Allah Eins werden heisst, dass er die Befehle Allahs genau und gründlich ausführt, und dass sein Wille und seine Wünsche mit dem Gotteswillen und den Gotteswünschen vereint werden. Mevlana sagt dazu im Mesnevi:

„Das Wasser des Meeres nimmt den toten Mann auf sein Haupt und trägt ihn an die Wasseroberfläche. Wie kann der Lebende dem Meer entwischen? Wenn du deine Wünsche tötest und dich von deiner menschlichen Natur retten kannst, dann wird das Meer der Geheimnisse dich auf seinem Kopf tragen.“
(Mesnevi, B.I, Nr. 2842)

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Aschk (Gottesliebe) bei Mevlana

(von Şefik Can Efendi)

Jeder Heilige hat eine sich selber entsprechende Neigung. Mevlana sprach am meisten über die Liebe und die Liebenden. Deshalb hat man ihm den Beinamen „Sultan der Liebenden“ gegeben. In einem seiner Vierzeiler sagt er den berühmten Satz: „Der Weg unseres Propheten ist die Liebe. Wir sind die Söhne der Liebe, auch unsere Mutter ist die Liebe.“
Tatsächlich hat Mevlana in all seinen Werken dieses Thema am meisten behandelt. Manche Geschichten des  Mesnevi sowie die bewegenden Gedichte des Divan-i Kebir erzählen am meisten von der Liebe.
Die Liebe, die Mevlana anspricht, ist nicht die vergängliche, irdische Liebe, es ist auch nicht die metaphorische Liebe, die kommt und wieder geht. Die Liebe, von der er spricht, ist die Gottesliebe, die Liebe, die man für Allah empfindet.

Denn es ist so sinnlos, das Herz an etwas Vergängliches, etwas das nicht andauert, zu hängen. Die Jahreszeiten und die Schönheiten sind alle vergänglich. Mevlana denkt sich aus, wie die Sonne im Frühling zu den Blumen spricht, wenn diese in Freude erblühen, lachen und mit dem säuselnden Wind ihr Spiel treiben:
„Oh ihr lachenden Blumen und Pflanzen, wartet nur, bis ich gegangen bin. Dann werdet ihr euch sehen! Jetzt seit ihr voller Freude und denkt nicht daran, wie ihr endet. Die Menschen, die Jungen und die Schönen, sind auch so wie ihr. Die Schönen blühen wie die Blumen und sind stolz auf ihre schönen Körper. Sie schauen in den Spiegel und freuen sich, denn die Seele, die in ihnen steckt, gibt ihnen Kraft, Leben und Freude. Die Seele ruft zum Körper, der seiner materiellen Schönheit wegen der Eitelkeit verfällt: Du lebst mit meinem Licht, weshalb dann dieser Stolz? Durch die Kraft, die ich dir gebe, bewegst du dich, freust du dich ein paar Tage. Denkst du, diese materielle Welt wird nie enden? Deine Eitelkeit und dein Hochmut überschreiten die Grenzen. Warte nur, bis ich dich verlassen habe, dann wirst du sehen, wie du endest. Die Menschen, die dich sehr geliebt haben, werden dir dein Grab schaufeln und dich den Ameisen und Schlangen zum Frasse geben. Selbst der, der sich viele Male für dich opferte, wird sich die Nase zuhalten vor deinem Gestank.“
(Mesnevi, B. I, Nr. 3265)

„Während ich die Liebe zu beschreiben und erklären versuche, schäme ich mich über das, was ich gesagt habe, wenn die Liebe selbst mich erreicht. Meine Feder eilt auf dem Papier. Doch wenn sie zum Thema gelangt, die Liebe zu beschreiben, wird sie aufgeregt, kann es nicht aushalten und bricht entzwei. Der Verstand, der versucht die Liebe zu erklären, versinkt wie ein Esel im Sumpf. Nur die Liebe selbst kann die Liebe und den Liebenden erklären. “
(Mesnevi, B. I, Nr. 112)

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Mevlanas Liebe zu den Mit-Menschen

(von Şefik Can Efendi)

Als Mevlana sich selber entdeckt hatte und fühlte, was er in sich besass, begann er, was er in sich besass auch bei seinen Mitmenschen zu sehen. Somit vereinte er die Gottesliebe mit der Menschen-Liebe.

Seine Überzeugung war: Die Menschen lieben ist Gott lieben. Es ist offensichtlich, wem die unendliche Liebe, die Mevlana für Schems empfand, schlussendlich galt; wenn wir lesen:

„Auch Tebrizli Schems ist ein Vorwand. Im Grunde genommen sind wir es, die ohnegleichen an Schönheit und Güte sind.“ (Divan-i Kebir, B.III, Nr. 1576)

In einem anderen Gedicht empfiehlt er uns, uns gegenseitig zu schätzen und zu lieben. Denn wir lieben unsere Geliebten nicht ihrer physischen Natur wegen, sondern dessen wegen, was sich in ihnen befindet, nämlich Allah!

„Komm, komm, wir sollten unsere gegenseitigen wirklichen inneren Werte schätzen lernen. Denn es könnte sein, dass wir uns trennen müssten. Wenn unser Prophet uns schon empfiehlt „Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen“, warum wendest du dich ab vom Spiegel? Deine eigennützigen Absichten, die Rachegefühle verdunkeln die Freundschaft und verletzen das Herz. Warum reissen wir nicht den Groll aus unseren Herzen?“ (Divan-i Kebir, B.III, Nr. 1535)

„Komm, komm, komm noch näher! Wie lange wird diese Überheblichkeit noch andauern? Wenn du schon ich bist und ich du, weshalb dann dieses „Ich“ und „Du“? Wir sind Gotteslicht, Gottesspiegel! Weshalb zanken wir dann ständig mit uns selber und mit den anderen? Warum läuft ein Licht dem anderen Licht davon?

Es ist, wie wenn wir alle im Wesen eines reifen Menschen versammelt wären! Warum schielen wir dann noch? Obwohl wir Glieder des gleichen Körpers sind, warum behandeln die Reichen die Armen so verächtlich?

Warum verachtet die rechte Hand die linke, die sich am gleichen Körper befindet? Da ja beides deine Hände sind, was bedeutet dann im gleichen Körper Glückseligkeit und Unglück?

In Wirklichkeit sind wir alle Menschen aus einer einzigen Substanz. Unser Verstand ist eins, unser Kopf ist eins. Diese ungetreue Welt bringt uns dazu, dass wir die Eins als Zwei sehen!

Los, befreie dich von diesem Ego; verständige dich mit jedem und vertrage dich mit jedem! Solange du noch du bist, bist du nur ein Korn, ein Staubkörnchen! Doch wenn du dich mit jedem vereinigst, mit jedem verschmilzest, bist du ein Ozean, eine Quelle!

Alle Menschen haben die gleiche Seele, doch gibt es Hunderttausende von Körpern! So wie es auch unzählige Mandelsorten auf dieser Welt gibt, doch in allen ist das gleiche Öl.

Es gibt verschiedene Sprachen, verschiedene Bezeichnungen auf dieser Welt; die Bedeutung von allen ist jedoch die gleiche! Das Wasser in den verschiedenen Gefässen fliesst, wenn die Gefässe zerbrechen, als ein einziges Wasser.

Wenn du die Einheit suchst und die Bedeutung davon verstehst, wenn du die Sprache und die bedeutungslosen Gedanken aus deinem Herzen herausreisst und wegwirfst, dann wird deine Seele Nachrichten an diejenigen mit eistig offenen Augen senden und die Wahrheit erzählen!“
(Divan-i Kebir, B. III, Nr. 3020)

In den oben angeführten Beispielen werden Mevlanas Gefühle und Gedanken über die Menschenliebe dargelegt. Denjenigen, die sie aufmerksam lesen und gründlich darüber nachdenken, wird Mevlana Geheimnisse ins Herzensohr flüstern.

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Mevlanas Versunkensein und Entwerden

(von Şefik Can Efendi)

Die wunderschönen berührenden Gedichte von Hz. Mevlana entstanden in seinem durch die Gottesliebe entwordenen Zustand. Doch was ist dieser Zustand des Entwerden?

Die besonderen Geschöpfe Gottes und die Heiligen geraten, wenn sie die Gottesnähe und die Stufe der Vereinigung erreicht haben, durch Gottes Anmut, Schönheit, Allmacht und Grösse in Staunen.

Durch die unsagbar schöne Wirkung des Schöpfers geraten sie in eine Versunkenheit, wie wenn sie einen geistigen Wein, ähnlich dem irdischen-, getrunken hätten. In einer Hadith unseres Propheten wird ebenfalls über diese Versunkenheit und dieses Entwerden berichtet:

„Der Allmächtige hat für seine heiligen Diener einen solchen Wein vorbereitet, dass sie, wenn sie von ihm trinken, berauscht werden. Wenn sie in diesen berauschten Zustand gelangen, fallen sie in Versunkenheit und schweigen.“ Von unserem Propheten wird berichtet:

„Der Abstand zu Ihm war zwei Bögen entfernt oder noch näher.“ (53/9) Wie diese Sure uns berichtet, wurde er beehrt, sich dem Allmächtigen zu nähern; als er dann das Ehrengeschenk erlangt hatte, den ruhmreichen Allmächtigen mit seinen Herzensaugen zu sehen, als er dieses göttliche anvertraute Gut, dieses göttliche Zeichen gewahrte, versank er in einen unbeschreiblichen geistigen Genuss. Dieser geistige Wein, der unseren erhabenen Propheten berauscht hatte, ist der Wein der Liebe und der Wahrheit.

Mevlana hat viele Gedichte über diesen geistigen Wein rezitiert, der die heiligen Gottesdiener in Versunkenheit brachte.